{"id":11726,"date":"2021-02-07T19:48:51","date_gmt":"2021-02-07T19:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11726"},"modified":"2023-03-09T14:52:01","modified_gmt":"2023-03-09T13:52:01","slug":"lukas-1831-43-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1831-43-6\/","title":{"rendered":"Lukas 18,31 \u2013 43"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Estomihi, 18. Februar 2007<br \/>\nPredigt zu Lukas 18,31 \u2013 43, verfasst von Dietz Lange <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Wenn Sie jetzt M\u00fche gehabt haben beim Zuh\u00f6ren, kann ich das gut verstehen. Ich hatte zu Hause beim ersten Lesen auch M\u00fche. Denn wo ist denn da der Zusammenhang? Da werden zwei Geschichten erz\u00e4hlt, die auf den ersten Blick \u00fcberhaupt nichts miteinander zu tun haben. Kurz zusammengefasst: <em>Zuerst<\/em> k\u00fcndigt Jesus an, dass er gefoltert und get\u00f6tet werden und dann auferstehen wird. <em>Dann<\/em> sitzt da ein Bettler am Wegesrand und will geheilt werden. Die J\u00fcnger sind so sehr mit den ganz anderen Dingen besch\u00e4ftigt, die sie gerade geh\u00f6rt haben, dass sie den Mann unwirsch zurechtweisen: \u201eDas geht jetzt nicht. Wir haben gerade etwas Wichtiges zu besprechen. Du st\u00f6rst!\u201c Uns st\u00f6rt er auch, oder? Auch wir haben doch mit der ersten Geschichte genug zu tun. Hat da vielleicht die kirchliche Kommission geschlafen, die die Predigttexte festlegt? So etwas kann ja vorkommen.<\/p>\n<p>Aber langsam mit den jungen Pferden. Wenn man etwas l\u00e4nger dar\u00fcber nachdenkt, dann merkt man, was Lukas sich dabei gedacht hat, wenn er als einziger von den Evangelisten diese beiden Erz\u00e4hlungen direkt hintereinander stellt. Er will uns auf diese Weise auf etwas hinweisen, das f\u00fcr unser Leben wichtig ist und das wir anders vielleicht gar nicht beachten w\u00fcrden. Worum geht es da?<\/p>\n<p>Da stehen auf der einen Seite die J\u00fcnger. Sie h\u00f6ren die Ank\u00fcndigung Jesu in klaren Worten und verstehen doch nichts. Er soll sterben, statt das ganze Volk und vielleicht noch viele Menschen dar\u00fcber hinaus f\u00fcr Gottes Sache zu gewinnen. Wieso? Das ist doch widersinnig, wenn es wirklich Gott war, der ihn gesandt hat. Eine Frage, die ja bis heute gestellt wird. Auf der anderen Seite steht der Blinde. Der hat von der ganzen Unterhaltung nichts mitgekriegt. Aber wir ahnen: Selbst wenn er alles mit angeh\u00f6rt h\u00e4tte, er w\u00e4re trotzdem felsenfest \u00fcberzeugt, dass Jesus ihm helfen kann. Man kann es auch so sagen: Er sieht f\u00fcr sich Land, obwohl er blind ist.<\/p>\n<p>Auf diesen Gegensatz kommt es an, will uns Lukas sagen. Es ist dann auch v\u00f6llig egal, wie wir uns die Heilung des Blinden vorstellen sollen, ob man sich \u00fcberhaupt konkret denken kann, was f\u00fcr Techniken Jesus da angewendet haben k\u00f6nnte und dergleichen mehr. Diese Geschichte ist sinnbildlich gemeint: Wer sich so hartn\u00e4ckig und unbedingt auf Jesus verl\u00e4sst wie dieser Mann, dem werden die Augen ge\u00f6ffnet f\u00fcr das, was Gott durch Jesus f\u00fcr uns tut \u2013 der erkennt das, was sonst tief verborgen ist.<\/p>\n<p>Jetzt k\u00f6nnen wir genauer hingucken. Erstmal auf die J\u00fcnger, die nicht verstehen, warum Jesus am Kreuz sterben soll. Uns sp\u00e4tgeborenen Christen passiert es ja ganz leicht, dass wir uns dar\u00fcber wundern, wie man denn so begriffsstutzig sein kann. Aber da m\u00fcssen wir uns wohl die Gegenfrage gefallen lassen: Verstehen wir es denn so viel besser? Wieso konnte Jesus sich denn nicht durchsetzen? Warum musste er unschuldig so viel leiden? Was ist das f\u00fcr ein Gott, der es dazu kommen l\u00e4sst? So fragen doch, heimlich zumindest, viele von uns. Und so haben die J\u00fcnger auch gefragt. F\u00fcr sie kam dazu, dass sie mit der Hoffnung gro\u00df geworden waren, es w\u00fcrde einst ein m\u00e4chtiger K\u00f6nig auftreten, der den Staat Israel wieder selbstst\u00e4ndig machen und zu alter Gr\u00f6\u00dfe f\u00fchren w\u00fcrde. Wenn Jesus das nun nicht tat, war er dann ein Scharlatan oder ein Betr\u00fcger? Bei uns heute h\u00f6rt sich das so an, wie mich vor vielen Jahren ein Konfirmand im Unterricht gefragt hat: \u201eHerr Lange, Jesus war doch der Sohn Gottes. Warum hat er dann nicht die r\u00f6mischen Soldaten und den Pilatus einfach verjagt, statt sich gefangen nehmen zu lassen?\u201c Der Junge war nicht dumm. Er hat nur ausgesprochen, was viele Erwachsene blo\u00df ein bisschen gew\u00e4hlter ausdr\u00fccken w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr, was ich dem Konfirmanden damals geantwortet habe. Lassen Sie es mich heute so versuchen. Wer auf Jesus h\u00f6rt, der kann merken, dass Gott hinter ihm steht. Gott selbst redet durch ihn zu uns, r\u00fchrt uns an. Das kann einen schon umwerfen, das Unterste zuoberst kehren. Und doch bleibt dieser Gott zugleich verborgen, l\u00e4sst sich nicht fassen. Er beseitigt auch nicht einfach das B\u00f6se in uns und um uns herum. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte er das, aber er l\u00e4sst uns unsere Verantwortung. Ja, Gott setzt sich selbst dem Leiden an dem B\u00f6sen von uns Menschen aus \u2013 er l\u00e4sst nicht blo\u00df Jesus leiden, er leidet selber. An Jesus k\u00f6nnen wir sehen: Gott tut das aus Liebe zu uns. Er gibt sich f\u00fcr uns hin. Auf diese Weise vergibt er uns unsere Bosheit und Gedankenlosigkeit \u2013 so wie wir ja auch unter der Bosheit oder Gedankenlosigkeit eines anderen Menschen leiden, wenn wir ihm verzeihen wollen.<\/p>\n<p>Das haben die J\u00fcnger damals nicht verstanden. Es ist ja auch wirklich schwer zu fassen \u2013 nicht so sehr f\u00fcr den Verstand als vielmehr f\u00fcr das Herz. Unser Herz w\u00fcnscht sich doch einen Gott, der in der Welt so richtig aufr\u00e4umt, sich f\u00fcr jedermann sichtbar zu erkennen gibt, ja der uns Menschen zwingt, in Frieden und Eintracht miteinander zu leben, der uns ein Paradies auf Erden schafft. Freilich w\u00e4re zu fragen: W\u00fcrden wir damit wirklich gl\u00fccklich werden? Unser Gott jedenfalls f\u00fchrt uns durch manchmal sehr tiefe und dunkle T\u00e4ler zu sich. Warum, das k\u00f6nnen wir letztlich nicht ergr\u00fcnden; seine Gedanken sind und bleiben h\u00f6her als unsere Gedanken.<\/p>\n<p>Darum ging es in dem Gespr\u00e4ch Jesu mit seinen J\u00fcngern, und das besch\u00e4ftigt auch uns noch, so viele Jahrhunderte sp\u00e4ter. Und nun steht dem schweren Gr\u00fcbeln der J\u00fcnger dieser blinde Bettler gegen\u00fcber. Ob er solche Gedanken auch gehabt hat, wissen wir nicht. Immerhin kann man sich denken, dass er es im Leben schwer genug hatte mit seiner Behinderung. Sie kennen sicherlich das Plakat einer Blindenhilfsorganisation, auf dem lachende Kinder mit verbundenen Augen abgebildet sind, die Topfschlagen spielen. Darunter steht: Blind sein macht nur Spa\u00df, wenn man sehen kann. Aber der Blinde in der Geschichte wird uns nicht als Gr\u00fcbler beschrieben. Im Gegenteil: Er scheint ein blindes Vertrauen zu haben. Das macht uns misstrauisch. Dieser Mensch hat mit seiner k\u00f6rperlichen Blindheit lange genug die Erfahrung gemacht, dass niemand sie heilen konnte. Wie kann er da pl\u00f6tzlich in einem ganz anderen Sinne blind sein, n\u00e4mlich gegen alle Erfahrung davon ausgehen, dass es dieses Mal klappen werde?<\/p>\n<p>Aber das ist die falsche Frage. Die Geschichte wird uns nicht erz\u00e4hlt, damit wir versuchen sollten, eine psychologische Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Verhalten dieses Mannes zu finden. Er ist eine symbolische Figur, haben wir schon gesehen. Er steht als Bild f\u00fcr das, was Glauben eigentlich ist: unbedingtes, festes Vertrauen, allen Zweifelsfragen zum Trotz \u2013 und wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass ein Blinder mit Zweifelsfragen bis zum \u00dcberdruss vertraut ist. \u201eDennoch bleibe ich stets an Dir\u201c, sagt der Beter des 73. Psalms, nachdem er Gott all die f\u00fcrchterlichen Erfahrungen seines Lebens aufgez\u00e4hlt hat, die eigentlich gegen solches Vertrauen sprechen. So auch der Blinde: Er vertraut blind auf Gottes heilende Macht, die ihm in Jesus begegnet, wider alle Vernunft, m\u00f6chte man sagen.<\/p>\n<p>Das ist die Wahl, vor der wir stehen. Entweder wir klammern uns an unsere menschlichen Wunschvorstellungen von Gott, wie er nach unserer Meinung eigentlich sein m\u00fcsste. Dann bleibt uns nicht nur Jesus unverst\u00e4ndlich, sondern auch unser eigenes Leben. Das w\u00e4re, mit einem modernen Ausdruck, ideologische Verbohrtheit \u2013 genauso verbohrt, wie es war, im April 1945 noch an den \u201eEndsieg\u201c zu glauben. Oder wir wagen den Vertrauenssprung, dass Gott einen Weg wissen wird, um uns aus unseren Schwierigkeiten herauszuf\u00fchren. Vielleicht schickt er uns schon morgen einen Menschen, der uns weiterhilft. Die J\u00fcnger haben ja schlie\u00dflich auch verstanden. Sie haben eine Erscheinung des auferstandenen Jesus erlebt \u2013 das hei\u00dft nichts anderes als: Gott selbst hat ihnen durch seinen Geist klar gemacht, dass der einzig gangbare Weg ist, Jesus nachzufolgen. Dieses Licht will Gott uns ebenfalls aufgehen lassen, auch wenn die Form, in der das geschieht, anders aussehen mag.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dietz Lange<br \/>\n<a href=\"mailto:Dietzlange@aol.com\">Dietzlange@aol.com<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi, 18. 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