{"id":11635,"date":"2006-12-07T19:48:48","date_gmt":"2006-12-07T18:48:48","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11635"},"modified":"2025-04-09T09:22:13","modified_gmt":"2025-04-09T07:22:13","slug":"matthaeus-2334-39-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2334-39-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 23,34-39"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Heiliges Christfest II | 26. Dezember 2006 |\u00a0Matth\u00e4us 23,34-39 | Peter Skov-Jakobsen | <\/span><\/b><\/h3>\n<p>Es ist eines der h\u00fcbschesten Bilder: die Winterrose, die sich durch die gefrorene Erde nach oben k\u00e4mpft und die kalte Landschaft mit ihrer Sch\u00f6nheit bricht; die die vereiste Erde mit ihrer Farbe bricht.<\/p>\n<p>Die hohen Festtage, der Gottesdienst, das Gebet bieten f\u00fcr die Menschen nat\u00fcrlich irgendwie die M\u00f6glichkeit, sich aus dem Alltag zur\u00fcckzuziehen. F\u00fcr kurze Zeit k\u00f6nnen wir uns von der Welt und allem, was darin geschieht, absondern. Wir k\u00f6nnen unser Leben unter anderen Persepktiven betrachten als denen, mit denen wir uns mehr oder weniger abfinden m\u00fcssen, solange nur das eine Wort das andere gibt \u2013 und solange die gesch\u00e4ftigen Tage nur verlangen, dass wir Schritt halten.<\/p>\n<p>Aber wenn die Rose aus der gefrorenen Erde hervorbricht, wenn sich uns die hohe Festzeit mit ihrer Wirklichkeit n\u00e4hert, dann empfinden wir etwas Sonderbares, n\u00e4mlich dass es zu nichts f\u00fchrt, wenn wir Unwirklichkeit um uns herum schaffen. Es ergibt keinen Sinn, sich im Idyll zu verlieren oder seinen Platz in einem Glanzbild zu finden. Man kann der Wirklichkeit wohl den R\u00fccken kehren; aber deshalb verschwindet sie ja nicht. Im Gegenteil! Immer wenn wir vergessen, \u00fcber ein Problem zu sprechen, jedesmal wenn wir versuchen die Augen zu verschlie\u00dfen, jedesmal wenn wir so tun, als w\u00e4re nichts, wissen wir nur zu gut, dass uns unangenehme \u00dcberraschungen erwarten, vielleicht sogar geradezu Ungl\u00fcck.<\/p>\n<p>Aber wer wollte es wagen, von Glauben zu reden in einer Welt, in der der Zweifel uns immer wieder qu\u00e4lt und in der wir keine Ahnung haben, woher wir Vertrauen nehmen sollen? Wer wagt es, von Liebe zu sprechen, wenn man immerzu sieht, wie der eisern gepanzerte Hass \u00fcberall in der Welt das Leben auseinanderdividiert? Wer wagt es, von Hoffnung zu sprechen mitten in einer Welt, in der man das Gef\u00fchl hat, dass die L\u00fcge ununterbrochen darauf lauert, der Wahrheit einen Stein an den Kopf zu werfen?<\/p>\n<p>Machtlosigkeit, Apathie und Zorn pflegen sich Geh\u00f6r verschaffen zu wollen. Es kann schwer sein, nicht vor Wut zu schnauben \u00fcber die besten seiner eigenen W\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Es gibt so viele Ruinenberge, aus denen erstickender Rauch steigt. Es gibt so viel Wahnsinn, der sich zu toben erlaubt. Es gibt so viel Bosheit, die nur dazu f\u00fchrt, dass uns schwarz vor Augen wird, und die unseren Zorn in der Form von w\u00fctenden Worten und roher Vergeltung provoziert.<\/p>\n<p>Der zweite Weihnachtsfeiertag, der Tag des M\u00e4rtyrers Stephanus, erinnert uns an die Brutalit\u00e4t der Welt. Er erinnert uns daran, dass wir, auch wenn wir uns davon fernhalten, ein hohes Fest zu begehen und Gottesdienst zu feiern, das nicht tun, um uns von der Welt fernzuhalten. Die Wirklichkeit folgt uns bis in diesen Raum hinein. Der Glaube an Gott schlie\u00dft uns nicht von der Wirklichkeit aus. Der Glaube distanziert uns nicht von der Wirklichkeit; er bringt uns nicht dazu, die Augen zu verschlie\u00dfen. Gott ist wirklich in die Welt hinein geboren, wie sie nun einmal ist: ein Ort, an dem Menschen lieben; ein Ort, an dem wir einander im Stich lassen, ein Ort, an dem wir hassen, ein Ort der Sehnsucht \u2013 hier zweifeln wir, hier entbehren wir, und wir merken, dass es Schaden und Ungl\u00fcck gibt.<\/p>\n<p>Jesus sah voraus, dass wir die Propheten erschlagen w\u00fcrden, dass wir ihnen den Mund, der die Wahrheit sprach, stopfen w\u00fcrden, dass wir die, die sich nicht zum Schweigen bringen lie\u00dfen, t\u00f6ten w\u00fcrden. Er wusste, dass Leere und Dummheit \u00fcber der Menscheit erdr\u00f6hnen w\u00fcrden und dass wir versuchen w\u00fcrden, uns, um des lieben Friedens willen, der Stupidit\u00e4t zu f\u00fcgen.<\/p>\n<p>Aber er kehrt uns nicht den R\u00fccken. Im Gegenteil! Er versieht uns mit einem Segen. Er vertraut uns die Heiligkeit des Lebens an. Und was das bedeutet, k\u00f6nnen wir erahnen, wenn wir die Geschichte von Stephanus betrachten.<\/p>\n<p>Sie wurden so w\u00fctend, als sie ihn \u00fcber Jesus erz\u00e4hlen h\u00f6rten, dass sie mit den Z\u00e4hnen knirschten. Sie hatten n\u00e4mlich das v\u00f6llig klare Empfinden, wenn man dies im ganzen Land h\u00f6ren w\u00fcrde, dann w\u00fcrde die Macht pl\u00f6tzlich v\u00f6llig anders werden. Dann w\u00fcrde Macht etwas v\u00f6llig anderes sein. Dann w\u00fcrde es keine Drohungen mehr geben \u2013 die Niedertr\u00e4chtigkeiten w\u00fcrden ein Ende finden \u2013 Kleinlichkeit w\u00fcrde die Menschen nicht umtreiben \u2013 Gerede und Klatsch w\u00fcrden nicht mehr herrschen \u2013 Speichellecker und Kriecher w\u00fcrden sich davonmachen k\u00f6nnen, denn ihnen w\u00fcrde man nur mit Gel\u00e4chter begegnen.<\/p>\n<p>Stephanus hatte ein gutes Gef\u00fchl daf\u00fcr, worauf es hinauslief. Er wich nicht zur\u00fcck \u2013 es war, als n\u00e4hme Jesus Wohnung in ihm, und er sah seine Verfolger an, wie Jesus seinerzeit seine Verfolger angesehen hatte. Stephanus wurde von Beredsamkeit ergriffen. Aber er wurde auch von einer Liebe zur Wahrheit ergriffen, die ihn milde, geduldig und ausdauernd machte.<\/p>\n<p>Seither ist es, wie wenn die Hingabe an die Wahrheit die Gl\u00e4ubigen nie verlassen hat. Die Liebe hat die Menschen bef\u00e4higt, standhaft zu sein, auch wenn es bedeutete, dass sie Verfolgungen, Entw\u00fcrdigungen, Tortur und Totschlag erleiden mussten. Das hat bedeutet, dass das Gespr\u00e4ch, von dem niemand geglaubt hat, es sei m\u00f6glich, trotzdem eine Chance erhielt.<\/p>\n<p>In einer ergreifenden Schilderung des Heiligen Abends des Jahres 1989 erz\u00e4hlt Egon Krenz, der damals f\u00fcr ein paar Monate Generalsekret\u00e4r der ostdeutschen Sozialistischen Einheitspartei war, wie der Gemeindepfarrer an jenem Abend an seine T\u00fcr klopfte und ihm, der kurz zuvor seines Parteiamtes enthoben worden war und ihm \u00dcbrigen Hohn und Spott \u00fcber sich hatte ergehen lassen m\u00fcssen, die Frage stellte, ob es nicht etwas gebe, wor\u00fcber sie sprechen sollten. Und dann sa\u00dfen die beiden M\u00e4nner zusammen und sprachen miteinander \u2013 \u00fcber einen Abgrund hinweg. Der eine sah, dass alles, wof\u00fcr er gek\u00e4mpft hatte, in Ruinen lag, und dass die Anklagen sich nur so h\u00e4uften, ja, die Selbstvorw\u00fcrfe waren nahe daran, ihm allen Mut zu nehmen. Der andere hatte die Zukunft vor sich, er war in der Vergangenheit Opfer zahlreicher Schikanen gewesen. Aber die Liebe f\u00fchrte ihn dennoch zu dem Menschen, der zwar gewiss verantwortlich war f\u00fcr viele politische Verbrechen; aber er besa\u00df doch ein Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und eine fundamentale Sympathie, die so stark waren, dass sie ihn auch seinen \u00e4rgsten Gegner erreichen lie\u00dfen. Sie sprachen ehrlich miteinander. Es lagen keine Vorw\u00fcrfe oder Beschuldigungen in der Luft. Als sie sich voneinander verabschiedeten, \u00e4rgerten beide sich, dass das Gespr\u00e4ch nicht fr\u00fcher stattgefunden hatte.<\/p>\n<p>Es ist in der Geschichte auch vorgekommen, dass solch eine Begegnung nicht so friedlich verlief. Die Henker haben ihre Anklagen den Angeklagten ins Gesicht geschrien \u2013 Menschen wurden zu Opfern unbeschreiblicher Erniedrigungen, und dennoch hielten sie sich treu an die Wahrheit, dass die Liebe alles \u00fcberwindet, auch wenn es das Leben kostet.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir glaubten, es sei Winter \u2013 w\u00e4hrend wir glaubten, die Erde sei gefroren und habe sich um uns geschlossen, da wuchs die Winterrose hervor und erinnerte uns daran, dass die wirkliche Perspektive der Welt immer die Liebe ist, die alles \u00fcberwindet. Mit Jesus wurde ein Traum geboren, eine Hoffnung, eine Zukunft f\u00fcr die Welt. Die Welt kann nun wirklich ver\u00e4ndert werden. Die Wirklichkeit kann verwandelt werden. Wenn jemand in Gel\u00e4chter ausbricht oder besserwissend zu schnauben beginnt, dann halte geduldig an der Liebe fest. Ich glaube wirklich, dass Christus uns ver\u00e4ndert, wenn wir still zu sein wagen, wenn wir wagen zu sehen, zu h\u00f6ren und zu f\u00fchlen \u2013 wenn wir in seinen Protest zu gehen wagen.<\/p>\n<p>Er ver\u00e4ndert uns mit der Liebe. Ist es vielleicht nicht richtig, dass man einem S\u00e4ugling zul\u00e4chelt, wenn er so daliegt und murmelt? Ist es nicht richtig, dass man das Kind tr\u00f6stet, das ungl\u00fccklich ist, weil es Vater oder Mutter aus den Augen verloren hat? Ist es nicht richtig, dass man ger\u00fchrt ist angesichts des Stolzes, von dem das Kind oder der junge Mensch ergriffen werden kann? Ist es nicht richtig, dass man das Leben in sich kribbeln f\u00fchlt, wenn man die Verliebten sieht? Ja, wir werden von Mitleid \u00fcberw\u00e4ltigt mit dem, der leiden muss; mit dem, der sich allein gelassen f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Jesus verwandelt unsere Schadenfreude in Mitgef\u00fchl. Er bewegt uns und unsere Gedanken weg vom Tode und l\u00e4sst uns tr\u00e4umen von einer Welt, die von Liebe, Gerechtigkeit und G\u00fcte besessen ist.<\/p>\n<p>Mag es auch Winter sein und m\u00f6gen Finsternis und K\u00e4lte uns umgeben, in den Herzen der Menschen ist Hoffnung ges\u00e4t \u2013 sie keimt und kommt in die Welt und verwandelt Menschen mit Wahrheit und Sch\u00f6nheit! Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Peter Skov-Jakobsen<br \/>\nGammelvagt 2,<br \/>\nDK-1312 Kbh. K<br \/>\nTel.: ++ 45 33919933<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:pesj@km.dk\"> pesj@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliges Christfest II | 26. 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