{"id":11623,"date":"2021-02-07T19:48:51","date_gmt":"2021-02-07T19:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11623"},"modified":"2023-03-09T13:30:55","modified_gmt":"2023-03-09T12:30:55","slug":"johannes-331-36-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-331-36-2\/","title":{"rendered":"Johannes 3,31-36"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Heiliges Christfest I, 25. Dezember 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 3,31-36, verfa\u00dft von Alfred Bu\u00df <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Weihnachten ist ein Fest f\u00fcr alle Sinne. Zu keinem Fest gibt es Tieferes und H\u00f6heres, Sch\u00f6neres und Bewegenderes zu h\u00f6ren, zu sehen, zu riechen, zu schmecken, zu empfinden als zu Weihnachten. Aber dieser Predigttext kleidet Weihnachten in schwierige Worte. Beim Johannes-Evangelisten sehen wir keine Engel, keine Hirten, keine Krippe, keinen Stern und keine Weisen aus dem Morgenland. Viel abstrakter setzt Johannes an: <em>Der von oben her kommt, ist \u00fcber allen. <\/em><\/p>\n<p>Es ist, als sei der Stall von Bethlehem f\u00fcr wenige Nachtstunden erf\u00fcllt gewesen vom Gottesglanz. Als sei jetzt, am Weihnachtsmorgen, der n\u00fcchterne Alltag wieder eingezogen. Jetzt kommt es wohl darauf an, dass wir durch die Weihnachtsszene mit Stallgeruch und Engelsgesang hindurch sehen und die Weihnachtsbotschaft dahinter aufnehmen. So manches sehen wir klarer mit geschlossenen Augen. Zum Beispiel, was Johannes uns heute sagt: <em>Der von oben her kommt, ist \u00fcber allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. <\/em><\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Eine kleine Episode aus einem eigentlich unbedeutenden Sp\u00e4tabend- Fernseh-science-fiction-Film kommt mir vor Augen: Ein Weltraumkommando war von der Erde bis in ein anderes Sternensystem vorgedrungen und hatte sich auf einem fernen Himmelsk\u00f6rper niedergelassen. Pl\u00f6tzlich sah sich das H\u00e4uflein dort r\u00e4tselhaften Angriffen ausgesetzt. W\u00e4hrend sich die Gruppe noch stritt, ob man den gef\u00e4hrlichen Ort verlassen solle oder nicht, erhob sich \u00fcber ihr eine leuchtend strahlende Scheibe, aus der ihr eine strenge Stimme befahl, sofort zu verschwinden. Der F\u00fchrer der Gruppe wollte zur Gegenrede ansetzen &#8211; da knarzte die Stimme: &#8222;Wir wissen alles, was du sagen willst. Wir k\u00f6nnen eure Gedanken lesen. Wir haben die Geschichte eurer Menschheit von Anfang an beobachtet und wissen, was f\u00fcr eine verdorbene, entsetzliche Rasse ihr seid. Wir werden nicht dulden, da\u00df ihr in unsere heile Welt eindringt. Verschwindet &#8211; oder ihr seid des Todes.&#8220; Und die Menschen zogen vor, schleunigst auf die Erde zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Hier eine lichte Welt &#8211; dort unsere dunkle Erde? <em> Der von oben her kommt, ist \u00fcber allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde.<\/em> Wie zwei geschlossene Kreise scheinen sich auch bei Johannes das irdische und das g\u00f6ttliche Leben gegen\u00fcberzustehen, hoffnungslos voneinander getrennt. Da ist der Bannkreis des Irdischen. Keiner vermag aus ihm auszubrechen. Erdenkinder sind auf irdische M\u00f6glichkeiten festgelegt. Erdlinge sind wir, die nach den Sternen greifen; wir dringen in den Weltraum und in die kleinsten Bausteine des Lebens vor. Wir wollen nach oben und konstruieren immer neue Ober- und \u00dcberwelten. Wir tr\u00e4umen davon, uns unsterblich zu machen und bleiben doch der Erde und dem Verg\u00e4nglichen verhaftet.<\/p>\n<p>Und da ist der andere Kreis, der des hellen g\u00f6ttlichen Lebens. Hoffnungslos getrennt sieht das Johannes-Evangelium beide Kreise voneinander:<em> Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist<\/em>, hei\u00dft es im selben Kapitel (3,6) und an anderer Stelle <em>Ihr seid von unten her, ich bin von oben her <\/em>(8,23).<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Nun aber steht hier nicht: <em>Wer oben ist, der ist \u00fcber allen,<\/em> sondern: <em>Der von oben her kommt, ist \u00fcber allen.<\/em> Vom <em>Kommen<\/em> ist hier die Rede. <em>Vom Himmel hoch, da komm ich her&#8230;<\/em> Die helle Welt Gottes grenzt sich gerade nicht von der dunklen Erde ab. Jesu Kommen ist die Aufhebung der Trennung zwischen diesen beiden Kreisen. Christi Erscheinen stellt die Verbindung her, ist das Ereignis der sich auf die Welt einlassenden Liebe Gottes. Neues Leben wird gegenw\u00e4rtig, ungeahntes Leben, ewiges Leben mitten im irdischen.<\/p>\n<p>Christus ist nicht oben geblieben, er hat sein Obensein nicht festgehalten, sondern ist herunterkommen in die menschliche Existenz, dorthin, wo es wehtut. Christus kommt in diese Welt, in der es Oben und Unten gibt, Drinnen und Drau\u00dfen, Dazugeh\u00f6ren und Nichtdazugeh\u00f6ren, Entweder-Oder, Freund oder Feind, geschlossene Kreise. Menschen grenzen sich gegeneinander ab.<\/p>\n<p>Bethlehem ist heute eingekreist mit einer hohen Mauer, die Bewohner leben wie in einem gro\u00dfen Gef\u00e4ngnis, Israelis und Pal\u00e4stinenser tun sich Ha\u00df und Gewalt an; nun auch Hamas und Fatah untereinander.<\/p>\n<p>Europa ist gegen Fl\u00fcchtlinge abgeschottet wie eine Burg.<\/p>\n<p>Es gibt ein Drinnen und Drau\u00dfen, ein Dazugeh\u00f6ren und Nichtdazugeh\u00f6ren auch mitten unter uns, symbolisch stehen daf\u00fcr Namen wie der des kleinen Kevin oder des Amokl\u00e4ufers Bastian aus Emsdetten. Wenn ich Bastians Abschiedsbrief richtig verstehe, verbirgt sich unter der widerlichen Gewalt ein einziger Schrei nach Anerkennung, nach Zugeh\u00f6rigkeit und richtigem Leben.<\/p>\n<p>Die Schere zwischen Arm und Reich tut sich bei uns immer weiter auf. Armut ist nicht nur ein finanzielles Problem. Wer arm ist, dem bleiben viele T\u00fcren verschlossen. Es ist ein Teufelskreis: Keine fr\u00fche F\u00f6rderung, keinen Abschluss, keine Ausbildung, keinen Job, kein Geld, keine Perspektive. 1,7 Millionen Kinder wachsen bei uns unter solchen Umst\u00e4nden auf. Aus Pfarrh\u00e4usern wird berichtet: nicht nur die bekannte Klientel steht vor der T\u00fcr, zunehmend kommen auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die nicht mehr klarkommen.<\/p>\n<p>Davon ist der Evangelist Johannes zutiefst \u00fcberzeugt: Wir Menschen haben Gottes Erde zur <em>\u201eWelt\u201c<\/em> verdorben. Was immer wir erkennen, denken und vollbringen, es macht die Welt nicht heil. Wir <em>bleiben unter dem Zorn Gottes. Zorn<\/em> beschreibt keine Willk\u00fcr. Gott \u00fcberl\u00e4sst die Welt ihrem Lauf. Seine Abwendung trifft uns als Zorn. Wir kennen diesen zornig-eisigen Hauch bis in die Slums, die Hungerzonen, in die Arbeits- und Seelenlosigkeit unserer Tage. <em> Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele K\u00fcnste und kommen weiter von dem Ziel<\/em> (EG 482,4). <em> Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. <\/em><\/p>\n<p align=\"center\">IV<\/p>\n<p>Darum wird Gott Mensch. <em>Der vom Himmel kommt, der ist \u00fcber allen und bezeugt, was er gesehen und geh\u00f6rt hat&#8230;<\/em><\/p>\n<p><em> Wo ist der Freuden Ort?,<\/em> fragt das Weihnachtslied. <em>Nirgends mehr denn dort, da die Engel singen mit den Heil\u2019gen all und die Psalmen klingen im hohen Himmelssaal.<\/em> Von dort kommt Christus. Er kommt aus dem Raum g\u00f6ttlicher Herrlichkeit. Er redet Gottes Wort. Er denkt Gottes Gedanken. In ihm ist Gottes <em>Geist ohne Ma\u00df<\/em>. Mensch geworden ist der eine und Einzige, der schlechthin Unvergleichliche.<\/p>\n<p><em> Der Vater hat den Sohn lieb<\/em><em>und hat ihm alles in seine Hand gegeben. <\/em>In seiner Person ist das ganze g\u00f6ttliche Leben nun hier unten und das Irdische nicht mehr allein.<\/p>\n<p>Christus hat Hunger und Durst wie wir, ist m\u00fcde, ersch\u00f6pft, betr\u00fcbt, ersch\u00fcttert und zornig wie wir. Ist wahrer Mensch \u2013 wie wir. Wir sollen ihn ganz bei uns haben. Aber so nah er uns ist, so fest er zu uns steht, so konsequent er seinen Weg geht bis in den Tod &#8211; er ist und bleibt der von oben Gekommene, ist wahrer Mensch und wahrer Gott.<\/p>\n<p><em> Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben<\/em> . Auch wenn das vierte Evangelium nichts von der Geburt im Stall erz\u00e4hlt, lasst uns einmal mit Johannes auf eine Krippe schauen. Alte Meister &#8211; wie Conrad von Soest \u2013 malen die \u00e4rmliche Szene, und doch ist alles vom Feinsten. Niedriges und Hohes, Entbehrung und F\u00fclle, Himmel und Erde &#8211; alles ist gleichzeitig da. In aller Kargheit leuchtet es g\u00fclden, Maria ist in blauen Samt und edle Seide geh\u00fcllt, die bergende Decke in k\u00f6niglichem Rot w\u00e4rmt das neue Leben, Josephs Mantel unterstreicht golddurchwirkt die W\u00fcrde des treuen Gef\u00e4hrten.<\/p>\n<p>Wird die Armut hier kaschiert, \u00fcbermalt, das Elend versteckt? Im Blickpunkt steht das Geheimnis dieses Kindes: wahrer Gott und wahrer Mensch. Seine Armut bleibt sichtbar, sie wird nicht geleugnet. Aber die K\u00fcnstler lassen uns in das Geheimnis seiner Person schauen, nicht gesch\u00f6nter, sondern tiefer, wahrer und wahrhaftiger. Dieses Kind macht unsere Augen, Herzen, die Menschen, ja die Welt reich. Licht, Leben, Wahrheit gehen aus vom Kind in der Mitte, vom Sohn Gottes. <em>Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen. <\/em><\/p>\n<p align=\"center\">V<\/p>\n<p>Oder auch nicht. Denn das Geheimnis, das die K\u00fcnstler so eindrucksvoll ins Bild setzen, liegt beim irdischen Christus gerade nicht obenauf. Wer das Oben finden will, von dem die ganze Bibel spricht, der muss hier auf Erden ganz nach unten gehen.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig: Was irdisch ist, das denkt und strebt nach oben; was aber wahrhaft g\u00f6ttlich ist, das denkt und strebt nach unten. Christus finden wir ganz unten, am Rande, wo kein Raum ist, am Kreuz und im Grab, in das wir alle m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Christus, der wahre Mensch, widersteht allen Versuchungen, mit menschlichen Mitteln das Heil herzustellen. Vom menschlichen Denken und Handeln ist f\u00fcr das Heil der Welt nichts zu erwarten. Wir k\u00f6nnen sie h\u00f6chstens heillos verderben. Aber in ihm ist das Heil schon da \u2013 in Christus, dem wahren Gott. Wahrheit, Liebe, Licht und Leben sind in seiner Person gegenw\u00e4rtig da; wenn die Menschen nur aufh\u00f6ren w\u00fcrden, durch ihr Denken und Handeln dieses Heil zu verdr\u00e4ngen. Gottes Heil gilt auch dem geknickten Rohr und dem glimmenden Docht. Darum ist Christus ganz unten, hat kein Ansehen, wird verh\u00f6hnt und bespeit. <em>Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben <\/em>(Joh.3,16) <em>Auf dass alle, alle, alle, alle<\/em> singt die Motette von Heinrich Sch\u00fctz. <em>Nicht verloren werden<\/em> ist ein anderes Wort f\u00fcr <em>Ewigkeit.<\/em><\/p>\n<p>Aber der Glaube an den in Krippe und Kreuz Fleisch Gewordenen bleibt eine Zumutung. Das wei\u00df der Evangelist: <em>Sein Zeugnis nimmt niemand an.<\/em> Der Glaube an den gekreuzigten Gott ist keine menschliche M\u00f6glichkeit. Und wieder zeichnet Johannes zwei gegeneinander geschlossene Kreise: <em>Sein Zeugnis nimmt niemand an, <\/em>um im selben Atemzug fortzufahren <em>Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.<\/em> Also stehen wir doch im richtigen Kreis? Das w\u00e4re zu einfach. Glaube ist kein Besitz. Wie k\u00f6nnten wir so einfach glauben? Es ist Christus, der den geschlossenen Kreis aufbricht und sich uns mitteilt. Und wie?<\/p>\n<p>Zum Beispiel, wenn wir singen. Beim Singen d\u00fcrfen wir den Mund ganz voll nehmen. Wir m\u00fcssen nicht jedes Wort abw\u00e4gen und nicht jeder Zeile zustimmen. Wir brauchen nur einzustimmen. Zaghaft vielleicht; wom\u00f6glich mehr auf die anderen h\u00f6rend als selber t\u00f6nend.<\/p>\n<p>Wir glauben meist l\u00e4ngst nicht alles, was wir singen. Aber Text und Melodie nehmen uns in ihrem Singen und Sagen mit. Wir stimmen ein in das Vertrauen, das uns tr\u00e4gt. So haben Menschen vor uns und neben uns Glauben erfahren. Pl\u00f6tzlich wird dann wahr, was wir singen und sagen: <em>Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund w\u00e4r und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich m\u00f6chte fassen <\/em>(EG 37,4).<\/p>\n<p><em> Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.<\/em><\/p>\n<p>Aber, was ist, wenn uns Singen, H\u00f6ren und Sehen vergehen? Wenn die Verg\u00e4nglichkeit nach uns greift? Mein Vorg\u00e4nger, Pr\u00e4ses Manfred Sorg, brachte vor einigen Jahren von einer Reise in die USA diese kleine Begebenheit mit:<\/p>\n<p>Knapp 70j\u00e4hrig erkrankte eine Frau, die in der Gemeinde engagiert war, an Alzheimer. Die Sorgen und die Angst vor der Krankheit lie\u00dfen sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Was wird sein, wenn ich alles vergesse: meinen Namen und die der Menschen, die ich liebe? Wenn ich mein Leben vergesse, auch die Gebete, die Psalmen, kein Vater-unser mehr sprechen kann? Was passiert, wenn ich Christus vergesse? Und dann, nach vielen unruhigen N\u00e4chten und Tagen, die Einsicht: ich mag alles vergessen &#8211; aber Christus vergisst mich nie!<\/p>\n<p><em> Nicht verloren werden<\/em> ist ein anderes Wort f\u00fcr <em>Ewigkeit.<br \/>\n<\/em><em>Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.<\/em> Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Alfred Bu\u00df, Pr\u00e4ses der Evangelischen Kirche von Westfalen<br \/>\nAltst\u00e4dter Kirchplatz 5, 33602 Bielefeld;<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:Sekretariat_Praeses@lka.ekvw.de\">Sekretariat_Praeses@lka.ekvw.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliges Christfest I, 25. Dezember 2006 Predigt zu Johannes 3,31-36, verfa\u00dft von Alfred Bu\u00df Liebe Gemeinde, I Weihnachten ist ein Fest f\u00fcr alle Sinne. 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