{"id":11697,"date":"2021-02-07T19:48:52","date_gmt":"2021-02-07T19:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11697"},"modified":"2023-03-09T13:27:14","modified_gmt":"2023-03-09T12:27:14","slug":"johannes-1234-36","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1234-36\/","title":{"rendered":"Johannes 12:34-36"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>4. Sonntag nach Epiphanias | 28.01.2007 |\u00a0Johannes 12:34-36 | Ekkehard Heise |<\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>sp\u00e4testens nun,<br \/>\nMitte Januar,<br \/>\nverschwinden die letzten Lichterketten aus den Strassen unserer St\u00e4dte.<br \/>\nWeihnachten<br \/>\nund Epiphanias liegen hinter uns.<br \/>\nGedanken an die Festtage &#8211;<br \/>\nwer hat da schon Zeit f\u00fcr?<br \/>\nDas neue Jahr verlangt unsere Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Und dennoch,<br \/>\nmich bef\u00e4llt eine gewisse Traurigkeit,<br \/>\nwenn ich die abgeschm\u00fcckten Tannenb\u00e4ume,<br \/>\nhier und da vereinzelt noch liegen sehe.<br \/>\nEs war doch sch\u00f6n,<br \/>\n\u00fcber die Feiertage,<br \/>\nund nun ist schon alles wieder vorbei.<\/p>\n<p>Aber es geht ja nicht nur um das bisschen Sentimentalit\u00e4t,<br \/>\ndas wir uns zu Weihnachten<br \/>\nund dem Jahresende zugestehen.<\/p>\n<p>Es geht um die Weihnachtsbotschaft,<br \/>\nes geht um Lebensgewissheit.<br \/>\nStimmt die Geschichte vom Licht,<br \/>\ndas in die Welt gekommen ist?<br \/>\nWird sie sich nun in den kommenden 12 Monaten bew\u00e4hren \u2013<br \/>\noder bleibt uns Jesus, der Menschensohn und Christus verborgen?<\/p>\n<p>Der Predigttext f\u00fcr den heutigen Sonntag<br \/>\nsteht im Johannesevangelium im 12. Kapitel.<br \/>\nWir lesen ihn in den Versen 34 \u2013 36:<\/p>\n<p><strong><em>Da antwortete das Volk Jesus:<br \/>\nWir haben aus dem Gesetz geh\u00f6rt,<br \/>\ndass der Christus in Ewigkeit bleibt;<br \/>\nwieso sagst du dann:<br \/>\nDer Menschensohn muss erh\u00f6ht werden?<br \/>\nWer ist dieser Menschensohn?<br \/>\nDa sprach Jesus zu ihnen:<br \/>\nEs ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch.<br \/>\nWandelt, solange ihr das Licht habt,<br \/>\ndamit euch die Finsternis nicht \u00fcberfalle.<br \/>\nWer in der Finsternis wandelt,<br \/>\nder wei\u00df nicht, wo er hingeht.<br \/>\nGlaubt an das Licht,<br \/>\nsolange ihr&#8217;s habt,<br \/>\ndamit ihr Kinder des Lichtes werdet.<br \/>\nDas redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die J\u00fcnger wollen von der Erh\u00f6hung des Menschensohnes nichts wissen.<br \/>\nChristus soll bei ihnen bleiben<br \/>\nf\u00fcr immer.<br \/>\nDas w\u00e4re doch das Beste!<br \/>\nWer ist dieser Menschensohn?<br \/>\nEin uns unheimlicher Aspekt, der doch so einfachen Angelegenheit:<br \/>\nJesus immer bei uns.<\/p>\n<p>Jesu Antwort an die Freunde klingt schwierig,<br \/>\nschmerzhaft, nicht ohne Zumutung.<br \/>\nSeine Antwort verspricht aber auch<br \/>\nReifung, Selbstst\u00e4ndigkeit,<br \/>\nErneuerung zu einem reicheren Leben.<\/p>\n<p>Mir ist dazu ein St\u00fcck Lebensbericht eingefallen.<br \/>\nEr stammt von einem jungen Mann,<br \/>\nder die wunderbare Gabe hat,<br \/>\nandere Menschen zu tr\u00f6sten.<br \/>\nEin Mensch, der gelernt hat,<br \/>\nauf das Licht in seinem Leben zu achten.<\/p>\n<p>Der junge Mann war auf dem Lande geboren<br \/>\nund als er das erstemal in Hamburg in einen Bus stieg,<br \/>\ngr\u00fc\u00dfte er noch alle Mitfahrenden und den Busfahrer.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte von einem wichtigen Moment in seinem Leben erz\u00e4hlen.<br \/>\nEs ist Arbeitsschluss,<br \/>\nden Weg in sein m\u00f6bliertes Zimmer ist triste.<\/p>\n<p>Als der junge Mann aus dem Bus steigt<br \/>\nschl\u00e4gt ihm der Regen heftig ins Gesicht.<br \/>\nSchmutziges Wasser spritzt auf<br \/>\nals er in eine Pf\u00fctze tritt.<br \/>\nDie Hosenbeine saugen sich voll,<br \/>\ndie K\u00e4lte l\u00e4sst ihn zittern.<br \/>\nEs ist dunkel.<br \/>\nDer Wind rei\u00dft \u00c4ste von den B\u00e4umen.<br \/>\nDie Stra\u00dfenlaternen senden diffuses Licht durch die Regenw\u00e4nde.<br \/>\nEr ist allein.<br \/>\nAllein in dieser gro\u00dfen, gleichg\u00fcltigen Stadt.<br \/>\nAls er das B\u00fcro verlies gr\u00fc\u00dfe ihn niemand.<br \/>\nEin langes einsames Wochenende liegt vor ihm.<br \/>\nWie gerne w\u00e4re er nach Hause gefahren &#8230;<\/p>\n<p>\u201eBei uns, da wo ich herkomme, da sind die Leute anders,\u201c<br \/>\ndenkt der junge Mann<br \/>\nund eine Welle von Heimweh steigt in ihm auf.<br \/>\n\u201eHier k\u00fcmmert sich doch keiner um den anderen.<br \/>\nAlle gehen wie in Dunkelheit.<br \/>\nMan spricht zu dir,<br \/>\naber es ist,<br \/>\nals w\u00fcrdest du gar nicht existieren.<br \/>\nIm Grunde<br \/>\nist doch jeder nur mit seinen eigenen Problemen besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Die Menschen leben hier so dicht beieinander,<br \/>\ndicht gedr\u00e4ngt fahren sie zusammen im Bus,<br \/>\naber niemand hat ein Gesp\u00fcr f\u00fcr den anderen.<br \/>\nDie menschliche W\u00e4rme verkommt zu<br \/>\neinem gleichg\u00fcltigem Gemisch<br \/>\naus feuchten M\u00e4nteln<br \/>\nund fremder Atemlosigkeit.<br \/>\nSo ganz anders als die Atomsf\u00e4hre von Offenheit und Freundschaft,<br \/>\nda wo ich her komme<br \/>\nist es hell und freundlich.<\/p>\n<p>Wie sieht wohl der Gott dieser Leute hier aus?<br \/>\nAn was glauben meine Arbeitskollegen,<br \/>\ndie sich nicht einmal nach einander erkundigen,<br \/>\nkeiner hat gefragt was war,<br \/>\nals ich einige Tage nicht da war.<br \/>\nWie kann man so ohne Interesse am anderen leben,<br \/>\nam N\u00e4chsten, mit dem man die Luft zum Atmen teilt.\u201c<\/p>\n<p>Der junge Mann geht weiter die Strasse entlang,<br \/>\nvoller Menschen,<br \/>\ndie einander ansto\u00dfen,<br \/>\nweiterhasten ohne aufzublicken<br \/>\nund das schlechte Wetter verfluchen.<\/p>\n<p>Seine Stiefel geben ihm Halt,<br \/>\nmachen seine Schritte fest.<br \/>\nVoller Zuneigung denkt er<br \/>\nan den alten Schuster in seinem Dorf,<br \/>\nder sie ihm schon einige Male repariert hat.<br \/>\nEr hatte sich zu ihm in die Werkstatt gesetzt<br \/>\nund endlose Gespr\u00e4che mit dem alten Mann gef\u00fchrt,<br \/>\nder mit seiner Ledersch\u00fcrze,<br \/>\nmit seinem Werkzeugen und dem Kleber<br \/>\nin aller Ruhe hantierte.<br \/>\nSo war sein Dorf,<br \/>\nso waren die Leute seines Dorfes,<br \/>\ndes besten Ortes auf der Welt<\/p>\n<p>\u201eDa habe ich meine Wurzeln\u201c,<br \/>\nsagt er sich,<br \/>\n\u201evon dort bekomme ich die Kraft,<br \/>\ndie ich brauche<br \/>\num hier weiter machen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nNicht einen Tag l\u00e4nger w\u00fcrde ich diese Gleichg\u00fcltigkeit,<br \/>\ndiesen fehlenden Respekt f\u00fcr einander aushalten,<br \/>\nwenn ich nicht ab und zu<br \/>\ndie Stimme meiner Mutter h\u00f6ren w\u00fcrde,<br \/>\nwie sie mir und meinen Geschwistern Geschichten erz\u00e4hlt,<br \/>\nGeschichten aus der Bibel,<br \/>\ndie wirklichen<br \/>\nund die anderen,<br \/>\nihre Geschichten,<br \/>\nauch wirkliche,<br \/>\nvoller Weisheit und Liebe zum Leben.\u201c<\/p>\n<p>Was soll nun werden?<br \/>\nDer junge Mann sp\u00fcrt die Tr\u00e4nen in seine Augen steigen.<br \/>\n\u201eIch hatte gedacht dass alles so in Ewigkeit bleiben w\u00fcrde.<br \/>\nDort zumindest<br \/>\nin meinem Dorf,<br \/>\nbei mir zuhause.<br \/>\nMan ertr\u00e4gt die Finsternis,<br \/>\nwenn man wei\u00df, wo die Sonne scheint,<br \/>\nwo es hell ist.<\/p>\n<p>Nun ist das Licht aus.<br \/>\nMutter ist tot,<br \/>\nDienstag war ihre Beerdigung,<br \/>\nund es ist, als wenn mit ihr<br \/>\nmein Dorf,<br \/>\nmein Lebenslicht verloschen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Wei\u00df ich erst jetzt,<br \/>\nwas ich an ihr hatte?<br \/>\nNein,<br \/>\ndas stimmt nicht.<br \/>\nMutter mit ihren Geschichten,<br \/>\nmit ihrer Lebensweisheit,<br \/>\nwir Geschwister, alle wussten,<br \/>\nwas sie f\u00fcr uns bedeutete<br \/>\nund wir haben sie besucht so oft es ging<br \/>\nund immer war es sch\u00f6n bei ihr.<br \/>\nEs war als erf\u00fcllte sie uns mit so viel Gutem,<br \/>\nsie machte mein Leben hell,<br \/>\ndass es f\u00fcr mehrere Wochen reichte &#8211;<br \/>\nbis zum n\u00e4chsten Besuch.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich allein.<br \/>\nWoher nehme ich das Licht in meinem Leben.<br \/>\nOhne Mutter<br \/>\nhabe ich keinen Grund mehr<br \/>\nin mein Dorf zur\u00fcckzukehren,<br \/>\nnach Hause fahren&#8230;<br \/>\ndas geht nun nicht mehr.<\/p>\n<p>Wo Mutter jetzt wohl ist?<br \/>\nKomisch,<br \/>\nich f\u00fchle sie ganz nah bei mir.<br \/>\nWie oft bin ich durch diese finstere Stadt gelaufen,<br \/>\nin Gedanken zu Hause<br \/>\nund es ging mir gut.<\/p>\n<p>Was macht Mutter wohl jetzt?<br \/>\nOb sie mich sieht, &#8211; an mich denkt?<br \/>\n\u201aJunge, zieh dich warm an &#8230;\u2019.\u201c<\/p>\n<p>Tr\u00e4nen mischen sich mit dem Regen in seinem Gesicht.<br \/>\n\u201eSo darf ich nicht denken,<br \/>\nso tut es zu sehr weh.<br \/>\nIch wei\u00df selber, was ich anziehen muss.<br \/>\nIch kann auf mich Acht geben.<\/p>\n<p>Und ich kann auch durch diese Finsternis laufen.<br \/>\nWas sagte Mutter immer:<br \/>\n\u201aWenn du denkst es geht nicht mehr<br \/>\nkommt von irgendwo ein Lichtlein her.\u2019<\/p>\n<p>Das hat sie nicht nur so gesagt,<br \/>\ndas wusste sie,<br \/>\ndenn sie hat es oft genug selbst erlebt,<br \/>\ndamals als Vater starb<br \/>\noder als sie uns das Haus wegnehmen wollten.<br \/>\nNiemals werde ich vergessen, wie sie immer erz\u00e4hlte:<br \/>\nvorne an der Haust\u00fcr klingelte der Gerichtsvollzieher<br \/>\nund hinten durch die Terrassent\u00fcr kam mein Bruder,<br \/>\nder nach drei Jahren vergeblicher Suche<br \/>\nendlich Arbeit gefunden hatte.<br \/>\nNein, nein,<br \/>\nder Glaube meiner Mutter an das Gute im Leben,<br \/>\nwar schon begr\u00fcndet,<br \/>\nirgendwie v\u00f6llig haltlos<br \/>\naber doch voller Vertrauen.<br \/>\nUnd sie hat recht behalten,<br \/>\nhoffentlich&#8230;\u201c.<\/p>\n<p>Der junge Mann, geht die Strasse weiter.<br \/>\nSeine Schritte werden fester.<br \/>\nDer Regen streicht liebevoll \u00fcber sein Gesicht.<br \/>\n\u201eDanke guter Gott,<br \/>\nf\u00fcr jenen Ort in der Welt,<br \/>\nan dem meine Seele ihre Wurzeln hat.<br \/>\nDanke f\u00fcr die Menschen,<br \/>\ndie mir dein Licht zeigen,<br \/>\ndanke f\u00fcr den Glauben,<br \/>\nden du mir schenkst,<br \/>\ndamit ich deinem Licht vertrauen kann.<\/p>\n<p>Danke, dass du Jesus zu dir genommen hast.<br \/>\nSo ist er nun wirklich f\u00fcr uns alle da<br \/>\nund sein Licht<br \/>\nscheint,<br \/>\nwenn die Finsternis<br \/>\nin unserem Leben<br \/>\n\u00fcberhand nehmen will. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\"><strong>Pastor Dr. Ekkehard Heise<\/strong><br \/>\n<strong>St. Cosmae, Stade<\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"mailto:ekkehard.heise@t-online.de\">ekkehard.heise@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Sonntag nach Epiphanias | 28.01.2007 |\u00a0Johannes 12:34-36 | Ekkehard Heise | Liebe Gemeinde, sp\u00e4testens nun, Mitte Januar, verschwinden die letzten Lichterketten aus den Strassen unserer St\u00e4dte. Weihnachten und Epiphanias liegen hinter uns. Gedanken an die Festtage &#8211; wer hat da schon Zeit f\u00fcr? Das neue Jahr verlangt unsere Aufmerksamkeit. 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