{"id":11752,"date":"2007-02-07T19:48:47","date_gmt":"2007-02-07T18:48:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11752"},"modified":"2025-04-08T17:17:41","modified_gmt":"2025-04-08T15:17:41","slug":"der-mensch-paul-gerhardt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-mensch-paul-gerhardt\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Mensch Paul Gerhardt&#8220;"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>Paul Gerhardt, 2007 | &#8222;Der Mensch Paul Gerhardt&#8220; | Hermann Ehmer |<\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Der Mensch Paul Gerhardt<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer hat vor einigen Jahren (2002) ein B\u00fcchlein erscheinen lassen, dem er den Titel \u201eDie kurze Geschichte der deutschen Literatur\u201c gegeben hat. Der bestimmte Artikel \u201e <u>Die<\/u> kurze Geschichte\u201c ist Programm: kurz ist die Geschichte der deutschen Literatur, weil sie erst mit der deutschen Klassik, mit Goethe und Schiller beginnt. Alles andere, was in der Zeit davor als deutsche Literatur bezeichnet wird, ist Konstruktion, es sind die Vor- und \u00dcberbauten der Literaturwissenschaftler, die das Bewu\u00dftsein und die Kenntnis dieser alten Texte k\u00fcnstlich am Leben halten.<\/p>\n<p>Schlaffer gibt freilich in einer kurzen Bemerkung zu, da\u00df es sich im Blick auf Religion und Kirche anders verh\u00e4lt. Leider bleibt es bei dieser Bemerkung, er f\u00fchrt diese Erkentnis nicht weiter aus, weil ihn Religion und Kirche nicht interessieren. H\u00e4tte er diesen Gedanken weiterverfolgt, w\u00fcrde sein B\u00fcchlein anders aussehen, und dieses Ergebnis eines Gelehrtenlebens, als das er sein B\u00fcchlein offenbar versteht, w\u00e4re nicht so mager ausgefallen.<\/p>\n<p>Eine wichtige Eigenheit der christlichen Kirche \u2013 und unserer evangelischen Kirche zumal &#8211; ist ja, da\u00df in ihr Texte gebraucht und lebendig gehalten und dadurch von einer Generation zur anderen \u00fcberliefert werden. Dazu geh\u00f6rt nicht nur die Bibel und innerhalb der Bibel besonders wichtige und zentrale Stellen, sondern auch der Katechismus, das Konfirmandenb\u00fcchlein, mit seinen pr\u00e4gnanten Formulierungen. Ganz besonders \u2013 und darum soll es heute gehen \u2013 geh\u00f6ren zu diesen Texten, die in unserer Kirche seit Jahrhunderten lebendig sind, das Gesangbuch, unsere Kirchenlieder.<\/p>\n<p>Die Geschichte unserer Gesangb\u00fccher mannigfach. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts hat sich zumindest in unserer w\u00fcrttembergischen Kirche ein 50-Jahres-Takt eingestellt, in dem das Gesangbuch erneuert worden ist. Diese Erneuerung wurde jeweils f\u00fcr notwendig gehalten, weil manches im Laufe der Zeit altmodisch erschien und sich auf der anderen Seite Neues geltend machte. Das ist nichts anderes als ein lebendiger \u00dcberlieferungsvorgang, denn die Gesangbuchlieder werden gebraucht, sie werden gesungen, gelesen, gebetet, auswendig gelernt, behalten und weitergegeben. Es handelt sich nicht um tote \u00dcberlieferung, die in den Bibliotheken ruht, bis Wissenschaftler sie entdecken und \u2013 mit mehr oder weniger Erfolg \u2013 darauf aufmerksam machen. Im Gesangbuch ist die Glaubenserfahrung von Generationen in Worte gefa\u00dft. Diese Worte bew\u00e4hren sich \u2013 oder auch nicht. Deshalb wird das, was sich bew\u00e4hrt hat und bew\u00e4hrt, auch \u00fcberliefert und weitergegeben.<\/p>\n<p>Neben den Liedern Martin Luthers geh\u00f6ren die von Paul Gerhardt zum Grundbestand unserer Gesangb\u00fccher, der die Jahrhunderte \u00fcberdauert hat. Es soll also heute darum gehen, Leben und Werk von Paul Gerhardt nachzugehen und danach zu fragen, was die Zeitlosigkeit seiner Dichtung ausmacht, da\u00df sich ihre Aussagen trotz aller Zeitgebundenheit bis zum heutigen Tage bew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Eine Darstellung des Lebens von Paul Gerhardt begegnet der Schwierigkeit, da\u00df weite Strecken seines Lebensgangs in Dunkel geh\u00fcllt sind. Einer seiner Biographen hat geklagt, das Leben Gerhardts zu beschreiben, sei wie wenn man aus Mauerrissen und fehlenden Balken ein Haus bauen wollte. Dieses Fehlen von Nachrichten \u00fcber Paul Gerhardt hat sicher mit den Zeitumst\u00e4nden zu tun, hat aber gewi\u00df noch andere Ursachen.<\/p>\n<p>Paul Gerhardt ist Sachse, ein Landsmann Luthers also. Er wurde vor 400 Jahren, am 12. M\u00e4rz 1607 in Gr\u00e4fenhainichen bei Wittenberg als Sohn eines Bauern und Gastwirts geboren. Die Mutter kam aus einer Pfarrersfamilie. Schon als Jugendlicher verlor Gerhardt seine Eltern und kam 1622 auf die F\u00fcrstenschule nach Grimma. Es handelt sich hier um eine Internatsschule, deren Besuch ein Stipendium darstellte, \u00e4hnlich wie unsere w\u00fcrttembergischen Klosterschulen und Seminare. In Grimma hat Gerhardt seine gymnasiale Ausbildung erhalten.<\/p>\n<p>1628 begann Paul Gerhardt mit dem Studium der Theologie in Wittenberg. Der Wittenberger Universit\u00e4t verdankt Gerhardt eine gr\u00fcndliche theologische Schulung mit eindeutiger lutherischer Ausrichtung. Von seiner Einschreibung in Wittenberg an verliert sich jedoch seine Spur. In eben jenen Jahren wurde Sachsen ganz besonders in den Strudel des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs hineingezogen und wegen der schwankenden Politik des Kurf\u00fcrsten schlie\u00dflich von beiden Parteien verw\u00fcstet. Auch Gerhardts Heimatort Gr\u00e4fenhainichen wurde zerst\u00f6rt. Die \u00fcberlebenden Einwohner fl\u00fcchteten hinter die sch\u00fctzenden Mauern der Stadt Wittenberg. Diesem Umstand verdanken wir ein Lebenszeichen von Paul Gerhardt. Er war 1641 Pate bei einem Kind, dessen Eltern aus Gr\u00e4fenhainichen kamen. Gerhardt wird hier immer noch als \u201estudiosus\u201c bezeichnet. Ist er ein Langzeitstudent im 26. Semester? Wie hat er seinen Lebensunterhalt gefristet? Diese Fragen sind nicht zu beantworten.<\/p>\n<p>1643, also zwei Jahre sp\u00e4ter, wird in Berlin ein Gedicht von Gerhardt ver\u00f6ffentlicht, sein erstes deutsches Gedicht, das wir kennen. Es ist ein sogenanntes Gelegenheitsgedicht, das in einer Sammlung \u00e4hnlicher Gedichte erschien, die zu einer Hochzeit in der Familie des Berliner Juristen Berthold angefertigt wurden. Das ist nun Gerhardts erste Verbindung zu Berlin, doch l\u00e4\u00dft sich nicht mit Bestimmtheit sagen, seit wann er dort geweilt hat. Immerhin lie\u00df 1647 der Berliner Kantor und Gymnasiallehrer Johann Cr\u00fcger eine Sammlung geistlicher Ges\u00e4nge erscheinen, die nicht weniger als 18 Lieder von Gerhardt enth\u00e4lt. Man hat angenommen, da\u00df Gerhardt in der Familie des Juristen Berthold als Hauslehrer gedient hat, doch ist dies ungewi\u00df, ebenso wie der Grund, weshalb er aus seiner Heimat, dem Kurf\u00fcrstentum Sachsen, ins Kurf\u00fcrstentum Brandenburg umgezogen ist.<\/p>\n<p>1651 stellte die lutherische Geistlichkeit in Berlin dem Kandidaten der Theologie Paul Gerhardt ein Zeugnis aus, das ihn f\u00fcr das Amt eines Propstes in Mittenwalde, unweit von Berlin, empfahl. Gerhardt bekam die Stelle und ist somit als 44j\u00e4hriger erstmals in ein festes Amt eingetreten. \u00dcberdies war das Amt als Propst oder erster Pfarrer in Mittenwalde zugleich ein Leitungsamt, da ihm auch die umliegenden Landpfarreien unterstellt waren.<\/p>\n<p>Es war sonst die Regel, sich unmittelbar bei Antritt eines festen Amts zu verheiraten. Auch in dieser Beziehung hat Gerhardt zugewartet: erst 1655 verheiratete er sich mit Anna Maria Berthold, einer Tochter aus dem Hause, in dem er 1651 in Berlin weilte. Von den f\u00fcnf Kindern, die dem Ehepaar geboren wurden, hat nur der Sohn Paul Friedrich die Eltern \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Sechs Jahre lang wirkte Paul Gerhardt als Pfarrer in Mittenwalde. 1657 wurde er als Diakonus an St. Nikolai in Berlin berufen. Die Nikolaikirche ist heute noch \u2013 aufs Beste hergerichtet \u2013 in Berlin zu sehen, unweit vom Dom, dem Alexanderplatz und dem ehemaligen Palast der Republik. Es ist aber nicht viel mehr als die Kirche, die an das Berlin von damals erinnert, das gegen 10.000 Einwohner gehabt haben d\u00fcrfte. Gleichwohl war es f\u00fcr Gerhardt ein beruflicher Aufstieg, eine Stelle in der Residenzstadt zu bekommen.<\/p>\n<p>In die Berliner Zeit fallen aber auch die gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten, die Gerhardt mit seinem Landesherrn bekam. Die brandenburgischen Hohenzollern waren 1613 zum reformierten Bekenntnis \u00fcbergetreten. Die Hohenzollern standen mit diesem Schritt nicht allein. Das calvinistische Bekenntnis, das sich nicht nur in der Abendmahlslehre vom lutherischen unterschied, besa\u00df damals f\u00fcr manche Regierenden eine hohe Attraktivit\u00e4t. In Berlin gab es fortan Kirchen beider evangelischer Konfessionen. Der damalige Kurf\u00fcrst, der als der \u201egro\u00dfe Kurf\u00fcrst\u201c in die Geschichte eingegangen ist, wollte noch einen Schritt weitergehen und beide Bekenntnisse vereinigen. Man hat das gerne als Akt der Toleranz des F\u00fcrsten verstehen wollen, doch ging es diesem gewi\u00df auch um eine Festigung seiner Herrschaft, zu der auch eine einheitliche Kirche geh\u00f6ren sollte. Zudem hat es wohl wenig mit Toleranz zu tun, da\u00df der Kurf\u00fcrst versuchte, mit Zwang diese Einheitlichkeit herzustellen.<\/p>\n<p>Paul Gerhardt vertrat mit seinen Kollegen die lutherische Seite. Wegen dieser eindeutigen Stellungnahme wurde Gerhardt 1666 aus seinem Amt entlassen, aber aufgrund zahlreicher F\u00fcrbitten aus der Gemeinde im folgenden Jahr wieder eingesetzt. Kurf\u00fcrst Friedrich Wilhelm erwartete von Gerhardt, da\u00df er sich den Verordnungen stillschweigend beugen w\u00fcrde, ohne diese \u2013 wie urspr\u00fcnglich gefordert \u2013 schriftlich anerkennen zu m\u00fcssen. Aber ein solches Versprechen hielt Gerhardt f\u00fcr unvereinbar mit seinem Gewissen. Beim Antritt seines Amtes hatte er sich auf das lutherische Bekenntnis verpflichtet und wollte auch dabei bleiben. Er gab deshalb sein Amt auf, konnte aber vorerst noch Gehalt und Amtswohnung behalten.<\/p>\n<p>Dieser Vorgang ist f\u00fcr uns heute zweifellos derjenige, der uns am wenigsten verst\u00e4ndlich ist. Die innerreformatorischen Bekenntnisunterschiede sind uns fern ger\u00fcckt. Doch hatte gerade die lutherische Lehre das Gewissen in den Vordergrund gestellt. F\u00fcr Gerhardt war es daher um seines Gewissens willen wichtiger, bei seinem Bekenntnis zu bleiben als in seinem Amt. In dieser Zeit fehlte es auch nicht an pers\u00f6nlichen Schicksalsschl\u00e4gen. Seine Frau starb 1668, Gerhardt blieb allein mit seinem einzigen \u00fcberlebenden Sohn zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Im selben Jahr 1668 erreichte ihn eine Anfrage aus L\u00fcbben im Spreewald, wo die Stelle des ersten Pfarrers frei war. L\u00fcbben geh\u00f6rte zur s\u00e4chsischen Lausitz, lag also au\u00dferhalb der Mark Brandenburg. Gerhardt nahm die Stelle an und zog von der Residenzstadt in die Provinzstadt. In L\u00fcbben starb Gerhardt am 27. Mai 1676.<\/p>\n<p>Paul Gerhardt ist ein Barockdichter. Gleichwohl hat er mit dem Literaturbetrieb seiner Zeit nichts zu tun gehabt. Dieser Literaturbetrieb war organisiert in Gesellschaften, wie der \u201eFruchtbringenden Gesellschaft\u201c und anderen, deren Mitglieder sich gegenseitig ihrer Bedeutung versicherten. Das war Gerhardts Sache nicht. Dies ist aber auch ein Grund daf\u00fcr, da\u00df wir \u00fcber sein Leben so wenig wissen. Er war offenbar jemand, der sich zur\u00fccknahm und seine Person hinter seinem Werk und seiner Aufgabe zur\u00fcckstellte.<\/p>\n<p>Das dichterische Schaffen von Paul Gerhardt konzentriert sich auf zwei Jahrzehnte, auf die Zeit in Mittenwalde und Berlin, also von seinem vierzigsten bis zu seinem sechzigsten Lebensjahr. In seine letzten Lebensjahre f\u00e4llt die Ver\u00f6ffentlichung seiner Lieder in zehn Heften zu je einem Dutzend Lieder mit Melodien des Berliner Komponisten Johann Georg Ebeling. Der Titel dieser Sammlung hei\u00dft \u201eGeistliche Andachten\u201c. Damit verkn\u00fcpft sich diese Ausgabe mit der ersten von Johann Cr\u00fcger aus dem Jahre 1647, die bereits 18 Lieder von Paul Gerhardt enthielt und den lateinischen Titel f\u00fchrt \u201ePraxis Pietatis melica\u201c. Der Untertitel hatte dies \u00fcbersetzt mit \u201e\u00dcbung der Gottseligkeit in Ges\u00e4ngen\u201c. Gemeint ist damit nichts anderes als geistlich-musikalische Andacht. Das hei\u00dft, da\u00df diese Lieder nicht nur f\u00fcr den gottesdienstlichen Gemeindegesang zu gebrauchen waren, sondern ebenso f\u00fcr den \u201ePrivat-Gottesdienst\u201c, als Mittel der pers\u00f6nlichen Fr\u00f6mmigkeit.<\/p>\n<p>Grundlegend daf\u00fcr ist, da\u00df der Leser oder S\u00e4nger der Lieder von Paul Gerhardt gewisserma\u00dfen in das Lied hineingenommen wird, in der Weise, da\u00df er eins wird mit dem Dichter und mit ihm singen kann:<\/p>\n<p align=\"center\">Ich steh an deiner Krippen hier,<br \/>\no Jesu, du mein Leben,<br \/>\nich komme, bring und schenke dir,<br \/>\nwas du mir hast gegeben.<\/p>\n<p align=\"left\">Hier wird schon im ersten Vers der Leser, S\u00e4nger oder Beter dieses Lieds Teil des weihnachtlichen Geschehens, er steht selber vor der Krippe und nimmt wahr, was hier geschieht: die Menschwerdung Gottes, nicht nur f\u00fcr die Menschheit an sich, sondern \u201ef\u00fcr mich\u201c \u2013 \u201ewas du mir hast gegeben\u201c. Dieses \u201ef\u00fcr mich\u201c zieht sich durch die Lieder durch, mit denen Paul Gerhardt die Heilsgeschichte besingt.<\/p>\n<p align=\"center\">O Welt, sieh hier den Leben<br \/>\nam Stamm des Kreuzes schweben,<br \/>\ndein Heil sinkt in den Tod.<\/p>\n<p align=\"left\">So hei\u00dft es in Gerhardts Karfreitagslied. Die Frage nach dem \u201ewarum\u201c wird wiederum mit dem \u201ef\u00fcr mich\u201c beantwortet:<\/p>\n<p align=\"center\"><u>Ich<\/u>, <u>ich<\/u> und meine S\u00fcnden,<br \/>\ndie sich wie K\u00f6rnlein finden<br \/>\ndes Sandes an dem Meer,<br \/>\ndie haben dir erreget<br \/>\ndas Elend das dich schl\u00e4get,<br \/>\nund deiner schweren Martern Heer.<\/p>\n<p align=\"left\">Nicht anders verh\u00e4lt es sich aber auch mit Gerhardts \u00f6sterlichem Jubelgesang, der zun\u00e4chst eine Selbstermunterung ist:<\/p>\n<p align=\"center\">Auf, auf, <u>mein<\/u> Herz, mit Freuden<br \/>\nnimm wahr, was heut geschicht;<br \/>\nwie kommt nach gro\u00dfem Leiden<br \/>\nnun ein so gro\u00dfes Licht!<\/p>\n<p align=\"left\">Die letzten drei Verse dieses Liedes bringen wieder das \u201ef\u00fcr mich\u201c zum Ausdruck:<\/p>\n<p align=\"center\"><u>Ich<\/u> hang und bleib auch hangen<br \/>\nan Christus als ein Glied &#8230;<br \/>\ndann:<br \/>\nEr dringt zum Saal der Ehren,<br \/>\n<u>ich<\/u> folg ihm immer nach &#8230;<br \/>\nund zuletzt:<br \/>\nEr bringt <u>mich<\/u> an die Pforten,<br \/>\ndie in den Himmel f\u00fchrt &#8230;<\/p>\n<p align=\"left\">Doch nicht nur diese heilsgeschichtlichen Lieder zeigen Paul Gerhardt als lutherischen Theologen, der gelernt hat, worum es geht. Auch ein zun\u00e4chst nur barock anmutender Jubelklang, wie \u201eGeh aus, mein Herz, und suche Freud\u201c ist theologisch gef\u00fcllt. Nachdem \u00fcber sieben Verse liebevoll die Sommerzeit beschrieben wurde, von der \u201esch\u00f6nen G\u00e4rten Zier\u201c \u00fcber die Glucke, die ihr \u201eV\u00f6lklein\u201c ausf\u00fchrt, und den Weizen, der \u201emit Gewalt\u201c aufw\u00e4chst, ist zun\u00e4chst jeder von uns eingeladen, sich mit dem Dichter zu identifizieren:<\/p>\n<p align=\"center\"><u>Ich<\/u> selber kann und mag nicht ruhn,<br \/>\ndes gro\u00dfen Gottes gro\u00dfes Tun<br \/>\nerweckt <u>mir<\/u> alle Sinnen;<br \/>\n<u>ich<\/u> singe mit, wenn alles singt,<br \/>\nund lasse, was dem H\u00f6chsten klingt,<br \/>\naus <u>meinem<\/u> Herzen rinnen.<\/p>\n<p align=\"left\">Nach diesem Lobpreis des Sch\u00f6pfers in der Sch\u00f6pfung kommt ein Umschwung, den wir nur viel zu selten wahrnehmen, weil uns nach den ersten acht Versen des Liedes die Luft ausgegangen ist, und die zweite H\u00e4lfte in der Regel ungesungen bleibt. Es lohnt sich aber, diese auch wahrzunehmen. Wiederum ist es das \u201eIch\u201c, das hier zur Sprache kommt:<\/p>\n<p align=\"center\">Ach, denk <u>ich<\/u>, bist du hier so sch\u00f6n<br \/>\nund l\u00e4\u00dft du\u2019s uns so lieblich gehn<br \/>\nauf dieser armen Erden:<br \/>\nwas will doch wohl nach dieser Welt<br \/>\ndort in dem reichen Himmelszelt<br \/>\nund g\u00fcldnen Schlosse werden.<\/p>\n<p align=\"left\">Hier wird nun der Schlu\u00df vom Kleinen zum Gro\u00dfen, von der diesseitigen zur jenseitigen Welt gemacht: wenn es hier auf der Welt so sch\u00f6n sein kann \u2013 aber beileibe nicht immer ist \u2013 um wieviel sch\u00f6ner mu\u00df Gottes Wirklichkeit sein, die der Barockdichter Gerhardt mit den ihm gem\u00e4\u00dfen Ausdr\u00fccken bezeichnet, dem \u201ereichen Himmelszelt\u201c und \u201eg\u00fcldnen Schlosse\u201c.<\/p>\n<p>Aber auch hier zeigt sich Gerhardt wieder als solider lutherischer Theologe. Er h\u00f6rt jetzt nicht mit himmlischen Jubelkl\u00e4ngen auf, wie man es eigentlich auch machen k\u00f6nnte. Gleichwohl seufzt er noch:<\/p>\n<p align=\"center\">O w\u00e4r ich da! O st\u00fcnd ich schon,<br \/>\nach s\u00fc\u00dfer Gott, vor deinem Thron<br \/>\nund tr\u00fcge meine Palmen;<br \/>\nso wollt ich nach der Engel Weis<br \/>\nerh\u00f6hen deines Namens Preis<br \/>\nmit tausend sch\u00f6nen Psalmen.<\/p>\n<p align=\"left\">Noch ist es aber nicht so weit. Unser Dasein auf dieser Welt hat seine eigene W\u00fcrde und seine eigene Qualit\u00e4t. Es ist der \u201eSommer deiner Gnad\u201c. Das menschliche Leben wird hier verstanden als die Zeit der g\u00f6ttlichen Gnade, die Fr\u00fcchte des Glaubens hervorbringt. Aus der so anschaulich beschriebenen Sommerzeit mit \u201eNarzissus\u201c und \u201eTulipan\u201c ist ein geistliches Sinnbild geworden.<\/p>\n<p>Auch dies ist eine barocke Eigenart, n\u00e4mlich Vorfindliches und Allt\u00e4gliches auf einen tieferen, einen geistlichen Sinn zu befragen. Ganz deutlich wird das bei dem Abendlied<\/p>\n<p align=\"center\">Nun ruhen alle W\u00e4lder,<br \/>\nVieh, Menschen, St\u00e4dt und Felder,<br \/>\nes schl\u00e4ft die ganze Welt.<\/p>\n<p align=\"left\">Dieser Feststellung wird dann gleich eine Selbstermunterung angeschlossen:<\/p>\n<p align=\"center\">ihr aber, meine Sinnen,<br \/>\nauf, auf, ihr sollt beginnen,<br \/>\nwas eurem Sch\u00f6pfer wohlgef\u00e4llt.<\/p>\n<p align=\"left\">Was ist es nun, was die Sinne des Dichters und die seines Lesers beginnen sollen? Es ist eine Betrachtung \u00fcber etwas Allt\u00e4gliches, n\u00e4mlich da\u00df der Tag zu Ende gegangen ist, da\u00df aber dieser Vorgang ein Sinnbild ist f\u00fcr das menschliche Leben.<\/p>\n<p align=\"center\">Der Leib eilt nun zur Ruhe,<br \/>\nlegt ab das Kleid und Schuhe,<br \/>\ndas Bild der Sterblichkeit;<br \/>\ndie zieh ich aus, dagegen<br \/>\nwird Christus mir anlegen<br \/>\nden Rock der Ehr und Herrlichkeit.<\/p>\n<p align=\"left\">Man k\u00f6nnte so fortfahren und in dieser Weise alle 30 Lieder von Paul Gerhardt in unserem Gesangbuch betrachten. Es mag bei diesen Beispielen f\u00fcr heute sein Bewenden haben.<\/p>\n<p>Zuletzt noch die Frage, was es nun eigentlich ist, das die Lieder Paul Gerhardts lebendig und frisch gehalten hat? Wir haben hier die Glaubenserfahrung eines Menschen, der es verstand, diese mit den Mitteln seiner Zeit in Worte zu fassen. Doch haben die Lieder Gerhardts nichts Individuelles, obwohl man schon versucht hat, einzelne Stellen auf Lebenssituationen des Dichters zu deuten. Er hat seine Glaubenserfahrung auf eine solche Weise in Worte gefa\u00dft, da\u00df sich seitdem Menschen immer wieder und immer aufs Neue von ihm verstanden wu\u00dften, Tr\u00f6stung und Hilfe fanden. Es sind Worte eines Menschen, die sich in vielen Feuern der Anfechtung bew\u00e4hrt haben und deswegen auf uns gekommen sind.<br \/>\nAmen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Dr. Hermann Ehmer<br \/>\nKirchenoberarchivdirektor<br \/>\nStuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:Hermann.Ehmer@ELK-WUE.DE\">Hermann.Ehmer@ELK-WUE.DE<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Gerhardt, 2007 | &#8222;Der Mensch Paul Gerhardt&#8220; | Hermann Ehmer | Der Mensch Paul Gerhardt Liebe Gemeinde, Der Stuttgarter Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer hat vor einigen Jahren (2002) ein B\u00fcchlein erscheinen lassen, dem er den Titel \u201eDie kurze Geschichte der deutschen Literatur\u201c gegeben hat. 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