{"id":11732,"date":"2021-02-07T19:48:51","date_gmt":"2021-02-07T19:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11732"},"modified":"2023-03-09T14:56:08","modified_gmt":"2023-03-09T13:56:08","slug":"lukas-1831-43-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1831-43-7\/","title":{"rendered":"Lukas 18:31-43"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Estomihi | 18.02.2007 |\u00a0Lukas 18:31-43 | Martina Jan\u00dfen |<\/h3>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Estomihi &#8211; \u201eSei mir&#8230;\u201c Seinen Namen hat dieser Sonntag von der lateinischen \u00dcbersetzung des 31. Psalms: \u201eSei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest. (&#8230;) Ich freue mich und bin fr\u00f6hlich \u00fcber deine G\u00fcte, dass du mein Elend ansiehst und nimmst dich meiner an in Not, und \u00fcbergibst mich nicht in die H\u00e4nde des Feindes; du stellst meine F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum (Ps 31, 3b; 8-9)!\u201c<\/p>\n<p>Ja, das ist mein Gott! So soll er sein, mein Gott. So und nicht anders. Stark. Allm\u00e4chtig. G\u00fctig. Das soll Gott f\u00fcr mich sein. Vor meinem geistigen Auge sehe ich einen m\u00e4chtigen Herrn, der f\u00fcr mich streitet und mir Raum verschafft, einen guten Vater, der sieht, was ich brauche. Einem solchen Gott traue ich, zu einem solchen Gott kann ich aufschauen und sprechen: \u201eUm deines Namens willen wolltest du mich leiten und f\u00fchren (Ps 31,4b)!\u201c Steht, was f\u00fcr ein Gott! Eine Gro\u00dfmacht &#8211; mit starkem Arm und vielger\u00fchmtem Namen.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Jesus nahm zu sich die Zw\u00f6lf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird \u00fcberantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn gei\u00dfeln und t\u00f6ten; und am dritten Tage wird er auferstehen.<\/p>\n<p>Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war. (Lk 18,31-34)<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Verspottet. Misshandelt. So soll er sein? Angespieen. Gegei\u00dfelt. Das soll mein Gott sein? Tot? Die J\u00fcnger verstehen das nicht, obwohl Jesus es ihnen immer wieder sagt. Erst als der Auferstandene sich ihnen offenbart, gehen ihnen die Augen auf und sie verstehen: Jesus ist der, von dem die Schriften k\u00fcnden (Lk 24,13ff). Ostern wirft neues Licht auf die alten Verhei\u00dfungen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Noch verstehen die J\u00fcnger nicht. Sehenden Auges sind sie blind. Ich verstehe sie. Wie kann der, der mich nicht in die H\u00e4nde des Feindes \u00fcbergibt, sich selbst seinen Feinden \u00fcbergeben? Der, der meine F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum stellt, angenagelt sein an das Kreuz? Wie kann ein ohnm\u00e4chtiger Gott m\u00e4chtig sein f\u00fcr mich? Wie kann ein Hilfloser meine Hilfe sein, meine Burg, mein Fels?<\/p>\n<p>Es ist bereits die dritte Leidensank\u00fcndigung auf dem Kreuzweg nach Jerusalem und die letzte; noch einmal sagt Jesus es nicht. Jetzt folgen die Taten. Es wird ernst: \u201eSeht mich an! Ich, euer Messias, werde verspottet, misshandelt, ich werde sterben; am dritten Tage werde ich auferstehen. Lasst uns gehen!\u201c Jesus zieht wachen Auges nach Jerusalem \u2013 direkt in den Tod. Die J\u00fcnger folgen ihm. Obwohl sie seine Worte nicht begreifen, halten sie an ihm fest. Sie folgen ihm blind. Betriebsblind, weil sie f\u00fcr ihr Messiasprojekt ein ganz bestimmtes Leitbild vor Augen haben. Ihre Hoffnung macht sie blind. Auch ihre Sehns\u00fcchte sind Seh-S\u00fcchte. Einen Schmerzensmann wollen sie sicher nicht sehen. Sie wollen Jesus anders sehen: Ein starker Fels und eine feste Burg. Eine gro\u00dfe Macht, eine m\u00e4chtige Vision. Seht, was f\u00fcr ein Gott! Und blind vor Liebe sind die J\u00fcnger wohl auch: Dass ihr Herr leidet, das wollen sie nicht ertragen. Davor wollen sie die Augen verschlie\u00dfen: Dass der, an den sie ihr Herz h\u00e4ngen, am Kreuz h\u00e4ngt: gegei\u00dfelt, verspottet, geschm\u00e4ht: Seht, was f\u00fcr ein Mensch \u2013 \u201evoller Schmerzen und Krankheit (Jes 53,3)\u201c, ohne Macht!<\/p>\n<p align=\"center\">IV<\/p>\n<p><em>Es begab sich aber, als er in die N\u00e4he von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege sa\u00df und bettelte. Als er aber die Menge h\u00f6rte, die vorbeiging, forschte er, was das w\u00e4re. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er schrie aber noch viel mehr: Du, Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und lie\u00df ihn zu sich f\u00fchren. Als er aber n\u00e4her kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich f\u00fcr dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott<\/em>. (Lk 18,35-43)<\/p>\n<p align=\"center\">V<\/p>\n<p>\u201eDu, Sohn Davids, erbarme dich meiner. Sei mir Hilfe in meiner Not!\u201c Der blinde Bettler hat den Durchblick. Er sieht die Macht des Ohnm\u00e4chtigen. Im Glauben sieht er seinen Gott. Blind vertraut er der Verhei\u00dfung: Wenn der Sohn Davids, der Messias, kommt, dann \u201ewerden die Augen der Blinden ge\u00f6ffnet werden, die Gefangenen aus dem Gef\u00e4ngnis gef\u00fchrt und die, die da sitzen in der Finsternis, aus dem Kerker (Jes 42,7).\u201c Daran glaubt der Bettler; daran klammert er sich. Mit dem Mut der Verzweiflung verschafft er sich Raum, l\u00e4sst sich nicht abbringen von den fordernden Stimmen: \u201eSchweig!\u201c Seine Not \u00f6ffnet ihm Augen, Herz und Mund. Nur noch lauter ruft er: \u201eDu, Sohn Davids!\u201c Ohne Zweifel beherrscht Bartim\u00e4us \u2013 so \u00fcberliefert der Evangelist Markus seinen Namen &#8211; die \u201ebettlerische Kunst\u201c (Martin Luther). Er wei\u00df eben, was ihm fehlt, um heil zu sein: dass er sehen kann. Der blinde Bettler h\u00e4ngt sich an Jesus; er ruft, immer wieder. Er will, dass Jesus ihn sieht. \u201eAls er aber kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich f\u00fcr dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend.\u201c Mehr braucht es nicht. Und nicht weniger. Dein Glaube. Der Blinde l\u00e4sst Gott in sich wirken und sieht. Sich. Den Himmel. Seine H\u00e4nde. Jesus. \u201eIch bin der, welchen er sehend machte. \/\/ Was sah ich? Am Kreuz, ihn, hingerichtet, \/\/ ihn, hilfloser als ich war, \/\/ ihn, den Helfer, gequ\u00e4lt. \/\/ Ich frage: Musste ich meine Blindheit verlieren, um das zu sehen?\u201c (Rudolf Otto Wiemer, Bartim\u00e4us)<\/p>\n<p>K\u00f6nnte ich Bartim\u00e4us antworten? W\u00fcrde es reichen, vor seinen Augen eine Bibel zu \u00f6ffnen und ihm die Verhei\u00dfung des Propheten Jesaja zu zeigen: Siehe, auch das steht geschrieben: \u201eEr trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen (&#8230;). Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer S\u00fcnde willen zerschlagen (Jes 53,4f)?\u201c W\u00fcrde es reichen, ihm mit allen Mitteln theologischer Gelehrsamkeit zu erkl\u00e4ren, dass das Licht der Welt die Finsternis des Todes durchleben musste, damit wir zu Kindern des Lichts werden und nicht der Finsternis anheimfallen? W\u00fcrde es reichen? Ich f\u00fcrchte nicht. Und wenn ich noch so viele Argumente h\u00e4tte und noch so viele Bilder f\u00e4nde und abertausend Belege anf\u00fchrte, doch h\u00e4tte ich den Glauben nicht, w\u00fcrde das nichts n\u00fctzen. Weder mir noch Bartim\u00e4us.<\/p>\n<p>Es ist ein Geheimnis: mein Gott f\u00fcr mich. Verstehen kann ich das nicht, nur bekennen, davon k\u00fcnden, mich daran klammern. Bis Jesus kommt in Herrlichkeit und wir von \u201eAngesicht zu Angesicht sehen\u201c (1 Kor 13,12). Heute kann ich nur im Glauben erkennen. Da sind meine Augen offen f\u00fcr das Geheimnis. Im Glauben wird der Kreuzweg zum Heilsweg, die Verk\u00fcndigung des Todes zum Preis der Auferstehung. Gro\u00df ist das Geheimnis des Glaubens! Kommt und seht, wie freundlich der Herr ist!<\/p>\n<p align=\"center\">VI<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Estomihi. Ein Sonntag dazwischen. Zwischen Sehen und Blindsein, zwischen Nicht-Verstehen und blindem Vertrauen, zwischen der Epiphaniaszeit, dem Erscheinen der Herrlichkeit Gottes, und der Passionszeit, dem Leidensweg. Wir sind auf der Mitte des Weges zwischen Weihnachten und Ostern. Mitten im Geheimnis: \u201eEine Gro\u00dfmacht. Und eine Ohnmacht. Immer. Heute noch (Marie Luise Kaschnitz).\u201c Seht, mein Gott! An ihn h\u00e4nge ich mein Herz. Immer wieder.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Martina Jan\u00dfen<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:martina.janssen@theologie.uni-goettingen.de\">martina.janssen@theologie.uni-goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi | 18.02.2007 |\u00a0Lukas 18:31-43 | Martina Jan\u00dfen | I Liebe Gemeinde! Estomihi &#8211; \u201eSei mir&#8230;\u201c Seinen Namen hat dieser Sonntag von der lateinischen \u00dcbersetzung des 31. Psalms: \u201eSei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest. 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