{"id":11671,"date":"2021-02-07T19:48:49","date_gmt":"2021-02-07T19:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11671"},"modified":"2023-03-10T19:44:42","modified_gmt":"2023-03-10T18:44:42","slug":"lukas-2-41-52-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2-41-52-6\/","title":{"rendered":"Lukas 2, 41-52"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Epiphanias, 7. Januar 2007<br \/>\nPredigt zu Lukas 2, 41-52, verfa\u00dft von Hanne Drejer (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Wenn ein Knabe von 12 Jahren pl\u00f6tzlich seine eigenen Wege geht und seine Eltern ihn erst finden, nachdem sie 3 Tage lange nach ihm gesucht haben, dann sind die Eltern nat\u00fcrlich voller Angst und Besorgnis; aber sie werden sich zugleich auch dar\u00fcber im Klaren sein, dass die Pubert\u00e4t jetzt im Ernst begonnen hat \u2013 und dass die kommenden Jahre sicherlich von den bekannten und zerm\u00fcrbenden Konfliken zwischen dem Kind und den Erwachsenen gepr\u00e4gt sein werden.<\/p>\n<p>Heute ist es faktisch Jesu Pubert\u00e4t, von der das Evangelium erz\u00e4hlt, damals als er 3 Tage lang verschwunden war und seine Eltern ihn nicht finden konnten \u2013 und als sie ihn schlie\u00dflich doch fanden, da f\u00fchrte er freche Widerrede.<\/p>\n<p>Heute h\u00f6ren wir also zuerst etwas \u00fcber das Erwachsenwerden und \u00fcber das Sichselbstfinden.<\/p>\n<p>Und die Pointe ist ja nicht die einfache und bekannte, dass man nie richtig erwachsen wird, wenn man sich nicht rechtzeitig mit seinen Eltern auseinandersetzt.<\/p>\n<p>Und gerade wenn man es rechtzeitig tut, dann kann man wieder in das Haus seiner Kindheit zur\u00fcckkehren, und zwar jetzt als Erwachsener.<\/p>\n<p>Findet die Auseinandersetzung nicht rechtzeitig statt, dann endet das Ganze damit, dass man entweder nie richtig von zuhause loskommt, sondern all das, was man zuhause bekommen hat, \u00fcbernimmt und beibeh\u00e4lt \u2013 aber es wird niemals echt, denn man kann ja nicht das Leben seiner Eltern leben \u2013 oder aber es endet damit, dass die Auseinandersetzung mit der Kindheit so ernst und durchgreifend geschieht, dass man nie wieder als Erwachsener nachhause kommen kann, weil man jetzt alles ablehnen muss.<\/p>\n<p>Oft hat man wohl die Erz\u00e4hlung von dem zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Jesus im Tempel interpretiert und verstanden als die Geschichte von dem frommen Kind Jesus, der mit seinen Eltern sch\u00f6n in die Kirche ging. Und so sollten deshalb auch wir handeln.<\/p>\n<p>Aber waren es auch wirklich diese Gedanken, die Joseph und Maria bewegten, als sie nachhause kamen? \u2013 Nein, Maria reagiert, wie jede Mutter es in dieser Situation tun w\u00fcrde: Mein Kind, warum hast du uns das angetan? Denn sie kann wie alle M\u00fctter nur schwer verstehen und sich daran gew\u00f6hnen, dass ihr Kind jetzt allm\u00e4hlich erwachsen wird.<\/p>\n<p>Es ist, als h\u00e4tte Maria beinahe vergessen, was der Engel damals vor 12 Jahren bei der Verk\u00fcndigung zu ihr gesagt hatte \u2013 dass sie den Sohn des H\u00f6chsten geb\u00e4ren werde \u2013 dass Jesus also nicht Josephs und ihr Sohn sei, sondern zu etwas Gr\u00f6\u00dferem und zu mehr auserw\u00e4hlt sei.<\/p>\n<p>Man wundert sich nicht dar\u00fcber, dass Maria es fast vergessen hatte, hatten sie doch jetzt Jesus 12 Jahre lang gehabt, und sie hatten ihm das Leben und die Erziehung gegeben, die jeder j\u00fcdische Junge damals bekam.<\/p>\n<p>Und wie es Brauch war, hatten sie ihren Sohn bei hohen Festen sicher auch mit in den Tempel genommen \u2013 aber vor allem auf diese Reise, als der Junge 12 Jahre alt war, hatten sie sich so sehr gefreut. Es war n\u00e4mlich die Reise, die Eltern traditionsgem\u00e4\u00df ihrem Sohn schenkten als eine Art Konfirmationsgeschenk, sozusagen.<\/p>\n<p>Und sie hatten nat\u00fcrlich keine Anstrengung gescheut, weder an Geld noch an Kleidung und guten Ermahnungen \u2013 aber jetzt meinten sie, alles sei umsonst gewesen, angesichts der Art und Weise, wie der Knabe sich benahm.<\/p>\n<p>Schon als Jesus 12 Jahre alt war, zeigte sich also, dass er nicht ganz so gew\u00f6hnlich war \u2013 denn er konnte mit den gelehrten Juden auf gleicher Ebene reden \u2013 er war etwas Besonderes! Und er wollte bei seinem Vater sein \u2013 oder im Haus seines Vaters \u2013 wie es in einer fr\u00fcheren \u00dcbersetzung hie\u00df \u2013 das war der Sinn seines Lebens, und deshalb muss es auch zwischen Jesus und seinen irdischen Eltern zu einem Bruch kommen.<\/p>\n<p>Wusstet ihr nicht, dass ich bei meinem Vater sein muss? \u2013 sagt Jesus.<\/p>\n<p>So erz\u00e4hlt das Evangelium heute von Jesu Auseinandersetzung mit seinem Zuhause und seiner Kindheit \u2013 aber dann h\u00f6ren wir auch vom Tempel, wir k\u00f6nnten sagen: von der Kirche \u2013 wir h\u00f6ren, dass die Kirche nicht nur das Haus Gottes ist, sondern vor allem mein anderes Zuhause \u2013 denn dort ist mein himmlischer Vater.<\/p>\n<p>So wollen wir heute an diesem Sonntag \u00fcberlegen, wozu wir \u00fcberhaupt eine Kirche haben, und was die Kirche soll!<\/p>\n<p>Ja, die Kirche soll wohl unsere religi\u00f6sen Fragen beantworten?<\/p>\n<p>Aber kann das Evangelium, das Wort Gottes, \u00fcberhaupt auf die Fragen antworten, mit denen wir in die Kirche kommen?<\/p>\n<p>Denn die Kirche ist ja nicht der Ort, wo wir eine direkte Antwort oder einfache L\u00f6sung f\u00fcr unsere Probleme bekommen. Die Kirche ist vielmehr der Ort, an dem das Evangelium zu uns spricht \u2013 und das Evangelium besteht aus Worten, die wir nicht selbst gew\u00e4hlt oder erfunden haben. Aber andererseits k\u00f6nnen wir in diesen Worten uns selbst und unser Leben spiegeln.<\/p>\n<p>Ja, aber bekomme ich dann \u00fcberhaupt keine Antwort auf die Fragen, die ich stelle? Nein, keine direkte Antwort \u2013 wohl aber eine indirekte Antwort, weil uns Wahrheiten gesagt werden \u00fcber uns selbst und unser Leben, \u00fcber die wir selbst nachdenken und die wir umsetzen sollen.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr viele hat es keinen Sinn, in die Kirche zu gehen! \u2013 Ist das so, weil sie keine Antwort bekommen auf die Fragen, mit denen sie sich herumschlagen? Oder vielleicht, weil sie nicht die Antwort bekommen, die sie am liebsten haben m\u00f6chten?<\/p>\n<p>Oder weil es zu langweilig ist? \u2013 Dass sie es also als Zeitverschwendung empfinden \u2013 dass das, was hier in der Kirche geschieht, nichts ist, was man in seinem Leben gebrauchen kann? Und schlie\u00dflich gibt es Menschen, die nicht in die Kirche gehen, weil sie meinen, hier s\u00e4\u00dfen nur die frommen Heuchler, die glauben besser zu sein als die anderen, weil sie in die Kirche gehen. \u201eDenn man kann ja wohl ein guter Christ sein, ohne in die Kirche zu gehen, wie man so sagt!\u201c Und damit meint man, das allt\u00e4gliche Leben erz\u00e4hle mehr dar\u00fcber, ein wie guter oder schlechter Christ man ist, als die Frage, ob man in die Kirche gehe oder nicht.<\/p>\n<p>Und das stimmt ja auch!<\/p>\n<p>Denn au\u00dferhalb der Kirche \u2013 im Alltag \u2013 zeigt sich doch, wie gute Christen wir sind. Aber leider zeigt sich da gew\u00f6hnlich ja auch, dass eigentlich niemand von uns ein besonders guter Christ ist \u2013 wenn denn Christsein bedeutet, ein anst\u00e4ndiger und guter Mensch zu sein.<\/p>\n<p>Ja, aber geht es nicht gerade darum?<br \/>\nGewiss \u2013 aber <em>nicht nur<\/em> darum.<\/p>\n<p>Denn dass wir gut sein sollen, k\u00f6nnen wir alle guthei\u00dfen, und um das zu h\u00f6ren, brauchen wir nicht in die Kirche zu gehen.<\/p>\n<p>Wird der sonnt\u00e4gliche Gottesdienst vielleicht deshalb als \u00fcberfl\u00fcssig empfunden, weil man sich einbildet, dass eben dies in der Kirche gesagt werde? Wenn das so ist, sollte man jetzt dem Gottesdienst eine neue Chance geben, denn hier ist ja nicht von Moralpredigt die Rede.<\/p>\n<p>Denn wenn wir hier in der Kirche tun, was wir zu tun haben: das Wort Gottes predigen, so gut wir es verm\u00f6gen, dann ist das Evangelium ja niemals eine sch\u00f6ne Ermahnung, dass wir daran denken sollen, ein anst\u00e4ndiges und ordentliches Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Das Evangelium ist vielmehr die Botschaft, dass wir leben d\u00fcrfen, obwohl wir niemals der gro\u00dfen Tatsache zu entsprechen verm\u00f6gen, dass Gott uns zu seinen Kindern gemacht hat.<\/strong> Dass wir also immer glauben d\u00fcrfen, dass wir in der Welt nicht allein sind, sondern auch zu Gott geh\u00f6ren. So wie Jesus es uns gelehrt hat, hier und heute, wo er Gott seinen Vater nennt \u2013 und vor allem sp\u00e4ter, als er uns das Gebet des Vaterunsers gegeben hat, das uns ja gerade gestattet, Gott zu allen Zeiten unseren Vater zu nennen.<\/p>\n<p>Ja, aber k\u00f6nnen wir nicht einfach daran glauben, ohne in die Kirche zu gehen?<br \/>\nUnd wieder: k\u00f6nnen wir nicht ausgezeichnete Christen sein, ohne in die Kirche zu gehen?<\/p>\n<p>Ja und nein! Denn selbstverst\u00e4ndlich ist Gott gr\u00f6\u00dfer als die Kirche, und er ist nicht nur in der Kirche \u2013 denn Gott begegnen wir ja an jedem einzelen Tag, jeden Augenblick, n\u00e4mlich in den Menschen, mit denen wir zusammen leben \u2013 also in den Anforderungen, die das Leben an uns stellt, in der Verantwortung und in den Aufgaben, die wir t\u00e4glich zu bew\u00e4ltigen haben.<\/p>\n<p>Aber das alles ist etwas, was von uns gefordert wird.<\/p>\n<p>Und woher nehmen wir die Kraft, all das zu tun \u2013 und woher nehmen wir vor allem Lust und St\u00e4rke, auszuharren und wieder von vorn zu beginnen, wenn etwas schief gegangen ist \u2013 und wenn das Leben f\u00fcr mich v\u00f6llig sinnlos geworden ist?<\/p>\n<p>Also, obschon Gott nat\u00fcrlich gr\u00f6\u00dfer ist als unsere Kirchen \u2013 nicht an einen Ort gebunden ist, so haben wir als Menschen Gottes Haus und seine Kirche n\u00f6tig \u2013 wir brauchen einen Ort, zu dem wir kommen k\u00f6nnen und wo wir dem Sch\u00f6pfer und Herrn unseres Lebens alles vorlegen k\u00f6nnen, was uns erf\u00fcllt \u2013 alles Gro\u00dfe und Sch\u00f6ne, aber auch alles Schwere und Unertr\u00e4gliche.<\/p>\n<p>Denn hier in der Kirche erklingt das Wort von Gott, der selbst Mensch wurde, um uns zu helfen, Mensch zu sein.Hier k\u00f6nnen wir deshalb abladen \u2013 und hier k\u00f6nnen wir Proviant f\u00fcrs Leben bekommen, hier k\u00f6nnen wir auff\u00fcllen, so dass wir den Alltag bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen \u2013 ja, denn w\u00e4re Gottes Liebe und Vergebung nicht gr\u00f6\u00dfer als die Liebe und Vergebung, die wir selbst zwischen Menschen kennen, dann w\u00e4ren wir v\u00f6llig verloren.<\/p>\n<p>Aber das Evangelium spricht zu uns eben in der Kirche mit der frohen Botschaft, dass du hierher kommen kannst \u2013 wie du bist \u2013 ohne dich zu verstellen, wie du es sonst andernorts tun musst \u2013 denn Gott kennt dich \u2013 als den, der Gottes Liebe und Vergebung n\u00f6tig hat. Und als den, der sie hier in der Kirche erh\u00e4lt, v\u00f6llig umsonst.<\/p>\n<p>Und n\u00e4chstes Mal, wenn du Gottes Vergebung n\u00f6tig hast, kannst du einfach wiederkommen.<\/p>\n<p>Diese Begegnung zwischen Menschen und Gott ist die Aufgabe der Kirche und des Gottesdienstes. Und deshalb gehen wir in die Kirche, wie es im Eingangsgebet hei\u00dft: um zu h\u00f6ren, was du, Gott, mir sagen willst.<\/p>\n<p>Es geht um die Begegnung zwischen Gott und Mensch.<br \/>\nNicht um Gottes willen feiern wir den Gottesdienst, sondern um unser selbst willen.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen wir mit Jesu Worten an Maria damals im Tempel in einer Abwandlung f\u00fcr uns heute sagen: warum sucht ihr nach Gott an allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Orten \u2013 in der Natur, in eurem eigenen Inneren oder in einer Geistigkeit, die glaubt, dem Alltag hier auf Erden entfliehen zu k\u00f6nnen, oder wo auch immer wir einen Gott zu finden versuchen \u2013 das ist alles vergebens, denn ich bin da nicht, ich bin im Haus meines Vaters. Und Gott ist auch unser himmlischer Vater, und in Gottes Haus haben wir alle unsere Heimstatt.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastorin Hanne Drejer<br \/>\nKirkestr\u00e6de 1<br \/>\nDK-5466 Asperup<br \/>\nTel.: ++ 45 \u2013 64 48 10 82<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:hdr@km.dk\">hdr@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Epiphanias, 7. 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