{"id":11696,"date":"2007-01-07T19:48:49","date_gmt":"2007-01-07T18:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11696"},"modified":"2025-04-22T10:45:05","modified_gmt":"2025-04-22T08:45:05","slug":"johannes-4-5-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-4-5-15\/","title":{"rendered":"Johannes 4, 5-15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\"><strong>Aus der F\u00fclle leben | <\/strong>3. Sonntag nach Epiphanias | 21. Januar 2007 |\u00a0Johannes 4, 5-15 | Matthias Riemenschneider |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><em> I. Der Zauber des Anfangs <\/em><\/p>\n<p><strong>Liebe Gemeinde,\u2026.. <\/strong><\/p>\n<p>\u2026 gro\u00dfe Geschichten beginnen manchmal ganz belanglos. Und doch merkt man schon an ihrem Anfang, dass sich hier etwas Besonderes entwickeln kann.<\/p>\n<p>\u201eFrau, gib mir zu trinken.\u201c Da sitzt ein Mann in der Mittagshitze irgendwo neben einem Brunnen in einer gottverlassenen Gegend verschwitzt, durstig und auch ziemlich m\u00fcde.<br \/>\n\u201eGib mir zu trinken.\u201c Sehr direkt und ohne umschweife bringt Jesus seine Bitte vor. Durstig ist er und Wasser soll seinen Durst l\u00f6schen. Zugegeben, etwas freundlicher k\u00f6nnte er seine Bitte schon formulieren, freundlicher und weniger gebietend. Ich h\u00f6re auch noch etwas anderes mit. Jesus formuliert nicht nur eine Bitte nach Wasser, sondern auch eine Bitte um Kontakt.<\/p>\n<p>\u201eGib mir zu trinken.\u201c Hinter diesem Satz steckt mehr. So nimmt man mit jemandem Kontakt auf. In der Bitte nach dem durstl\u00f6schenden Wasser liegt die Bitte nach einer Lebensspendenden Aufmerksamkeit verborgen. Mit dem Wasser bitte ich dich um ein St\u00fcck von dir, du zeigst mir N\u00e4he, Freundschaft, Zuneigung. Gib mir Verst\u00e4ndnis und ich will dir Verst\u00e4ndnis geben.<\/p>\n<p>\u201eGib mir zu trinken.\u201c So beginnen Liebesgeschichten. \u201eGib mir zu trinken,\u201c mit diesen Worten wirbt der Knecht Isaaks um die Hand der sch\u00f6nen Rebekka. \u201eGib mir zu trinken,\u201c so l\u00e4sst auch Goethe seine Liebesgeschichte am Brunnen zwischen Hermann und Dorothea beginnen.<br \/>\nGib mir Freundschaft und ich will dir Freundschaft geben. Gib mir etwas von dir und du wirst etwas von mir bekommen.<\/p>\n<p><em> II. Verstehen \u00fcber Grenzen hinweg <\/em><\/p>\n<p>\u201eGib mir zu trinken.\u201c Mit diesen unmittelbar und auch etwas schroff formulierten Worten nimmt Jesus Kontakt zu der fremden Frau auf, die zuf\u00e4llig zur gleichen Zeit wie er an diesen Brunnen kommt.<br \/>\nF\u00fcr einen freien und selbstbewussten Mann war es undenkbar, sich selber Wasser aus einem Brunnen zu sch\u00f6pfen. Aber deshalb war es ihm noch lange nicht erlaubt, eine v\u00f6llig fremde Frau anzusprechen und sie um Wasser zu bitten. Zumal f\u00fcr einen frommen j\u00fcdischen Mann, der nie und nimmer eine samaritanische Frau ansprechen w\u00fcrde. Mit seiner Bitte \u00fcberspringt Jesus also gleich mehrere Grenzen. Als Jude ist er religi\u00f6s und ethnisch den Samaritanerin \u00fcberlegen und als Mann ist sein sozialer Status h\u00f6her als der der Frau.<\/p>\n<p>Mit seiner vordergr\u00fcndig schroffen Formulierung respektiert Jesus die Distanz, die zwischen ihm und dieser Frau besteht und er l\u00e4sst ihr damit gen\u00fcgend Raum, selbst\u00e4ndig zu entscheiden, wie sie auf seine Kontaktaufnahme reagieren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>\u201eGib mir zu trinken.\u201c \u2013 In ihrer Reaktion antwortet die Frau sehr selbstbewusst und markiert gleichzeitig die Grenzen, die ihnen beiden aufgrund der gesellschaftlichen und sozialen Konventionen auferlegt sind. 9\u201eWie kannst du als Jude von mir zu trinken erbitten, wo ich doch eine samaritanische Frau bin?\u201c<\/p>\n<p>Auf ihren richtigen Einwand geht Jesus gar nicht ein, sondern er verweist auf seine besonderen Vollmachten. 10\u201eWenn du das Geschenk Gottes kennen w\u00fcrdest und wer es ist, der dir sagt: \u201aGib mir zu trinken!\u2019 \u2013 dann h\u00e4ttest du ihn gebeten und er h\u00e4tte dir lebendiges Wasser gegeben.\u201c<\/p>\n<p>Mit seiner Antwort irritiert und verwirrt Jesus die Frau vollends. Sie bleibt aber auch hier selbstbewusst genug, um eigenst\u00e4ndig Jesus zu antworten: 11\u201eRabbi, du hast keinen Sch\u00f6pfeimer und der Brunnen ist tief. Woher also hast du das lebendige Wasser?\u201c Es ist das Verh\u00e4ltnis von Gebendem und Nehmender, das sie mit ihrem pragmatischen Hinweis in Frage stellt. Du hast schlicht und einfach Durst \u2013 und ich habe den Krug, so ist doch wohl die Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Und sie ist gebildet und in der gemeinsamen religi\u00f6sen Tradition bewandert genug, um Jesus nach seiner Person und Vollmacht zu befragen. 12\u201cBist du etwa gr\u00f6\u00dfer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab?\u201c Will sagen: Wer bist du, dass du dich mit ihm messen willst? Er ist so bedeutend, dass n ach ihm immerhin dieser Brunnen benannt ist.<\/p>\n<p>Und hier sind wir in der Mitte des Dialogs angekommen. Die Frau am Jacobsbrunnen erf\u00fcllt nicht einfach nur die Bitte Jesu und reicht ihm still einen Krug mit Wasser, sondern sie erk\u00e4mpft sich ihre Position als eigenst\u00e4ndige und ebenb\u00fcrtige Gespr\u00e4chspartnerin. Sie f\u00fchren miteinander einen Dialog, aus dem niemand von beiden in gleicher Weise wieder herausgeht, so wie er hineinkam.<\/p>\n<p>Jesus ist hier nicht der uns turmhoch \u00fcberlegene Gottessohn. Er zeigt sich als Mensch, der andere Menschen braucht. Er braucht die Frau mit ihrem Wasser und ihrem Brunnen. Er ist nicht der Seelsorger, der sich ihrer armen Seele annimmt. Er ist neugierig auf sie. Er braucht sie, wie wir Menschen brauchen, die uns aus unseren begrenzten M\u00f6glichkeiten heraushelfen. Die uns die Welt und unser Inneres aufschlie\u00dfen. Er braucht sie wie einer, der aus seinen Gruppenzw\u00e4ngen ausbricht und sich neuen Erfahrungen stellen will. Er braucht die Frau mit ihrer Erfahrung, mit ihrer Geschichte, mit ihrer Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Aus diesem scheinbar so belanglosen Anfang entwickelt sich ein theologisches Gespr\u00e4ch \u00fcber die existentiellen Grundlagen des Lebens. In der \u00dcbersetzung aus der Bibel in gerechter Sprache f\u00e4hrt Jesus fort: 13\u201eAlle, die von diesem Wasser trinken, werden wieder durstig werden. 14Alle dagegen, die von dem Wasser trinken, das ich ihnen gebe, werden bis in Ewigkeit nicht mehr durstig sein, sondern das Wasser, das ich ihnen geben werde, wird in ihnen zu einer Quelle sprudelnden Wassers f\u00fcr das ewige Leben werden.\u201c<\/p>\n<p>\u201aLebendiges Wasser, das Quelle des ewigen Lebens ist\u2019 \u2013 wer m\u00f6chte nicht davon trinken?<\/p>\n<p><em> III. Lebendiges Wasser und verlebendigtes Leben <\/em><\/p>\n<p>Die Missverst\u00e4ndnisse, die zu Anfang das Gespr\u00e4ch pr\u00e4gten, scheinen aufgehoben und in die starren Verh\u00e4ltnisse kommt Bewegung. Hier ist das Gespr\u00e4ch richtig lebendig, zwei Menschen gehen aufeinander zu und sie verstehen sich. In der Schriftlesung haben wir geh\u00f6rt, wie der Dialog weitergeht und welche \u00fcberraschenden Wendungen er nimmt.<\/p>\n<p>Meine Gedanken bleiben an der Frage h\u00e4ngen: Was ist lebendiges Wasser? Was ist das, dass so satt macht, dass uns weder d\u00fcrstet noch hungert?<\/p>\n<p>Wasser ist die Lebensform schlechthin. Ohne Wasser ist unser Leben ohnehin v\u00f6llig undenkbar. Ohne Essen k\u00f6nnen wir es zur Not ein paar Tage aushalten. Aber ohne Wasser wird unser Dasein schon nach wenigen Stunden zur Qual. Unser K\u00f6rper besteht zu 70% aus Wasser, wenn wir den Knochenbau abziehen sind es sogar 93%. Und es gibt Leute die voraussagen, zuk\u00fcnftige Kriege werden nicht um Gold oder \u00d6l gef\u00fchrt, sondern um Wasser. Der Zugang zu sauberem und frischen Wasser ist schon heute ein besonderer Luxus, den sich nur wenige Menschen auf dieser Erde leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Symbolsprache ist Wasser das Zeichen der F\u00fclle aller M\u00f6glichkeiten. Im Wasser ist der Uranfang alles Seienden enthalten. \u201aDie Erde war w\u00fcst und leer und der Geist Gottes schwebte \u00fcber dem Wasser,\u2019 so beginnt die biblische Sch\u00f6pfungsgeschichte.<\/p>\n<p>Auch die Erfahrung der biographischen Neusch\u00f6pfung hat mit Sch\u00f6pfen zu tun, mit Sch\u00f6pfen aus der F\u00fclle des Lebens in seinen vielf\u00e4ltigen Formen. Die Frau am Jakobsbrunnen versteht dieses Bild auf Anhieb. Deshalb bittet sie Jesus ohne jede weitere R\u00fcckfragen von dem lebendigen Wasser trinken zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Ich habe den Eindruck, dass es uns heutigen Menschen schwer f\u00e4llt, dieses Bild des lebendigen Wassers in unser Leben zu \u00fcbertragen. Vielleicht, weil wir uns \u00fcberhaupt schwer tun mit einem lebendigen Leben und Leben missverstehen als reibungsloses Funktionieren biologischer Abl\u00e4ufe. Krisen, gesundheitliche St\u00f6rungen und andere Beeintr\u00e4chtigungen nicht als Teil unseres Lebens verstehen, sondern versuchen sie auszugrenzen, weil es st\u00f6rend oder peinlich ist.<\/p>\n<p>Lebendiges Wasser ist flie\u00dfend und fl\u00fcchtig, wir k\u00f6nnen es in uns aufnehmen, aber nicht festhalten. Der Rest zerrinnt uns zwischen unseren Fingern. Wasser als etwas festes, bestimmbares, formbares gibt es nur in der erstarrten Form des Eises. Und so ist es auch mit unserem Leben. Lebendiges Leben ist flie\u00dfend und fl\u00fcchtig, wir k\u00f6nnen an ihm teilhaben, aber wir k\u00f6nnen es nicht bestimmen oder festhalten wollen. Und allzu oft m\u00fcssen wir erleben, wie es uns zwischen unseren Fingern zerrinnt. Wie wir pl\u00f6tzlich mit der Diagnose einer Erkrankung, die unser bisheriges Leben ver\u00e4ndert, fertig werden m\u00fcssen. Oder es beruflich einfach nicht so l\u00e4uft, wie wir uns das gerne w\u00fcnschen. Oder es im Verh\u00e4ltnis zu unserem Ehepartner oder den Kindern Schwierigkeiten gibt, die unser Leben belasten und das Herz schwer machen.<\/p>\n<p>Ohnmacht, Trauer und Wut geh\u00f6ren genauso zur F\u00fclle des Lebens wie Freude, Gl\u00fcck und Verliebtsein. Ich glaube, das geh\u00f6rt zur F\u00fclle des Lebens, das wir anerkennen, unser Leben ist geschenktes Leben und es ist mehr als unser Wunschpaket. In der Begegnung mit Jesus Christus, vom Glauben her, erhalten wir ein anderes, ein tieferes Lebensverst\u00e4ndnis. Leben in der F\u00fclle ist kein perfektes, leidfreies Leben, sondern Leben in der F\u00fclle geschieht in einer Wasserwellenbewegung von Leid und Gl\u00fcck, von Gesundheit und Beeintr\u00e4chtigung, von Trauer und Lebensfreude. Zu diesem Lebenswissen des Glaubens geh\u00f6rt hinzu, dass Jesus der Messias selber hilfsbed\u00fcrftig ist. Nicht erst hier am Brunnen, sondern schon gleich nach seiner Geburt, als er um des Lebens willen zum Fl\u00fcchtling wird. Jesus, der Gottessohn, er kennt unsere Ersch\u00f6pfungszust\u00e4nde und Entt\u00e4uschungen. Wir leben am Leben vorbei, wenn wir unsere Hilfsbed\u00fcrftigkeit, das Schwere, das Misslungene, die Schatten unseres Lebens ausblenden und nur das als Leben verstehen wollen, was gut und sch\u00f6n ist \u2013 und prachtvoll wie die Mittagssonne strahlt. Dieses immer gut drauf und stark sein wirkt auf mich sehr angestrengt. Ich frage mich, wie viel an Fassade in dieser angestrengten St\u00e4rke steckt und wie viel an Sehnsucht nach wirklichem Leben dahinter verborgen ist.<\/p>\n<p>Es ist gut, wenn wir im Hier und Jetzt bleiben und sp\u00fcren, was unseren Durst nach Leben weckt. Was k\u00f6nnen wir mitnehmen, wenn wir uns erlauben zu tr\u00e4umen von einem lebendigeren Leben? Was k\u00f6nnen wir mitnehmen, wenn wir uns erlauben zu trauern um das, was wir an Lebendigkeit verloren haben?<\/p>\n<p>Die Frau am Jakobsbrunnen wirkt auf mich wie eine starke Pers\u00f6nlichkeit, die ihre tiefe Sehnsucht nach dem lebendigen Wasser, das die F\u00fclle des Lebens schenkt, erkennt. Von den Startvoraussetzungen zu Beginn unseres Lebens bringen wir eigentlich alle die besten Voraussetzungen mit, in dieser F\u00fclle zu leben. Als Babies und auch noch als Kinder k\u00f6nnen wir unsere Bed\u00fcrfnisse nach Essen und Trinken klar ausdr\u00fccken und dieses Bed\u00fcrfnis auch regulieren. Wir alle versp\u00fcren vom Beginn unseres Lebens den Wunsch nach N\u00e4he und Geborgenheit, wir wollen geliebt werden und sind neugierig genug, neues zu erforschen und unsere Pers\u00f6nlichkeit damit zu entwickeln. Als Menschen sind wir bestens mit der F\u00e4higkeit ausgestattet, aus der F\u00fclle heraus leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wieso gehen uns im Laufe unseres Erwachsenenlebens \u2013 jedenfalls ein Teil \u2013 dieser F\u00e4higkeiten verloren? Was stellen wir alles davor, damit wir diese F\u00fclle nicht mehr erreichen? Oder womit lenken wir uns ab und bet\u00e4uben unsere Sinne?<\/p>\n<p>Ich glaube, jede und jeder von uns kann nur f\u00fcr sich schauen, wo in meinem Leben konnte ich aus der F\u00fclle heraus leben, wann habe ich mich selber als sehr lebendig gesp\u00fcrt \u2013 und wo sind Punkte, an denen etwas abgebrochen ist und verloren ging?<\/p>\n<p>In mir entstehen innere Bilder von Kindern, die in ihrem Spiel vertieft sind. Aber es ist nicht nur das Spiel. Kinder sp\u00fcren auch sehr viel an Stimmungen, an der Atmosph\u00e4re, die das Zusammenleben bestimmen. Kinder haben ein sehr feines Sensorium daf\u00fcr, wenn in den Beziehungen zwischen Erwachsenen etwas nicht stimmt. Sie k\u00f6nnen Unsichtbares wahrnehmen, zwischen den Zeilen lesen und bemerken es, wenn jemand das eine sagt, aber etwas anderes tut. Sie wissen, wenn sich jemand unehrlich und unaufrichtig gegen\u00fcber ihnen verh\u00e4lt. Kinder k\u00f6nnen ihre Entt\u00e4uschungen, ihre Trauer und ihre Wut sehr direkt ausdr\u00fccken und auch ausleben.<\/p>\n<p>Bei den Erwachsenen und im Erwachsenenleben sind diese Eigenschaften nicht besonders gesch\u00e4tzt. Kinder werden auch in ihren Familien nicht ermutigt, ihre Empfindungen mitzuteilen und auszuleben. Sie erleben eher, dass ihre starken Gef\u00fchle abgelehnt werden. Und damit geht einher, dass sie sich selber abgelehnt und entwertet f\u00fchlen, dass ihre Weise zu denken und zu sp\u00fcren, nicht richtig ist. Wenn die Diskrepanz zwischen dem Empfinden der Kinder und dem, wie Eltern und Erwachsene ihre Welt interpretiert sehen m\u00f6chten, sehr gro\u00df ist, dann lernen Kinder daraus, dass sie ihren Empfindungen nicht trauen d\u00fcrfen. Wenn man aber lernt, dass man nicht leben darf, was man sieht, h\u00f6rt und empfindet, dann ist es ganz nat\u00fcrlich, sich mit den vielen Bildern am Gameboy oder dem Fernsehen abzulenken, sich die Ohren mit Musik \u201avollzudr\u00f6hnen\u2019 oder den Mund mit allerlei Dingen voll zu stopfen, die nicht wirklich satt machen. Mechanismen, die wir auch als Erwachsene noch perfekt beherrschen, um nicht mehr wahrzunehmen, was wir eigentlich sp\u00fcren und an einem Reichtum an Gef\u00fchlen in uns haben.<\/p>\n<p>Wir Erwachsenen haben unsere Anpassung an diese \u201avern\u00fcnftige\u2019 Welt sehr gut verinnerlicht und haben damit auch zu guten Teilen verlernt, ein lebendiges Leben aus der F\u00fclle zu leben.<\/p>\n<p>Ich glaube, dieses nicht mehr sp\u00fcren, wie ein lebendiges Leben aus der F\u00fclle ist, kann auch ein Schutz sein. Jede und Jeder von uns wei\u00df wie schwer es ist und wie viel Kraft es kostet, die Dinge in unserem Leben anzuschauen, die misslungen sind, wo wir Fehler gemacht haben oder wo einfach \u201enur\u201c das tats\u00e4chliche Leben anders verlaufen ist, als wir es uns ertr\u00e4umt haben. Und da, wo wir ganz mit der Bew\u00e4ltigung unseres Alltags besch\u00e4ftigt sind, wo wir alle unsere Aufmerksamkeit daf\u00fcr brauchen, einen um den anderen Tag mit seinen M\u00fchen zu \u00fcberstehen, da bleibt f\u00fcr unsere Gef\u00fchle, die Positiven wie auch die Schweren, kein Platz mehr. Und wieviel mehr Kraft kostet es, misslungenes anzuschauen und zu betrauern!<\/p>\n<p>Unsere Buchhandlungen sind voll mit B\u00fcchern, die uns ein zufriedenes und gl\u00fcckliches Leben versprechen, wenn wir diese oder jene Tipps und Ratschl\u00e4ge befolgen. Aber nicht irgendwelche Ratschl\u00e4ge, wie wir unser Leben organisieren k\u00f6nnen oder uns noch \u201eangepasster\u201c im Berufsleben und im Bekanntenkreis bewegen k\u00f6nnen, k\u00f6nnen unsere Sehnsucht nach der F\u00fclle des Lebens wirklich stillen. Mit diesen Tipps verbiegen wir uns innerlich eher noch mehr.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte noch einmal zum Leben der Frau am Jakobsbrunnen zur\u00fcckkommen. Jesus spricht sie auf ihren Mann an und trifft damit offenbar den wunden Punkt ihrer Lebensgeschichte. \u00dcber Jahrhunderte hin wurde in der Auslegungsgeschichte unserer Kirche dieser Vers zur Grundlage daf\u00fcr, aus dieser klugen und couragierten Frau ein \u201eFlittchen\u201c, ein \u201em\u00e4nnergieriges Weib\u201c zu machen. Aus der Samaritanerin wurde die S\u00fcnderin. Muss man eigentlich zwingend auf diese Idee kommen? Oder kommt man nur dann auf diese Idee, wenn man mit der F\u00fclle des Lebens wenig und stattdessen mit (sexuellen) Vermeidungsgeschichten Erfahrung die F\u00fclle hat?<\/p>\n<p>Im Hintergrund der f\u00fcnf Ehen dieser Frau steht offensichtlich das Institut der Schwagerehe, der sogenannten Leviratsehe. Wenn eine Frau ihren Mann verliert, bevor aus der Ehe ein Sohn hervorgegangen ist, dann sind sie und der n\u00e4chste Bruder des Mannes zur Ehe verpflichtet, um dem verstorbenen Mann einen Sohn hervorzubringen. Es ist also gut vorstellbar, dass sie immer wieder heiraten musste um ihr \u00dcberleben zu sichern. F\u00fcnf Lebensbeziehungen sind zerbrochen \u2013 wo hat sie dies wohl betrauern d\u00fcrfen? F\u00fcnf Mal verheiratet und f\u00fcnf Mal allein zur\u00fcckgeblieben. Und der sechste Mann hat sie nicht einmal mehr geheiratet. Wer mag sich in die Gef\u00fchlswelt dieser Frau hineinversetzen, die nicht aus Liebe geheiratet wurde, sondern weil auch der Mann sich der gesellschaftlichen Konvention beugen musste? M\u00f6glicherweise wird sie unter der K\u00e4lte der Beziehung gelitten und die Ablehnung der anderen Frau ihres Mannes zu sp\u00fcren bekommen haben.<\/p>\n<p>Dennoch ist diese Frau stark genug, in der Begegnung mit Jesus ihre Lebensgeschichte anzuschauen. Am Ende l\u00e4sst sie ihren Wasserkrug zur\u00fcck und geht als Verwandelte und verk\u00fcndigt in ihrem Dorf Jesus als den Christus, den Messias.<\/p>\n<p>\u201eGib mir zu trinken!\u201c \u2013 Jesus \u00fcberspringt mit dieser Bitte alle Konventionen seiner Zeit und tut, was dem Leben dient. Wo die Quelle des Lebens sprudelt, da h\u00f6ren die Trennungen auf. Da beginnt ein gemeinsames Leben, ein wechselseitiges Geben und Nehmen, das aus der Quelle des Lebens flie\u00dft.<\/p>\n<p>\u201eGib mir zu trinken!\u201c \u2013 So unscheinbar kann eine Begegnung beginnen und ins sprudelnde Leben f\u00fchren.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\"><strong>Matthias Riemenschneider<\/strong><br \/>\n<strong>Uhlandstrasse 77 <\/strong><br \/>\n<strong>74074 Heilbronn <\/strong><br \/>\n<strong>Mail: <a href=\"mailto:ma.riemenschneider@gmx.de\">ma.riemenschneider@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der F\u00fclle leben | 3. Sonntag nach Epiphanias | 21. Januar 2007 |\u00a0Johannes 4, 5-15 | Matthias Riemenschneider | I. Der Zauber des Anfangs Liebe Gemeinde,\u2026.. \u2026 gro\u00dfe Geschichten beginnen manchmal ganz belanglos. 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