{"id":11650,"date":"2021-02-07T19:48:51","date_gmt":"2021-02-07T19:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11650"},"modified":"2023-03-09T14:54:09","modified_gmt":"2023-03-09T13:54:09","slug":"johannes-8-31-36-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-8-31-36-2\/","title":{"rendered":"Johannes 8, 31-36"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">Altjahresabend (Silvester), 31. Dezember 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 8, 31-36, verfa\u00dft von Hermann Lichtenberger<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"center\"><strong>Wahre Freiheit<\/strong><\/p>\n<p>Wir blicken heute zur\u00fcck auf das vergangene Jahr mit seinen Freuden und Leiden, seinem Gl\u00fcck und seinem Schmerz, auf Geburt und Tod. Wir fragen uns an diesem Tag auch, was aus unseren Vors\u00e4tzen geworden ist, zum Beispiel dem, sich in diesem Jahr nicht mehr durch andere bestimmen zu lassen, sich nicht mehr den Terminkalender durch Fremde f\u00fcllen zu lassen, nicht mehr nach der Pfeife anderer zu tanzen, sondern sich endlich Freir\u00e4ume zu schaffen, um selbstbestimmt das berufliche und pers\u00f6nliche Leben zu f\u00fchren, ja, endlich frei zu sein.<\/p>\n<p>Was macht frei? Viele Rezepte begegnen auf dem Markt der M\u00f6glichkeiten: \u201eStadtluft macht frei\u201c lockte bereits im Mittelalter in die St\u00e4dte, heute versprechen Lernen und Bildung Freiheit, Geld und Erfolg. Die einen erhoffen sich Freiheit im Erinnern, andere im Vergessen, und uns bleibt das Wort im Halse stecken, wenn wir an die zynischste Variante denken, die menschliche Bosheit ersann, und die \u00fcber dem Tor zur H\u00f6lle von Auschwitz stand: \u201eArbeit macht frei\u201c.<\/p>\n<p>Es wird uns bewusst, dass Welten zwischen den unterschiedlichen Definitionen von Freiheit stehen, und die Art und Weise, wie sie erlangt wird, noch verschiedener sind. Jenseits einer solchen fast willk\u00fcrlichen und darum orientierungslosen Beliebigkeit spricht Jesus im Predigttext des heutigen letzten Tages des Jahres 2006 in ganz pointierter Weise von Freiheit und wie sie zuteil wird.<\/p>\n<p>Der Abschnitt steht in einem sich in der Polemik gegen Juden ins Unertr\u00e4gliche steigernden Dialog. In der Gespr\u00e4chsphase unseres Textes ist der Ton noch ruhig, geradezu werbend und zun\u00e4chst an solche gerichtet, die zum Glauben an Jesus gekommen sind. Sie sind dann in Wahrheit seine J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger, wenn sie in seinem Wort bleiben. \u201eBleiben\u201c ist das sich in Anfechtung und Anfeindung vertrauensvolle Bergen in Christus und seinem Wort. Bleiben bei Jesus ist nur m\u00f6glich, weil <em>er<\/em> in <em>uns<\/em> bleibt, wie im Bild vom Weinstock und den Reben (Kap. 15) vor Augen gef\u00fchrt wird, und das seinen Ausdruck in der Liebe Jesu zu den Seinen und in ihrem Bleiben in seiner Liebe und in der Liebe untereinander findet. Bleiben \u201ein meinem Wort\u201c gleicht einem sch\u00fctzenden Raum, in dem Licht und Liebe begegnen. In ihm wird uns Leben geschenkt, das alles \u00fcbertrifft, was <em>wir<\/em> uns als Leben vorstellen k\u00f6nnen. Hier wird die Wahrheit erkannt und in der Wahrheit die Freiheit geschenkt.<\/p>\n<p>Wahrheit ist hier, wie \u00fcberhaupt f\u00fcr das Johannesevangelium, nicht eine abstrakte Idee, sondern ganz konkret das in Jesus geschenkte Heil. Wie Wahrheit in der alttestamentlich-j\u00fcdischen \u00dcberlieferung Inbegriff und Zusammenfassung des den Menschen geoffenbarten und zukommenden Heils Gottes ist, so ist Wahrheit im Johannesevangelium der Inbegriff des in der Inkarnation, im Wohnen des Wortes unter uns und in Kreuz und Erh\u00f6hung geschenkten Heils in Jesus Christus. Nur so erschlie\u00dft sich all das, was in der Wahrheit erkannt wird: Der Heilswille Gottes f\u00fcr alle Menschen und die S\u00fcndenverfallenheit aller. Im Lamm Gottes, das die S\u00fcnden der Welt tr\u00e4gt, erkennen wir Gottes Liebe in Christus und unsere Schuld zugleich. Die Erkenntnis der Wahrheit, die Jesus selbst ist, und das Gewahrwerden, wer wir sind, macht uns frei. Frei von dem Wahn, dass wir je unsres eigenen Gl\u00fcckes Schmied sein sollten oder k\u00f6nnten. Frei auch von dem Irrtum, wir k\u00f6nnten uns selbst mit guten Vors\u00e4tzen und festem Willen selbst befreien. Die Erkenntnis der Wahrheit f\u00fchrt zur Einsicht in unsere wahre Situation, dass wir n\u00e4mlich, johanneisch gesprochen, ohne das Bleiben bei Jesus in der Finsternis leben. Wie tief diese Finsternis ist, wird erst erkennbar durch den, der das Licht des Lebens ist. Aus dem Wandel in der Finsternis trete ich in das Licht, das Leben ist.<\/p>\n<p>Im Dialog, den Jesus in unserem Text f\u00fchrt, ruft das Stichwort vom \u201eBefreien\u201c ein Gegenargument auf den Plan. Wovon, so fragen Jesu Gespr\u00e4chspartner, sollen wir befreit werden? Als Kinder Abrahams sind wir doch nie Sklaven, sondern immer Freie gewesen! Nur Sklaven bed\u00fcrfen der Befreiung! Wie wahr \u2013 aber Jesus korrigiert das Missverst\u00e4ndnis: Er hat nicht von Leibeigenschaft und Sklaverei gesprochen, sondern von der Versklavung unter die S\u00fcnde. Wer s\u00fcndigt, ist Sklave der S\u00fcnde. Paulus macht diese verzweifelte Situation des Menschen ohne Christus in dramatischen und h\u00f6chst anschaulichen Bildern klar: Wie ein Sklave bin ich verkauft unter die S\u00fcnde, wie ein Kriegsgefangener werde ich im Gesetz der S\u00fcnde gefangen gehalten. Ich elender Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leibe retten? (R\u00f6m 7). Allein in Jesus Christus ist die Rettung: \u201eWenn euch der Sohn befreit, werdet ihr wirklich frei sein.\u201c Der Sohn kann wie der Vater den Versklavten die Freiheit geben: Die Freiheit von der Sklaverei des B\u00f6sen, die uns immer tiefer in Unfreiheit verstrickt. Aber auch die Freiheit von der Versklavung an uns selbst, die wir bei allem Guten, das wir beabsichtigen, immer nur die Gebrochenheit unserer eigenen Existenz erfahren. So befreit, brauchen wir keine Herren mehr zu f\u00fcrchten, weder die, die sich uns aufdr\u00e4ngen, noch die, die wir uns selbst schaffen.<\/p>\n<p>Am heutigen Tag blicken wir zur\u00fcck. Wir sehen auf dies Jahr, was es uns bedeutet hat, was es uns gab, was es uns unverdient schenkte, was es uns vorenthielt, was es uns nahm. Ein Jahr, in dem wir viel Freundlichkeit und unerwartetes Gl\u00fcck empfangen haben. Ein Jahr, in dem auch wir vielleicht versuchten, etwas mehr Freundlichkeit in unsere Welt zu bringen, und in dem wir doch schuldig geworden sind.<\/p>\n<p>Unser Predigttext richtet den Blick zun\u00e4chst auch zur\u00fcck. Nicht aber auf uns, sondern auf Jesus und den in Weihnachten offenbar werdenden Heilswillen Gottes in seinem Sohn. Das lenkt den Blick nach vorne in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes: \u201eWenn euch der Sohn befreit, werdet ihr wirklich frei sein\u201c! In dieser Freiheit k\u00f6nnen wir getrost die Lasten des alten Jahres hinter und lassen und befreit von ihnen als Jesu wahre J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger in das Neue Jahr gehen, in dem bei uns zu bleiben er zusagt.<\/p>\n<p>\u201eErhalt uns in der Wahrheit,<br \/>\ngib ewigliche Freiheit,<br \/>\nzu preisen deinen Namen<br \/>\ndurch Jesus Christus. Amen.\u201c (EG 320,8)<\/p>\n<hr \/>\n<p>Liedvorschlag: EG 58 vollst\u00e4ndig auf den Gottesdienst verteilt singen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Hermann Lichtenberger<br \/>\nEvangelisch-theologische Fakult\u00e4t<br \/>\nLiebermeisterstr. 12<br \/>\n72076 T\u00fcbingen<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:hermann.lichtenberger@uni-tuebingen.de\">hermann.lichtenberger@uni-tuebingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Altjahresabend (Silvester), 31. 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