{"id":11738,"date":"2021-02-07T19:48:50","date_gmt":"2021-02-07T19:48:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11738"},"modified":"2023-03-10T08:36:12","modified_gmt":"2023-03-10T07:36:12","slug":"lukas-1831-43-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1831-43-9\/","title":{"rendered":"Lukas 18:31-43"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Estomihi | 18.02.2007 |\u00a0Lukas 18:31-43 | Eberhard Schwarz |<\/h3>\n<hr \/>\n<p>Er nahm aber zu sich die Zw\u00f6lf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird \u00fcberantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespieen werden, und sie werden ihn gei\u00dfeln und t\u00f6ten; und am dritten Tage wird er auferstehen.<br \/>\nSie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.<br \/>\nEs begab sich aber, als er in die N\u00e4he von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege sa\u00df und bettelte. Als er aber die Menge h\u00f6rte, die vorbeiging, forschte er, was das w\u00e4re. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei.<br \/>\nUnd er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!<br \/>\nDie aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner!<br \/>\nJesus aber blieb stehen und lie\u00df ihn zu sich f\u00fchren. Als er aber n\u00e4her kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich f\u00fcr dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eBeobachter sehen nichts\u201c hat Wolf Biermann festgestellt. Auch wenn dieser Satz keine unersch\u00fctterliche Wahrheit ist \u2013 Beobachter sehen manchmal recht genau -, hier trifft sie zu. Denn die J\u00fcnger sehen nichts auf ihrem Weg hinauf nach Jerusalem. Sie laufen Jesus nach und sehen nicht, was hier geschieht: f\u00fcr sie, f\u00fcr uns. Sie sehen weniger als der Blinde, der mit aller seiner Kraft nach Jesus schreit.<\/p>\n<p>Diese Heilung dort, vor Jericho ist Jesu letzte therapeutische Tat, die Lukas uns erz\u00e4hlt. Sie geht Hand in Hand mit der letzten Ansage Jesu seines nahen Leidens. Die Passion steht vor der T\u00fcr. Aber die J\u00fcnger sehen nicht; und sie verstehen nicht, dass hier etwas R\u00e4tselhaftes und l\u00e4ngst Verhei\u00dfenes zum Heil der Welt geschieht! Deutlicher als an vielen anderen Stellen der Evangelien wird hier sp\u00fcrbar, dass <em>uns<\/em> das erz\u00e4hlt ist, dass <em>wir<\/em> sehen, dass wir immer wieder neu sehen lernen, was hier geschieht. Seht doch, erkennt doch! Wir, die wir heute auf der Schwelle zur Passionszeit stehen, sollen sehen.<\/p>\n<p>Was sehen wir? Die Menschen, die mit Jesus ziehen, sie sind Beobachter. Sie beobachten am Wegrand einen Bettler, einen Mann, der st\u00f6rt. Und in ihm sehen sie ein krankes Leben. Sie sehen einen St\u00f6renfried, sie sehen Blindheit, die wie Aussatz zu Jesu Zeit Ausdruck von Schuldverhaftung ist. Sie beobachten und blitzartig ist in ihren K\u00f6pfen alles da: die Urteile und Vorurteile, sie sind alle gegenw\u00e4rtig in diesem einen \u201eSchweig\u201c und \u201eHalt den Mund\u201c. \u201e Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. \u201c In diesem Satz, ist mehr \u00fcber diesen Menschen ausgesprochen als in hundert Reden \u00fcber seine Armut, seine Krankheit, sein Schicksal, seine Zukunft, seine Hoffnung, seinen Gott. Da ist nichts, was zu hoffen ist: \u201eSei still\u201c.<\/p>\n<p>Es ist, als br\u00e4che noch einmal die Nacht herein \u00fcber den blinden Mann. Aber er: Wie ein Ertrinkender br\u00fcllt er sich die Seele aus dem Leib. \u201e Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! \u201c Und Jesus h\u00f6rt und l\u00e4sst ihn zu sich f\u00fchren.<\/p>\n<p>Wir seien Gesch\u00f6pfe, die in ihrem Wesen die Dinge abbrechen, hat Hans Urs von Balthasar einmal geschrieben. Wir s\u00e4hen nicht weit genug. Wir hofften nicht weit genug. Wir vertrauten nicht weit genug. Wir blieben immer wieder befangen in unseren gro\u00dfen und kleinen Geschichten vom Erfolg und Misserfolg und verl\u00f6ren dabei den Zusammenhang. Und jeder dieser Abbr\u00fcche, die gro\u00dfen und die kleinen Resignationen, werfe einen Anschein von Vergeblichkeit \u00fcber unser ganzes Leben. Aber unser Leben ist nicht vergeblich. Kein Leben ist vergeblich.<\/p>\n<p>\u201eBeobachter sehen nichts\u201c. Bei Jesu Weg in die Passion, bei seinen Begegnungen und Taten, sehen Distanzierte tats\u00e4chlich nichts. Sie sehen blo\u00df ein wert- und bedeutungsloses Schicksal, das sich zu Jesus dr\u00e4ngt. Sie sehen nicht, dass Gott in Jesus seinen Weg zum Menschen nimmt. Es sind die Elenden, die es erkennen: Der blinde Bettler, der sich mit seiner ganzen Existenz hineinwirft in die Begegnung mit dem Nazarener und der dann zum J\u00fcnger mit gesunden Augen wird. Er ist an diesem Morgen mehr als nur eine Randfigur. E r steht f\u00fcr den Glauben. F\u00fcr den Glauben, der hilft und heilt und sehend macht. Will hei\u00dfen: Dieser blinde Mensch wendet sich mit seiner ganzen Not an den, der bei ihm stehen bleibt. Er preist ihn als Sohn Davids, und er ruft ihn an um sein Erbarmen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>dieses &#8222;Erbarme dich meiner&#8220; hat in beiden Testamenten der Bibel eine gro\u00dfe Geschichte. Es geh\u00f6rt zu Abraham und zu Mose, zu David und zu Jeremia. Die Psalmen sind \u00fcberreich daran. &#8222;Erbarme dich meiner&#8220; \u2013 das wird gefl\u00fcstert, gesprochen, gerufen und geschrieen \u00fcberall, wo es nicht um irgendwelche vordergr\u00fcndigen Dinge zwischen Mensch und Gott und Welt geht, sondern, wo sich Menschen in ihrer ganzen Bed\u00fcrftigkeit auf Gott hin \u00f6ffnen. \u201a Den Ausdruck unserer inneren Sehnsucht und Leidenschaft und unserer objektiven Ungewissheit\u2019 hat S\u00f6ren Kierkegaard diese Haltung genannt. \u201eErbarme dich mein\u201c &#8211; Unsere ganze Sehnsucht und unsere ganze Ungewissheit. Beides zugleich. Das ist der grundlegendste Ausdruck von Glauben.<\/p>\n<p>In dieser Begebenheit vor den Toren Jerichos, macht sich der Glaube fest an Jesus von Nazareth. Dieser Glaube ist buchst\u00e4blich \u201ablindes\u2019 Vertrauen auf die Kraft und Wahrheit dessen, der nun hinauf geht nach Jerusalem, der bald den Heiden \u00fcberantwortet wird, der selber verspottet, misshandelt, angespieen und seiner W\u00fcrde als Mensch beraubt wird. Die J\u00fcnger sehen nicht. Sie k\u00f6nnen noch nicht erkennen, dass in Jesus Gott selber hinabsteigt in das Elend und in die Not von uns Menschen, um uns aufzuhelfen, um uns unsere W\u00fcrde und unsere Hoffnung zu geben. Wir aber sollen es sehen!<\/p>\n<p>Noch einmal: \u201aBeobachter sehen nichts\u2019. Das ganze Skandalon des Evangeliums verdichtet sich in dieser kleinen Szene am Wegerand. Auch die anderen Menschen, die Jesus begleiten, sehen nicht, sie beobachten nur. Ohne Herz und ohne Seele. Sie folgen Jesus, aber sie verk\u00fcrzen besch\u00e4digtes menschliches Leben auf ein \u201aSei still.\u2019 Sie verstehen nichts.<\/p>\n<p>Stattdessen beginnt ein Blinder zu sehen. Der Glaube \u00f6ffnet ihm die Augen; ihm, der &#8211; wie wir alle &#8211; nicht im Entferntesten wei\u00df, \u201ewas gespielt wird, universal gesehen, wer oder was wir \u00fcberhaupt sind, woher und wohin\u201c (Gottfried Benn). Aber er vertraut, er hat eine vor\u00f6sterliche Ahnung vom sch\u00f6pferischen Handeln Gottes, von der W\u00fcrde des Niedrigen, von den r\u00e4tselhaften, rettenden Wegen Gottes zum Verlorenen.<\/p>\n<p>\u201eUnter verdorrenden Apfelb\u00e4umen<br \/>\nReden die Seelen der Bettler<br \/>\nVom Brot, das nie ausgeht,<br \/>\nHeilig singen die Unheilbaren<br \/>\nDie hohe lebendige Blume an,<br \/>\nund taubstumme Kinder erlernen<br \/>\ndie Sprache von Wurzeln und Steinen.\u201c<br \/>\nHei\u00dft es in einem Gedicht von Christine Lavant.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>der Sonntag Estomihi, dessen Name von dem Psalmwort: \u201eSei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!\u201c (Psalm 31,3), kommt, dieser Sonntag Estomihi f\u00fchrt uns als Kirche auf die Schwelle zur Passionszeit. Er fragt uns nach unserem Blick, er fragt uns, ob wir im Leben Beobachter sind, oder ob wir sehen. Ob wir erkennen, welche gro\u00dfe W\u00fcrde und Verhei\u00dfung Gott in das Schwache und Verachtete dieser Welt hineingelegt hat. Er fragt uns das auch im Blick auf unser eigenes Leben. Und er fragt es uns vor allem im Blick auf Jesus von Nazareth, der \u00fcberantwortet und get\u00f6tet werden wird, und der am dritten Tage von den Toten aufersteht; er fragt es uns, damit wir blinden Bettler lernen, vom Leben zu singen und vom Brot, das nicht ausgeht und von der heilenden Kraft, die auch in unserem Leben am Werk ist.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong> Eberhard Schwarz<br \/>\nHospitalkirche Stuttgart<br \/>\nGymnasiumstrasse 36<br \/>\n70174 Stuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:eberhard.schwarz@elk-wue.de\"> eberhard.schwarz@elk-wue.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi | 18.02.2007 |\u00a0Lukas 18:31-43 | Eberhard Schwarz | Er nahm aber zu sich die Zw\u00f6lf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 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