{"id":11659,"date":"2021-02-07T19:48:51","date_gmt":"2021-02-07T19:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11659"},"modified":"2023-03-09T13:18:08","modified_gmt":"2023-03-09T12:18:08","slug":"sprueche-16-1-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sprueche-16-1-9\/","title":{"rendered":"Spr\u00fcche 16, 1- 9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Neujahr, 1. Januar 2007<br \/>\nPredigt zu Spr\u00fcche 16, 1- 9, verfa\u00dft von Christian-Erdmann Schott <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>neben Mutigen und \u00c4ngstlichen, Machern und Zauderern, St\u00fcrmern und Geduldigen, Lauten und Leisen hat es immer auch die Nachdenklichen gegeben; Menschen, die gern mehr w\u00fcssten von dem, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt; Menschen, denen es vor allem Tun und Machen um Durchblick, Einsicht, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Leben, die Menschen, f\u00fcr das, was um sie herum geschieht, geht.<\/p>\n<p>Solche nachdenklichen Menschen hat es schon im alten Israel gegeben. Sie haben ihre Beobachtungen und Erkenntnisse in einer ganz bestimmten Literatur niedergelegt, der Weisheitsliteratur. Diese ist deutlich unterschieden von den Schriften der Propheten, die auf Ver\u00e4nderungen dr\u00e4ngen, oder von den Schriften der Priester, denen es um die Bewahrung der Tradition, der Lehre und des Gottesdienstes geht: Die Weisheitsliteratur ist auch unterschieden von den Betern, die wir aus den Psalmen, oder von den Historikern, die wir aus den gro\u00dfen Geschichtswerken der Bibel kennen.<\/p>\n<p>Das Besondere an der Weisheitsliteratur ist das Interesse an Regeln und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die sich aus den Beobachtungen des Lebens gewinnen lassen. Diese Regeln sind geronnne Lebenserfahrungen, in einen kurzen Satz oder eine Sentenz zusammengefasste Perlen der Lebensklugheit. Ein Abschnitt aus dem Buch der Spr\u00fcche ist heute \u2013 sehr passend zum Beginn des neuen Jahres &#8211; unser Predigttext. Ich lese:<\/p>\n<ol>\n<li><em>Der Mensch setzt sich`s wohl vor im Herzen; aber vom Herrn kommt, was die Zunge reden soll. <\/em><\/li>\n<li><em>Einen jeglichen d\u00fcnken seine Wege rein; aber der Herr w\u00e4gt die Geister. <\/em><\/li>\n<li><em>Befiehl dem Herrn deine Werke, so werden deine Ratschl\u00e4ge fortgehen. <\/em><\/li>\n<li><em>Der Herr macht alles zu bestimmtem Ziel, auch den Gottlosen f\u00fcr den b\u00f6sen Tag. <\/em><\/li>\n<li><em>Ein stolzes Herz ist dem Herrn ein Gr\u00e4uel und wird nicht ungestraft bleiben, wenn sie gleich alle aneinander h\u00e4ngen. <\/em><\/li>\n<li><em>Durch G\u00fcte und Treue wird Missetat vers\u00f6hnt, und durch die Furcht des Herrn meidet man das B\u00f6se. <\/em><\/li>\n<li><em>Wenn jemands Wege dem Herrn wohl gefallen, so macht er auch seine Feinde mit ihm zufrieden. <\/em><\/li>\n<li><em>Es ist besser wenig mit Gerechtigkeit denn viel Einkommen mit Unrecht. <\/em><\/li>\n<li><em>Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein gibt, dass er fortgehe. <\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Aus dieser Sammlung lassen sich drei Einsichten herauslesen, die die Weisen zu lebensklugen, lebensf\u00f6rderlichen Ratschl\u00e4gen geb\u00fcndelt haben:<\/p>\n<p>I. V. 1 \u2013 3: Seid klug, seid weise und vergesst bei allem, was ihr plant, wollt, tut, nicht Gott, den Herrn. Offensichtlich war dieser Rat auch damals schon n\u00f6tig. Er ist zu allen Zeiten n\u00f6tig, weil in uns Menschen eine unausrottbare Neigung steckt, uns selbst zu \u00fcbersch\u00e4tzen. Besonders wenn wir kraftvoll und erfolgreich sind, wenn das Leben klappt und gelingt, neigen wir dazu, uns wie Prometheus, der niemanden \u00fcber sich anerkennen wollte, sondern strotzend vor Kraft sich f\u00fcr den Herrn der Welt h\u00e4lt, zu sagen: \u201eIch wei\u00df, was ich zu tun habe\u201c, \u201eIch gehe meinen Weg\u201c, Ich habe klare Vorstellungen von dem, was ich will\u201c.<\/p>\n<p>So die Haltung, die hinter diesen drei ersten Versen steckt. Aber gerade gegen\u00fcber dieser Selbstsicherheit raten die Weisen: Sei vorsichtig, \u00fcbersch\u00e4tze Dich nicht, bleib auf der Erde und mach Dir klar, dass Du nur ein Gast in diesem Leben bist. Du hast Dir das Leben nicht gegeben. Du hast Deinen Lebensraum nicht geschaffen. Du bist eingeladen und darfst zusammen mit den anderen von der G\u00fcte des Gastgebers leben. Tats\u00e4chlich geh\u00f6rt Dir nichts und was Du hast, Deine Gaben und Deine Ausr\u00fcstung f\u00fcr ein erfolgreiches Leben, hast Du geschenkt bekommen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft im Klartext: Ohne Gott l\u00e4uft nichts. Er ist es, der das Ganze und darin auch mich geschaffen hat, der es weiterhin erh\u00e4lt und in dieser seiner Sch\u00f6pfung, seinem Reich als Herr und Eigent\u00fcmer waltet und regiert; zwar unsichtbar, aber nicht unsp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Die Nachdenklichen, suchen das Walten Gottes zu erkennen, aufzusp\u00fcren, zu benennen und ihr Verhalten damit in \u00dcbereinstimmung zu bringen. Sie sind dankbar und f\u00fchlen sich best\u00e4tigt, wenn sie erleben, dass sie die \u00dcbereinstimmung mit Gott getroffen haben und raten auch anderen, sich darum zu bem\u00fchen: Denn \u201eVom Herrn kommt, was die Zunge reden soll\u201c, \u201eDer Herr w\u00e4gt die Geister\u201c, \u201eBefiehl dem Herrn deine Werke\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gottvergessenen dagegen ist das Walten Gottes kein Thema. Das bedeutet allerdings nicht, dass es nicht stattfindet. Es findet statt und von Zeit zu Zeit bekommen es die Menschen auch zu sp\u00fcren, ob sie es wollen oder nicht, indem Gott ihnen Grenzen setzt oder auf die Finger klopft. Ob sie dadurch weiser werden, liegt dann am einzelnen.<\/p>\n<p>Immerhin gibt es dabei Hilfen. Wenn und weil wir selber vollumf\u00e4nglich nicht darauf kommen, tun wir gut daran, auf Stimmen und Personen zu h\u00f6ren, die uns als von Gott autorisierte Wegweiser zeigen, wie wir Gott und damit den Zusammenhang mit dem Ganzen finden k\u00f6nnen. Sie reichen von den Propheten \u00fcber Jesus Christus bis zur Predigt der Kirche.<\/p>\n<p>II. V. 4 \u2013 5: Der zweite, daran anschlie\u00dfende und darauf aufbauende Rat hei\u00dft: Seid klug, seid weise und untersch\u00e4tzt beim Walten Gottes nicht den Faktor Zeit. Georg Neumark, der Dichter und Komponist des Liedes \u201eWer nur den lieben Gott l\u00e4sst walten\u2026\u201c hat diesen Gedanken auf den Punkt gebracht: \u201eDie Folgezeit ver\u00e4ndert viel und setzet jeglichem sein Ziel\u201c. (Ev. Gesangbuch (EG) 369, 5) Wir k\u00f6nnen das ja fast t\u00e4glich sehen: Leute, die ganz gro\u00df dagestanden und den Ton angegeben haben, sind pl\u00f6tzlich, \u00fcber Nacht nichts; sind gesundheitlich oder moralisch oder wirtschaftlich und gesellschaftlich am Ende.<\/p>\n<p>Daran zu erinnern, hat nicht den Sinn, mit Fingern auf solche Gest\u00fcrzten zu zeigen und im Stil der Bild-Zeitung den Sensationswert ihres Versagens f\u00fcr Unterhaltungszwecke auszunutzen. Es hei\u00dft vielmehr, sich selbst daran erinnern und warnen zu lassen, wie schnell ein Mensch oder eine ganze Gruppe, die \u201ealle aneinander h\u00e4ngen\u201c und sich gegenseitig gest\u00fctzt haben (V. 5), am Ende sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit der Thematisierung dieser Beobachtungen verfolgen die Weisen aber noch eine andere Absicht: Sie wollen den Ehrlichen, der miterlebt, wie Leute ihre Vorteile suchen, sich bereichern, andere benachteiligen und damit auch durchkommen und sehr erfolgreich sind, ermutigen: Lass Dich nicht verunsichern, lass Dich nicht bluffen. Denke dran: \u201eDie Folgezeit ver\u00e4ndert viel\u2026.<\/p>\n<p>III. V. 6 \u2013 9: Der dritte Rat schlie\u00dflich: Seid klug, seid weise und lasst Euch nicht irre machen. Flotte Spr\u00fcche wie \u201eHeute sieht man das ganz anders, zeitgem\u00e4\u00df, lockerer\u201c \u201eHeute geht es um Cleverness\u201c. \u201eGlauben, die Zehn Gebote, Beten, Ehrlichkeit sind heute nicht mehr gefragt\u201c. Das hei\u00dft, dass der Ehrliche eben doch der Dumme ist? Die Frage steht im Raum.<\/p>\n<p>Die Weisen reden anders: Bleib bei Gott, f\u00fcrchte ihn, ehre ihn, das gibt Dir Festigkeit und Du wirst sehen: Gott ist nicht kleinlich. Er schenkt Dir viel. Freilich, einen Anspruch hast Du nicht. Aber die Erfahrung lehrt, dass Gott gro\u00dfz\u00fcgig ist: \u201eDenn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verl\u00e4sst er nicht\u201c (EG 369, 7). Er wird Dich den Weg finden lassen, der f\u00fcr Dich gut und richtig ist, und den geh ohne Z\u00f6gern, dankbar und entschlossen.<\/p>\n<p>Dabei stellt sich dann auch ein: Frieden mit Dir selbst, mit Deinen Freunden, langfristig sogar mit Deinen Feinden. Er schenkt Dir die ehrliche Freude an dem, was Du hast. Und wenn es weniger ist als bei anderen, was bedeutet das schon.<\/p>\n<p>So sind es drei Ratschl\u00e4ge aus dem Schatz der Weisheitsliteratur, die hier zusammengestellt sind: Seid weise und seid klug und<\/p>\n<p>Vergesst nicht Gott, den Herrn<br \/>\nDenkt an den Faktor Zeit<br \/>\nDer Ehrliche ist der Kluge.<\/p>\n<p>Es ist realistisch, davon auszugehen, dass wir uns diese Ratschl\u00e4ge das ganze lange Jahr 2007 hindurch kaum merken werden. Schon morgen wird es schwer sein, sie noch zusammen zu bekommen. Wir haben aber im Gesangbuch zwei sch\u00f6ne alte Lieder, die im Geist der christlichen Weisheit und Lebensklugheit gedichtet sind. Das eine stammt von Paul Gerhard, an dessen 400. Geburtstag wir im Jahr 2007 erinnern: \u201eBefiehl du deine Wege\u2026\u201c. Das andere ist \u201eWer nur den lieben Gott l\u00e4sst walten\u2026.\u201c von Georg Neumark, das ich zu dieser Predigt besonders herangezogen habe.<\/p>\n<p>Beide k\u00f6nnten uns im neuen Jahr wichtige Begleiter werden, uns tr\u00f6sten und st\u00e4rken und uns etwas von der heiteren Gelassenheit geben, die die Nachdenklichen zu allen Zeiten ausgezeichnet und vor Gott und den Menschen angenehm gemacht hat. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer em. Dr. Christian-Erdmann Schott<br \/>\nElsa-Braendstroemstra\u00dfe 21<br \/>\n55124 Mainz<br \/>\nE-Mail:<a href=\"mailto:ce.schott@surfeu.de\"> ce.schott@surfeu.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neujahr, 1. Januar 2007 Predigt zu Spr\u00fcche 16, 1- 9, verfa\u00dft von Christian-Erdmann Schott Liebe Gemeinde, neben Mutigen und \u00c4ngstlichen, Machern und Zauderern, St\u00fcrmern und Geduldigen, Lauten und Leisen hat es immer auch die Nachdenklichen gegeben; Menschen, die gern mehr w\u00fcssten von dem, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt; Menschen, denen es vor allem Tun [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":17320,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,1,2,727,157,853,1176,114,836,349,550,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11659","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sprueche","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-christian-erdmann-schott","category-deut","category-kapitel-16-chapter-16-sprueche","category-kasus","category-neujahrstag","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11659","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11659"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11659\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17321,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11659\/revisions\/17321"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17320"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11659"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11659"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11659"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11659"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11659"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11659"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11659"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}