{"id":11643,"date":"2021-02-07T19:48:50","date_gmt":"2021-02-07T19:48:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11643"},"modified":"2023-03-09T16:48:30","modified_gmt":"2023-03-09T15:48:30","slug":"johannes-12-44-50-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-12-44-50-2\/","title":{"rendered":"Johannes 12, 44-50"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach dem Christfest, 31. Dezember 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 12, 44-50, verfa\u00dft von Mira Stare <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Glaubende,<\/p>\n<p>der heutige Sonntag ist zugleich der letzte Tag in diesem Jahr. Das Jahr 2006 ist in einigen Stunden beendet und das neue Jahr 2007 beginnt. Mit dem Jahreswechsel erleben wir einen \u00dcbergang. Einerseits blickt man noch einmal auf das Geschehene im vergangenen Jahr zur\u00fcck und man zieht aufgrund der gemachten Erfahrungen pers\u00f6nliche Erkenntnisse und Beschl\u00fcsse daraus. Andererseits orientiert man sich f\u00fcr das kommende Jahr, f\u00fcr den noch bevorstehenden Weg. In einer solchen \u00dcbergangssituation ist die Frage nach dem \u201eWohin\u201c bzw. nach dem Sinn unseres Lebens wieder lebendig und wir sind innerlich aufgefordert, eine Antwort darauf zu geben.<\/p>\n<p>Das Johannesevangelium bezeugt wiederholt, wie Jesus den Sinn seines Lebens und das Ziel seines Kommens st\u00e4ndig vor den Augen hatte. Er \u00e4u\u00dferte sich immer wieder, wozu er in diese Welt gekommen ist. Auch im Evangelium f\u00fcr den heutigen Sonntag h\u00f6ren wir den johanneischen Jesus, der unmittelbar vor seiner Passion den Sinn seiner gesamten Sendung noch einmal in einer zusammenfassenden Form wiedergibt. Er spricht \u00fcber den Sinn seines Kommens in diese Welt.<\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><em> Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der<\/em><em>Finsternis bleibt\u201c (Joh 12,46).<br \/>\n<\/em>Jesus beschreibt sein Kommen in die Welt mit dem Bild vom Licht. Er selber versteht sich als Licht, das in die Welt gekommen ist. Seine Funktion als Licht sieht er darin, da\u00df Menschen nicht in der Finsternis bleiben, n\u00e4mlich jeder, der an ihn glaubt. Jesus spricht eine dunkle Realit\u00e4t dieser Welt an. Das ist die Finsternis. Die Finsternis verhindert das Sehen. Es wird alles dunkel und gleich. Die Finsternis ist in der Bibel ein Bild f\u00fcr Chaos, Unheil und Tod. Das Bleiben in der Finsternis bedeutet auf diesem Hintergrund das Bleiben im Chaos, Unheil und Tod. Die Dauerhaftigkeit und die Unver\u00e4nderlichkeit dieses unheilvollen Zustandes und die Ohnmacht des Menschen, selber diesen Zustand zu ver\u00e4ndern, kommen mit dem Bild des \u201eBleibens in der Finsternis\u201c deutlich zum Ausdruck.<br \/>\nIst dieses Bild f\u00fcr unsere Zeit noch entsprechend, auch f\u00fcr mich pers\u00f6nlich? Oder klingt es f\u00fcr unsere Ohren etwas zugespitzt, wenn in der Bibel so h\u00e4ufig auch finstere Seiten der menschlichen Existenz zum Ausdruck kommen? Wir leben in einer Zeit, in welcher jeder von uns st\u00e4ndig aufgefordert wird, erfolgreich und gl\u00fccklich zu sein, steile Aufstiege und Spitzenleistungen in der Karriere wie auch im privaten Leben zu machen. Es werden Bed\u00fcrfnisse erzeugt, f\u00fcr sich selber eine heile Welt zu konstruieren und diese durch eigene Leistungen zu verantworten. Demgegen\u00fcber betreffe das Unheil diejenigen, die nicht erfolgreich sind, die nicht richtige Strategien in ihrem Leben gew\u00e4hlt haben, die ihre Chancen vers\u00e4umt oder unter ungl\u00fccklichen Umst\u00e4nden vielleicht nie bekommen haben. Ist es wirklich so, da\u00df wir und nur wir selber unser Heil und Gl\u00fcck in der Hand haben? Machen wir damit nicht unsere Augen zu, vor allem vor dem, was wir selber nicht bestimmen k\u00f6nnen? Verdr\u00e4ngen wir nicht dadurch unsere Schwachheit und Ohnmacht \u2013 endlich auch angesichts des Todes, weil unsere moderne Denkweise auf der Seite der Starken so eine Schw\u00e4che nicht ertragen kann?<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber blendet die Bibel die unheilvollen Situationen nicht aus. Sie sind ihr vertraut und betreffen jeden Menschen, zuletzt angesichts des Todes. Biblische Texte sind einstimmig im Gedanken, da\u00df der Mensch sich selbst aus dem Unheil und dem Tod nicht retten kann. Alle \u2013 auch starke \u2013 Menschen sind heilsbed\u00fcrftig und alle k\u00f6nnen das Heil nur auf dem geschenkten und nicht selbstgemachten Weg erreichen. Die Sendung Jesu als Licht gilt der Welt, das bedeutet der ganzen Menschheit. Zweimal spricht Jesus im heutigen Evangelium von der Welt und beidemal von seinem f\u00fcr die Menschheit heilbringenden Kommen. Zuerst im Kontext seiner bereits erw\u00e4hnten Selbstbezeichnung als Licht der Welt. Und zum zweiten Mal in der folgenden Aussage:<br \/>\n<em>\u201eDenn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten\u201c (Joh 12,47b).<br \/>\n<\/em>Diese Heilszusage Jesu macht deutlich: Das Heil bzw. die Rettung ist ein Geschenk Gottes in Jesus an uns Menschen. Der Mensch selber ist nicht der Heilmacher. Jeder Mensch bleibt angesichts des Heils von Gott abh\u00e4ngig. Er hat jedoch die M\u00f6glichkeit, diese Gabe und damit Jesus und seine Worte anzunehmen oder abzulehnen.<br \/>\nWie die Ablehnung bzw. die Annahme des von Jesus angebotenen Heils konkret praktiziert wird, verdeutlich der johanneische Jesus in diesem Zusammenhang weiter. Die Zeichen der Ablehnung Jesu sind: seine Worte nur zu h\u00f6ren, aber nicht zu befolgen. Seine Worte nicht richtig anzunehmen, bedeutet f\u00fcr Jesus, ihn selbst zu verachten. Die radikale Folge der Ablehnung Jesu und des Nicht-Befolgens seiner Worte ist f\u00fcr Menschen das Selbstgericht. Er sagt:<br \/>\n<em>\u201cWer mich verachtet und meine Worte nicht annimmt, der hat schon seinen Richter:<br \/>\nDas Wort, das ich gesprochen habe, wird ihn richten am Letzten Tag\u201c (Joh 12,48).<br \/>\n<\/em>Dagegen bedeutet die Annahme Jesu und seiner Worte f\u00fcr Menschen das ewige Leben.<\/p>\n<p>Liebe Glaubende, das Wort Gottes f\u00fcr den heutigen Tag l\u00e4dt uns ein, uns als heilsbed\u00fcrftige Menschen zu erkennen. Noch mehr, es l\u00e4dt uns zu einem Umdenken ein, n\u00e4mlich das Heil nicht von uns selbst zu erwarten, sondern nur von Gott, dem Vater, und seinem Sohn Jesus Christus, der den Weg vom Tod zum ewigen Leben f\u00fcr uns vorbereitet hat und diesen Weg als erster uns vorausgegangen ist. Nur so kann die bereits im Prolog des Johannesevangeliums erw\u00e4hnte tragische Ablehnung des Heils und des Lebens ein Ende finden. Dort hei\u00dft es:<br \/>\n<em>\u201e<\/em><em> In ihm (dem Wort) war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfa\u00dft \/ ergriffen\u201c (Joh 1,4-5).<br \/>\n<\/em> Auch im Gespr\u00e4ch mit Nikodemus geht Jesus gerade diesem Problem auf die Wurzel:<br \/>\n<em> \u201eD<\/em><em>enn mit dem Gericht verh\u00e4lt es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren b\u00f6se\u201c (Joh 3,19).<br \/>\n<\/em> Wenn das menschliche Handeln nicht mehr dem Leben dient, sondern es unterdr\u00fcckt, dann wird die Finsternis mehr als das Licht und der Tod mehr als das Leben geliebt.<br \/>\nEs stellt sich die Frage, wann die Trennung von der Finsternis m\u00f6glich ist, was die Voraussetzung daf\u00fcr ist, da\u00df das Licht mehr als die Finsternis geliebt wird. Das kann erst geschehen, wenn man sich als heilsbed\u00fcrftiger Mensch erkennt. Dann wird man sich zum Licht und zum Leben wenden und zu Jesus, der in seiner Person dieses Licht und Leben verk\u00f6rpert. So ist die Nachfolge Jesu bereits von diesem Licht gekennzeichnet:<br \/>\n<em>\u201c<\/em><em> Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben\u201c (Joh 8,12).<br \/>\n<\/em> Wir sind eingeladen zu dieser Nachfolge Jesu, indem wir zu unserer inneren Angewiesenheit auf Gott \u201eJa\u201c sagen und das uns von Gott geschenkte Leben bejahen. Auch hier geht Jesus uns voraus in seiner st\u00e4ndigen Verbundenheit mit dem Vater. Der Anfang und das Ende des heutigen Evangeliums bezeugen seine Verbundenheit mit dem Vater eindeutig:<br \/>\n<em>\u201cWer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat, und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat \u2026 Denn was ich gesagt habe, habe ich nicht aus mir selbst, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir aufgetragen, was ich sagen und reden soll. Und ich wei\u00df, da\u00df sein Auftrag ewiges Leben ist\u201c (Joh 12,44-45.49-50). <\/em><\/p>\n<p>Die Gemeinschaft mit Jesus und dem Vater bleibt auch im kommenden Jahr f\u00fcr uns alle offen und zug\u00e4nglich als Ort und Quelle des unzerst\u00f6rten Lebens. Machen wir uns auf den Weg aus unseren unvollst\u00e4ndigen Selbstsicherheiten zu diesem Ort des Lebens in F\u00fclle!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\"><strong>Dr. Mira Stare <\/strong><br \/>\n<strong>Institut f\u00fcr Bibelwissenschaften und Historische Theologie <\/strong><br \/>\n<strong>Katholisch-Theologische Fakult\u00e4t <\/strong><br \/>\n<strong>Karl-Rahner Platz 1 <\/strong><br \/>\n<strong>A-6020 Innsbruck <\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"mailto:mira.stare@uibk.ac.at\">mira.stare@uibk.ac.at<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach dem Christfest, 31. Dezember 2006 Predigt zu Johannes 12, 44-50, verfa\u00dft von Mira Stare Liebe Glaubende, der heutige Sonntag ist zugleich der letzte Tag in diesem Jahr. Das Jahr 2006 ist in einigen Stunden beendet und das neue Jahr 2007 beginnt. Mit dem Jahreswechsel erleben wir einen \u00dcbergang. 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