{"id":11653,"date":"2021-02-07T19:48:49","date_gmt":"2021-02-07T19:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11653"},"modified":"2023-03-10T12:42:33","modified_gmt":"2023-03-10T11:42:33","slug":"jesaja-4319a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-4319a\/","title":{"rendered":"Jesaja 43,19a"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Neujahrstag, 1. Januar 2007<br \/>\nPredigt zur Jahreslosung 2007, verfa\u00dft von Paul Kluge <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>Jahreslosung 2007, Jesaja 43,19a:<br \/>\n<\/em>Gott spricht: Siehe, nun schaffe ich Neues, schon sprosst es, gewahrt ihr es nicht?<em> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/p>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>dieses Wort aus dem zweiten Teil des Jesajabuches will uns als Jahreslosung durch das noch neue Jahr begleiten, und dazu scheint es gut geeignet: Von Neuem ist die Rede und dass es schon sprosst. Noch kaum wahr zu nehmen, aber doch: Es sprosst. So wie zu dieser Jahreszeit Schneegl\u00f6ckchen und Krokus sprossen Wir sehen nichts davon, doch bald schon werden sie es uns zeigen, und wir werden uns daran erfreuen. Nun k\u00f6nnte ich mit Ihnen phantasieren, was sonst noch alles so sprosst, um uns im neuen Jahr zu erfreuen. Doch ganz so einfach geht das nicht, das w\u00fcrde dem Text nicht gerecht und w\u00e4re zudem ziemlich platt. Derlei Plattit\u00fcden \u00fcberlasse ich gern den Esoterikern unserer Zeit.<\/p>\n<p>Die Jahreslosung entstammt einer l\u00e4ngeren Rede des zweiten Jesaja. Er wird heute so genannt, weil sein Name unbekannt ist; seine Predigten stehen in den Kapiteln 40 bis 55 des Jesajabuches. Er lebte mit seinen gefangenen und verschleppten Landsleuten in Babylon; rein hypothetisch und mit viel Phantasie k\u00f6nnte es Baruch sein, der pers\u00f6nliche Referent Jeremias. Ich nenne ihn heute Baruch, den Gesegneten. In einer seiner Predigten sagt er unter anderem: (VV 14 \u2013 21 &#8230;)<\/p>\n<p>Die das zu h\u00f6ren bekamen, trugen das schwere Los babylonischer Umsiedlungspolitik. Nach der Zerst\u00f6rung Jerusalems im Jahre 586 vor Christus hatte Nebukadnezar nur die Arbeiter und Bauern im Land gelassen; mit denen war eh kein Staat zu machen. Mit den Alten und Kranken auch nicht, auch sie durften im Lande bleiben. Die B\u00fcrgerlichen aber und die Gebildeten, die Priesterschaft und den Adel hatte Nebukadnezar aus ihrer Heimat verschleppt; sie, die \u00fcber gen\u00fcgend Bildung und Erfahrung verf\u00fcgten, ein Staatswesen zu organisieren, sie hatte er sich als Arbeitssklaven ins Land geholt. Die zur\u00fcckgelassenen Arbeiter und Bauern hatten vor allem die Besatzungstruppen zu versorgen, die Verschleppten aber mit ihrem Wissen und K\u00f6nnen den neuen Herren zu dienen.<\/p>\n<p>Das war mehrfach bitter: Da war der Verlust der Heimat, der Verlust von Hab und Gut, von Freunden und Verwandten. Da war der Verlust genossenen Ansehens und empfangener Ehren, der Verlust des guten, \u00fcber Generationen aufgebauten Namens der Familien auch. Da war der Verlust eigener Kultur und Sprache, der Verlust von Identit\u00e4t. Und da war der Verlust des Tempels als dem Ort, der das Volk geeint hatte. Jetzt waren die S\u00f6hne und T\u00f6chter Abrahams, frei geboren und nur ihrem Gott untertan, fremder Leute Knechte und M\u00e4gde. Mussten gehorchen, wo sie zuvor angeordnet hatten, mussten s\u00e4en ohne davon zu ernten, H\u00e4user bauen ohne darin zu wohnen, mussten weben ohne den Stoff zu tragen. Das war entw\u00fcrdigend, und deshalb fiel alles Schwere doppelt schwer.<\/p>\n<p>Unter den Verschleppten war auch Baruch. Er hatte f\u00fcr den Propheten Jeremia gearbeitet, viel von ihm gelernt und war ihm vertraut gewesen. Jeremia durfte wegen seines Alters im zerst\u00f6rten Jerusalem bleiben. Baruch litt wie seine Mitgefangenen, und es war vor allem ein Leiden der Seele. Doch w\u00e4hrend viele mit Gott haderten und vorwurfsvoll fragten, wie Gott das habe zulassen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend andere an Gott zweifelten und ihren Glauben verloren, auch wegwarfen, hielt Baruch seinen Glauben fest. Der gab ihm Kraft, gab ihm Hoffnung, sogar Zuversicht. Damit wurde das Leiden etwas ertr\u00e4glicher, der Blick freier f\u00fcr ein Leben unter den herrschenden Bedingungen, so schlimm sie auch waren.<\/p>\n<p>Baruch begann, von seinem Glauben zu erz\u00e4hlen, von seiner Hoffnung. Griff auf das zur\u00fcck, was er von Jeremia gelernt und was der ihm als Verm\u00e4chtnis ins Exil mitgegeben hatte. Anders aber als Jeremia, der vergeblich vor dem gewarnt hatte, was nun eingetreten war, erkannte Baruch, dass die Menschen Trost brauchten, dass er sie aufbauen, ihnen Leben er\u00f6ffnen und Hilfe zum Leben anbieten musste.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr nahm er sich zweierlei vor: Zum einen wollte er die Hoffnung auf R\u00fcckkehr wach halten und n\u00e4hren. Denn kein Zustand auf Erden ist von ewiger Dauer. Zw\u00f6lf Jahre mag ein Unrecht dauern, vielleicht auch 40, doch es vergeht. Zum anderen wollte er die Menschen anregen, sich in ihrer Gegenwart einzurichten. Denn was war, ist gewesen, l\u00e4sst sich nicht wieder herstellen, auch der sch\u00f6nste Augenblick verweilt nicht und auch nicht der schlimmste. Doch der Blick in die Vergangenheit kann helfen, in der Gegenwart die Zukunft vorzubereiten. Das Leben aber spielt in der Gegenwart und soll so angenehm wie m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Baruch begriff die Menschen nicht, die mit verkl\u00e4rtem Blick von fr\u00fcher sprachen, dadurch ihr Leiden an der Gegenwart noch verst\u00e4rkten. Ihnen galt seine besondere Sorge, denn weder die M\u00f6glichkeiten der Gegenwart sahen sie noch sahen sie \u00fcberhaupt eine Zukunft. Sie lebten ohne Perspektive und ohne Realit\u00e4tsbezug. \u201eBlickt zur\u00fcck in euer Leben,\u201c forderte Baruch sie auf, \u201eblickt auf das Schwere, das ihr durchgemacht habt, auf Gefahren, die ihr \u00fcberstanden habt, blickt auf alles, was euer Leben bedroht hat: Ihr habt all das \u00fcberlebt, ihr lebt und werdet weiter leben. Blickt zur\u00fcck in die Geschichte: Als unser Volk zwischen dem Roten Meer und dem \u00e4gyptischen Heer in auswegloser Lage war, hat Gott ihm da nicht einen Weg durch die Fluten er\u00f6ffnet, hat er da nicht die drohende Vernichtung vernichtet? Und hat er nicht, als K\u00f6rper, Geist und Seele vor lauter W\u00fcste zu verdursten drohten, lebendiges Wasser sprudeln lassen? Blickt zur\u00fcck in euer Leben, blickt zur\u00fcck in die Geschichte: Gott hat uns nicht immer vor Schlimmem bewahrt, denn das meiste davon kommt von Menschen. Aber er hat uns stets daraus, stets davon befreit. Aus jeder Angst, Not und Gedr\u00e4nge hat er euch auf geraume Bahn gef\u00fchrt \u2013 und deshalb k\u00f6nnen wir darauf rechnen, dass er auch f\u00fcrderhin so handeln wird. Verlasst euch drauf, und nehmt euer Schicksal an.\u201c<\/p>\n<p>Manche derer, die ihn so reden h\u00f6rten, sch\u00fcttelten die K\u00f6pfe \u00fcber ihn, fanden sein Vertrauen unglaublich, zweifelten gar an seinem Verstand. Einige verd\u00e4chtigten ihn gar der Kollaboration mit den Babyloniern, unterstellten ihm, in deren Auftrag f\u00fcr bessere Stimmung unter den Gefangenen zu sorgen, um Aufruhr zu verhindern. Noch andere wurden nachdenklich, denn sie sahen im R\u00fcckblick manche Bewahrung, manche Befreiung, die sie erlebt hatten. Erkannten, dass nicht Not und nicht Gefahr das Wichtigste in ihrem Leben waren, sondern die Bewahrung in, die Befreiung aus Not und Gefahr.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger sie dar\u00fcber nachdachten, auch miteinander dar\u00fcber sprachen, um so mehr ver\u00e4nderte sich ihr Blick auf die Gegenwart, ihr Blick in die Zukunft. \u201eDas Leben ist nun mal schwer, was soll ich es mir selber durch Jammern und Klagen noch schwerer machen!\u201c stellte einer fest, und ein anderer erg\u00e4nzte: \u201eWenn ich mich an der Gegenwart nur reibe, reibe ich mir die Seele wund und am Ende mich selber auf. Damit kann ich keinem Menschen n\u00fctzen.\u201c Woraufhin ein dritter einwarf, das bedeute aber nicht, alles hinzunehmen und zu schlucken, Unrecht und Ungerechtigkeit zum Beispiel. Das aber, meinte der zweite, sei nur m\u00f6glich, wenn man offene Augen f\u00fcr die Gegenwart habe. Dann k\u00f6nne man sehen, was f\u00fcr die Zukunft ge\u00e4ndert werden m\u00fcsse. \u201eWir m\u00fcssen das Beste draus machen,\u201c stellte der erste fest. \u201eVon der Vergangenheit zu tr\u00e4umen, macht zwar unzufrieden, aber nicht satt.\u201c \u2013 \u201eBaruch hat schon recht,\u201c best\u00e4tigte der dritte, \u201eals Volk und als Menschen sind wir immer wieder in tiefstes Dunkel geraten, und besonders aus dunkelsten Tiefen haben wir dann zu Gott gerufen. Immer wieder sind wir durchgekommen und herausgekommen. Das wird wohl auch so bleiben: Gott wird Neues schaffen. Vermutlich sprosst es schon, und wir werden es nur nicht gewahr. Lasst uns die Augen offen halten.\u201c Amen<\/p>\n<p>Gebet: Guter Gott, wenn wir auf das zur\u00fcckblicken, was war, k\u00f6nnen wir erkennen, dass und wie du uns gef\u00fchrt hast: Aus manchem, das uns gefangen halten wollte, hast du uns befreit; in mancher Gefahr hast du uns bewahrt, in mancher Not geholfen, hast uns aus manchem Dunkel wieder ins Licht gef\u00fchrt. Daf\u00fcr wollen wir dir heute danken.<\/p>\n<p>Manchmal aber blicken wir zur\u00fcck und sehnen uns nach dem, was war, sehnen uns nach Verloren- und Untergegangenem. Oft f\u00e4llt es uns dann schwer, unsere Gedanken zu l\u00f6sen und auf unser Heute zu richten. Oft auch verkl\u00e4ren wir Vergangenes und erleben dadurch die Gegenwart als nur schlecht und b\u00f6se. Darum bitten wir dich heute: Lass uns die Gegenwart und unser Los in ihr annehmen, lass uns Gutes dankbar annehmen und gegen B\u00f6ses angehen.<\/p>\n<p>Guter Gott, was das neue Jahr, was die Zukunft bringt, wissen wir nicht. Doch da du uns bis hierher gebracht hast, vertrauen wir darauf, dass du auch mit uns in die neue Zeit ziehst. Darum k\u00f6nnen wir getrost und zuversichtlich nach vorn blicken und dir unsere Wege befehlen. Was wir erhoffen und was wir bef\u00fcrchten, bedenken wir in der Stille &#8230;<\/p>\n<p>Hoffnungen und \u00c4ngste der Menschen in Nord und S\u00fcd, in Ost und West bringen wir vor dich, indem wir gemeinsam beten: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen<\/p>\n<p>Herr, nun segne uns und beh\u00fcte uns. Lass du leuchten dein Angesicht \u00fcber uns und sei uns gn\u00e4dig. Erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns deinen Frieden. Amen<\/p>\n<p><em> Ges\u00e4nge: 58, 1 \u2013 5; 295, 1 &#8211; 4; 72, 1 \u2013 3; 164, 1 <\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge, Diakoniepfarrer i. R.<br \/>\nMagdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neujahrstag, 1. 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