{"id":11711,"date":"2021-02-07T19:48:50","date_gmt":"2021-02-07T19:48:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11711"},"modified":"2023-03-10T12:58:03","modified_gmt":"2023-03-10T11:58:03","slug":"matthaeus-99-13-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-99-13-7\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 9:9-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Septuagesim\u00e4, 04.02.2007<\/h3>\n<h3>Predigt zu Matth\u00e4us 9:9-13, verfasst von Matthias Wolfes<\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch sa\u00df im Hause, siehe, da kamen viele Z\u00f6llner und S\u00fcnder und sa\u00dfen zu Tisch mit Jesus und seinen J\u00fcngern. Als das die Pharis\u00e4er sahen, sprachen sie zu seinen J\u00fcngern: Warum i\u00dft euer Meister mit den Z\u00f6llnern und S\u00fcndern? Als das Jesus h\u00f6rte, sprach er: Die Gesunden bed\u00fcrfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das hei\u00dft (Hosea 6,6): \u00abIch habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.\u00bb Ich bin gekommen, die S\u00fcnder zu rufen und nicht die Gerechten.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u201eNicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken!\u201c Jesu Ausspruch leuchtet unmittelbar ein; er bedarf keiner weiteren Erkl\u00e4rung. Durch ihn wird die ganze Erz\u00e4hlung von der Begegnung mit dem Z\u00f6llner und dem anschlie\u00dfenden Geschehen ins Licht gesetzt.<\/p>\n<p>Es ist der Kranke und nicht der Gesunde, der des Arztes und seiner fachkundigen Hilfe bedarf. Jedem steht ohne weiteres vor Augen, wie solche Bed\u00fcrftigkeit aussieht. Wohl kaum einer wird nicht schon von Zahnschmerzen getrieben zum Arztbesuch gezwungen worden sein. Brechen wir uns ein Bein, renken uns den Arm aus oder fallen vom Baum, dann soll der Arzt tr\u00f6sten, helfen und retten. Und erst recht, wer eine schwere Krankheit zu durchleiden hatte, der wei\u00df genau, mit welcher Inbrunst man auf die Mediziner hofft, auf ihre Kenntnis dessen, was zu tun ist, damit wir Gesundheit und Lebensfreude wiedererlangen.<\/p>\n<p>In der Krankheit wird am deutlichsten, wie hilfsbed\u00fcrftig der Mensch sein kann. Die Verletzlichkeit, ja ich m\u00f6chte sagen: die Zerbrechlichkeit unseres ganzen Wesens wird in den Momenten des Schmerzes schlagartig sichtbar. Manchmal denkt man sich: Der Mensch ist doch ein stabiles Gebilde, und zu Zeiten, n\u00e4mlich eben in Phasen der Gesundheit, ist das richtig; aber wie anf\u00e4llig k\u00f6nnen wir auch sein, und in welch kurzer Zeit kann der kr\u00e4ftigste Mann sich in ein kaum mehr erkennbares Abbild seines fr\u00fcheren Selbst verwandeln.<\/p>\n<p>Nun handelt es sich in der Erz\u00e4hlung, mit der wir es heute zu tun haben, an sich gar nicht um einen kranken Menschen. Jesus begegnet einem Z\u00f6llner, und dieser Z\u00f6llner wird einfach als Z\u00f6llner geschildert. Er versieht sein Amt \u2013 ein in der \u00d6ffentlichkeit verha\u00dftes Amt, aber er versieht es eben. Wie es scheint, gibt es gar keinen Anla\u00df, auf das Thema Krankheit zu sprechen zu kommen. Selbst da\u00df weitere Z\u00f6llner hinzukommen, mu\u00df noch nicht darauf hinauslaufen. Indem jedoch diese Steuereinnehmer mit Personen zusammengestellt werden, die nur ganz allgemein \u201eS\u00fcnder\u201c genannt werden, ist nat\u00fcrlich doch die Richtung vorgegeben. \u201eKrank sein\u201c bedeutet im Sinne der Erz\u00e4hlung: in der Verblendung leben, sich nicht selbst erkennen, nicht man selbst sein.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte heute die pharis\u00e4ische Kritik am Verhalten Jesu nicht er\u00f6rtern. Mir geht es um die Begegnung Jesu mit dem Z\u00f6llner. Bemerkenswert finde ich da\u00df die Initiative ganz von Jesus ausgeht. Die Aufgabe des Matth\u00e4us besteht darin, umgehend, ohne Zaudern und Z\u00f6gern zu folgen.<\/p>\n<p>Aber auch dies ist zu beachten: Matth\u00e4us wird, als Jesus ihn sah und ansprach, schon einiges von ihm geh\u00f6rt haben, denn in den Abschnitten zuvor ist die Rede von mehreren Heilungswundern sowie der Sturmstillung auf dem See Genezareth. Alle Taten Jesu erwecken Staunen, Furcht und das Lob der Menge. Die Kunde von ihnen ging aus ins ganze Land.<\/p>\n<p>Der Z\u00f6llner war also nicht ganz unvorbereitet. Was ist es nun, das sich in der Begegnung ereignet? E ine der wichtigsten Unterscheidungen in allem Denken und folglich auch in jeder Sprache ist die zwischen Ich und Du. Lassen Sie mich einen Gedanken zu diesem Thema entwickeln. Ich glaube, da\u00df wir von hier aus sowohl unsere heutige Erz\u00e4hlung verstehen k\u00f6nnen wie auch etwas \u00fcber Jesus insgesamt.<\/p>\n<p>Das Du ist nicht ein anderer Ausdruck f\u00fcr das Ich. Im anderen Menschen erblicke ich nicht mich selbst, sondern eben den Anderen. Ich sehe ihn nicht einfach als einen Er oder Jener, einen fremden, mir gleichg\u00fcltigen, sondern dieser andere steht zu mir in Beziehung. Denn ich bin es, der ihn sieht und von dem er gesehen wird. Als ein Er w\u00fcrde der Andere mir verschleiert, neutral bleiben, es g\u00e4be keine Beziehung.<\/p>\n<p>Anders aber bei der Begegnung: Der Andere wird zum Du; ich erkenne ihn als Du. Erst indem dies geschieht, indem ich im Anderen das Du erkenne, erblicke auch ich selbst mich. Erst das Du, die Entdeckung des Du, vermag es, mich selbst auch zum Bewu\u00dftsein meines Ich zu bringen. Diese wahrhafte Erkenntnis meiner selbst, ist das Wunder, das sich bei einer Begegnung einstellen kann.<\/p>\n<p>Genau dieses Wunder ereignet sich in der Erz\u00e4hlung des Evangelisten. Ich meine sogar, da\u00df wir hierin auch die wahre Eigenschaft Jesu erblicken k\u00f6nnen. Die Begegnung mit ihm ist geradezu die ideale Begegnung. F\u00fcr den Christen ist sie die Begegnung aller Begegnungen.<\/p>\n<p>Da\u00df Jesus f\u00fcr sich selbst das Bild vom Arzt heranzieht, sagt: Ich will f\u00fcr Dich zum Du werden, in dem du dich selbst erkennst. Erinnern Sie sich doch bitte einmal an andere Erz\u00e4hlungen dieser Art. Es gibt kein einziges Zusammentreffen mit Jesus, bei der ihm der andere gleichg\u00fcltig geblieben w\u00e4re. In jedem einzelnen Fall kommt es zur Begegnung, ob nun der Zw\u00f6lfj\u00e4hrige im Tempel die Gelehrten trifft, ob es die Ehebrecherin und ihre Ankl\u00e4ger sind, die Soldaten im Garten Gethsemane (Lk 22,51), Pontius Pilatus oder eben unser heutiger Z\u00f6llner Matth\u00e4us. Tritt er jemandem gegen\u00fcber, so sieht Jesus dessen Leiden und dessen Gl\u00fcck; er erkennt ihn. Keiner tritt Jesus als ein Er gegen\u00fcber. Zusammentreffen mit ihm sind Begegnungen.<\/p>\n<p>Ich meine, da\u00df hierin Jesu Wesen erkennbar wird, ja sogar der Sinn des christlichen Glaubens \u00fcberhaupt. Jesus ist der an und f\u00fcr sich solidarische Mensch. In ihm hat das Ideal Leben und Wirklichkeit. Sein ganzes Wirken, alle seine Worte und Reden, sein Leben und Streben sind auf Ermutigung hin ausgelegt. Ermutigung ist \u00fcberhaupt das allerbeste Wort, mit dem man seine Lehre und Taten \u00fcbersetzen kann. In unserer Erz\u00e4hlung betrifft dies den Z\u00f6llner und jene anderen Randfiguren, die als Tafelgenossen Jesu erw\u00e4hnt werden. Sie erfahren Jesu Ermutigung und seine Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der christliche Glaube ist nicht nur optimistisch. Es geht nicht immer nur um den treuen Gott, seine unverlierbare Liebe und die Freude an ihm und seiner guten Sch\u00f6pfung. Wer so spricht, der bagatellisiert das Christentum. Wir wollen nicht von einer H\u00f6he aus sprechen, in der allem Leid, aller Verlorenheit gegen\u00fcber man gleichm\u00fctig bleibt, weil doch alles aufgehoben ist im unendlichen Heilswillen Gottes. Es geht vielmehr um konkrete Zuwendung, um Hilfestellung. Sie gilt allen, denn den neutralen Anderen, den verschleierten Fremden gibt es hier nicht. Christentum hei\u00dft Bejahung, Entwicklung, Erh\u00f6hung des menschlichen Daseins.<\/p>\n<p>Deswegen f\u00fchrt Jesus aus dem Propheten Hosea an, da\u00df es Gott nicht um Opfer gehe, sondern um Barmherzigkeit. Nachfolge Jesu hei\u00dft also auch: offen f\u00fcr die Begegnung zu sein. Nachfolge hei\u00dft, sich gegen\u00fcber dem anderen freim\u00fctig, wahrhaftig, ohne Hintergedanken zu verhalten. Bei uns ist es so, da\u00df wir die Tage meist damit verbringen, eigene Ziele zu verfolgen. Das ist wohl anders nicht m\u00f6glich und hat auch seinen Sinn. Aber nicht sollen wir dabei unsere Umgebung als Instrumentensammlung betrachten, aus der wir uns das suchen, was gerade pa\u00dft, und wobei Mitarbeiter, Nachbarn, Bekannte, ja sogar die Familienangeh\u00f6rigen ihre Rollen in unseren Pl\u00e4nen zugewiesen bekommen.<\/p>\n<p>Jesu Begegnung mit dem Z\u00f6llner ist eine Grenz\u00fcberwindung. Und sie macht auch klar: Alles, was wir Gott geben wollen, hat seinen Wert nur dann, wenn es aus einem liebevollen, zugewandten und menschenfreundlichen Herzen stammt, wenn es \u201ebarmherzig\u201c ist. Offenheit, Gottvertrauen und die ehrliche Bilanz \u00fcber unsere Grenzen \u2013 das sind die Schuhe, die man tr\u00e4gt, wenn man mit Gott unterwegs ist.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Dr. Matthias Wolfes, Pfr.<br \/>\nJesus Christus-Kirchengemeinde Berlin-Kreuzberg<br \/>\n<a href=\"mailto:wolfes@zedat.fu-berlin.de\">wolfes@zedat.fu-berlin.de<\/a><\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Herangezogene Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matth\u00e4us. Zweiter Teilband: Mt 8-17 (Evangelisch-Katholischer Kommentar. Band I\/2), Z\u00fcrich und Braunschweig \/ Neukirchen-Vluyn 1990;<\/p>\n<p>Dietrich Bonhoeffer: Nachfolge, M\u00fcnchen 1937 (Neuausgabe: Dietrich Bonhoeffer Werke. Vierter Band, M\u00fcnchen 1989).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesim\u00e4, 04.02.2007 Predigt zu Matth\u00e4us 9:9-13, verfasst von Matthias Wolfes Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hie\u00df Matth\u00e4us; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. 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