{"id":11708,"date":"2021-02-07T19:48:51","date_gmt":"2021-02-07T19:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11708"},"modified":"2023-03-09T14:28:42","modified_gmt":"2023-03-09T13:28:42","slug":"matthaeus-99-13-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-99-13-6\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9:9-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Septuagesim\u00e4 | 04.02.2007 |\u00a0Matth\u00e4us 9:9-13 | Mirko Peisert |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Es nun schon 20 Jahre her, diese Fahrt aus der L\u00fcneburger Heide zur Partnergemeinde nach Riesa in Sachsen, aber ich kann mich noch sehr gut erinnern:<\/p>\n<p>Kurz hinter Helmstedt die deutsch-deutsche Grenze aus Stacheldraht, Grenzt\u00fcrmen und Todesstreifen. Und die endlose und nervenaufreibende Grenzkontrolle.<\/p>\n<p>Ewiges Warten\u2026 Dann kamen zuerst die Papiere. Eine lange Liste mit Fragen sollten wir beantworten. Was wir eingepackt haben, wo wir hinfahren wollten\u2026.<br \/>\nUnd dann ging es erst richtig los. Koffer, Taschen, F\u00e4cher, alles, was wir hatten, wurde von den Grenzbeamten auseinander genommen.<\/p>\n<p>Ob eine Packung Kaffee oder eine Schachteln Zigaretten die Prozedur verk\u00fcrzen w\u00fcrden? &#8211; Wie w\u00fcrde der Zollbeamten reagieren?<\/p>\n<p>Ein Kollege erz\u00e4hlte mir sp\u00e4ter einmal wie er immer die theologische Literatur \u00fcber die Grenze brachte: Ich packe einfach einen Koffer mit schmutziger W\u00e4sche und ganz unten kommen die Bibeln drunter. Das kramen die Z\u00f6llner nie durch.<\/p>\n<p>Nach einer Ewigkeit an der Grenze durften wir dann endlich einreisen und weiterfahren. Nichts wie weg hier! Nie wieder!<br \/>\n<em>Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.<br \/>\nUnd es begab sich, als er zu Tisch sa\u00df im Hause, siehe, da kamen viele Z\u00f6llner und S\u00fcnder und sa\u00dfen zu Tisch mit Jesus und seinen J\u00fcngern.<br \/>\nAls das die Pharis\u00e4er sahen, sprachen sie zu seinen J\u00fcngern: Warum isst euer Meister mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern?<br \/>\nAls das Jesus h\u00f6rte, sprach er: Die Starken bed\u00fcrfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.<br \/>\nGeht aber hin und lernt, was das hei\u00dft (Hosea 6,6): \u00bbIch habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.\u00ab Ich bin gekommen, die S\u00fcnder zu rufen und nicht die Gerechten.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>So berichtet uns Matth\u00e4us in seinem Evangelium.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob sich die DDR Zollbeamten mit den Z\u00f6llnern zur Zeit Jesu vergleichen lassen.<br \/>\nFest steht, dass mit den Z\u00f6llnern damals niemand so recht etwas zu tun haben wollte. Sie hatten einen schlechten Ruf. Vor Gericht waren sie als Zeugen schon gar nicht mehr zugelassen. Zu viele Menschen sollten sie schon um ihr Geld betrogen haben.<\/p>\n<p>Warum also setzt sich Jesus mit diesen Leuten zusammen? Ganz klare Frage: Warum isst euer Meister mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern? So fragen ihn denn auch gleich die Pharis\u00e4er die J\u00fcnger Jesu: Warum macht Jesus das?<\/p>\n<p>Nun ein Bestechungsversuch wird es jedenfalls nicht gewesen sein! Um Geld geht es Jesus sicher nicht.<br \/>\nEr sagt: Die Starken bed\u00fcrfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.<br \/>\nDie Starken bed\u00fcrfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Seine Antwort erl\u00e4utert er dann noch mit dem Satz: Ich bin gekommen, die S\u00fcnder zu rufen und nicht die Gerechten.<\/p>\n<p>Klingt logisch und einleuchtend. Nat\u00fcrlich, wenn ich gesund bin, dann brauche ich auch nicht zum Arzt.<\/p>\n<p>Aber wenn ich diese Antwort so auf mich wirken lassen, dann denke ich: Eigentlich verstehe ich gar nicht so recht, was Jesus damit meint! Ja, es ist fast eine Unversch\u00e4mtheit, was Jesus da sagt.<\/p>\n<p>Denn es scheint mir, dass Jesus hier erst einmal die Z\u00f6llner f\u00fcr krank und s\u00fcndig erkl\u00e4rt, um dann als Helfer zu erscheinen. Erst einmal werden die Z\u00f6llner hier klein und bed\u00fcrftig gemacht, worauf hin ihnen dann von Jesus Rettung angeboten werden kann. Obwohl die Z\u00f6llner, sicher keine kranken Schw\u00e4chlinge waren, das waren vielmehr erfolgreiche Gesch\u00e4ftsleute, wohlhabend und intelligent.<\/p>\n<p>Die Starken bed\u00fcrfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.<\/p>\n<p>Das kann doch nicht hei\u00dfen, dass Jesus nur f\u00fcr mich da ist, wenn es mir schlecht geht, wenn ich krank und schwach bin. Aber wenn es mir gut geht, ich Erfolg habe und mich wohl f\u00fchle, dass ich dann nicht auch auf seine N\u00e4he z\u00e4hlen kann.<\/p>\n<p>Und \u00fcberhaupt klingt das ja auch viel zu einfach. Hier die Kranken und dort die Gesunden? Auf der einen Seite die Starken und auf der anderen die Schwachen? Wer will das einteilen?<br \/>\nJeder hat doch seine St\u00e4rken und auch seine Schw\u00e4chen. Es gibt niemanden, der nur stark ist.<br \/>\nSt\u00e4rke und Schw\u00e4che das geht durch uns alle hindurch! Ja oft ist es ja sogar so, dass eine vermeintliche Schw\u00e4che gerade auch eine St\u00e4rke sein kann.<br \/>\nIm letzten Jahr habe ich einen Jungen mit geistiger Behinderung konfirmiert. Und es war im Konfirmandenunterricht auch nicht immer ganz einfach, aber kein Konfirmanden konnte so direkt seine Fragen stellen, kein anderer konnte auch so einfach sein Missfallen \u00fcber den Unterricht oder die Gottesdienste ausdr\u00fccken oder eben auch seine Freude und Begeisterung ausdr\u00fccken. Er war st\u00e4rker als wir alle unsere Gef\u00fchle und unsere Begeisterung zu zeigen. Ich glaube, wir alle konnten von ihm lernen.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte Jesus also mit den Kranken gemeint haben, mit den Schwachen, die seine Hilfe brauchen?<\/p>\n<p>Warum isst Jesus mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern?<\/p>\n<p>Selig sind die sanftm\u00fctigen, so sagt Jesus einmal, selig sind die, die hungern nach Gerechtigkeit, selig sind die Barmherzigen, die Friedfertigen\u2026<\/p>\n<p>Sanftmut, Barmherzigkeit, Gerechtigkeitssinn, das ist in den Augen Jesu wahre St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Ein lebendiges und liebendes Herz, das ist die St\u00e4rke, um die es Jesus geht.<br \/>\nDas lebendige Herz, das ist f\u00fcr mich das Bild f\u00fcr die Kraft die Jesus wecken will.<br \/>\nStark ist, wer ein lebendiges Herz hat.<br \/>\nDer, der sich anr\u00fchren l\u00e4sst.<br \/>\nUnd sich nicht einpanzert.<br \/>\nDer Anteil nimmt und sich nicht verh\u00e4rten l\u00e4sst.<\/p>\n<p><em>Und ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben, damit sie in meinen Geboten wandeln und meine Ordnungen halten und danach tun, so spricht Gott, der Herr. (Ez 11,19-20)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Nichts anderes tut Jesus. Das steinerne Herz verwandeln. Das versteinerte Herz in ein lebendiges, liebendes Herz verwandeln.<\/p>\n<p>Darum geht es Jesus, darum spricht der den Z\u00f6llner Matth\u00e4us an, darum setzt er sich mit den Gesch\u00e4ftemachern an den Tisch. Mit Z\u00f6llnern und S\u00fcndern. Um das versteinerte Herz zu verwandeln.<\/p>\n<p>Auf einander zugehen, miteinander Essen, das sind ganz vorsichtige und behutsame Schritte Jesu.<br \/>\nManchmal sind aber auch harte und schmerzhafte Einschnitte notwendig, um ein versteinertes Herz zu verwandeln.<\/p>\n<p>Und die Verwandlung der letzten und tiefsten Versteinerung ist vielleicht nur im Tod und durch den Tod hindurch m\u00f6glich.<\/p>\n<p>In ihrem Buch Mio, mein Mio beschreibt Astrid Lindgren einen solchen Kampf auf Leben und Tod um ein versteinertes Herz.<\/p>\n<p>Ein kleiner Junge, Mio, tritt den Kampf gegen den Ritter Kato, der allem Anschein nach die Bosheit der Welt in sich versammelt und dessen Herz scheinbar bis ins Innerste versteinert ist:<\/p>\n<p><em>\u201eIch stand vor der T\u00fcr zu Ritter Katos Kammer. Ich \u00f6ffnete die T\u00fcr. Ritter Kato sa\u00df an seinem Steintisch. Er hatte mir den R\u00fccken zugekehrt. Um ihn gl\u00fchte seine Bosheit.<br \/>\nDreh dich um, Ritter Kato!\u201c rief ich. \u201cNun kommt dien letzter Kampf.\u201c Er wandte sich um. Ich riss meinen Mantel von den Schultern, und da stand ich vor ihm mit dem Schwert in meiner Hand. Sein abscheuliches Gesicht schrumpfte zusammen und wurde grau, und in seinem abscheulichen Augen waren Hass und Angst. Hastig ergriff er sein Schwert, das neben ihm auf dem Tisch lag.<br \/>\nUnd dann begann Ritter Katos letzter Kampf.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Eine Stunde dauerte der Kampf, auf den man seit tausend und aber tausend Jahren gewartet hatte. Der stumme, grausame Kampf, in dem mein Schwert wie eine Feuerflamme durch die Luft fuhr und Ritter Katos Schwert traf und es ihm endlich aus der Hand schlug.<br \/>\nRitter Kato stand vor mir. Ohne Waffe! Und er wusste, dass der Kampf zu Ende war.<br \/>\nDa riss er sein Schwarzes Wams \u00fcber der Brust auf.<br \/>\n\u201eSieh zu, dass du das Herz triffst!\u201c schrie er: \u201eSieh zu, dass du mein Herz aus Stein durchbohrst! Es hat lange genug in meiner Brust gescheuert und wehgetan.\u201c<br \/>\nIch sah in seine Augen. Und in seinen Augen sah ich, dass Ritter Kato sich danach sehnte, sein Herz aus Stein loszuwerden. Vielleicht hasste niemand Ritter Kato mehr als er sich selbst.<br \/>\nIch wartete nicht l\u00e4nger. Ich hob mein flammendes Schwert, ich hob es ganz hoch und stie\u00df es tief in Ritter Katos Herz aus Stein.<br \/>\nIm selben Augenblick war Ritter Kato verschwunden. Er war fort. Auf dem Boden aber lag ein Haufen Steine. Nur ein Haufen Steine lag dort. Und eine Klaue aus Eisen.<br \/>\nAuf dem Fensterbrett in Ritter Katos Kammer sa\u00df ein kleiner grauer Vogel und pickte an die Fensterscheiben. Sicher wollte er hinaus. Ich hatte den Vogel vorher nicht gesehen. Ich wusste nicht, wo er sich versteckt gehalten hatte. Ich ging zum Fenster und \u00f6ffnete es, damit der Vogel fortfliegen konnte. Und er warf sich hinaus in die Luft und begann zu trillern. Sicher hatte er lange in Gefangenschaft gesessen.<br \/>\nIch blieb am Fenster stehen und sah den Vogel fliegen. Und ich sah: Die Nacht war vorbei, und der Morgen war gekommen.<br \/>\n(A. Lindgren: Mio, mein Mio, Hamburg 1956, 153-6)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Mirko Peisert<br \/>\nEv.-luth. Neust\u00e4dter Kirchengemeinde St. Marien<br \/>\nS\u00fclbecksweg 31<br \/>\n37574 Einbeck<br \/>\n<a href=\"mailto:Mirko.Peisert@evlka.de\">Mirko.Peisert@evlka.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesim\u00e4 | 04.02.2007 |\u00a0Matth\u00e4us 9:9-13 | Mirko Peisert | Liebe Gemeinde! 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