{"id":11718,"date":"2007-02-07T19:48:47","date_gmt":"2007-02-07T18:48:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11718"},"modified":"2025-04-08T15:14:08","modified_gmt":"2025-04-08T13:14:08","slug":"jesaja-556-13-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-556-13-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 55:6-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Sexagesimae | 11.02.2007 | Jesaja 55:6-13 | Werner Grimm |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u201eJa, hei\u00dft das eine W\u00f6rtlein, das andre hei\u00dfet nein; die beiden W\u00f6rtlein schlie\u00dfen die ganze Welt mir ein\u201c \u2013 so stellt sich der sehns\u00fcchtigen Liebe eines jungen Mannes die Frage von Sein oder Nichtsein. Und vielleicht ist diese Frage aus Schuberts \u201eSch\u00f6ner M\u00fcllerin\u201c \u00fcberhaupt <em>die<\/em> Grundfrage unseres Lebens. Erfahre ich, was mir in der Begegnung mit der Welt Tag f\u00fcr Tag widerf\u00e4hrt, als eine Bejahung meiner Person: \u201eSch\u00f6n, dass du da bist\u201c? Oder erfahre ich die Begegnungen mit der Welt als eine einzige Verwerfung: Nein, dich br\u00e4uchte es nicht zu geben&#8230;? Ein Ja oder Nein in dieser Frage entscheidet mit, ob wir gl\u00fcckliche oder ungl\u00fcckliche Menschen sind. Und insofern geh\u00f6rt der Selbstzweifel konstitutiv zu unserem Dasein.<\/p>\n<p>Wie aber trifft uns Gottes Wort an im Hangen und Bangen zwischen Ja und Nein? Wo Er seines Volkes Israel Hangen und Bangen zwischen Ja und Nein anspricht, im 55. Kapitel des Jesaja-Buches, da spricht JHWH laut hebr\u00e4ischem Text ein vierfaches kr\u00e4ftiges Ja, und es ist die Vier in der Heiligen Schrift die symbolische Zahl f\u00fcr etwas Ganzes, Umfassendes. Viermal also sagt JHWH ein strahlendes, uneingeschr\u00e4nktes Ja zu seinen Menschen \u2013 bezogen auf ihre typischen Selbstzweifel, bezogen auf vier Arten von Nein, wie wir sie aus dem eigenen Herzen kennen.<\/p>\n<p>Ich setz den ersten Fall &#8211; eine schwarze Stunde der folgenden Art: Es rutschte uns in der Wut ein b\u00f6ses Wort heraus; wir lie\u00dfen uns hinrei\u00dfen; die Sache eskalierte, und allm\u00e4hlich d\u00e4mmerte uns, dass wir einem Menschen Schaden oder gar Leid zugef\u00fcgt haben. Nun droht Gefahr aus zwei entgegengesetzten Richtungen.<\/p>\n<p>Von der einen Seite die Verdr\u00e4ngung: Ich schiebe die Schuld schnell wieder weg von mir. Ich rede mir zig Umst\u00e4nde ein, die mich entlasten, und ich schiebe die Hauptverantwortung f\u00fcr das, was passiert ist, doch wieder dem von mir Verletzten zu &#8211; alles, um irgendwie wieder mein inneres Gleichgewicht zu erlangen.<\/p>\n<p>Oder Gefahr von der anderen Seite: Ich erschrecke bis ins Mark \u00fcber mich selbst: Ich habe durch meine eigene Schuld alles kaputt gemacht. Es ist nicht wiedergutzumachen, was ich anrichtete. Es kann dann sein, dass ich die Selbstanklage noch vertiefe und bei einer best\u00fcrzenden Selbsterkenntnis ende: So gut, wie ich es mir immer einbildete, bin ich ja gar nicht. So altruistisch, wie man\u2019s mir nachsagt, empfindet meine Seele gar nicht. Sie l\u00e4sst sich kr\u00e4nken, man kann sie verletzen, und dann geht es auch mir um meine Ehre und m\u00f6chte auch ich Recht bekommen, und manchmal hege ich dann ganz b\u00f6se, feindselige Gedanken. Und dann r\u00fchre eben auch ich mit am B\u00f6sen, das in der Welt geschieht. Jetzt zweifle ich an meinem Charakter und Wert meiner Person. Und dann kann es passieren, dass ich mich in einer totalit\u00e4ren und v\u00f6llig unvers\u00f6hnlichen Weise selbst verdamme. Dann sage ich: Nein, das Leben hat f\u00fcr mich keinen Sinn mehr. Ich ergebe mich in die Schw\u00e4rze des Schuldgef\u00fchls, in die erdr\u00fcckende Schwermut. Ich schlie\u00dfe die Fenster nach drau\u00dfen zu \u2013 gegen jeden Sonnenstrahl, der mich noch anlachen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber Gottes Wille ist das nicht. Seine Gerichte sind nicht auf ewige Verdammnis angelegt, sondern auf Zeit und auf das Einsichtig-Werden der Gerichteten. Sie wollen dem Leben eine neue Chance geben. Dem Schuld-bewusst-Gewordenen erneuert Gott sein Ja \u2013 mit den Worten des Propheten:<\/p>\n<p><em> \u201eSuchet JHWH, da er sich finden l\u00e4sst; ruft ihn an, da er nahe ist. Es verlasse der Frevler seinen Weg und, der B\u00f6ses tat, lasse ab von seinen Pl\u00e4nen. Er kehre doch um zu JHWH, und Er wird sich \u00fcber ihn erbarmen. Er kehre um zu unserem Gott, JA, Er zeigt sich gro\u00df im Vergeben.\u201c (55,6-7) <\/em><\/p>\n<p>Ich setz einen zweiten Fall \u2013 auch er hat eine bestimmte Vorgeschichte. Sie hat mit einem Hang des menschlichen Herzens zu tun, sich die Dinge gef\u00fcgig zu machen und die Welt nach den eigenen Vorstellungen so weit als m\u00f6glich umzumodeln. Da meinen wir dann zu wissen, wie unser Leben aussehen soll. Und meinen, das ist machbar, wenn wir nur richtig planen. Und also nehmen wir z.B. den Terminkalender zur Hand und gegebenenfalls einen Lebensgef\u00e4hrten zur Brust und \u201eplanen durch\u201c: eine Woche, einen Monat, vielleicht Jahre. Und solange alles nach Plan verl\u00e4uft und gelingt und solange alle mitspielen und solange sich die entgegenstellenden Probleme l\u00f6sen lassen \u2013 so lange redet mancher auch gern von Gottes F\u00fchrung, wie gut Er es wieder gef\u00fcgt habe. Aber wie, wenn Nicht-Eingeplantes unseren Plan gef\u00e4hrdet? Eine Krankheit, auf die wir nicht gefasst sein konnten; ein nicht gesuchter, aber Energien fressender Konflikt; ein Leid, bei dem wir gefragt werden, ob wir wohl beistehen wollen. Das hie\u00dfe aber, den Tagesplan zu suspendieren; wir k\u00f6nnen dann nicht einfach weitermachen im Text! Oder: Ein Mensch, der bisher im Sinne unseres Plans funktioniert hatte, jetzt aber nicht mehr. Jetzt br\u00e4uchte er umgekehrt mich f\u00fcr sich. Nicht eingeplant!<\/p>\n<p>Wenn wir dann nur vor\u00fcbergehend unsicher sind und uns, flexibel genug, auf die neue Situation einstellen k\u00f6nnen, dann haben wir eine gl\u00fcckliche Natur. Aber geraten wir nicht oft in totale Verwirrung, wenn der Plan durchkreuzt ist? Und bekommen regelrecht Angst \u2013 Angst vor dem drohenden Chaos in meinem Leben. Angst, die Anforderungen und Anspr\u00fcche an mich und die Aufgaben nicht mehr bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen? Nein, sage ich dann: Mit Gott rechne ich nicht mehr. Ziele \u2013 nein, ich gehe keine mehr an. Und stattdessen \u201elasse ich mich gehen\u201c.<\/p>\n<p>Aber Gott bleibt bei seinem Ja. Sagt mir durch den Propheten: Viele deiner Pl\u00e4ne, und nicht nur die eigens\u00fcchtigen, werden durchkreuzt. Manches Ziel, das du dir setztest, wirst du niemals erreichen. Aber mein Heilsplan f\u00fcr dich \u2013 er steht. Und wo du einen <em>deiner<\/em> Pl\u00e4ne zerbrechen siehst \u2013 es k\u00f6nnte sein, dass ich dich gerade da im Sinne <em>meines Plans mit dir<\/em> ein erhebliches St\u00fcck weitergebracht habe. Und am Ende wirst du es schauen und wirst meine Logik erkennen. Im Originalton Jesajas, 55,8-9:<\/p>\n<p><em> \u201eJa, meine Pl\u00e4ne sind nicht eure Pl\u00e4ne,<br \/>\n<\/em><em>und eure Wege sind nicht meine Wege.<br \/>\n<\/em><em>Wie der Himmel hoch \u00fcber der Erde ist,<br \/>\n<\/em><em>so hoch sind meine Wege \u00fcber euren Wegen<br \/>\n<\/em><em>und meine Pl\u00e4ne \u00fcber euren Pl\u00e4nen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine dritte Art von menschlichem Nein ist der nagende Zweifel am Durchsetzungsverm\u00f6gen des Wortes Gottes in der Welt.<\/p>\n<p>Gerade unter uns, die wir noch zur Kirche halten, geht die Klage um: \u201eNichts richtet es aus, Gottes Wort. Schaut doch die vielen leeren B\u00e4nke im Gottesdienst. In diesen heilgen Hallen kennt man die F\u00fclle nicht, wenn nicht gerade ein au\u00dferordentlicher event wie Strohfeuer zum Himmel lodert und eine vor\u00fcbergehende Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das Wort Gottes an sich \u2013 sonderlich viel Eindruck scheint es nicht mehr zu machen. Nein, wirklich nicht\u201c, nagt der Zweifel.<\/p>\n<p>Und wieder kontert Gott mit einem Ja mitten hinein ins Herz des Zweiflers. Er weist uns darauf hin, dass sein Wort ja nicht einfach deckungsgleich ist mit dem Wort einer armseligen Sonntagspredigt. Es ist doch einiges mehr! Es ist doch sein Sch\u00f6pferwort, mit dem Er Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn. Manchmal bekommen wir sogar so etwas wie ein leuchtendes Zeichen daf\u00fcr, dass Er sch\u00f6pferisch t\u00e4tig ist, dass Er sch\u00f6pferisch hineinredet ins Weltgeschehen \u2013 in den nicht mehr f\u00fcr m\u00f6glich gehaltenen Wundern der Geschichte. Denken wir nur an den Abbau der Apartheid in S\u00fcdafrika, an den Fall der Berliner Mauer, an den Friedensschluss zwischen Israel und \u00c4gypten. Sollten wir also nicht doch weiter hoffen f\u00fcr die V\u00f6lker, die aus den Kriegswirren nicht herauszukommen scheinen? F\u00fcr die L\u00e4nder in Afrika, die schon am Verd\u00fcrren sind? F\u00fcr unser Land: dass es in allen Zerrei\u00dfproben dieser Zeit doch wieder zu einer allseits humanen Gesellschaftsordnung findet, in der auch die Schwachen Bleiberecht und eine Aufgabe haben? Der Prophet jedenfalls lenkt die Aufmerksamkeit auf das sch\u00f6pferische Wort Gottes und seine unersch\u00f6pflichen M\u00f6glichkeiten, Menschen zu bewegen und Entwicklungen zu lenken. Folgendes spricht der Ewige durch den Mund Jesajas:<\/p>\n<p><em> \u201eJa, wie der Regen herabkommt vom Himmel und dorthin nicht zur\u00fcckkehrt, es sei denn, er habe die Erde getr\u00e4nkt, sie schwanger gemacht und sie spro\u00dfen lassen und Samen dem S\u00e4mann gegeben und Brot dem, der essen m\u00f6chte, so wirkt mein Wort, das von meinem Munde ausgeht: Es kehrt nicht unverrichteterdinge zu mir zur\u00fcck, sondern es vollbringt gewiss, was ich will, und bringt zustande, wozu ich es gesandt habe.\u201c (55,10-11) <\/em><\/p>\n<p>Es gibt ein viertes Nein, mit dem wir uns dem Leben verweigern: das Nein der Weltuntergangspropheten. Es h\u00f6rt sich so an: Der count down l\u00e4uft. Schaut doch nur hin! Weder ein Volk als ganzes noch gar die Menschheit wird Vernunft annehmen. Die uners\u00e4ttliche Gier der Habenden hat mit der Aufheizung der Erdatmosph\u00e4re, dem Atomm\u00fcll und der Vergiftung des Wassers unumkehrbare Tatsachen geschaffen. Und nun sagen die Schwarzseher in drei Varianten Nein:<\/p>\n<p>Der erste Typ steigt aus nach dem Motto: \u201eRette sich, wer kann!\u201c. Er versucht von dem ins Verderben fahrenden Zug abzuspringen und seine Haut in irgendeine Nische zu retten. Der Aussteiger wird nur mit Bio-Zertifikat versehene Nahrungsmittel einkaufen. Er wird sich aus manchen Spielchen unserer Gesellschaft mit Verachtung zur\u00fcckziehen. Vielleicht, wenn er sich\u2019s leisten kann, sein Auto verkaufen. Sich lieber mit Hartz IV abspeisen lassen, statt zur Rudelbildung um die sp\u00e4rlich ges\u00e4ten Arbeitspl\u00e4tze beizutragen. Er wird mit Nordic-Walking und Gesundheitstee jedenfalls seinen K\u00f6rper pflegen \u2013 vielleicht h\u00e4lt ja die Welt doch noch bis zu seinem 100.Geburtstag.<\/p>\n<p>Der zweite Typ nimmt f\u00fcr sich mit, was noch mitzunehmen ist \u2013 nach dem Motto: \u201eLasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot\u201c. Wenn die Welt denn schon zum Teufel geht und ich mit ihr, so will ich doch bis dahin das Leben noch ausbeuten, und dabei nehme ich keine R\u00fccksicht. Die nimmt er nicht einmal gegen die eigenen Enkel.<\/p>\n<p>Und dann haben wir noch, drittens, den Selbst-Gerechten. Er h\u00e4lt\u2019s mit den Zeugen Jehovas. Zwar geht die Welt zum Teufel und alle B\u00f6sewichter fahren in die H\u00f6lle. Aber ich geh\u00f6re zu den 144 000 Supergerechten, deren Seele Gott retten und in sein ewiges Reich nehmen wird.<\/p>\n<p>Der Prophet wendet sich in der besagten Stunde mit einem Gotteswort und vierten Ja gegen alle drei \u2013 gegen die Aussteiger, gegen die Ausbeuter und gegen die Ausschlie\u00dflichen. Er bestreitet alle unsere Erl\u00f6sungstr\u00e4ume, in denen nur wir vorkommen und nicht auch unsere Br\u00fcder und Schwestern: Menschen, Tiere und Pflanzen. Ja aber sagt er zu einer Sehnsucht, die diese alle einschlie\u00dft. Schlussendlich gerettet werden durch die Macht der Liebe nicht Aussteiger, sondern solidarisch Mitleidende. Gerettet werden durch die Macht der Liebe nicht die Gerechten ausschlie\u00dflich, sondern die Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigen miteinander. Gerettet wird durch die Macht der Liebe nicht die Menschheit unter Niedertrampeln der Pflanzen und Tiere, sondern \u2013 ich zitiere ein viertes Mal den Propheten:<\/p>\n<p><em> \u201eJa, in Freude sollt ihr ausziehen und in Frieden geleitet werden.<br \/>\n<\/em><em>Die Berge und H\u00fcgel sollen vor euch in Jubel ausbrechen,<br \/>\n<\/em><em>alle B\u00e4ume des Feldes sollen in die H\u00e4nde klatschen.<br \/>\n<\/em><em>Statt des Dornbusches w\u00e4chst Myrte.<br \/>\n<\/em><em>Und das wird JHWH zur Ehre geschehen,<br \/>\n<\/em><em>zum ewigen, untilgbaren Zeichen.\u201c (55,12-13) <\/em><\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Dr. Werner Grimm<br \/>\nStuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:bernius-grimm@T-Online.de\">bernius-grimm@T-Online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung des Textes nach: <\/strong><br \/>\nWerner Grimm, Das Trostbuch Gottes, \u00fcbersetzt und mit Anmerkungen versehen, in Zusammenarbeit mit Kurt Dittert, Stuttgart 1990<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae | 11.02.2007 | Jesaja 55:6-13 | Werner Grimm | Liebe Gemeinde! \u201eJa, hei\u00dft das eine W\u00f6rtlein, das andre hei\u00dfet nein; die beiden W\u00f6rtlein schlie\u00dfen die ganze Welt mir ein\u201c \u2013 so stellt sich der sehns\u00fcchtigen Liebe eines jungen Mannes die Frage von Sein oder Nichtsein. 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