{"id":11640,"date":"2021-02-07T19:48:49","date_gmt":"2021-02-07T19:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11640"},"modified":"2023-03-10T11:38:54","modified_gmt":"2023-03-10T10:38:54","slug":"befiehl-du-deine-wege-eg-361","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/befiehl-du-deine-wege-eg-361\/","title":{"rendered":"\u201eBefiehl Du Deine Wege\u201c (EG 361)"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Altjahresabend (Silvester), 31. Dezember 2006<br \/>\n\u201eBefiehl Du Deine Wege\u201c (EG 361), verfa\u00dft von Reinhard Schmidt-Rost <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nWer gl\u00fccklich ist, schreibt nicht \u2026 und: Wer dichtet, mu\u00df nicht gl\u00fccklich sein, ist es selten; er oder sie kann trauern, oder voller Sehnsucht leben, aber da\u00df sich das Leben ihm reimt, wenn er dichtet, das ist eher unwahrscheinlich, deshalb schreibt er ja Verse.<\/p>\n<p>So darf man auch f\u00fcr Paul Gerhardt annehmen, dass seine Reime, seine vielen sch\u00f6nen Liedertexte nicht aus dem \u00dcberschwang der Lebenslust geflossen sind, sondern der Tribut waren, den er dem Leid in seinem Leben gezollt hat.<\/p>\n<p>Eine Erlebnisgesellschaft, die mit fr\u00f6hlichen Events lockt, sich \u00fcberbietet in kommerziellen Sonder-Angeboten zur Gestaltung eines festlichen Alltags, kann es eigentlich kaum verstehen, da\u00df unvergessliche Sch\u00f6pfungen des Menschengeistes gerade nicht im \u00dcberschwang der Freude und Erf\u00fcllung geboren werden, das geschieht h\u00f6chst selten, sie rinnen zumeist aus der Tiefe des Leids, der Trauer, des Schmerzes hervor, werden der Verzweiflung abgetrotzt, wie Salbe auf die Wunden gestrichen, die nicht heilen wollen, die kein Mensch heilen mag oder heilen kann.<\/p>\n<p>Paul Gerhardts Verse, mit Martin Luthers Liedern zusammen die bekanntesten und gewichtigsten im Evangelischen Gesangbuch, sind \u00fcber 350 Jahre nach ihrer Niederschrift immer noch gut verst\u00e4ndlich, mit leicht modernisierten \u00dcberarbeitungen des Wortlauts, und es sind keine Lieder aus tiefem Frieden, die lauteten und kl\u00e4ngen anders; noch das \u201eGeh aus mein Herz und suche Freud\u201c ist nur auf den ersten oberfl\u00e4chlichen Blick ein fr\u00f6hliches Sommerlied wie ein luftiges Sommerkleid; schon bei diesem thematisch leichten Lied ist das Staunen \u00fcber die Sch\u00f6nheit der Natur nur der Eingang zum Wissen um das Ende des Lebensweges, und der G\u00e4rten Zier ist dem Dichter Abbild des Paradiesgartens.<\/p>\n<p>Erst recht hier, im Lied \u201eBefiehl Du Deine Wege\u201c sind wir tief verstrickt in bittere Lebensgeschichten, wie sie das Herz eben kr\u00e4nken k\u00f6nnen; diese zw\u00f6lf Strophen sind der Nachhall der Katastrophe, die Europas Bev\u00f6lkerung im 17. Jh. betroffen hat und sie beinahe ganz ausgerottet h\u00e4tte, der 30j\u00e4hrige Krieg ist erst seit 5 Jahren f\u00fcr abgeschlossen erkl\u00e4rt, der Friedensschlu\u00df in M\u00fcnster und Osnabr\u00fcck noch frisch in Erinnerung, die Wunden l\u00e4ngst nicht vernarbt, aber wie es den Menschen geht, danach fragt man besser nicht, kann man allenfalls den Dichter fragen, und er gibt uns bereitwillig Auskunft, zun\u00e4chst die, die wir am Anfang des Gottesdienstes gesungen haben: \u201eNun la\u00dft uns gehn und treten mit Singen und mit Beten <em>zum Herrn<\/em>, der unsern Wegen bis hierher Kraft gegeben.\u201c Und nun eben: \u201eBefiehl Du Deine Wege und was Dein Herze kr\u00e4nkt, der allertreusten Pflege, <em>des der den Himmel lenkt<\/em>.\u201c Es wirkt Gottes Geist, der Geist der G\u00fcte, wenn die Menschen sich nicht g\u00e4nzlich den Garaus machen oder gemacht haben, die Menschen aber sind ihrem Wesen nach zun\u00e4chst friedlos, und dann auch unfriedlich und r\u00fccksichtslos gegeneinander.<\/p>\n<p>Noch fehlen hundert Jahre, bis die Menschen verbreitet fragen werden: Sollte Gott das zugelassen haben? Es ist hier, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, noch nicht so weit, da\u00df die Menschen Gott die Schuld f\u00fcr Unrecht und Ungl\u00fcck zuschieben. Doch davon gleich noch mehr.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nWir wollen zun\u00e4chst erst darauf hinweisen, da\u00df wir mit diesem Lied an dieser Jahreswende erinnern an Paul Gerhardts 400. Geburtstag im M\u00e4rz 2007, am 12. M\u00e4rz 1607 ist der Pfarrer und Dichter Paul Gerhardt in Gr\u00e4fenhainichen in Sachsen geboren. Ihm zu Ehren habe ich diese Dichtung am Abend des alten Jahres als Predigttext gew\u00e4hlt. Aber wir w\u00fcrden uns nicht erinnern, es hat auch andere Schriftsteller von erheblicher Produktivit\u00e4t gegeben, &#8211; und wer die Begabung hat, der schreibt manchmal lieber in Versen als in Prosa \u2026 das ist es nicht, wor\u00fcber man sich wundern, was man bewundern sollte, wir w\u00fcrden uns nicht erinnern, wenn er nicht zeitlose Worte gefunden h\u00e4tte, Worte, die man auch heute noch m\u00fchelos versteht, die in \u00fcber 350 Jahren nichts von ihrer Bedeutung verloren haben, so wie wir viele biblische Worte ja nicht nur historisch verstehen, als Zeugnis ihrer Zeit, sondern als zeitlose, immer neu mit Verstehen zu f\u00fcllende, als \u00fcber der Zeit stehende Zeugnisse f\u00fcr ein tieferes Leben, tiefer als unsere allt\u00e4gliche Wahrnehmung vom Leben uns erkennen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen im Alltag uns die Bedeutung unserer Existenz nicht dauernd in Erinnerung halten, sonst w\u00fcrden die Furchen des Pfluges krumm, der Hammerschlag tr\u00e4fe nicht den Nagel, sondern den Daumennagel, \u2013 und selbst eine Predigt w\u00fcrde man nicht zustande bringen, wenn es nicht gerade der Auftrag dieser Predigt w\u00e4re, \u00fcber mein und Euer Leben vertieft nachzudenken, ich also durch diese Gedanken an den Grund des Lebens gerade nicht abgelenkt, sondern ganz bei der Sache w\u00e4re. M\u00fc\u00dfte ich dagegen etwa eine Geschichte dieses Kirchenbaus schreiben, dann w\u00fcrden mich grunds\u00e4tzliche Gedanken \u00fcber mein Leben unter Umst\u00e4nden ziemlich behindern.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen im Alltag nicht dauernd \u00fcber unser Leben nachdenken, aber wir m\u00fcssen es hin und wieder doch tun, um uns und unser Tun zu begreifen und richtig einzusch\u00e4tzen. Deshalb erinnern wir an Paul Gerhardt, weil er mit seinen Dichtungen wie durch gute Predigten zur Besinnung auf das Wesen des Lebens beigetragen hat, \u00fcber Gott und die Welt nachzudenken hilft, immer wieder auf Herz und Sinn der Menschen einwirkt, in ihnen gute Gedanken \u00fcber Gott und die Welt mit ganz einfachen Worten und weichen Weisen weckt:.<\/p>\n<p>Selbst so widrige Lebensumst\u00e4nde, wie sie sich mit dem Namen des Teufels verbinden, sind f\u00fcr den Dichter ein wichtiges Thema seines Liedes, lassen Sie uns davon singen \u2013 mit den Strophen 5, 6 und 7:<\/p>\n<p>&#8222;Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn,<br \/>\nso wird doch ohne Zweifel Gott nicht zur\u00fccke gehn \u2026\u201c<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nViele wissen sicher, da\u00df dieses Lied an einem Psalmvers entlang geht, diesen Psalmvers auslegt Jeweils die ersten Worte jeder der 12 Liedstrophen zusammengestellt, ergeben den f\u00fcnften Vers aus Psalm 37.<\/p>\n<p><strong><em>Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe \u2026<\/em><\/strong> so weit sind wir mit sieben Versen schon gekommen in dieser kunstvollen Konstruktion. Aber es besch\u00e4ftigt mich heute weniger diese poetische Konstruktion, sondern je l\u00e4nger ich dar\u00fcber nachdenke, umso mehr besch\u00e4ftigt mich eine inhaltliche Verdichtung, die nicht ganz leicht zu erkennen ist:<\/p>\n<p>Es \u00fcberlagern sich in diesem Lied zwei Gottesbilder so kunstvoll, dass man es nur bei n\u00e4herem Hinsehen wahrnimmt: Das heldische und das christliche Gottesbild nenne ich sie.<\/p>\n<p>Das eine ist das Bild des Herren, des allm\u00e4chtigen Weltherrschers, man sieht ihn richtig vor sich, den absoluten Herrscher, den K\u00f6nig von Frankreich oder von England, auf seinem Thron sitzen.<br \/>\nEs ist ja die Zeit Ludwig XIV. als K\u00f6nig von Frankreich \u2026 mit Purpurmantel, Zepter und Hermelin.<\/p>\n<p>Er gebietet dem Wind und den Wolken, er wei\u00df Wege, sein Werk kann niemand hindern, er ist ein starker Held, ein weiser F\u00fcrst, der F\u00fchrer, der im Regimente sitzt. So stellt man ihn sich dann auch vor, wie die F\u00fcrsten des 17. und 18. \u2013 und teilweise auch noch des 19. Jahrhunderts auf gro\u00dfen Gem\u00e4lden, auf Reiterstandbildern, wie Kaiser Wilhelm das Deutsche Eck heute noch oder heute wieder \u2013 ziert will ich nicht sagen, eher: kr\u00f6nt..<\/p>\n<p>Das ist die Oberfl\u00e4che des Herrscherbildes, der \u00f6lfarbene Deckauftrag, der keine anderen Vorstellungen zul\u00e4sst.<\/p>\n<p>Aber dann finden sich in Paul Gerhardts Lied doch auch Aussagen wie \u00fcber einen guten Ratgeber und Arzt, \u00fcber einen treuen Freund und sensiblen Berater, einen Tr\u00f6ster, der einfach mit dem Menschen durchh\u00e4lt.<\/p>\n<p>L\u00e4\u00dft sich das verbinden? Oder st\u00f6\u00dft die Dichtkunst Paul Gerhardts hier bei ihm selbst an eine Grenze, so da\u00df bei \u201eBefiehl Du Deine Wege\u201c einfach nur noch die \u00f6lfarbene Oberfl\u00e4che zur Geltung kommt? Gott sitzt im Regimente, hei\u00dft es streng, aber dann doch wieder ganz mild: \u201eEr f\u00fchret alles wohl\u201c \u2013 und \u201emit wunderbarem Rat\u201c wird er \u201edas Werk hinausf\u00fchren\u201c, das Dich bek\u00fcmmert hat.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nWir stehen, wenn wir uns in jene Zeit zur\u00fcckversetzen, an einer Epochenschwelle, die Vorstellungen von Weltherrschaft gehen von Gott auf menschliche K\u00f6nige \u00fcber, der Absolutismus, die unbeschr\u00e4nkte Herrschaft einzelner, breitet sich aus, Gottes Allmachtsstellung ger\u00e4t ins Wanken und f\u00e4llt im Laufe der n\u00e4chsten hundert Jahren, in dem Ma\u00df, in dem das wissenschaftliche Denken an Einflu\u00df gewinnt, &#8211; und zugleich und in Verbindung mit dem wissenschaftlichen Denken k\u00fcndigt sich das Zeitalter des Individualismus an \u2026 Das evangelische Christentum hat sich ja von Anfang an, seit der Reformation, dem einzelnen zugewendet; viel mehr als die r\u00f6mische Kirche zuvor, Gewissen und Wissen des einzelnen ermutigt, \u2026 und am Ende dieser Epoche, in der Aufkl\u00e4rung des europ\u00e4ischen Geistes im 18. Jh. und in der franz\u00f6sischen Revolution von 1789 wird sich der menschliche Geist so weit befreit haben, da\u00df er erst Gott und dann auch die allm\u00e4chtigen K\u00f6nige nicht mehr als Herrscher \u00fcber sich anerkennen wird. Die Freiheit des Geistes und dann auch des Lebens breitet sich aus, und wir genie\u00dfen die positiven Folgen dieser Freiheit des Geistes hierzulande und zumal in Institutionen der Bildung und Wissenschaft bis heute.<\/p>\n<p>Wir leiden allerdings auch unter den negativen Folgen dieses Zusammenbruchs der gro\u00dfen Autorit\u00e4ten in Kirche und Staat, wer sagt uns jetzt noch, was Leben bedeutet, was menschliches Leben vor anderem Leben auszeichnet? Wer sagt uns das jetzt noch? \u2026 Wir doch nicht, wir einzelnen Menschen \u2013 oder etwa doch?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nWir f\u00fchlen uns vielleicht nicht so m\u00e4chtig, tats\u00e4chlich aber wird es uns zugetraut, da\u00df wir uns an der Bestimmung, was Leben sei, mitbeteiligen, und sei es wenigstens durch eine Abstimmung, alle paar Jahre wieder. Wir pflegen zwar das Bewusstsein, als k\u00f6nnten wir als einzelne doch nichts ausrichten, aber behandelt werden wir mit staatlicher Genehmigung, als h\u00e4tten wir die M\u00f6glichkeit der Mitbestimmung; wer will, kann sich informieren, Wissen ist zug\u00e4nglich und wird nicht geheim gehalten, vieles ist offen zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Die Schwierigkeit liegt nicht mehr im Verbot oder in der Ver\u00f6ffentlichung von Wissen, sondern in der Un\u00fcberschaubarkeit von Verkettungen: Keiner kann mehr wissen, wie unser Wissen unsere Welt ver\u00e4ndert, menschliche M\u00f6glichkeiten sind zu komplex geworden. So suchen viele Zeitgenossen nach Verminderung der Komplexit\u00e4t, wollen leichtes Wissen, um sich zurechtzufinden. Aber das gibt es nicht mehr, auch nicht in der Religion.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nicht mehr hinter die Entmachtung der alten Herrscher zur\u00fcck, Gott, wie ihn die Menschen sich vorstellten, K\u00f6nige und P\u00e4pste, wie sie herrschten, und wie man sie sich jetzt noch zur\u00fcckw\u00fcnscht, \u00f6ffentlich ausstellt \u2026 das ist eine vergebliche Sehnsucht, die \u00fcber die Notwendigkeiten der Modernen Welt hinwegtr\u00f6stet, als k\u00f6nnte der Segen \u201eUrbi et orbi\u201c das atomare Wettr\u00fcsten aus der Welt schaffen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nAus der Welt schaffen lassen sich die M\u00f6glichkeiten, die der menschliche Geist in der Sch\u00f6pfung gefunden hat, sicher nicht mehr, und viele dieser M\u00f6glichkeiten brauchen wir und genie\u00dfen sie auch, &#8211; und es w\u00e4re naiv, sich im Blick auf das kommende Jahr damit beruhigen zu wollen, da\u00df die Vernunft schon das \u00c4u\u00dferste verhindern werde. Es ist realistisch zu akzeptieren, da\u00df Menschen \u2013 nat\u00fcrlich nicht alle \u2013 aber eben Menschen die Macht haben, die Lebensm\u00f6glichkeiten auf der Erde zu vernichten. Aber Fatalismus, Ergebung in die Gegebenheiten ist auch nicht der Weisheit \u2013 und schon gar nicht des Glaubens letzter Schlu\u00df.<\/p>\n<p>Des Glaubens letzter Schlu\u00df liegt seit dem Turmbau zu Babel im Vertrauen auf Gottes Geist, der damals die Himmelsst\u00fcrmer zerstreute, als ihr Turm ihr Herz so ausf\u00fcllte, da\u00df sie meinten, darin ihre Gemeinschaft gewinnen zu k\u00f6nnen, so wie heutzutage manche Gemeinschaft meint, in den Daten der Wissenschaft und den Taten der Ingenieure die Grundlage der Weltgesellschaft finden zu k\u00f6nnen. Solche selbstherrlichen Gedanken aber sind nicht der Weisheit letzter Schlu\u00df; so sehr sie der Menschen Weisheit und der Menschheit letzter Schlu\u00df sein k\u00f6nnten. Gegen solchen Entwicklungen aber wendet wir uns mit unserem Glauben, dagegen predigen wir.<\/p>\n<p>Wir suchen nach den Wirkungen der Weisheit des Geistes Gottes in unserem Leben; wir suchen nach den Gedanken und Worten, die einen Kontrast bilden zu allem, was aus menschlicher Eigenm\u00e4chtigkeit entsteht und sich nicht dem g\u00fctigen Geistes Gottes unterordnet, der alle Selbstherrlichkeit zerstreut, und will, da\u00df alle leben sollen, und da\u00df sich deshalb die Eigenm\u00e4chtigkeit von Menschen m\u00e4\u00dfigen soll durch Selbsteinsicht und Selbstkritik, die der G\u00fcte Gottes Raum gibt.<br \/>\nDie notwendige Selbstbeschr\u00e4nkung des Menschen aber ist nur m\u00f6glich, wenn sich der Herrschaftsgedanke wirklich ausdifferenziert: Wenn wir merken, wie sehr unser Denken von den Herrschaftsgedanken weltlicher Macht gepr\u00e4gt ist, auch noch wenn wir von Christus und Gott denken und sprechen.<\/p>\n<p>Dabei ist Christus nicht der K\u00f6nig, der \u201ein niedern <strong><em>H\u00fcllen<\/em><\/strong>\u201c, sozusagen verkleidet, gekommen ist, sondern dessen Macht gerade in seiner Ohnmacht sich gezeigt hat, der eben mit Worten, nicht mit Waffen, auch nicht mit Worten wie Waffen, mit Palmen, nicht mit Napalm, und mit Psalmen, nicht mit Paraden den Menschen den Friedensweg gewiesen hat. Ob die Liebe Gottes f\u00fcr uns und f\u00fcr viele zur entwaffnenden Liebe werden kann?<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen weiche Weisen wie die von Paul Gerhardt die Allmachtsgel\u00fcste der Menschen zerstreuen helfen, es sind ja oft Allmachtsgel\u00fcste, die aus Angst entstehen, aus der Angst der einzelnen und ganzer Gemeinschaften, isoliert zu werden oder nicht \u00fcberleben zu k\u00f6nnen, &#8211; und gerade mit dieser Angst bereiten sie sich und anderen den tausendfachen Tod, wie im 30j\u00e4hrigen Krieg.<\/p>\n<p>Der 30j\u00e4hrige Krieg h\u00e4tte den Menschen eine Lehre sein k\u00f6nnen, was geschieht, wenn man die Vorstellung g\u00f6ttlicher Allmacht missversteht und Gott zum Garanten menschlicher Weltherrschaften macht \u2026 diese Vorstellung hat damals angefangen, ihre schreckliche Wirkung zu entfalten und hat sich immer weiter verselbst\u00e4ndigt. Aus dem \u00dcberlebenskampf des Menschen in den alten J\u00e4gerkulturen ist nun endg\u00fcltig eine Kriegskultur der V\u00f6lker gegeneinander geworden, m\u00fchsam geb\u00e4ndigt unter ein politisches Dach, das der UNO \u2013 die Solidarit\u00e4t Christi mit den Leidenden im Leiden bewegt heute wie eh und je nur wenige zum Umdenken, auch die Kirchen in Deutschland wollen gerne m\u00e4chtig sein, sie wollen wirken \u2026und \u00fcbersehen dabei ihre st\u00e4rkste und zugleich empfindlichste Kraft: Die Liebe, sie wird auf das Gef\u00fchl beschr\u00e4nkt und darin einigerma\u00dfen freigelassen, aber zur Beherrschung der Welt erscheint sie den Herrschenden als nicht geeignet.<\/p>\n<p>Dabei liegt die Wirkung der Liebe ganz nahe, wir haben gleich am Anfang davon gesungen:<\/p>\n<p>\u201eDem Herren musst du trauen, wenn Dir\u2019s soll wohlergehn;<br \/>\nAuf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Wechsel der Perspektive ist die entscheidende, lebenserhaltende Wirkung der Liebe:<br \/>\nDenn Gottes Werke, auf die wir schauen sollen, liegen doch vor unsern Augen<\/p>\n<p>Wir sind es selbst, Sie und ich, die Menschen sind Gottes Werk und sie allein sind mit den Augen der Liebe wirklich zu erkennen, n\u00e4mlich in ihrer Existenz anzuerkennen. Diese Auffassung reicht, um das Leben auf dieser Erde zu sch\u00fctzen und zu schonen, deshalb ist es ein Vorgang der Lebensrettung, wenn wir mit dem Psalter und dem Dichter sagen:<\/p>\n<p>Befiehl dem <em>Herrn<\/em> Deine Wege Und hoffe auf <em>Ihn ..<\/em><\/p>\n<p>Wie es in der 8. Strophe hei\u00dft:<\/p>\n<p>Ihn, ihn la\u00df tun und walten, er ist ein weiser F\u00fcrst<br \/>\nUnd wird sich so verhalten, da\u00df du dich wundern wirst,<br \/>\nwenn er, wie ihm geb\u00fchret, mit wunderbarem Rat<br \/>\ndas Werk hinausgef\u00fchret, das dich bek\u00fcmmert hat.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns diese 8. Strophe nun auch noch singen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nMag sein, da\u00df jetzt viele \u00fcber uns den Kopf sch\u00fctteln und sagen: Wer auf Gott die Verantwortung abschiebt, der mu\u00df sich nicht wundern, wenn das B\u00f6se in der Welt siegt, wenn die lebenszerst\u00f6renden Kr\u00e4fte die Oberhand behalten.<\/p>\n<p>Aber ich meine, es ist noch viel zu wenig versucht worden, mit dieser ganz anderen Vorstellung von Gott zu leben: Er geht mit den Menschen \u2013 in ihrem Leid, nicht absolut herrschend, sondern so wie ein Begleiter beeinflusst, solidarisch, ohne die Haltung des Herrschers, sondern als Freund, dem man sein Leid klagen kann, die Kr\u00e4nkung des Herzens, der aber auch kritisiert, indem er sich abwendet oder darin, wie er nachfragt.<\/p>\n<p>Diese zweite Variante ist schwerer zu erkennen, aber genau darum haben wir uns zu bem\u00fchen; sie ist viel n\u00e4her an der Botschaft des Evangeliums, als viele bisher als christlich vertretenen Vorstellungen von Gott und seiner Sch\u00f6pfermacht.<\/p>\n<p>Die Allmacht der Gewalt ist verurteilt, gerichtet, die Menschen d\u00fcrfen in Freiheit leben, in Liebe gebunden \u2026 es ist die Freiheit der Liebe, die von der Ordnung der Rache und von Machtanspr\u00fcchen befreit \u2026 Nur wer es aush\u00e4lt, Kr\u00e4nkungen zu bedenken und aufzunehmen, wirkt als eine Macht, die Menschen hilft.<\/p>\n<p>Dies ist die Allmacht <em>Gottes<\/em>: Sie herrscht nicht nach Menschenweise, wie wir es immer wieder denken. Gott wirkt ganz anders, aber keineswegs unverst\u00e4ndlich, durch G\u00fcte. Auch Worte, die ja als Waffen wirken k\u00f6nnen, werden von Gott zu Mitteln seiner G\u00fcte umgeformt. Dies ist der Himmel, von dem der letzte Vers singt, eine Welt, in der die kr\u00e4ftige G\u00fcte Gottes die Menschen auf den Weg des Friedens ruft, auf dem wir uns gegenseitig zu einem guten, liebevollen Leben dienen, und dies nicht erst im Tod, sondern schon hier, denn das ist das Ende unserer Not.<\/p>\n<p>Da werden wir dann auch noch eine 13. Strophe singen:<\/p>\n<p><em>Die dreizehnte Strophe:<br \/>\n<\/em>La\u00df uns auf unsern Wegen Stets deine G\u00fcte sp\u00fcrn,<br \/>\ngib, da\u00df durch Deinen Segen, wir unsere Tage f\u00fchrn.<\/p>\n<p>Und wenn dann unser Leben Uns auf das Ende lenkt,<br \/>\nso sei uns Geist gegeben, der nichts als dich mehr denkt. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Lieder: 58 (evtl.in Auswahl) \u2013 361, 1 \u2013 4 (w\u00e4hrend der Predigt: 5 \u2013 7 und 8). \u2013 64<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Universit\u00e4tsprediger Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost, Bonn<br \/>\n<a href=\"mailto:r.schmidt-rost@uni-bonn.de\">r.schmidt-rost@uni-bonn.de<\/a><br \/>\n<a href=\"mailto:R.Schmidt-Rost@web.de\">R.Schmidt-Rost@web.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Altjahresabend (Silvester), 31. Dezember 2006 \u201eBefiehl Du Deine Wege\u201c (EG 361), verfa\u00dft von Reinhard Schmidt-Rost Liebe Gemeinde! 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