{"id":11757,"date":"2021-02-07T19:48:50","date_gmt":"2021-02-07T19:48:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11757"},"modified":"2023-03-10T09:03:47","modified_gmt":"2023-03-10T08:03:47","slug":"sollt-ich-meinem-gott-nicht-singen-eg-325","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sollt-ich-meinem-gott-nicht-singen-eg-325\/","title":{"rendered":"&#8222;Sollt ich meinem Gott nicht singen&#8220; (EG 325)"},"content":{"rendered":"<div id=\"content\">\n<div id=\"predigt\">\n<h3 id=\"kopf\" class=\"blau\"><strong>Predigreihe zu Paul Gerhardt \/ 2007<\/strong><br \/>\n<strong>&#8222;Sollt ich meinem Gott nicht singen&#8220; (EG 325),<\/strong><br \/>\n<strong>Predigt verfasst von Christoph Dinkel<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<div id=\"predigttext\">\n<p align=\"left\"><strong><u>Schriftlesung<\/u><\/strong><strong>: 1. Johannes 4,7-16<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Vers\u00f6hnung f\u00fcr unsre S\u00fcnden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat. Und wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott und er in Gott. Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong><u>Lied<\/u><\/strong><strong>: EG 325,1-4, Sollt ich meinem Gott nicht singen<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p align=\"left\"><strong><u>Predigt \u00fcber \u201eSollt ich meinem Gott nicht singen&#8220;<\/u><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong><u>Teil I<\/u><\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Alles Ding w\u00e4hrt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit &#8211; die letzte Doppelzeile unseres Liedes wiederholt sich in neun seiner zehn Strophen. Sie bildet den Refrain, der das Thema des Liedes angibt: die Liebe Gottes.<\/p>\n<p>\u201eGott ist die Liebe&#8220; so hei\u00dft der Spitzensatz in der Schriftlesung aus dem 1. Johannesbrief, die wir vor unserem Lied geh\u00f6rt haben. Paul Gerhardts Lied greift diesen Satz auf und variiert ihn in zehn verschiedenen Gedankeng\u00e4ngen und Bildern. Jede der Strophen des Liedes stellt uns vor Augen, wie man als Mensch in seinem Leben die Liebe Gottes erfahren kann. Weil Paul Gerhardt gerne im \u201eIch-Stil&#8220; gedichtet hat, verlockt uns sein Lied dazu, gleich selbst zu bekennen, wie <em>wir<\/em> in unserem <em>eigenen<\/em> Leben Gottes Liebe erfahren. Aber da Gerhardt das <em>lesende<\/em> Bekennen noch zu wenig ist, beginnt sein Lied mit einer Aufforderung zum Gesang: \u201eSollt ich meinem Gott nicht singen?&#8220; &#8211; Wenn es um Gottes Liebe geht, dr\u00e4ngt das Gef\u00fchl zum Gesang. Wer sich vor Augen h\u00e4lt, was Gott einem an Liebe erweist, der kann gar nicht anders, als davon voller Dankbarkeit zu singen.<\/p>\n<p>Gott ist die Liebe &#8211; der erste Johannesbrief formuliert im Stil einer Definition und auf die Definition folgen dann sogleich ethische Anweisungen zum liebevollen Umgang der Christen untereinander. Paul Gerhardt ist ein Poet, f\u00fcr ihn steht das Gef\u00fchl an erster Stelle, die Ethik tritt eher in den Hintergrund. Deshalb hei\u00dft es bei Paul Gerhardt nicht einfach \u201eGott ist die Liebe&#8220;, er formuliert vielmehr dichterisch: \u201eIst doch nichts als lauter Lieben, das sein treues Herze regt&#8220;. Sie merken: Gerhardt sagt im Grunde dasselbe, aber er sagt es pers\u00f6nlicher, gef\u00fchlvoller, so dass einem Gott als ein liebendes Gegen\u00fcber erscheint, der sich anr\u00fchren l\u00e4sst und dessen Herz von Liebe bewegt ist.<\/p>\n<p>Stellt die erste Strophe das Grundthema des Liedes, die Liebe Gottes vor, so variieren die Strophen 2-4 dieses Thema im Blick auf die drei Personen der g\u00f6ttlichen Trinit\u00e4t. In der Strophe 2 geht es um Gott, den Sch\u00f6pfer, dem der Mensch sein Leben verdankt. Die Strophe 3 widmet sich der Erl\u00f6sung durch das Kommen von Gottes Sohn und die 4. Strophe verweist auf das Wirken des Heiligen Geistes, der den Glauben bringt. Sprachlich sind dabei Ankl\u00e4nge an Luthers kleinen Katechismus zu erkennen.<\/p>\n<p>Paul Gerhardt ist ein durch und durch lutherischer Theologe. Seine Lieder weichen keinen Millimeter vom Lehrbestand der lutherischen Orthodoxie seiner Zeit ab. Und doch wirken seine Lieder nie dogmatisch eng oder borniert. Ihnen fehlt auch ganz und gar die gewisse moralische Strenge, die in Luthers Katechismus zu h\u00f6ren ist. F\u00fcr Gerhardt sind die Zeichen der Liebe Gottes so \u00fcberw\u00e4ltigend deutlich erkennbar, dass es moralischen Drucks gar nicht bedarf. Und hei\u00dft es bei Luther in seinem Katechismus im Stil eines Lehrsatzes, dass Gott mich \u201ein allen Gefahren beschirmt und vor allem \u00dcbel beh\u00fctet und bewahrt&#8220; (Erkl\u00e4rung zum ersten Glaubensartikel), so greift Gerhardt f\u00fcr denselben Gedanken auf das biblische Bild vom Adler zur\u00fcck, der mit seinen Fl\u00fcgeln seine Jungen besch\u00fctzt: \u201e Wie ein Adler sein Gefieder \/ \u00fcber seine Jungen streckt, \/ also hat auch hin und wieder \/ mich des H\u00f6chsten Arm bedeckt&#8220;. Wie viel mehr Poesie steckt in diesem Bild als in Luthers spr\u00f6dem Katechismusartikel! Gerhardt hat das Bild vom Vogel, der seine Jungen mit seinen Fl\u00fcgeln bedeckt, wohl sehr gemocht. Es kommt auch an anderer Stelle bei ihm vor, besonders ber\u00fchmt daf\u00fcr ist die 8. Strophe seines Abendliedes \u201eNun ruhen alle W\u00e4lder&#8220;:<\/p>\n<p>\u201eBreit aus die Fl\u00fcgel beide,?<\/p>\n<p>O Jesu, meine Freude,?<\/p>\n<p>Und nimm dein K\u00fcchlein ein!?<\/p>\n<p>Will Satan mich verschlingen,?<\/p>\n<p>So lass die Englein singen:<\/p>\n<p>?Dies Kind soll unverletzet sein.&#8220;<\/p>\n<p>Wie sehr Paul Gerhardts Lied die lutherische Dogmatik zu Grunde liegt, wird auch in der vierten Strophe sichtbar: Gott gibt seinen Geist durch sein Wort. \u00c4u\u00dferlich erklingt das Wort in der Heiligen Schrift und in der Predigt. Aber es kommt darauf an, dass Gottes Wort auch das Herz erreicht und verwandelt. Gottes Geist und nicht menschliches Werk f\u00fchrt zum Himmel, nur Gottes Geist kann das Herz mit dem hellen Licht des Glaubens erf\u00fcllen. H\u00f6ren wir dazu aus Luthers kleinem Katechismus die Erkl\u00e4rung zum dritten Artikel:<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, da\u00df ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Gerhardt ist Lutheraner durch und durch. Daran hat er auch nie einen Zweifel gelassen. Im Konflikt mit seinem Kurf\u00fcrsten war er f\u00fcr das lutherische Bekenntnis sogar bereit, seine Pfarrstelle aufzugeben. Er musste auswandern von Berlin nach L\u00fcbben im Spreewald. Das war zwar nicht weit, aber ein deutlicher sozialer Abstieg. Bemerkenswert ist, dass Gerhardt gegen\u00fcber seinem Landesherrn sehr steil argumentieren konnte, in seinen Liedern jedoch jeder Anflug von Dogmatismus fehlt. Gerade das macht Gerhardts Lieder so sympathisch, gerade das hat es m\u00f6glich gemacht, dass unser heutiges Lied schon 1765 mit Zustimmung des Bischofs von Paderborn in ein katholisches Gesangbuch Eingang fand (Angabe aus: Albrecht Goes, Ein Winter mit Paul Gerhardt, 10).<\/p>\n<p>Die dritte Strophe unseres Liedes verweist auf die Menschwerdung Gottes in seinem Sohn und auf dessen Lebenshingabe am Kreuz. Das Ma\u00df an g\u00f6ttlicher Liebe, das darin zu erkennen ist, ist f\u00fcr den menschlichen Verstand zu gro\u00df, diese Liebe ist tief wie ein unergr\u00fcndbarer Brunnen. Damit klingt in unserem Lied zum ersten Mal ein Ton an, der in den Strophen 8 und 9 nochmals erklingen wird: Es ist der Ton des Zweifelns und des Fragens. Den Kreuzestod Jesu als Zeichen g\u00f6ttlicher Liebe zu verstehen, ist keine ganz selbstverst\u00e4ndliche Sichtweise. Deshalb muss Gerhardt schon in der dritten Strophe die Unergr\u00fcndbarkeit von Gottes Liebe bem\u00fchen. Hilft bei diesem Fall noch die klassische Dogmatik mit ihrer Lehre von der S\u00fcndenvergebung durch das Leiden des unschuldigen Gottessohnes weiter, so wird es bei dem Leiden, das man selbst am eigenen Leib und im eigenen Leben erf\u00e4hrt, noch schwieriger. Jesu Leiden ist lange her, das eigene Leiden wird h\u00f6chst aktuell und sehr bedr\u00e4ngend erfahren. Gerhardt greift deshalb auch zum drastischen Bild der \u201eSchl\u00e4ge&#8220;, die man von Gott erh\u00e4lt. Strophe 8 lautet:<\/p>\n<p>\u201eSeine Strafen, seine Schl\u00e4ge, \/ ob sie mir gleich bitter seind, \/ dennoch, wenn ich&#8217;s recht erw\u00e4ge, \/ sind es Zeichen, dass mein Freund, \/ der mich liebet, mein gedenke \/ und mich von der schn\u00f6den Welt, \/ die uns hart gefangen h\u00e4lt, \/ durch das Kreuze zu ihm lenke. \/ Alles Ding w\u00e4hrt seine Zeit, \/ Gottes Lieb in Ewigkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Gottes Strafen und Gottes Schl\u00e4ge als Zeichen seiner Liebe verstehen &#8211; das ist aus heutiger Sicht nichts anderes als schwarze P\u00e4dagogik. \u201eWer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der z\u00fcchtigt ihn beizeiten&#8220; &#8211; so hei\u00dft es in den Spr\u00fcchen der Bibel im Alten Testament (Spr\u00fcche 13,24). \u00dcber Jahrhunderte wurden Kinder in diesem Geist erzogen. Doch solche Zeiten sind hierzulande zum Gl\u00fcck vorbei. Pr\u00fcgelnde Eltern sind uns ein Gr\u00e4uel geworden. Pr\u00fcgel m\u00f6gen in manchen F\u00e4llen ein Zeichen pervertierter Liebe oder von Verzweiflung sein, in den meisten F\u00e4llen sind Schl\u00e4ge jedoch Zeichen brutaler Gewalt, niemals sind sie Zeichen echter Liebe und Zuwendung.<\/p>\n<p>An diesem Punkt m\u00fcssen wir uns in aller Klarheit und Deutlichkeit von Paul Gerhardt und den Auffassungen seiner Zeit distanzieren. Die 8. Strophe werden wir daher heute auch nicht singen. Wir k\u00f6nnen sie lesen, dar\u00fcber nachdenken und diskutieren, aber wir k\u00f6nnen sie uns nicht mehr singend aneignen, weil sie aus heutiger Sicht die Liebe Gottes verdunkelt. Dasselbe gilt auch f\u00fcr die 9. Strophe. Sie lautet:<\/p>\n<p>\u201eDas wei\u00df ich f\u00fcrwahr und lasse \/ mir&#8217;s nicht aus dem Sinne gehn: \/ Christenkreuz hat seine Ma\u00dfe \/ und muss endlich stille stehn. \/ Wenn der Winter ausgeschneiet, \/ tritt der sch\u00f6ne Sommer ein; \/ also wird auch nach der Pein, \/ wer&#8217;s erwarten kann, erfreuet. \/ Alles Ding w\u00e4hrt seine Zeit, \/ Gottes Lieb in Ewigkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Immerhin, die 9. Strophe relativiert die 8., indem sie die Endlichkeit des menschlichen Leidens einfordert. Auch f\u00fcr Paul Gerhardt kann dauerhaftes Leiden nicht mit der Liebe Gottes zusammengehen. Das Kreuz des Christen muss ein Ende finden. Schwierig wird die 9. Strophe allerdings, weil sie auf das Jenseits vertr\u00f6stet und vor der Welt flieht. Dem irdischen Leiden wird die himmlische Herrlichkeit gegen\u00fcbergestellt. Das irdische Leiden ist als von Gott geschickt auszuhalten, weil im Himmel die Belohnung f\u00fcr treues Durchhalten auf einen wartet. Die marxistische Religionskritik hat vor allem diesen Gedanken aufgespie\u00dft und dem Christentum zum Vorwurf gemacht: Statt Menschen zu ermutigen, die irdischen Verh\u00e4ltnisse zu verbessern, werden sie aufs Jenseits vertr\u00f6stet. Die Religionskritik ist dabei Ausdruck modernen Denkens, das die Welt als eine Gestaltungsaufgabe f\u00fcr den Menschen ansieht. Auch wir sind in diesem Sinne moderne Menschen: Wenn wir ein Problem sehen, suchen wir nach einer L\u00f6sung. Bei einer Krankheit suchen wir nach einer geeigneten Therapie. Gegen die Gefahren des Stra\u00dfenverkehrs erfinden wir Verkehrsregeln, Sicherheitsgurte und Airbags. Leiden und Schmerzen gilt es, so weit als m\u00f6glich zu verhindern oder zu minimieren, sie sind f\u00fcr uns nie und nimmer g\u00f6ttliche Liebesschl\u00e4ge als die Paul Gerhardt und seine Zeit sie noch sehen konnten.<\/p>\n<p>An dieser Stelle trennt uns ein gewaltiger Graben von den Anschauungen vergangener Jahrhunderte. F\u00fcr unser Empfinden darf Gott nicht in dieser Weise als Urheber von Leiden und Gewalt verstanden werden. Wenn Gott wirklich Liebe ist, wie der 1. Johannesbrief schreibt, dann darf er die Menschen nicht schlagen oder ins Leiden st\u00fcrzen. Hier hat sich, angesto\u00dfen durch Dietrich Bonhoeffer, ein fundamentaler Wandel in der christlichen Dogmatik vollzogen. Bonhoeffer hat, ausgel\u00f6st durch seine Erfahrungen in der Haft, als erster davon gesprochen, dass Gott ein mitleidender Gott ist. Statt vom <em>allm\u00e4chtigen<\/em> Gott sprach Bonhoeffer vom <em>ohnm\u00e4chtigen<\/em> Gott, der von den Menschen an den Rand gedr\u00e4ngt und verfolgt wird.<\/p>\n<p>Auch diese Anschauung findet sich in der Bibel und in der christlichen Tradition, aber sie wurde lange Zeit \u00fcberlagert durch eine zu einseitige Rede von Gottes Allmacht, die es dann auch erforderlich machte, Gott als Urheber des Leidens und der Qual der Menschen zu beschreiben. Wenn Gott wirklich Liebe ist, dann schl\u00e4gt er die Menschen nicht, dann ist er vielmehr mit ihnen und bei ihnen in ihrem Leiden. F\u00fcr uns ist klar: Gott darf nicht mit Gewalt infiziert werden, wenn er denn ein Gott der Liebe sein soll. Andere Zeiten haben das anders empfunden. Es besteht f\u00fcr uns kein Anlass, deswegen hochm\u00fctig auf sie herabzublicken. Aber wir m\u00fcssen uns zugleich auch nicht alles aneignen, was zu anderen Zeiten gegolten hat und selbstverst\u00e4ndlich war.<\/p>\n<p>Lassen wir also die Strophen 8 und 9 beim Singen heute aus. Singen wir daf\u00fcr lieber die anderen Strophen, die wir uns leichter aneignen k\u00f6nnen, singen wir die Strophen 5-7 und 10.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong><u>Lied<\/u><\/strong><strong>: EG 325,5-7+10, Seinen Geist, den edlen F\u00fchrer (Sollt ich meinem Gott nicht singen)<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong><u>Predigt \u00fcber \u201eSollt ich meinem Gott nicht singen&#8220;, Teil II<\/u><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Paul Gerhardt findet Bilder und Metaphern f\u00fcr die Erfahrungen des Glaubens, wie sie nur wenig andere Liederdichter so \u00fcberzeugend gefunden haben. In der 5. Strophe stellt er uns Gott als Helfer in der Not vor. Wenn wir \u00fcberlastet sind, wenn wir uns zuviel zugemutet haben und uns vom Leben und den Erwartungen anderer \u00fcberfordert f\u00fchlen, dann tritt Gott zu uns und hilft uns. Das Wort \u201eFreund&#8220; als Bezeichnung f\u00fcr Gott f\u00e4llt zwar erst in der 8. Strophe, hier in der 5. Strophe wird Gott aber der Sache nach schon als Freund beschrieben. Gott ist mein Freund, der meine Not sieht, der an meine Seite tritt und mich unterst\u00fctzt. Freundschaft ist eine Gestalt der Liebe Gottes.<\/p>\n<p align=\"left\">Die Strophe 6 und 7 r\u00fccken dann wieder Gott als den Sch\u00f6pfer in den Mittelpunk der Aufmerksamkeit. Der Sch\u00f6pfungsbericht klingt an, wenn in Strophe 6 beschrieben wird, was Gott alles uns Menschen zur Nahrung und zum Leben gegeben hat: \u201eTier und Kr\u00e4uter und Getreide in den Gr\u00fcnden, in der H\u00f6h, in den B\u00fcschen, in der See.&#8220; Gerhardt nimmt uns mit diesen Worten gleichsam auf einen Spaziergang mit und zeigt uns, was die Natur alles f\u00fcr unsere Ern\u00e4hrung bereith\u00e4lt: \u201e\u00fcberall ist meine Weide&#8220;. Der Mensch, der von Gott, dem guten Hirten, gef\u00fchrt wird, findet immer eine Weide, er wird keinen Mangel leiden &#8211; eine un\u00fcbersehbare Anspielung auf den 23. Psalm, den Psalm vom guten Hirten. Gott geleitet, so steht es in Strophe 7, auch durch die bedrohliche Dunkelheit und die krankmachende Angst.<\/p>\n<p>Als Schlussstrophe greift die 10. Strophe noch einmal das Grundthema des Liedes, die Liebe Gottes, ganz ausdr\u00fccklich auf. Gottes Liebe ist allumfassend. Sie hat kein Ende und kennt keine Beschr\u00e4nkung. Die Liebe ist das, was bleibt, weil Gott die Liebe ist und weil die Liebe an Gottes Ewigkeit Anteil hat. Schon der Apostel Paulus hat dies in seinem Hohenlied der Liebe anklingen lassen: \u201eNun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei: aber die Liebe ist die gr\u00f6\u00dfte unter ihnen.&#8220; (1. Kor. 13,13). Ich bin sicher, dass Paul Gerhardt beim Verfassen seines Liedes auch dieses Wort des Apostels im Sinn hatte. Seine Briefe hat Paul Gerhardt immer mit \u201ePaulus Gerhardt&#8220; unterschrieben. Er f\u00fchlte sich dem Apostel sehr, sehr nahe. Das zeigt nicht nur die Unterschrift, das zeigt auch unser heutiges Lied mit seinem Kehrvers: \u201eAlles Ding w\u00e4hrt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.&#8220;<\/p>\n<p>Die letzte Strophe des Liedes variiert erstaunlicherweise aber nun genau den Kehrvers. An seine Stelle tritt die Zeile: \u201ebis ich dich nach dieser Zeit \/ lob und lieb in Ewigkeit.&#8220; Die Worte sind sehr \u00e4hnlich, man k\u00f6nnte die \u00c4nderungen fast \u00fcbersehen, und doch sind sie markant. Die noch unpers\u00f6nlich gehaltene Schlusszeile der ersten neun Strophen wird ins Pers\u00f6nliche gewendet. Aus der Behauptung, dass Gottes Liebe ewig w\u00e4hrt, wird die individuelle Hoffnung und Erwartung, dass <em>ich selbst<\/em> Teil dieser Liebe bin und an ihrer Ewigkeit Anteil erhalte. Auch noch jenseits meiner irdischen Existenz werde ich von Gottes Liebe umfangen sein und in sein Lob mit einstimmen.<\/p>\n<p>Auf ein Bild in der letzten Strophe gilt es besonders einzugehen, das Bild von Gott als Vater. Das \u201eIch&#8220; des Liedes tritt seinem Gott entgegen wie ein Kind seinen liebevollen Eltern entgegentritt. Das \u201eIch&#8220; streckt seine Arme aus, um vom Vater oder der Mutter in den Arm genommen zu werden. Und das \u201eIch&#8220; bittet den v\u00e4terlichen Gott um die Gnade, ihn mit aller Macht, Tag und Nacht, zu umfangen, also selbst umarmen zu k\u00f6nnen. Welche K\u00fchnheit und welch z\u00e4rtliche Geste! Der Mensch umarmt Gott! Wer sich erinnert, wie er oder sie als Kind voll Liebe seine Eltern umarmt hat und wie gut es getan hat, von ihnen genauso liebevoll und fest umarmt zu werden, der wei\u00df, welch enorme Kraft und Innigkeit hier beschrieben wird. Und wer es als Mutter oder Vater erlebt, wie einem sein Kind entgegenst\u00fcrmt und mit welcher Liebe und Energie es einen umarmt und umklammert, der kennt dieses Gef\u00fchl eines \u00fcberw\u00e4ltigenden Liebesstroms, der Eltern und Kind verbindet, wie nichts sonst auf der Welt miteinander verbinden kann. Die Liebe zwischen Kindern und Eltern ist mit die innigste Liebeserfahrung, die ein Mensch machen kann. Bei der Liebe zwischen Kindern und Eltern erleben wir die Liebe und Z\u00e4rtlichkeit Gottes mit am intensivsten in unserem Leben. Deshalb stellt Gerhardt dieses Bild von der Liebe Gottes an das Ende seines Liedes. Das st\u00e4rkste Bild, das st\u00e4rkste Argument steht am Schluss und lenkt zur\u00fcck auf den Anfang: Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? &#8211; Amen.<\/p>\n<p>Singen wir nun ein Lied &#8211; nicht von Paul Gerhardt, sondern von einem seiner wichtigsten Verehrer und Nachfolger als religi\u00f6ser Dichter: Dietrich Bonhoeffer. In der Haft hat Bonhoeffer die Lieder Gerhardts immer wieder gesungen und sich auswendig vorgesagt. Gerhardts Lieder haben Bonhoeffer im Gef\u00e4ngnis vor Depression und Wahnsinn bewahrt. Sie haben ihn schlie\u00dflich angeregt, selbst zu dichten. Eines der Gedichte Bonhoeffers singen wir nun und zwar jenes, das den modernen Umbruch im Verst\u00e4ndnis von Gott als liebendem Gott markiert, das Lied, in dem Gottes Ohnmacht beschrieben wird: Menschen gehen zu Gott in ihrer Not (EG W\u00fcrtt. 547).<\/p>\n<div id=\"fuss\" style=\"width: 500px;\">\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Christoph Dinkel<\/strong><br \/>\n<strong>Pfarrer<\/strong><br \/>\n<strong>G\u00e4nsheidestra\u00dfe 29<\/strong><br \/>\n<strong>70184 Stuttgart<\/strong><\/p>\n<p><strong>E-Mail: <a href=\"mailto:dinkel@email.uni-kiel.de\">dinkel@email.uni-kiel.de<\/a><\/strong><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigreihe zu Paul Gerhardt \/ 2007 &#8222;Sollt ich meinem Gott nicht singen&#8220; (EG 325), Predigt verfasst von Christoph Dinkel Schriftlesung: 1. Johannes 4,7-16 Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. 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