{"id":11633,"date":"2006-12-07T19:48:48","date_gmt":"2006-12-07T18:48:48","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11633"},"modified":"2025-04-09T09:21:19","modified_gmt":"2025-04-09T07:21:19","slug":"jesaja-11-1-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-11-1-9-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 11, 1-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Heiliges Christfest II | 26. Dezember 2006 | Jesaja 11,1-9 | Hansj\u00f6rg Biener |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>\u201eStarke M\u00e4nner sucht das Land\u201d \u2013 jedenfalls immer dann, wenn es am Boden liegt. Oder wenigstens, wenn es nach dem Urteil der Menschen immer weiter abw\u00e4rts geht. Das alte Israel unterscheidet sich in dieser Hinsicht kaum von unseren modernen L\u00e4ndern . Allerdings hat Israel in seiner Geschichte lernen m\u00fcssen, dass viele K\u00f6nige es gerade nicht gerichtet haben. Nat\u00fcrlich hatte Israel einige legend\u00e4re Herrscher. Aber in der Regel war es mit seinen starken M\u00e4nnern nicht so gut gefahren. (Jedenfalls im Urteil der Nachwelt.) Die Goldenen Zeiten Davids und Salomos waren nur noch ferne Erinnerung, als die Verhei\u00dfungen gesprochen wurden, die zum Predigttext f\u00fcr den zweiten Weihnachtsfeiertag geworden sind. Sie stehen im Jesaja-Buch im 11. Kapitel:<\/p>\n<p>\u201eEs wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.<br \/>\nAuf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der St\u00e4rke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.<br \/>\nUnd Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren h\u00f6ren, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewaltt\u00e4tigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen t\u00f6ten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner H\u00fcften.<br \/>\nDa werden die W\u00f6lfe bei den L\u00e4mmern wohnen und die Panther bei den B\u00f6cken lagern. Ein kleiner Knabe wird K\u00e4lber und junge L\u00f6wen und Mastvieh miteinander treiben. K\u00fche und B\u00e4ren werden zusammen weiden, da\u00df ihre Jungen beieinander liegen, und L\u00f6wen werden Stroh fressen wie die Rinder. Und ein S\u00e4ugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entw\u00f6hntes Kind wird seine Hand stecken in die H\u00f6hle der Natter.<br \/>\nMan wird nirgends S\u00fcnde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.\u201d (Jesaja 11,1-9)<\/p>\n<p>Kluge F\u00fchrung, Durchsetzungskraft, Gerechtigkeit f\u00fcr die, die Gerechtigkeit brauchen, und Frieden in der Natur verhei\u00dfen diese Worte f\u00fcr Jerusalem und Israel. Und die Hoffnungen richten sich auf einen sp\u00e4ten Sohn aus dem Stammbaum Isais: Jemand aus dem K\u00f6nigsgeschlecht der Davididen soll wieder an die Spitze des heruntergekommenen Landes treten und mehr tun, als die guten alten Zeiten wiederherstellen. Legend\u00e4r waren die politischen und milit\u00e4rischen Erfolge eines David, legend\u00e4r die Weisheit und Regierungsf\u00fchrung eines Salomo, legend\u00e4r die Fr\u00f6mmigkeit eines Joschija. Aber wie eingangs gesagt: Israel hatte auch die gegenteilige Erfahrung mit seinen F\u00fchrern gemacht. Ein Echo davon finden wir auch im Predigttext, denn es geht hier nicht nur um politische Verhei\u00dfungen. Geradezu kosmische Umw\u00e4lzungen werden f\u00fcr die Zeit beschrieben, wenn der sp\u00e4te Davidsspross seine Regierung angetreten hat: \u201eW\u00f6lfe werden bei den L\u00e4mmern wohnen und die Panther bei den B\u00f6cken lagern.\u201d Da geht es nicht nur um Weisheit, Verstand, Rat und St\u00e4rke bei der Regierung, und auch nicht \u201enur\u201d um Gerechtigkeit f\u00fcr die \u201eArmen und Elenden\u201d, f\u00fcr die sonst niemand eintritt. \u201eL\u00e4mmer und W\u00f6lfe\u201d, \u201eL\u00f6wen und K\u00e4lber\u201d, Raubtier und Haustier leben friedlich beieinander. Solche Zust\u00e4nde sind offensichtlich nicht mehr das Werk der Politik. (Jedenfalls, wenn man die Gentechnik noch nicht kennt.) Die gelingende Verbindung von Macht und Gerechtigkeit ist nicht mehr das Werk eines normalen Sterblichen. Es m\u00fcssten schon grundlegendere Umw\u00e4lzungen der Welt geschehen, wie die Naturbilder anzeigen. Und so sind diese Verse auch als \u201emessianische Weissagungen\u201d in den christlichen Sprachgebrauch eingegangen, als Worte \u00fcber eine Zeit, in der ein Gottesmensch die Menschenwelt und die Natur neu ordnet.<\/p>\n<p>Das ist die Linie, die die fr\u00fche Christenheit aufgenommen hat. Sie hat Weissagungen wie diese schon bald auf ihren Messias Jesus bezogen. Vor allem der Beiname Christus zeigt das an. Der ist ja nichts anderes als eine griechisch-lateinische \u00dcbersetzung des hebr\u00e4ischen \u201eMessias\u201d. Und in der Tat wird unser Predigttext an mehreren Stellen des Neuen Testamentes aufgenommen. Mit dieser Auslegung bekannte die Christenheit: In Jesus ist jener Gottesmensch in die Welt gekommen, mit dem die so grundlegend anderen Zeiten begonnen haben. Jesus, nach dem Zeugnis des Neuen Testaments sp\u00e4ter Nachfahre jener legend\u00e4ren K\u00f6nige David und Salomo, &#8211; er ist begabt mit \u201edem Geist der Weisheit und des Verstandes, dem Geist des Rates und der St\u00e4rke, dem Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn\u201d, wie es keinen vor ihm gab und keinen mehr nach ihm geben kann. Und mindestens das gestanden ihm nach dem Zeugnis der Evangelien ja auch seine Gegner zu: Dass er wenig darauf schaute, wen er vor sich hatte, wenn er um Gottes willen kritisierte. Ebenso wenig nahm er R\u00fccksicht auf das H\u00f6rensagen, wenn er einen Menschen um Gottes willen in sein Herz schloss und die von ihm verk\u00fcndigte N\u00e4he Gottes in ein Leben brachte. Jesus schaute nicht auf das, was vor Augen war, sondern durch alle Fassaden hindurch auf die Herzen. Und dann praktizierte er seine eigene Gerechtigkeit. Es war eine Form von Gerechtigkeit, die darauf schaute, dass Menschen eine neue Zukunft er\u00f6ffnet wurde und sie ihren Platz in der Gemeinschaft einnehmen konnten. Mindestens in der Gemeinschaft, die von ihm gef\u00fchrt wurde und nach dem Glaubensbekenntnis der Christenheit bis heute gef\u00fchrt wird. Das birgt Hoffnung f\u00fcr die Menschheit bis heute: Wer in seinem Leben der Gestalt Jesus begegnet, hat seine Chance f\u00fcr eine gute Zukunft und, wenn es n\u00f6tig ist, f\u00fcr einen grundlegenden Neuanfang. Keiner ist schon von vorneherein durch Ruf und Stand ausgeschlossen. Heute w\u00fcrden wir vielleicht sagen: Keiner wird von ihm wegen seiner Herkunft und seiner Lebensgeschichte, wegen Rasse, Religion oder Geschlecht diskriminiert. Es geht vielmehr um das Leben, dem Jesus Zukunft geben will. Dass Jesus damals kein irdisches Friedensreich errichtete, geschweige denn die Natur der Welt ver\u00e4nderte, war zwar auch der fr\u00fchen Christenheit ein Problem. Auch sie erlebte seine Herrschaft als verborgen und die Welt als widerst\u00e4ndig. Andererseits gab es f\u00fcr die grundlegende Ver\u00e4nderung von Menschenwelt und Natur ja noch die Zeit seiner Wiederkehr, jenen zweiten Advent, \u201ezu richten die Lebenden und die Toten\u201d und aufzurichten einen neuen Himmel und eine neue Erde. In dieser Zukunft war dann immer noch Zeit f\u00fcr die Beweise der \u201eKraft und Herrlichkeit in Ewigkeit\u201d. Sei es im j\u00fcngsten Gericht \u00fcber das Leben der Menschen. Sei es in der Umgestaltung der Natur zu jenen Friedensbildern von Raubtier und Haustier auf derselben Weide. F\u00fcr die erste Christenheit war \u201eheute der Tag des Heils\u201d. Jetzt galt es, sich dem Messias anzuschlie\u00dfen und mit ihm das Leben zu gestalten und durchzuhalten. Ich bin mir sicher, dass uns die Christenheit der ersten Stunde das auch f\u00fcr unsere Zeit auftragen w\u00fcrde. Denn das kann es ja wohl nicht sein: dass man die Gerechtigkeit und die bl\u00fchenden Landschaften ganz in die Zukunft verlegt und sich mit Tr\u00e4umen \u00fcber die Zukunft von der Verantwortung in der Gegenwart befreit. Auch wir haben heute zu leben.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte noch eine zweite Linie des Predigttextes ausziehen. Wegen ihrer politischen Anspielungen ist diese messianische Weissagung nicht nur ein Zukunftstext, von dem die Urchristenheit eine Linie in ihre Gegenwart gezogen hat und den verhei\u00dfenen Messias in Jesus, dem Christus, bekannte. Die messianische Weissagung war auch eine Kritik an ihrer Gegenwart. Und wenn man so will, steht das \u201eReich nicht von dieser Welt\u201d, in das sich die Christenheit durch Jesus hineingenommen sah, in dieser kritischen Tradition. Gerechtigkeit, Weisheit, St\u00e4rke \u2013 das waren Eigenschaften, wie man sie damals von K\u00f6nigen erwartete, in Israel ebenso wie in seinen Nachbarl\u00e4ndern. Und nat\u00fcrlich haben sich die K\u00f6nige der damaligen Zeit auch gerne so gesehen. Aber bei\u00dfender kann Kritik ja wohl nicht sein, als wenn man den K\u00f6nigen ihre Eigenschaften nimmt und in die Zukunft verlegt und auf einen Gottmenschen. Nun sind die Worte unseres Predigttextes, was das betrifft, nicht reine Vergangenheit. Gerechtigkeit nach dem Unrechtsstaat und \u201ebl\u00fchende Landschaften\u201d, das waren Verhei\u00dfungen, mit denen die Vereinigung der beiden deutschen Staaten begleitet wurde. Bis hinein in die Verhei\u00dfung der Naturver\u00e4nderung \u00e4hneln sich da alter Text und Politikerzitat; und wenn man die sch\u00f6ne neue Welt der Gentechnik \u00fcberzeichnen wollte, dann k\u00f6nnte man vielleicht auch L\u00f6wen zu Grasfressern umprogrammieren. Obwohl: Gelegentlich werden selbst reiche L\u00e4nder von Heuschrecken heimgesucht, die hinterher nur Arbeitslosigkeit hinterlassen. \u201eStarke M\u00e4nner sucht das Land\u201d \u2013 jedenfalls immer dann, wenn es am Boden liegt. Oder wenigstens, wenn es nach dem Urteil der Menschen immer weiter abw\u00e4rts geht. Nur dass man heutzutage nicht nur nach M\u00e4nnern, sondern auch nach starken Frauen ruft. Unsere Erfahrung zeigt: Eine echte F\u00fchrungskraft ist auch heutzutage selten und eine gl\u00fcckliche Hand beim Regieren sowieso. Auch in diesen Weihnachtstagen ist uns diese Erfahrung nicht fremd und dringen die Klagen derer an unser Ohr, die durch Machthunger und Ungerechtigkeit anderer und durch strategische Entscheidungen einzelner auf die Verliererseite gestellt wurden.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir also lernen, die wir als Christen und Christinnen durch den \u201eFriedensf\u00fcrsten\u201d in ein Reich so gar nicht von dieser Welt hineingenommen sind und doch noch in ganz irdischen Verh\u00e4ltnissen leben. Zum einen werden wir daran erinnert, von wem wir die grundlegendsten Ver\u00e4nderungen in dieser Welt erwarten sollten: Vom Christkind, dem Christus. Und wenn wir damit gelernt haben, dass man von Menschen nichts \u00dcbermenschliches verlangen soll, dann kann man auch das zweite lernen: Dass man von Menschen das Menschliche verlangen darf, von sich und den F\u00fchrern und F\u00fchrerinnen dieser Welt: Ehrliches Bem\u00fchen um Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\"><strong>PD Dr. Hansj\u00f6rg Biener <\/strong><\/p>\n<p><strong>Neulichtenhofstr. 7 <\/strong><br \/>\n<strong>DE-90461 N\u00fcrnberg <\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"mailto:hansjoerg.biener@asamnet.de\">hansjoerg.biener@asamnet.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliges Christfest II | 26. Dezember 2006 | Jesaja 11,1-9 | Hansj\u00f6rg Biener | \u201eStarke M\u00e4nner sucht das Land\u201d \u2013 jedenfalls immer dann, wenn es am Boden liegt. Oder wenigstens, wenn es nach dem Urteil der Menschen immer weiter abw\u00e4rts geht. Das alte Israel unterscheidet sich in dieser Hinsicht kaum von unseren modernen L\u00e4ndern . 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