{"id":11731,"date":"2021-02-07T19:48:51","date_gmt":"2021-02-07T19:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11731"},"modified":"2023-03-09T15:17:24","modified_gmt":"2023-03-09T14:17:24","slug":"lukas-1831-43-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1831-43-8\/","title":{"rendered":"Lukas 18:31-43"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Estomihi | 18.02.2007 |\u00a0Lukas 18:31-43 | Erika Reischle-Schedler |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&#8222;Am Grunde der Moldau wandern die Steine, es liegen drei Kaiser begraben in Prag. Das Gro\u00dfe bleibt gro\u00df nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zw\u00f6lf Stunden, dann kommt schon der Tag&#8220;. (<a href=\"http:\/\/www.arbeiterlieder.de\/moldau.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.arbeiterlieder.de\/moldau.htm<\/a>) Unter das Motto dieser von Bert Brecht gedichteten Zeilen m\u00f6chte ich meine Predigt stellen. &#8222;Die Nacht hat zw\u00f6lf Stunden &#8211; dann kommt schon der Tag&#8220;. Darum geht es in unserer Geschichte, die wir von verschiedenen Seiten her anschauen k\u00f6nnen: Von der Seite des blinden Menschen und von der Seite Jesu. Und immer werden wir dabei uns selbst begegnen &#8211; und hoffentlich der G\u00fcte Gottes, die an uns wirken m\u00f6chte durch diese Geschichte hindurch.<\/p>\n<p>Blind geboren zu sein zur Zeit Jesu bedeutete, den Lebensunterhalt der Familie, die einen aus Barmherzigkeit am Tisch mitessen lie\u00df, durch Betteln mitzuverdienen. Es hie\u00df, Keinen Eigenwert zu haben. &#8222;Ich bin nichts wert&#8220;, hei\u00dft die Bitte jeden Bettlers, &#8222;ich bin nichts wert, nur Eure Mildt\u00e4tigkeit kann mir helfen. Ich f\u00fchre kein eigenes Leben, sondern ein Leben von Euern Gnaden. Und ich habe Angst, Angst davor, heimkommen zu m\u00fcssen ohne einen Cent im Hut, ausgeliefert dem Geschimpfe und Gesp\u00f6tt der n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen: Nur eine Last hat man mit Dir, noch nicht einmal zum Betteln taugst Du. Noch nicht einmal dazu taugst Du, da\u00df wir wenigstens ein St\u00fcck weit auf Deine Kosten leben k\u00f6nnten.&#8220; Liebe Gemeinde, wenn wir uns das klarmachen, dann nicht aus purem historischem Interesse &#8211; was n\u00fctzte uns das in einem Gottesdienst! &#8211; sondern, weil das bis heute das Schicksal tausender von behinderten und kranken Menschen ist. Mit der Muttermilch einzusaugen: Du bist nichts wert, als behinderter Mensch der Du bist, nichts, und wenn Du einen Lebenswert hast, dann den, da\u00df wir ein St\u00fcck weit auf Deine Kosten leben: Das M\u00e4rtyrerkr\u00f6nchen ist dem, der sich aufopferungsvoll um einen behinderten oder kranken Menschen bem\u00fcht, gewi\u00df. Wenigstens die Genugtuung soll den Angeh\u00f6rigen zuteil werden, Behinderten das immer einmal wieder sagen zu d\u00fcrfen: &#8222;Was wir doch f\u00fcr bewundernswerte Leute sind, da\u00df wir uns mit Euch abgeben&#8220;. Und die Anerkennung von au\u00dfen, die wenigstens ist gewi\u00df! Wundert es da, dass der Bettler nur noch schreit, schreit aus tiefster Kehle, aus seinem ganzen Sein heraus: &#8222;Hab Erbarmen mit mir! Wenn einer mir helfen kann, dann bist es Du! Es ist genug Elend, genug Dem\u00fctigung, genug uns\u00e4gliche Traurigkeit, die ich zu tragen hatte. Jetzt ist es genug. Ich habe die Nacht gekostet in ihrer ganzen Schw\u00e4rze und Tiefe: Jetzt ist es genug! Mich d\u00fcrstet nach dem Tag!&#8220;<\/p>\n<p>Jesus sch\u00fcttet nicht einfach einen Schwall mildt\u00e4tigen Erbarmens \u00fcber den aus, der da schreit. Sondern er redet ihn als Mensch an: &#8222;Was m\u00f6chtest Du?&#8220; In Jesu Augen ist er nicht das l\u00e4stige Anh\u00e4ngsel seiner Angeh\u00f6rigen, nicht der m\u00fc\u00dfige Bettler, nicht das nutzlose Glied einer Gesellschaft, die ihn an den Rand gedr\u00e4ngt hat. In Jesu Augen ist Bartim\u00e4us ein Mensch, dem zu Allererst seine W\u00fcrde zur\u00fcckgegeben werden mu\u00df. Er mu\u00df seine eigene Sprache finden f\u00fcr das, was er braucht, hinausfinden aus der Bevormundung, unter der er gelebt hat Tag f\u00fcr Tag. Alles Ungesagte, alle unter Menschen Platz greifende Sprachlosigkeit, ist des Todes. Das Leben beginnt da, wo der Sprachlose Sprache findet, wo er sagen darf, was ihn qu\u00e4lt. Und da allerdings ist Luthers uns gut vertraute \u00dcbersetzung in der Antwort des Bartim\u00e4us nur eine Seite dessen, was in dieser Antwort steckt: &#8222;Es ist doch klar&#8220;, hei\u00dft die Antwort, mit Luthers \u00dcbersetzung gelesen, beinahe: &#8222;Wie kannst Du \u00fcberhaupt so fragen. Du siehst doch, da\u00df ich blind bin und bettle. Sehen k\u00f6nnen will ich wieder!&#8220; Aber das griechische Wort &#8222;anablepo&#8220; hei\u00dft nicht nur: Wieder sehen k\u00f6nnen, sondern: Aufblicken. &#8222;Da\u00df ich aufschauen kann aus der dunklen Tr\u00fcbnis dieses schwer auf mir lastenden Lebens. Da\u00df ich die Sonne wieder schaue, da\u00df ich Gott erkenne in dem, was mit mir und um mich geschieht. Das will ich, da\u00df Du f\u00fcr mich tust!&#8220; Im 42. Kapitel des Jesajabuches redet Gott die Menschen durch den Propheten an: &#8222;Schaut her zu mir, schaut auf zu mir, damit Ihr sehen k\u00f6nnt&#8220;. Es ist dasselbe Wort &#8222;anablepo&#8220;, was die griechische \u00dcbersetzung des Alten Testamentes, die Septuaginta, an dieser Stelle stehen hat. Und das Neue Testament kn\u00fcpft an vielen Stellen an Formulierungen der Septuaginta an, so auch hier. Wenn wir Gott erkennen, das Licht seiner Liebe zu schauen verm\u00f6gen mit unseren geistigen Augen, wenn wir Anteil gewinnen am Flu\u00df des Lebens, an der F\u00fclle, die der Sch\u00f6pfer f\u00fcr einen jeden Menschen bereitlegt, wenn unsere Augen sich weiten f\u00fcr Not und Bed\u00fcrfnis des anderen und wir Kraft genug gewinnen, bei allem notwendigen Blick f\u00fcr andere doch ganz bei uns selber zu bleiben &#8211; dann sind wir heil. Dann hat Gott Raum in uns gewonnen. In diesem Sinn ist die Heilung bei Bartim\u00e4us geschehen, und in diesem Sinn soll und darf sie f\u00fcr uns geschehen. Wir sollen leben, sagt uns das Neue Testament, darin ist alles gesagt.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang des Lukasevangeliums ist diese Heilungsgeschichte erz\u00e4hlt unmittelbar, nachdem Jesus zu seinen J\u00fcngern \u00fcber sein bevorstehendes Leiden gesprochen hatte. Und so gelesen, ergibt sich nochmals ein neuer Sinn: Er, Jesus, wird leiden und sterben, der blind Geborene wird Gott preisen und gesund sein. Jesus k\u00f6nnte ja befangen sein in seinem eigenen schweren Weg, der vor ihm liegt. Absorbiert von seinem eigenen Schicksal. Aber genau so ist es nicht. Er geht seinen Weg und wei\u00df, dass es ein Todesweg sein wird. Und dennoch bleibt er in seiner ganzen Person, in seiner ganzen Menschlichkeit offen f\u00fcr das Leid, das ihm auf seinem Weg begegnet. Eigenes Leiden macht ihn nicht stumpf, sonndern feinsp\u00fcrig. Und gerade darin tritt Gott durch ihn unter die Menschen und kommt uns nahe.<\/p>\n<p>Wir suchen nach dem Blinden in uns, nach dem, was unser Leben<br \/>\nblind macht, und wo wir das Erbarmen Jesu n\u00f6tig haben. Wir sagen<br \/>\numgangssprachlich: &#8222;Der lebt mit einem Brett vor dem Kopf&#8220; &#8211; was<br \/>\nsieht einer mit einem solchen Brett? Er sieht das Brett, aber<br \/>\nnicht viel sonst. Er ist blind f\u00fcr die<br \/>\nWirklichkeit des Lebens! Oder da lebt eine andere, die sieht sich<br \/>\neingemauert in dunkle W\u00e4nde, eingekerkert im Gef\u00e4ngnis einer<br \/>\nausweglos erscheinenden Situation &#8211; und in Wahrheit scheint um<br \/>\nsie her die Sonne, das Leben b\u00f6te tausend M\u00f6glichkeiten, aber die<br \/>\nsieht sie nicht, kann sie nicht wahrnehmen in ihrer Trauer,<br \/>\nihrer Schwermut, ihrem Gef\u00fchl von Ohnmacht. Sie ist blind<br \/>\nin ihrer Wahrnehmung und bleibt der eigentlichen Wahrheit ihres Lebens verschlossen! Einer der bekanntesten S\u00e4tze aus dem 36. Psalm wei\u00df um<br \/>\ndie tiefe Verwandtschaft zwischen Licht und Leben: &#8222;Bei Dir,<br \/>\nGott, ist die Quelle des Lebens, und in Deinem Licht sehen wir<br \/>\ndas Licht&#8220;. Selbstheilung kann nicht gelingen. Und oft genug<br \/>\nbleibt nur der Schrei um ein Erbarmen, das aus Tiefen jenseits menschlicher Ahnungen kommt: &#8222;Jesu, Du sohn Davids, Du,<br \/>\nder Du \u00fcber die Kr\u00e4fte Gottes verf\u00fcgst, schau mich doch an! La\u00df mich nicht fallen, wende Dich mir zu, weil ich sonst verloren bin in meiner dunklen Befangenheit, in meinem zur W\u00fcste gewordenen Leben!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Am Grunde der Moldau wandern die Steine, es liegen drei Kaiser begraben in Prag. Das Gro\u00dfe bleibt gro\u00df nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zw\u00f6lf Stunden, dann kommt schon der Tag&#8220;. Wir als Christen leben immer dem Tag entgegen, wie Christus auf seinem Leidensweg dem Ostermorgen entgegengelebt hat. M\u00f6ge uns die Betrachtung der Bartim\u00e4us-Geschichte auf diesem Weg in der Gemeinschaft Jesu Christi immer wieder neu Hilfe und Ermutigung sein! Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong> Erika Reischle-Schedler, G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:e.reischle-schedler@ngi.de\"> e.reischle-schedler@ngi.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi | 18.02.2007 |\u00a0Lukas 18:31-43 | Erika Reischle-Schedler | Liebe Gemeinde, &#8222;Am Grunde der Moldau wandern die Steine, es liegen drei Kaiser begraben in Prag. Das Gro\u00dfe bleibt gro\u00df nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zw\u00f6lf Stunden, dann kommt schon der Tag&#8220;. 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