{"id":11706,"date":"2007-02-07T19:48:47","date_gmt":"2007-02-07T18:48:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11706"},"modified":"2025-04-08T15:12:19","modified_gmt":"2025-04-08T13:12:19","slug":"matthaeus-99-13-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-99-13-9\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9:9-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Septuagesim\u00e4 | 04.02.2007 | Matth\u00e4us 9:9-13 | J\u00fcrgen J\u00fcngling |<\/h3>\n<ol>\n<li>Schon die Einleitung dieser kleinen und doch so gro\u00dfartigen Geschichte aus dem Matth\u00e4us-Evangelium spricht B\u00e4nde und ist durch und durch Jesustypisch: Er sucht nicht die akademische Diskussion, nicht den theoretischen Diskurs, sondern er geht dahin, wo das Leben pulsiert mit all seinen Chancen und in all seinen Fallstricken. Er, der das Reich Gottes verk\u00fcndet, begibt sich mitten hinein in die moralische und auch tats\u00e4chliche Grauzone zwischen R\u00f6mern und Juden, zwischen Vorschriften und Z\u00f6llen und sogar Betr\u00fcgereien. Allein schon mit der Schilderung dieser Szene wird deutlich, wie sich Gottes Reich und reales Leben ganz unmittelbar ber\u00fchren. So wie Gott Mensch wurde, wie die Geburt im Stall die Verbindung von Getrenntem m\u00f6glich machte, so wird allein schon in der Begegnung Jesu mit dem umstrittenen Z\u00f6llner dieses Thema weitergef\u00fchrt: Gottes Reich bricht mitten in die Geschichte und damit in die Lebensgeschichte der betroffenen Menschen ein \u2013 nicht irgendwo, irgendwann oder irgendwie, sondern \u201aan Ort und Stelle\u2019, hier und jetzt, ganz konkret. Und das hat Folgen.<\/li>\n<li>Deshalb versuche ich einmal, mich in die Lage jener Menschen zu versetzen, von denen das Evangelium berichtet. Und ich sage vorweg: Ein St\u00fcck weit werden wir uns in ihnen allen wiederfinden \u2013 unter Garantie! Die Frage aber wird uns begleiten: Wie gehen wir selbst mit diesen Anteilen tief in uns drinnen eigentlich um?<br \/>\nZun\u00e4chst einmal sind da die J\u00fcnger. Bei dem frischesten und letzten von ihnen, bei dem Z\u00f6llner Matth\u00e4us, ist es f\u00f6rmlich mit H\u00e4nden zu greifen, was es hei\u00dft, Jesu J\u00fcnger zu werden und zu sein. Er \u2013 und genauso all die anderen \u2013 hatten ja ihren Beruf, hatten ihre Sicht der Dinge. Sie hatten sich eingerichtet in ihrer Existenz. Sie wussten, was morgen erledigt werden musste und was f\u00fcr \u00fcbermorgen vorzubereiten war. Uns heute geht es darin sicher keinen Deut anders. Und da mitten hinein der Ruf Jesu: \u201eFolge mir!\u201c Was mag in diesen Menschen alles vor sich gegangen sein, was werden sie alles abgewogen haben, als sie diesen Ruf geh\u00f6rt haben? Folge mir \u2013 das klingt so ausschlie\u00dflich und ist es auch. Das ist in der Tat ein eindeutiges Entweder-oder, das jede zweideutige Antwort ausschlie\u00dft. Da gibt es kein \u201aMal sehen\u2019, kein \u201aVielleicht\u2019, keine Bedenkzeit, sondern: Folge mir!<br \/>\nAllerdings tr\u00e4gt dieses \u201eFolge mir\u201c auch eine gro\u00dfe Verhei\u00dfung in sich: Der das h\u00f6rt, dem das zugemutet und zugetraut wird, der wird n\u00e4mlich von Jesus auch in besonderer Weise bedacht, und er bekommt eine tiefe W\u00fcrde zugesprochen. Er, der bis eben noch eine eher zwielichtige Existenz gef\u00fchrt hat, er wird aus ihr heraus \u2013 und direkt in eine neue Lebensweise hineingef\u00fchrt. Da hinein soll er k\u00fcnftig geh\u00f6ren. Wo etwa ist das deutlicher wahrzunehmen als ausgerechnet bei diesem Z\u00f6llner? Ab sofort geh\u00f6rt der bisherige Au\u00dfenseiter dazu, ist nicht mehr allein in seiner bedr\u00fcckenden Grauzone, sondern Freund und Weggenosse Jesu. Sein ganzes Leben, das bislang so im Alltagstrott dahinlief, das wird von jetzt auf dann bedeutsam, und er ist auf einmal wer. Das alles bewirkt dieses \u201eFolge mir!\u201c, der Ruf Jesu, der bis heute zu vernehmen ist und der auch unser Ohr erreichen will.<br \/>\nVon Matth\u00e4us wird uns berichtet, dass er aufstand und ihm folgte. Das ist weit mehr, als ein St\u00fcck gemeinsamen Weges zu gehen. Er und die anderen J\u00fcnger folgten ihm, und das hei\u00dft: Sie widmeten ihm und seiner Sache fortan ihr eigenes Leben \u2013 und gewannen es mit diesem Schritt. Wie aber reagieren <strong>wir<\/strong> auf jenen Ruf \u00fcber Raum und Zeit hinweg?<\/li>\n<li>Dann gibt es in der Geschichte neben den J\u00fcngern noch andere, von denen die Rede ist, z.B. die G\u00e4ste, die mit zu Tische sa\u00dfen. Es ist sicher kein Zufall, dass der neue J\u00fcnger Matth\u00e4us nicht alleine blieb mit dem, der ihn zu sich gerufen hatte. Auch andere hatten l\u00e4ngst mitbekommen, was sich da an Neuem, an unerh\u00f6rt Neuem getan hatte. Und sie sp\u00fcrten f\u00f6rmlich diesen frischen Wind, f\u00fchlten sich zu dem Mann aus Nazareth hingezogen: \u201eSiehe, da kamen viele Z\u00f6llner und S\u00fcnder und sa\u00dfen zu Tische mit Jesus und seinen J\u00fcngern.\u201c Sie, die so lange drau\u00dfen vor waren, mit denen sich keiner gemein machen wollte, sie merkten ganz intuitiv: Da ist einer, vor dem jeder z\u00e4hlt. Dem ist \u2013 ohne Unterschied \u2013 jedermann gleich wichtig.<br \/>\nUnd wer es schon einmal am eigenen Leibe miterlebt hat, was es hei\u00dft, au\u00dfen vor zu sein, w\u00e4hrend man drinnen beieinander ist, der kann sich gut in die Lage dieser G\u00e4ste versetzen. Wer aber h\u00e4tte das noch nicht mit durchgemacht \u2013 egal ob in der Klasse, im Verein oder im Betrieb? Nat\u00fcrlich m\u00f6chte jeder dort sein, wo eine Kultur der Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung, wo ein Klima von W\u00e4rme und Freundlichkeit in Geltung stehen. Zum Gl\u00fcck gibt es ja Menschen unter uns, die so etwas ein gutes St\u00fcck verk\u00f6rpern und ausstrahlen: die Lehrerin, die allen ihren Sch\u00fclern das Gef\u00fchl von N\u00e4he vermittelt, der Polizist, der sich nicht hinter seiner Uniform versteckt, sondern wirklich offen ist f\u00fcr Menschen in verfahrener Situation, oder auch der Politiker, der im politischen Widersacher zu allererst den Mitmenschen und nicht den Gegner oder gar einen Feind sieht. An solche Menschen erinnern wir uns alle gern und oftmals ein Leben lang.<\/li>\n<li>Aber neben den J\u00fcngern und den G\u00e4sten wird uns schlie\u00dflich noch von anwesenden Pharis\u00e4ern berichtet \u2013 \u00fcbrigens sehr honorige, ehrenwerte Leute, ganz im Gegensatz zu dem Ruf, in dem sie so lange standen. Menschen waren das, die mit Ernst ihren Glauben leben wollten, mit einem tiefen Ernst. Gewiss, dar\u00fcber war ihnen die Haltung des Empfangens, eines letztlich unverdienten und unverdienbaren Glaubens oft zu kurz geraten. Vielleicht zu vieles wollten sie aus sich selbst herausmachen, aber ihren Ernst in Glaubensdingen spreche ihnen niemand ab! Deshalb kann ich diese Menschen und ihre Reaktion nur zu gut verstehen: Was, mit denen isst er, ausgerechnet mit jenen, die auf anderer Leute Kosten leben, und das nicht einmal schlecht? Da kann Neid schnell hochkommen \u2013 verst\u00e4ndlich, nur allzu verst\u00e4ndlich. K\u00f6nnen wir da nicht mitf\u00fchlen und mitreden: Der Aufstieg meines Kollegen, w\u00e4hrend ich auf der Karriereleiter da bleibe, wo ich schon so lange bin? Die strotzende Gesundheit des Nachbarn, w\u00e4hrend mich dieses oder jenes Zipperlein plagt? Der Erfolg der Freundeskinder, w\u00e4hrend die meinigen mir laufend Kopfzerbrechen bereiten? Wie schnell f\u00fchlen wir uns da zur\u00fcckgesetzt, wo andere berufen werden oder einfach nur Gl\u00fcck haben? Wie gehe ich denn um mit Neid oder Missgunst auf meiner Seite? Aus Jesu Worten an die Pharis\u00e4er h\u00f6re ich jedenfalls heraus: Ihr habt doch l\u00e4ngst das, was ihr braucht. Heute jedenfalls seid ihr nicht dran. Damit geht ja beileibe keine Verurteilung einher und auch keine Verachtung. Jesus nimmt diese Menschen gerade in ihrem Ernst seinerseits sehr ernst und damit doch wohl auch an. Aber jetzt, gerade jetzt sind erst einmal die dran, die es n\u00f6tiger haben.<\/li>\n<li>Diese Beobachtung f\u00fchrt mich zu einer letzten Bemerkung, die sich ganz auf den Beginn der Geschichte bezieht: Er \u201esah\u201c diesen Matth\u00e4us dort in seiner Zollstation sitzen. Er \u201esah\u201c ihn: Ein ganz kurzes Wort nur mit einem ganz weiten Hintergrund. Denn erst dieses Sehen l\u00f6st alles andere aus. Es ist der wache und der im vollen Sinn des Wortes wahr-nehmende Blick Jesu auf diesen Menschen und seine Situation, der das ganze Geschehen in Gang bringt. Es w\u00e4re uns selbst, der Menschheit und der ganzen Sch\u00f6pfung viel geholfen, wenn wir uns diese Art von Sehen und Wahrnehmen nur ein wenig zu eigen machen k\u00f6nnten. Gebe Gott uns daf\u00fcr die n\u00f6tige Offenheit und Aufmerksamkeit, die entsprechende Sensibilit\u00e4t und ganz viel Liebe! Amen.<\/li>\n<\/ol>\n<hr \/>\n<p><span class=\"394212007-30012007\" style=\"font-size: 16px;\"><span style=\"font-family: Arial;\"><strong>Oberlandeskirchenrat i. R. J\u00fcrgen J\u00fcngling<\/strong> <\/span><\/span><strong><br \/>\nc\/o <a href=\"mailto:sonderseelsorge.lka@ekkw.de\">sonderseelsorge.lka@ekkw.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesim\u00e4 | 04.02.2007 | Matth\u00e4us 9:9-13 | J\u00fcrgen J\u00fcngling | Schon die Einleitung dieser kleinen und doch so gro\u00dfartigen Geschichte aus dem Matth\u00e4us-Evangelium spricht B\u00e4nde und ist durch und durch Jesustypisch: Er sucht nicht die akademische Diskussion, nicht den theoretischen Diskurs, sondern er geht dahin, wo das Leben pulsiert mit all seinen Chancen und in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15637,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,1,727,157,853,114,1314,193,349,3,109,857],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11706","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-juergen-juengling","category-kapitel-9-chapter-9-matthaeus","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-septuagesimae"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11706","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11706"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11706\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22530,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11706\/revisions\/22530"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15637"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11706"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11706"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11706"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11706"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11706"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11706"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11706"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}