{"id":11636,"date":"2006-12-07T19:48:46","date_gmt":"2006-12-07T18:48:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11636"},"modified":"2025-04-08T15:07:51","modified_gmt":"2025-04-08T13:07:51","slug":"jesaja-11-1-9-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-11-1-9-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 11, 1-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Heiliges Christfest II | 26. Dezember 2006 |\u00a0Jesaja 11,1-9 | J\u00fcrgen Ziemer |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nEigentlich ist zu Weihnachten doch wohl alles gesagt!<br \/>\nDie Worte aus dem Jesajabuch erinnern noch einmal an den Heiligen Abend: an die Verhei\u00dfung des messianischen Kindes aus dem Stamm Isai und an das uns immer wieder bezaubernde Lied \u201eEs ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart.\u201c So ist es uns vertraut, so hat es sich mit der Geburt Jesu erf\u00fcllt.<br \/>\nAber &#8211; so f\u00e4ngt es auch an! Es ist n\u00e4mlich l\u00e4ngst nicht alles gesagt, was Weihnachten f\u00fcr uns zu bieten hat. Heute ist es an der Zeit, den Blick in die Zukunft zu richten. Zu Weihnachten wird nicht nur erz\u00e4hlt, was sich \u201ezu der Zeit des Kaisers Augustus\u201c begab, sondern es wird auch verk\u00fcndigt, was noch kommt und worauf wir uns \u201enach Christi Geburt\u201c ausrichten k\u00f6nnen.<br \/>\nWeihnachten \u2013 das ist in der prophetischen Perspektive unseres Textes ein<em> Fest der Hoffnung<\/em>. Da strahlt etwas auf, was unsere Erde heimatlich werden l\u00e4sst: neue Herrschaft, neue Regeln f\u00fcr ein Leben im Frieden, das diesen Namen auch wirklich verdient. So wird es verhei\u00dfen.<\/p>\n<p>Ein Kind wird zu einem Herrscher werden, auf dem \u201eder Geist Gottes\u201c ruht, der \u201eGeist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der St\u00e4rke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn\u201c.<br \/>\n<em>Herrschaft des Geistes<\/em>, das w\u00e4re wirklich etwas Neues! Es klingt utopisch. Und es ist utopisch! Utopien sind der erste Akt bei der Ver\u00e4nderung der Welt und ihrer Vermenschlichung. Sie \u00f6ffnen einen Spalt der T\u00fcr in das Reich der M\u00f6glichen. Die Weihnachtstexte der Bibel zeigen uns, was noch werden kann und werden soll.<br \/>\nHerrschaft des Geistes \u2013 das w\u00e4re eine Herrschaft, die einzig humanen Zielen folgt und sich an den Verh\u00e4ltnissen orientiert, wie sie wirklich sind. Das w\u00e4re eine Herrschaft, deren Entscheidungen transparent sind und einer Logik der Sache folgen. Herrschaft des Geistes \u2013 das w\u00e4re eine Herrschaft, die Gott kennt und ehrt und seinen Namen nicht missbraucht f\u00fcr eine Politik die sich mit frommen Begriffen schm\u00fcckt, aber durchsichtigen Interessen dient.<\/p>\n<p>Herrschaft des Geistes? Wie weit ist, was wir erleben und oft selber tun, davon entfernt. Wie schnell handeln wir, auch in unseren kleinen Verantwortungsbereichen bis in die Familie hinein, weniger \u201eaus dem Geist\u201c, als aus Berechnung heraus \u2013 also gem\u00e4\u00df dem was uns n\u00fctzt, was uns best\u00e4tigt, was kleine Erfolge garantiert, was Quote bringt, Macht erh\u00e4lt, Gewinn maximiert. Herrschaft des Geistes, das ist ein alter Menschheitstraum, der hier im Alten Testament eine so eindrucksvolle Auspr\u00e4gung erfahren hat. Wir d\u00fcrfen ihn nicht aufgeben, sonst w\u00e4re Weihnachten wirklich umsonst gewesen.<br \/>\nViele Debatten des letzten Jahres bis hin zu den komplizierten Verhandlungen in den Krisenregionen der Erde zeigen, wie unerf\u00fcllt dieser Traum noch ist. Aber wir d\u00fcrfen nicht resignieren. Herrschaft des Geistes \u2013 das ist nichts Irreales. Das ist unter Umst\u00e4nden schon die Bereitschaft, wenigstens f\u00fcr einen Moment, \u201eWeisheit\u201c und \u201eSt\u00e4rke\u201c zu zeigen, die eigenen Interessen zur\u00fcckzustellen, um z.B. einen Kompromiss zu finden, der zum Leben hilft. F\u00fcr mich war es ein Zeichen von Herrschaft des Geistes, als in Oslo der Friedennobelpreis an einen Banker aus Bangladesh verliehen wurde, der entgegen den sonst \u00fcblichen Regeln \u00f6konomischer Vernunft Kleinkredite an mittellose Frauen vergeben hat. So konnten diese sich eine eigene Existenz aufbauen. Herrschaft des Geistes beginnt, wo Vernunft und Liebe zusammengehen. Und manchmal zeigt sie sich dort, wo wir es nicht erwartet h\u00e4tten!<\/p>\n<p>Herrschaft des Geistes zeigt sich vor allem im <em>gerechten Handeln<\/em>. Bei diesem Stichwort wird der Prophet ganz ausf\u00fchrlich. \u201eGerechtigkeit\u201c ist Wesenszug Gottes und darum auch Markenzeichen des kommenden Herrschers. Es geht nicht um abstrakte Rechtsnormen, sondern um eine Grundausrichtung, und das hei\u00dft vor allem um Gerechtigkeit zugunsten der \u201eArmen\u201c und der \u201eElenden\u201c. Auch in unserer weithin entkirchlichten Gesellschaft scheint durchaus ein Empfinden daf\u00fcr vorhanden zu sein, dass Weihnachten mit den verschiedenen Spielarten sozialen Unrechts nicht zusammenpasst. Verst\u00e4rkt werden die F\u00fcrsorgema\u00dfnahmen f\u00fcr Obdachlose und Asylsuchende, f\u00fcr psychisch Kranke und politisch Verfolgte, f\u00fcr Aidsopfer und Stra\u00dfenkinder. Spendenbitten erreichen uns jetzt h\u00e4ufiger als zu irgendeiner anderen Zeit des Jahres. Weihnachten l\u00e4sst die Ungerechtigkeiten deutlicher als sonst im Licht erscheinen. Dabei fallen die offensichtlichen Benachteiligungen eher auf als die verborgenen. Wer findet schon etwas dabei, dass bei einem Hartz IV-Empf\u00e4nger alle sonst \u00fcblichen Diskretionsregeln bez\u00fcglich seiner Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse au\u00dfer Kraft gesetzt werden, w\u00e4hrend der Million\u00e4r auf der Wahrung seiner Pers\u00f6nlichkeitsrechte bestehen darf, selbst wenn es Zweifel an seiner Steuerehrlichkeit gibt. Wer schreit auf, wenn die Zensuren der Schulabg\u00e4nger gegeneinander abgewogen werden, ohne die oft sehr unterschiedlichen Startvoraussetzungen aus ihren Familien mit einzubeziehen, obwohl die Zusammenh\u00e4nge l\u00e4ngst kein Geheimnis mehr darstellen?<\/p>\n<p>Das Problem ist ja meistens gar nicht nur das Unrecht in seiner nach au\u00dfen erkennbaren Form, sondern der damit verbundene tiefer liegende Seelenschaden. Wer Unrecht leidet, geht oft stillschweigend davon aus, dass er auch unrecht ist. Das Gef\u00fchl der eigenen Wertlosigkeit sitzt bei vielen Armen, Benachteiligten, Gescheiterten tief. Bei manchen f\u00fchrt es dazu, sich aus der b\u00fcrgerlichen Welt mit ihren Regeln und Normen einfach abzumelden, bewusst oder unbewusst. Wir kennen die Folgen.<br \/>\nDas \u201eTun des Gerechten\u201c, das Bonhoeffer als Kerntugend des Christseins bezeichnet, ist mehr als eine Spende von Geld: n\u00e4mlich Ausdruck der Wertsch\u00e4tzung eines Menschen, die Anerkennung seiner Ebenb\u00fcrtigkeit. Weihnachten geht ein starker Impuls aus, so Unrecht zu wenden: \u201eDie ihr arm sein und elende, kommt herbei, f\u00fcllet frei eures Glaubens H\u00e4nde.\u201c Im Stall von Bethlehem versammelte sich das Volk aus der Unterschicht; die hohen Herren aus Morgenland mussten sich tief herab beugen, und sie haben es getan. Nur so konnten sie Gott nahe kommen, der sich zuerst herabgebeugt hat zu uns, zur Welt, zu den Armen \u2013 als Kind in einer Krippe. So wurde Weihnachten zum Anfang einer neuen Herrschaft der Gerechtigkeit, und zur Hoffnung f\u00fcr viele, weit \u00fcber das Fest hinaus.<\/p>\n<p>Herrschaft des Geistes, Recht f\u00fcr die Armen \u2013 und nun kommt noch eine andere Prophetie zum Fest der Hoffnung ins Gespr\u00e4ch: das <em>Ende der Furcht<\/em>. \u201eF\u00fcrchtet euch nicht\u201c hatten die himmlischen Heerscharen gesungen. Die wunderbaren Bilder des Jesaja geben dem Gesang Farbe: \u201eW\u00f6lfe werden bei den L\u00e4mmern wohnen\u201c und \u201eein S\u00e4ugling wird spielen am Loch der Otter\u201c. Das wehrloseste neben dem gef\u00e4hrlichsten! Welch ein Bild! Das ist der Gipfelpunkt weihnachtlicher Erwartungen: das Ende der Furcht.<br \/>\nIst das eine auch nur andeutungsweise realistische Perspektive? Man wei\u00df wohl, dass viele Tierfurcht unbegr\u00fcndet ist, wenn auch nicht jede &#8211; aber es geht ja nicht um Tierpsychologie. Die Bilder dieses Textes sind eine Provokation im positiven Sinne, Bilder eines alles umfassenden Gottesfriedens. Es sind Weihnachtsbilder, die das Geschehen der heiligen Nacht auf die ganze Sch\u00f6pfung ausdehnen. Sie inspirieren auch uns dazu, die Grenzen des M\u00f6glichen hinauszuschieben, und dort Vertrauen zu lernen, wo normalerweise nur die Angst regiert. Wie steht es mit den \u201eW\u00f6lfen\u201c und den \u201eOttern\u201c in unserer eigenen Umgebung? Wo trauen wir uns nicht mehr hin, und welche Wege vermeiden wir aus purer Angst? Was hindert uns zu leben? Wie bedrohlich sind die, die anders sind als wir wirklich?<br \/>\nUnd wie steht es mit meiner \u201eWolfsnatur\u201c oder meiner Neigung, Gift zu verspritzen wie eine \u201eNatter\u201c? Oft haben wir mit beidem zu schaffen, unserer \u201eFurcht\u201c und unserem \u201eGift\u201c. Beides verstellt uns die Lebensm\u00f6glichkeiten.<br \/>\nEs w\u00e4re wunderbar, wenn die weihnachtliche Verhei\u00dfung bei uns zugleich einen Prozess der \u201eEntgiftung\u201c und \u201eEnt\u00e4ngstigung\u201c in Gang br\u00e4chte, wenn wir beg\u00e4nnen, Unm\u00f6gliches zu wagen und unserer allzu raschen Gefahrenwitterung zu misstrauen. Das gelingt nur, wenn wir die Verhei\u00dfung des Textes f\u00fcr uns pers\u00f6nlich gelten lassen \u2013 als Kraft eines Friedens, der uns gilt und in uns wirkt. Dann wird sich auch f\u00fcr uns das Land der Verhei\u00dfung \u00f6ffnen. Dann wird das Kind in der Krippe gesiegt haben \u2013 als der \u201eFriedensk\u00f6nig\u201c einer neuen Zeit.<\/p>\n<p align=\"center\">Wann wird das sein?<br \/>\nWann wird dieses Weihnachten in uns und mit uns anfangen?<br \/>\n\u201eWenn der Schwache<br \/>\ndem Starken die Schw\u00e4che vergibt,<br \/>\nwenn der Starke<br \/>\ndie Kr\u00e4fte des Schwachen liebt,<br \/>\nwenn der Habewas<br \/>\nmit dem Habenichts teilt,<br \/>\nwenn der Laute<br \/>\nbei dem Stummen verweilt<br \/>\nund begreift,<br \/>\nwas der Stumme sagen will,<br \/>\nwenn das Leise<br \/>\nlaut wird<br \/>\nund das Laute<br \/>\nstill,<br \/>\nwenn das Bedeutungsvolle<br \/>\nbedeutungslos,<br \/>\ndas scheinbar Unwichtige<br \/>\nwichtig und gro\u00df,<br \/>\nwenn mitten im Dunkel<br \/>\nein winziges Licht<br \/>\nGeborgenheit,<br \/>\nhelles Leben verspricht,<br \/>\nund du z\u00f6gerst nicht,<br \/>\nsondern du<br \/>\ngehst,<br \/>\nsowie du bist,<br \/>\ndarauf zu,<br \/>\ndann,<br \/>\nja, dann<br \/>\nf\u00e4ngt Weihnachten an.\u201c<br \/>\n<em>(Rolf Krenzer, aus: Weihnachtsgedichte, Stuttgart 2006, 21f))<\/em><\/p>\n<p>Mitnichten alles schon gesagt. Weihnachten f\u00e4ngt gerade erst an. Lassen wir es geschehen. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Lieder: EG 30. 36<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. J\u00fcrgen Ziemer<br \/>\nBernhard-G\u00f6ring-Str. 14<br \/>\n04107 Leipzig<br \/>\n<a href=\"mailto:ziemer@uni-leipzig.de\"> ziemer@uni-leipzig.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliges Christfest II | 26. Dezember 2006 |\u00a0Jesaja 11,1-9 | J\u00fcrgen Ziemer | Liebe Gemeinde! Eigentlich ist zu Weihnachten doch wohl alles gesagt! 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