{"id":11639,"date":"2021-02-07T19:48:49","date_gmt":"2021-02-07T19:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11639"},"modified":"2023-03-10T21:16:01","modified_gmt":"2023-03-10T20:16:01","slug":"johannes-8-31-36-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-8-31-36-4\/","title":{"rendered":"Johannes 8, 31-36"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Altjahresabend (Silvester), 31. Dezember 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 8, 31-36, verfa\u00dft von Paul Kluge <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>vom Licht der Welt hatte Jesus gesprochen und davon, dass er selbst es sei. Im Tempel hatte er so gesprochen, am Opferstock, wohin immer viele Menschen kamen. Verwunderung hatte er ausgel\u00f6st, Emp\u00f6rung auch. Hatte mit Pharis\u00e4ern diskutiert, Tempelbesucher hatten zugeh\u00f6rt, neugierig und gespannt, wer den Disput gewinnen w\u00fcrde. Schwankend, wem sie zustimmen k\u00f6nnten, den angesehenen Pharis\u00e4ern oder dem unbekannten Wanderprediger.<\/p>\n<p>Die Pharis\u00e4er, ans Rechthaben gew\u00f6hnt, brachten ihren Gespr\u00e4chspartner in Rage. \u201eWas rede ich \u00fcberhaupt noch mit euch?\u201c hatte Jesus schlie\u00dflich gefragt. Bei den umstehenden hatte ihm das viel Sympathie eingebracht und Anerkennung f\u00fcr den Mut, viele hatten applaudiert. Er hatte sie eingeladen, und einige von den vielen waren seiner Einladung gefolgt. Nach knappem Gru\u00df an die Pharis\u00e4er hatte er zusammen mit ihnen und den J\u00fcngern den Platz verlassen, eine ruhige Ecke gesucht und gefunden. Die J\u00fcnger setzten sich auf den Boden, die Neuen scharten sich um Jesus, gespannt, was nun k\u00e4me.<\/p>\n<p><em>Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden? Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer S\u00fcnde tut, der ist der S\u00fcnde Knecht. Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei. (Joh 8, 31 \u2013 36) <\/em><\/p>\n<p>Er sei bald wieder zur\u00fcck, sagte er, und lie\u00df die kleine Schar der Neuen stehen. Ein wenig ratlos standen sie herum, einander fremd, und keiner wagte etwas zu sagen. Einer setzte sich zu den J\u00fcngern, andere folgten dem Beispiel. Von denen, die noch standen, meinte einer, das sei zu hoch, sei \u00fcberhaupt nichts f\u00fcr ihn. Etwas entt\u00e4uscht stapfte er davon, und noch einige mehr verkr\u00fcmelten sich. Die \u00fcbrig Gebliebenen setzten sich nun auch.<\/p>\n<p>\u201eWas hat er denn nun gesagt?\u201c fragte einer. \u201eDass er uns frei machen will,\u201c kam die Antwort, und jemand erg\u00e4nzte: \u201eAber wohl nicht von diesen r\u00f6mischen Besatzern. Das w\u00e4re mal was!\u201c \u2013 \u201ePst!\u201c mahnte ein anderer und zeigte mit dem Kinn in eine bestimmte Richtung. Dort schlenderte gerade zwei Besatzungssoldaten Patrouille, n\u00e4herten sich auff\u00e4llig zuf\u00e4llig der Gruppe.<\/p>\n<p>Einer der Sitzenden erz\u00e4hlte schnell und etwas laut von seinem Souvenirladen und davon, wie gute und zuverl\u00e4ssige Kunden die R\u00f6mer seien, und dass es \u00fcberhaupt ein Segen sei, sie im Lande zu haben. So sicher h\u00e4tte man schon lange nicht mehr gelebt. Die Gruppe nahm das Thema auf, die Patrouille drehte ab. Erleichtertes Aufatmen ging durch die Gruppe. \u201eWenn die nur das Wort \u201aFreiheit\u201c h\u00f6ren, wittern die schon Aufruhr,\u201c bemerkte einer, aber Jesus habe ja nur Befreiung von S\u00fcnden gemeint. \u201e\u2019Nur\u2019 ist gut,\u201c konterte ein anderer, \u201eist es nicht eine Schande, eine S\u00fcnde gegen den Allerh\u00f6chsten, wie manche sich mit den R\u00f6mern gemein machen; hat Mose uns nicht dem Umgang mit unreinen Gojjim untersagt?\u201c \u2013 \u201eNun ja,\u201c begann einer abzuwiegeln, doch weiter kam er nicht. Abrupt stand der Souvenirh\u00e4ndler auf. Doch anstatt wegzugehen, wie alle annahmen, stellte er sich in die Mitte. \u201eDu hast recht,\u201c begann er, \u201eMose hat es untersagt. Denn mit ihnen zusammenzuarbeiten, wie zum Beispiel die Z\u00f6llner es tun, bedeutet auch Kontakt mit ihren G\u00f6ttern. Du sprichst mit den R\u00f6mern, und wenn du ihnen zuh\u00f6rst, h\u00f6rst du ihre G\u00f6tter, nimmst ihre Gedanken in dich auf. Ich wei\u00df, wovon ich rede.\u201c<\/p>\n<p>Der H\u00e4ndler machte eine Pause, rang die H\u00e4nde, rang mit sich. Die anderen schwiegen, etwas lag in der Luft. \u201eKennt einer von euch meinen Laden?\u201c wollte er wissen, bekam stummes Kopfsch\u00fctteln als Antwort, holte tief Luft und fuhr fort: \u201eDer Laden ist Tarnung. Hinter meinem Haus, zur anderen Stra\u00dfe hin, gibt es einen Lebensmittelladen, garantiert koscher. Der geh\u00f6rt mir auch, ist auch Tarnung. Doch dazwischen\u201c &#8211; er blickte zu Boden, als die anderen ihn erwartungsvoll ansahen, knetete wieder seine H\u00e4nde \u2013 \u201edazwischen liegt unsichtbar ein fensterloser Raum. Dort treffen sich r\u00f6mische Soldaten mit einheimischen Spionen. Ich bekomme sogar Geld daf\u00fcr. Das werfe ich regelm\u00e4\u00dfig in den Opferstock hier im Tempel. Schmutziges Geld, ich wei\u00df, darum soll mit ihm Gutes getan werden. Die Priester achten mich wegen meiner Spenden, aber ich f\u00fchle mich als Verr\u00e4ter, bin es wohl auch.\u201c Er wischte sich die Augen, schn\u00e4uzte sich, sah in die Runde, Scham und Angst im Gesicht.<\/p>\n<p>Alle in der Runde blickten zu Boden, keiner r\u00fchrte sich. Kein Stein wurde gehoben, kein Stock, keine Faust geballt. Eines Tages, erz\u00e4hlte der H\u00e4ndler weiter, seien ein paar R\u00f6mer gekommen. Einer habe gefragt, ob die beiden H\u00e4user miteinander verbunden seien und dass sie das \u00fcberpr\u00fcfen m\u00fcssten. Dann das Angebot, verbunden mit der Drohung, andernfalls die Tochter f\u00fcr die Offiziere mitzunehmen, den Sohn als Sklaven. \u201eKonnte ich anders als \u201aJa\u2019 sagen?\u201c fragte der H\u00e4ndler in die Runde. Allgemeines Kopfsch\u00fctteln als Zustimmung oder Unverst\u00e4ndnis, einige zuckten die Schultern.<\/p>\n<p>\u201eSetz dich zu mir,\u201c sagte, der vorhin von S\u00fcnde und Schande gesprochen hatte, \u201eich verstehe dich. Ich hab vorhin so scharf formuliert, weil ich, nun ja, also, weil ich \u2013 auch f\u00fcr die R\u00f6mer arbeite. Ich habe mich selbst angeklagt. Ich kann Latein und arbeite als \u00dcbersetzer, vor allem bei Verh\u00f6ren und Gerichtsverhandlungen. Manchmal kann ich unseren Landsleuten helfen, meistens aber nicht. Denn die R\u00f6mer verh\u00f6ren so, dass sie ihren Verdacht best\u00e4tigt bekommen. In dubio pro reo ist Theorie, die Praxis der Besatzer sieht anders aus. Von mir erfahren die Angeklagten dann ihr Urteil, hart zumeist, sehr hart. Und ich sehe dann ihre entsetzten Blicke, ihre Angst, ihre Vorw\u00fcrfe. Dann f\u00fchle ich mich jedes mal wie ein -, nein, als Verbrecher und jeder Abscheu w\u00fcrdig.\u201c<\/p>\n<p>Einer aus der Runde stand auf, spie auf die Erde und ging ohne ein Wort, ein zweiter folgte ihm, keine Zeit mehr zu haben als fadenscheinige Entschuldigung murmelnd. Auch Petrus erhob sich, er wolle mal nach Jesus sehen. Der habe sich wohl mal wieder in einen Disput begeben.<\/p>\n<p>Doch Petrus war noch nicht weit gegangen, da traf er den Vermissten. Der sa\u00df, an eine Mauer gelehnt, und schlief. Petrus r\u00e4usperte sich vernehmlich, Jesus schlug die Augen auf. \u201eWas gibt\u2019s,\u201c fragte er etwas ungehalten. Petrus hockte sich neben ihn und fl\u00fcsterte ihm ins Ohr, was er soeben von zwei der Neuen geh\u00f6rt hatte, und ob er die nicht besser wegschicken solle. So unverhofft schnell setzte Jesus sich auf, dass Petrus umfiel. \u201eWer zu mir kommt,\u201c sagte Jesus ziemlich scharf, \u201eder ist willkommen. Und wer gehen will, der kann gehen.\u201c Er stand auf, reichte Petrus die Hand, um ihm auf zu helfen. \u201eWenn jemand eine Schuld, eine dr\u00fcckende Last auf seiner Seele offen ausspricht, dann reiche ihm die Hand. Richte ihn auf, damit er wieder Boden unter den F\u00fc\u00dfen sp\u00fcrt und merkt, dass er sich frei bewegen kann. Dem, der sein Herz erleichtert hat, soll man es nicht wieder schwer machen. Merk dir das.\u201c<\/p>\n<p>Dass Jesus ihn so ma\u00dfregelte, \u00e4rgerte Petrus, er h\u00e4tte gern aufbegehrt. \u201eDu musst noch viel lernen,\u201c h\u00f6rte er Jesus sagen; Petrus reagierte nicht, doch im Stillen gab er ihm recht. Dass er den Ruf Jesu genutzt hatte, um Frau und Kinder zu verlassen, das lastete noch auf seiner Seele, dar\u00fcber wollte er schon lange mal mit Jesus reden. \u201eBesser wohl mit allen,\u201c dachte er, als sie bei der Gruppe ankamen. Alle sa\u00dfen im Kreis, hielten sich an den H\u00e4nden und sangen, der H\u00e4ndler und der \u00dcbersetzer strahlten. Jesus und Petrus setzten sich dazu, stimmten ein in den Psalm 32*: \u201eO Gl\u00fcck dessen, dem Abtr\u00fcnnigkeit getragen, Vers\u00fcndigung zugeh\u00fcllt ward! O Gl\u00fcck des Menschen, dem eine Verfehlung nicht zurechnet ER, da in seinem Geiste kein Trug ist! Als ichs verschweigen wollte, morschten meine Gebeine von meinem Geschluchz alletag, denn tages und nachts wuchtete auf mir deine Hand, verwandelt war mein Saft in Sommerd\u00f6rrnisse. Meine S\u00fcnde wollte ich dir kundtun, mein Fehlen verh\u00fcllte ich nicht mehr, ich sprach: \u00bbEingestehen will ich IHM meine Abtr\u00fcnnigkeiten!\u00ab &#8211; und du selber trugst den Fehl meiner S\u00fcnde. Um dies bete jeder Holde zu dir in der Stunde des Findens! Beim Ansp\u00fclen vieler Wasser, gewiss, an ihn gelangen sie nicht. Du bist mir ein Versteck, vor der Drangsal bewahrst du mich, mit dem Jubel des Entrinnens umgibst du mich. \u00bbIch will dir eingeben, ich will dich unterweisen im Weg, den du gehn sollst, raten will ich, auf dich ist mein Augenmerk. Nimmer seid wie ein Pferd, wie ein Maultier ohne Verstand, mit Zaum und Halfter muss man b\u00e4ndigen seine Wildheit, sonst d\u00fcrfte nie es dir nahn!\u00ab Viele Schmerzen hat der Frevler, wer aber sich sichert an IHM, den umgibt er mit Huld. Freut euch an IHM, jauchzt, ihr Bew\u00e4hrten, jubelt auf, all ihr Herzensgeraden!\u201c Amen<\/p>\n<p>Gebet: Guter Gott, am Abend dieses Jahres gehen unsere Gedanken zur\u00fcck zu dem, was war. Doch nicht alles, was war, liegt hinter uns. Wir nehmen manches auf unserem Weg durch die Zeit mit. Einiges hat uns Kraft gegeben, Hoffnung und Zuversicht; es geht mit uns in das neue Jahr und wird uns weiterhin tragen. Daf\u00fcr sagen wir Dank. Anderes tragen wir mit uns, das uns belastet, uns das Leben schwer macht. Uns fehlt der Mut, uns davon frei zu machen. Wir bitten um deine Hilfe.<\/p>\n<p>Guter Gott, am Vorabend eines neuen Jahres gehen unsere Gedanken nach vorn. Was kommen kann, macht uns bangen und hoffen. Beides aber kann uns einengen und unfrei machen, dass wir f\u00fcr deine Wege mit uns nicht frei sind und auf Abwege geraten. Jeder Schritt weg von dir f\u00fchrt uns in Unfreiheit und Knechtschaft. Aus deren Tiefe zu dir zu rufen, dass auch andere es h\u00f6ren, macht uns frei. Dies lass uns tun, bevor wir ganz unten sind. Denn wir wissen, dass du uns die Hand reichst, bevor wir versinken.<\/p>\n<p>Guter Gott, was wir aus diesem Jahr mitnehmen in das neue, was uns tr\u00e4gt und woran wir zu tragen haben, bringen wir vor dich und beten gemeinsam: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>* Psalm 32 in der \u00dcbersetzung von Martin Buber<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge, Diakoniepfarrer i. R.<br \/>\nMagdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Altjahresabend (Silvester), 31. Dezember 2006 Predigt zu Johannes 8, 31-36, verfa\u00dft von Paul Kluge Liebe Geschwister, vom Licht der Welt hatte Jesus gesprochen und davon, dass er selbst es sei. Im Tempel hatte er so gesprochen, am Opferstock, wohin immer viele Menschen kamen. Verwunderung hatte er ausgel\u00f6st, Emp\u00f6rung auch. 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