{"id":11758,"date":"2021-02-07T19:48:50","date_gmt":"2021-02-07T19:48:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11758"},"modified":"2023-03-10T09:12:43","modified_gmt":"2023-03-10T08:12:43","slug":"sommer-gesang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sommer-gesang\/","title":{"rendered":"Sommer-Gesang"},"content":{"rendered":"<div id=\"content\">\n<div id=\"predigt\">\n<h3 id=\"kopf\" class=\"blau\"><strong>Predigreihe zu Paul Gerhardt \/ 2007<\/strong><br \/>\n<strong>Sommer-Gesang,<\/strong><br \/>\n<strong>Predigt verfasst von Ulrike Voigt<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<div id=\"predigttext\">\n<p>Liest oder h\u00f6rt man eines der Sonette von dem vielleicht ber\u00fchmtesten Dichter des Barock, Andreas Gryphius, bemerkt man h\u00e4ufig sofort, da\u00df es sich um eine religi\u00f6se Thematik mit biblischen Texten im Hintergrund handelt. Trotz vieler nicht mehr unmittelbar verst\u00e4ndlicher Bilder empfindet man diese Texte als beeindruckend. Aber sind sie <em>geistliche <\/em>Gedichte? Sonette k\u00f6nnen schwerlich zum Kirchenlied werden. Schon deshalb, weil sich ein Sonett wegen seiner unterschiedlichen Strophenl\u00e4ngen (2&#215;4, 2&#215;3 Verse) nicht leicht f\u00fcr den Gemeindegesang vertonen lie\u00dfe. Zudem ist die Sprache dieser Gedichte doch sehr zeitgebunden und anspruchsvoll, sowohl vom Satzbau als auch von den verwendeten Bildern und Vokabeln her.<\/p>\n<p>\u201eGeistliche Dichtung&#8220;, zu der auch das Kirchenlied geh\u00f6rt, unterscheidet sich von religi\u00f6ser Lyrik durch ihre Funktion im kirchlichen Bereich und im geistlichen Leben. Deshalb ist sie diesem Zweck angepasst, z.B. mit verst\u00e4ndlicher Sprache, Singbarkeit, Reimen und auch speziellen Inhalten, die sich an den Festen und dem Ablauf des Kirchenjahres orientieren. Dies ist der entscheidende Unterschied zur Kunstdichtung. Geistliche Lyrik ist Gebrauchsdichtung. Die dichterische Qualit\u00e4t des geistlichen Liedes ist der theologischen Absicht untergeordnet.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise waren die Sch\u00f6pfer vieler Gesangbuchlieder sowohl gute Theologen als auch gute Dichter. Dass die \u00e4sthetischen Anspr\u00fcche der Funktion untergeordnet sind, hei\u00dft also nicht, den Anspruch auf poetische Qualit\u00e4t aufzugeben. Ein Musterbeispiel f\u00fcr die gelungene Verbindung von hoher Dichtkunst, auch im Sinne eines beherrschten Handwerks, und bis heute sing- und verstehbarer Liedsch\u00f6pfung sind die Gesangbuchlieder von Paul Gerhardt.<\/p>\n<p>Als Gerhardt den &#8222;Sommer-Gesang&#8220; dichtete (1653 zum erstenmal in Cr\u00fcgers Gesangbuch gedruckt), war der 30-j\u00e4hrige Krieg noch nicht lange vor\u00fcber. Besch\u00e4digte St\u00e4dte und D\u00f6rfer, verw\u00fcstete L\u00e4ndereien gab es noch \u00fcberall und vor allem die Entbehrungen und die Grauen des Krieges hatten in den Herzen der \u00dcberlebenden tiefe Spuren hinterlassen. Paul Gerhardt ermuntert die Menschen mit seinem &#8222;Sommer-Gesang&#8220; auf seelsorgerliche Weise, sich in diesen schwierigen Zeiten nicht der Lethargie und Resignation hinzugeben, sondern hinauszugehen und Freude zu suchen, die Gaben Gottes in der Sch\u00f6nheit der Natur zu entdecken und dar\u00fcber Gott zu loben. Nach dem Chaos des Krieges bringt die Erde wieder Sch\u00f6nes hervor, neues Leben ist entstanden.<\/p>\n<p>SOMMER-GESANG<\/p>\n<p><u>Strophe 1 <\/u>(Exordium) Anfang:<\/p>\n<p>Das Thema wird angeschlagen, das in Str. 2-8 ausgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Der Dichter fordert das eigene Herz auf, sich zu freuen: \u201eSuche Freud&#8220; wird erl\u00e4utert durch \u201eschau an&#8220; und \u201esieh&#8220;, d.h. die Freude besteht in der Betrachtung.<\/p>\n<p>Die sommerliche (der Sommer schloss damals auch den Fr\u00fchling ein) Natur zeigt die Welt als Zier- und Nutzgarten. Ihre Sch\u00f6nheit ist eine Gabe Gottes an alle Menschen.<\/p>\n<p>Diese Aussage wird in zwei Satzb\u00f6gen entfaltet:<\/p>\n<p>1. Teil allgemein (&#8222;schau an&#8220;), 2. Teil variiert und pr\u00e4zisiert (&#8222;siehe&#8220;).<\/p>\n<p>Diese Form ist an den Parallelismus membrorum der Psalmen angelehnt, schon die Einleitung erinnert daran, dass das Vorbild der Kirchenlied-Dichtung zu allen Zeiten auch alttest. Psalmdichtung war (hier besonders Ps 104).<\/p>\n<p>Die Anrede an das Herz ist ein gel\u00e4ufiger Topos, besonders beliebt im 17. Jh., vor allem als Einleitungsformel. Wie in den Psalmen ist das Herz personifiziert, wird damit das Zentrum der Person angesprochen. Es soll hier mit der Anrede des Herzens deutlich gemacht werden, dass <u>existentielle <\/u>Dinge zur Sprache kommen.<\/p>\n<p>Der sog. \u201eaffectus cordis&#8220;, (leidenschaftliches Ergriffenwerden des Herzens bzw. der Person) ist nach altprotestantischer Dogmatik das Ziel aller Theologie.<\/p>\n<p>Das reflexive \u201esich ausgeschm\u00fccket haben&#8220; ist ein biblisches Passiv (pass. divinum), das ausdr\u00fcckt, dass Gott hier handelt &#8211; die Natur ist nicht ein autonomer Bereich, sondern Gottes Gabe und Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>\u201emir und dir&#8220; &#8211; eine der zahllosen zweigliedrigen Formeln Gerhardts &#8211; wie z.B. \u201ekund und wissend&#8220;,\u00a0 \u201eFried und Freud&#8220; etc., die seine Texte auch gut einpr\u00e4gbar machen. \u201eMir und dir&#8220; meint den den Menschen \u00fcberhaupt, es sind alle angesprochen.<\/p>\n<p><u>Strophe 2-7:<\/u><\/p>\n<p>Hier wird das angek\u00fcndigte Thema entfaltet, wird aufgez\u00e4hlt, was angeschaut werden soll: die Perspektive wechselt vom \u201eIch&#8220; zum \u201eEs&#8220;. An die Stelle des Anredens tritt das Benennen vom Gesehenen.<\/p>\n<p>Der Abschnitt ist als barocke Bildreihe angelegt (Enumeratio partium).<\/p>\n<p>Der Dichter f\u00fchrt die \u201esch\u00f6ne Garten-Zier&#8220; vor: in epischer Breite malt er liebevoll ein \u201eirdisches Paradies&#8220; aus. Es sind 14 gereimte Aussagen nach dem Schema:<\/p>\n<p>Subjekt (&#8222;die B\u00e4ume&#8220;), Pr\u00e4dikat (&#8222;stehen&#8220;), Erg\u00e4nzungen (&#8222;voller Laub&#8220;).<\/p>\n<p>Drohende Monotonie in dieser langen Aufz\u00e4hlung vermeidet der Dichter, indem er wechselt zwischen einfachen (&#8222;Baum&#8220;) und doppelten (&#8222;Narzissen und die Tulipan&#8220;) Subjekten sowie Subjekten ohne und mit Attribut (&#8222;die Glucke&#8220; &#8211; &#8222;der schnelle Hirsch&#8220;, &#8222;das schlanke Reh&#8220;).<\/p>\n<p>Die S\u00e4tze dieser Beschreibung strecken sich \u00fcber 1, 2 oder 2 Verse, es gibt leichte und schwere Zeilenspr\u00fcnge (Strophe 6).<\/p>\n<p>Der naheliegende Einschnitt jeweils nach dem dritten Vers, der Mitte einer Strophe, wird eingehalten, nie folgen aber zwei syntaktisch v\u00f6llig gleich gebaute Halbstrophen aufeinander, das macht die Sache abwechslungsreich und vermeidet alle Eint\u00f6nigkeit. Der rhythmische Verlauf ist glatt.<\/p>\n<p>Dem harmonischen Inhalt entspricht die harmonische Form. Es geht hier nicht um einen naiven, blinden Realismus, dies ist kein \u201eErlebnisgedicht&#8220;, denn der Dichter schildert, wie er sich Landschaft ausmalt. So gab es z.B. in Mitteleuropa keine Myrten, in Brandenburg keinen Wein!<\/p>\n<p>Das hier geschilderte Naturbild ist der literararischen Idyllen-Tradition entnommen. Gerhardt dichtet ganz im Sinne der Vorstellungswelt, nach der man seit dem Altertum bis ins 18. Jh. hinein Landschaft dichtete und malte. Diese literarische Tradition hat er mit eigenen Details aufgef\u00fcllt: die Glucke mit ihren K\u00fcken, der Weizen als Nutzpflanze&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Narzissen und die Tulipan&#8220;: damit kn\u00fcpft Gerhardt zum einen an Mt 6,28f an (Salomo), zum anderen war die Tulpe damals in Europa nicht nur die Lieblingsblume der Barockdichter, sondern die modernste und kostbarste Blume. Ihre Zwiebeln wurden so hoch gehandelt wie heute Aktien (der Preis einer Tulpenzwiebel entsprach auf dem H\u00f6hepunkt der &#8222;Tulpomanie&#8220; dem eines Hauses in bester Lage in Amsterdam!).<\/p>\n<p>&#8222;Erdreich&#8220; und &#8222;Staub&#8220; erinnern an die Verg\u00e4nglichkeit des Menschen, aber nun ist alles mit &#8222;gr\u00fcnem Laub&#8220; \u00fcberzogen, Gott l\u00e4sst den Menschen auf einer &#8222;gr\u00fcnen Aue&#8220; (Ps. 23) wohnen. Die Natur verweist auf den Sch\u00f6pfer und das Paradies.<\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p><u>Strophe 7<\/u>:<\/p>\n<p>Die Schilderung der Natur wird abgeschlossen mit den Menschen, die sich am Wachsen des Weizens freuen. Der Weizen steht hier als Exemplum f\u00fcr die G\u00fcte Gottes, der \u201e\u00fcberfl\u00fcssig&#8220;, also im \u00dcberfluss, gibt. Die Kreatur, Pflanzen, Tiere etc., preisen Gott unbewusst durch ihr Dasein, der Mensch aber soll den Geber bewusst preisen und loben.<\/p>\n<p>Der Weinstock und der Weizen (Strophe 6 und 7) lassen das Abendmahl anklingen. Gott und Mensch sind innig verbunden (&#8222;s\u00fc\u00dfer Gott&#8220;, Str. 11).<\/p>\n<p>Die Nennung Gottes erfolgt hier als Antonomasie, d.h. anstelle des Namens steht eine Umschreibung in zwei Attributs\u00e4tzen: \u201edes, der so &#8230;.&#8220;<\/p>\n<p>Dieser Kunstgriff wird benutzt, damit die Attribute noch einmal angef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, die f\u00fcr den Sachzusammenhang funktionale Bedeutung haben: <strong>das <\/strong>soll der Mensch beim Anschauen der Natur erkennen! Zweck der Sch\u00f6pfung ist die Manifestation Gottes!<\/p>\n<p>Strophe 7 f\u00fchrt von der Naturbetrachtung, die f\u00fcr sich noch keinen Sinn hat, zum Lob des Sch\u00f6pfers. Strophe 1 geht dagegen von der Kenntnis Gottes als des Sch\u00f6pfers zur best\u00e4tigenden Betrachtung der Natur aus (hermeneutischer Zirkel).<\/p>\n<p><u>Strophe 8<\/u>:<\/p>\n<p>Der Dichter wechselt wieder zur Ich-Perspektive.<\/p>\n<p>Immer wieder wurde in Str. 2-7 auch auf akustische Ph\u00e4nomene aufmerksam gemacht (Vogelgesang, Lustgeschrei der Hirten). Die Welt ist eine klingende Welt, folgerichtig wird nun in dieser Strophe das Singen thematisiert, als eine Bewegung, die das Leben in Gang bringt, in der Emotionen und Erkenntnis zusammengeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das Einstimmen wird als selbstverst\u00e4ndliche Reaktion dargestellt: wer das Leben der Natur, ihre Sch\u00f6nheit und ihren Nutzen gesehen hat, der kann gar nicht anders, als ihren und seinen Sch\u00f6pfer zu preisen! \u201eKann und mag nicht ruh&#8217;n&#8220; zeigt an, dass das Lob gleichzeitig \u00e4u\u00dferer Notwendigkeit wie innerer Zustimmung entspringt. Wieder eine der einpr\u00e4gsamen Zweierformeln.<\/p>\n<p>Somit wird wieder auf die 1. Strophe verwiesen: es erfolgt eine Antwort auf die Aufforderung, anzuschauen, indem eingestimmt wird in das Lob Gottes. Der zum Schauen aufgeforderte Mensch soll die Taten Gottes wahrnehmen und mit <u>Zustimmung<\/u> antworten. Damit sind zwei wichtige Begriffen der damaligen Theologie, \u201enotitia&#8220; (Strophe 1, Kenntnis, Wahrnehmung) und \u201eassensus&#8220; (Str. 8; Zustimmung), aufgegriffen.<\/p>\n<p>Der \u201eaffectus cordis&#8220;, der in der ersten Strophe gefordert wurde und als Ziel der Theologie gilt, hat in der 8. Strophe stattgefunden, wenn es hei\u00dft: \u201edes gro\u00dfen Gottes gro\u00dfes Tun erweckt mir alle Sinnen!&#8220; Hier liegt auch eine Offenbarungstheologie zugrunde: die durch die Natur geoffenbarte Gotteserkenntnis erm\u00f6glicht die Aussagen des Gedichtes. : &#8222;Itzt sehen wir die Creaturen gar recht an, &#8230; beginnen von Gottes Gnaden seine herrlichen Werk und Wunder auch aus den Bl\u00fcmlin zu erkennen, wenn wir bedenken, wie allm\u00e4chtig und g\u00fctig Gott sey; darum loben und preisen wir ihn, und danken ihm.&#8220; (Martin Luther, zitiert nach Gedichte und Interpret. s.u.). In diesem Sinne schrieb auch sp\u00e4ter Johann Arndt in seinen zu Gerhardts Zeit sehr verbreiteten Andachtsb\u00fcchern, zu denen es zahlreiche Ankl\u00e4nge im Lied gibt.<\/p>\n<p><u>Strophe 9-12:<\/u><\/p>\n<p>Nach Strophe 8 kommt ein inhaltlicher Einschnitt, es wird ein neuer Vorstellungskreis entfaltet: das Jenseits. Der irdische Garten ist das Abbild des himmlischen Gartens, irdische Sch\u00f6nheit und irdisches Wohlergehen lassen himmlische Sch\u00f6nheit und himmlisches Wohlergehen erahnen.<\/p>\n<p>\u201eAch, denk ich&#8230;&#8220;: Die pers\u00f6nliche Anrede Gottes beginnt und wird bis zum Schluss durchgehalten. Das Ich wendet sich von der Natur weg Gott zu. Ein meditativer Charakter des Gedichtes setzt sich durch, ein inneres Sprechen, Erw\u00e4gen, Hoffen, angezeigt durch viele Modalverben wie \u201ewill&#8220;, \u201ekann&#8220;, &#8222;muss&#8220;&#8230; &#8211; man wei\u00df ja noch nichts Gewisses \u00fcber das Jenseits!<\/p>\n<p>\u00dcberraschend vielleicht jetzt die pl\u00f6tzliche Rede von der \u201earmen Erden&#8220;, die durch das \u201ereiche Himmelszelt&#8220; \u00fcberboten wird. Es ist ein Analogieschluss: wenn es schon hier im Diesseits so sch\u00f6n ist, dann erst recht, noch mehr, im Jenseits.<\/p>\n<p>Aber warum wird die Erde nun als \u201earm&#8220; bezeichnet? Typisch f\u00fcr Gerhardt und auch seine Zeitgenossen ist die vor allem durch den erlebten Krieg und pers\u00f6nliches Leid bestimmte Grundaussage, dass Sch\u00f6nheit, Freude, Ordnung immer vor dem Hintergrund von Grauen, Leid und Chaos stehen.<\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p><u>Strophe 10:<\/u><\/p>\n<p>Von der Erde wendet sich der Dichter fragend dem reichen Himmelszelt zu. Vom irdischen Gesang (Str. 7) kommt er zum himmlischen (Str. 10): wie muss es da wohl erst klingen! Auch hier ist wieder von Singen und Musik die Rede. Das Wort \u201eLust&#8220; kommt urspr\u00fcnglich aus der Botanik und bezeichnete das sprie\u00dfende gr\u00fcne Laub. Der Dichter bleibt also ganz im Bild der Natur.<\/p>\n<p>Die Antworten, wie es wohl in Christi Garten klingen k\u00f6nnte, werden wieder per \u00dcberbietung und Analogie zum Diesseits gegeben. Die einzige direkte Antwort, wie es sein wird, geht auf biblische Bilder zur\u00fcck, es ist der Gesang der Seraphim (Jes 6,2; Offb. 7,11). Mit Anspielungen, Alliteration und Vokalwechseln wird ein positives Bild erzeugt.<\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p><u>Strophe 11:<\/u><\/p>\n<p>An die hochgespannte Erwartung, wie es sein wird, schlie\u00dft sich folgerichtig der Ausdruck der Sehnsucht und des Jenseitsverlangens an \u201eO w\u00e4r ich da!&#8220; Das ist \u00fcbrigens die einzige st\u00e4rker affektive, gef\u00fchlsbetonte Aussage in dem sonst wohltemperierten Text.<\/p>\n<p>Wunsch des Glaubenden ist die Aufnahme in den himmlischen Chor Gottes. Dahinter steht die mystische Vorstellung, die einzige Aufgabe der Erl\u00f6sten sei das Lob Gottes. Diese Vorstellung hat Gerhardt der zeitgen\u00f6ssischen Erbauungsliteratur entnommen, z.B. Johann Arndts B\u00fcchern und Schriften, die weit verbreitet waren. Von dort hat er nicht nur die Bilder vom gl\u00e4ubigen Menschen als B\u00e4ume und Zweige an Gottes Baum, sondern auch die Metaphern von der Sch\u00f6nheit und S\u00fc\u00dfe Gottes, die auch in \u201eDie g\u00fcldene Sonne&#8220; verwendet werden.<\/p>\n<p><u>Strophe 12:<\/u><\/p>\n<p>Der Abschluss des gedanklichen H\u00f6henfluges erfolgt, der Dichter kehrt zur Erde zur\u00fcck. Wieder l\u00e4sst sich erahnen, dass das irdische Leben weder einfach war noch idealisiert wird. Im Vertrauen auf k\u00fcnftige himmlische Freuden will der Dichter die irdische M\u00fchsal ertragen, dabei Gott loben und anbeten. Diese Strophe verweist wieder auf die 1. Strophe zur\u00fcck und f\u00fchrt die dort begonnene Schau zu ihrem Ziel:<\/p>\n<p>Str. 1: Aufforderung zur Wahrnehmung der Taten Gottes (notitia)<\/p>\n<p>Str. 8: Zustimmung (assensus)<\/p>\n<p>Str. 12: Vertrauen auf den Erl\u00f6ser (fiducia).<\/p>\n<p>Diese Begriffe sind nach altprotestantischer Dogmatik die drei Bestandteile des christlichen Glaubens. Das Thema des Liedes ist also die christliche Existenz schlechthin, nicht nur ein Teilaspekt.<\/p>\n<p>Diese drei Strophen (1, 8 12), in denen die theologisch zentralen Begriffe verarbeitet werden, sind nicht zuf\u00e4llig auch diejenigen, wo das Herz logisches Subjekt ist!<\/p>\n<p>Das Leitmotiv des Gedichts: der Mensch soll nicht theoretisch, sondern mit allem, von ganzem Herzen, glaubend zustimmen (tam intellectualis quam affectiva).<\/p>\n<p>Strophe 8. und 12. geben jeweils, nach einem meditativen Komplex, direkte Antwort auf die Aufforderung an das Herz, markieren mit Strophe 1 die Abschnitte und verklammern den ganzen Text.<\/p>\n<p><u>\u00a0<\/u><\/p>\n<p><u>Strophe 13-15:<\/u><\/p>\n<p>Auf das Versprechen in Str. 12, Gott weiterhin zu loben, folgt ein Gebet. Jede Strophe enth\u00e4lt 2 Bitten, den Abschluss macht das Gel\u00f6bnis, Gott \u201ehier und dort&#8220; zu dienen, auf Erden und im Jenseits. Die Bitten sind parallel gebaut und in allegorischer Aussageweise formuliert. In jeder Bitte werden Einzelheiten des Naturbildes des ersten Teils gleichnishaft auf den Menschen \u00fcbertragen: Baum, Pflanze, Blume sind Leitbilder der Allegorie.<\/p>\n<p>So wird der letzte Teil wieder mit dem ersten Teil verklammert: der Dichter greift auf biblische Bilder zur\u00fcck (Ps 1,3; Mt 7,17,; Lk 8,13).<\/p>\n<p>In eindringlicher Rede (peroratio) bittet der Sprecher darum, dass er Frucht bringt (&#8222;bekleiben&#8220;) und so wird, wie der Mensch nach Gottes Willen sein soll.<\/p>\n<p>Der \u201eSommer-Gesang&#8220;, der bei fl\u00fcchtigem Lesen oder Singen den Eindruck eines locker gereihten, relativ schlicht gebauten Textes erweckt &#8211; als Sommerlied findet er sich auch in Volksliederb\u00fcchern &#8211; erweist sich bei genauem Hinsehen als streng komponiert, mit zahlreichen Verklammerungen zwischen einzelnen Strophen und Teilen, die Bez\u00fcge der Bilder sind zahlreich, und der Bereich der Bildlichkeit ist geschlossen (Natur), auch der Wechsel von Ich, Es und Du ist absolut durchdacht.<\/p>\n<p>Die Ausdrucksweise Gerhardts ist glatt, gef\u00e4llig und gem\u00e4\u00dfigt, Anmut und Wohlklang sind seine Prinzipien. Sie entspricht damit dem zeitgen\u00f6ssischen Ideal der \u201eelegantia&#8220;. Das Kirchenlied soll erbauen und belehren, (delectare et docere), daf\u00fcr war nach damaliger poetologischer Vorschrift das Genus medium, die mittlere Stilart, angemessen. Wie Paul Gerhardt die theologische Aufgabe stets vor den \u00e4sthetischen Aspekt stellte, dr\u00fcckt er in folgendem Gedicht aus:<\/p>\n<p>Unter allen, die da leben, hat ein jeder seinen Flei\u00df<\/p>\n<p>Und wei\u00df dessen Frucht zu geben;<\/p>\n<p>Doch hat der den H\u00f6chsten Preis,<\/p>\n<p>Der dem H\u00f6chsten Ehre bringt<\/p>\n<p>Und von Gottes Namen singt.<\/p>\n<p>Unter allen, die da singen<\/p>\n<p>Und mit wohlgefasster Kunst<\/p>\n<p>Ihrem Sch\u00f6pfer Opfer bringen,<\/p>\n<p>Hat ein jeder seine Gunst;<\/p>\n<p>Doch der ist am besten dran,<\/p>\n<p>Der mit Andacht singen kann.<\/p>\n<p>(1665; in: Gedichte u. Interpret., 298)<\/p>\n<p>Das Lied bewegt sich auf zwei Ebenen, einer erz\u00e4hlenden, bildhaften, und einer deutenden.<\/p>\n<p>Das Gedicht ist damit nicht nur ein kleines Sprachkunstwerk, sondern greift mit seiner Bildebene und der Ausdeutung auch noch eine im Barock sehr popul\u00e4re Bildstruktur auf, das Emblem. Ziel der Embleme, die vor allem in B\u00fcchern verbreitet wurden (eines der ber\u00fchmtesten zeitgen\u00f6ss. Emblemb\u00fccher ist das \u201eEmblematum liber&#8220; von Andrea Alciati von 1532), aber auch z.B. in Kirchen und Schl\u00f6ssern aufgemalt sind (Emblemzyklen an Decken und Emporen etc.), ist es, unanschauliche Sachverhalte durch ein Bild anschaulich zu machen. Dies geschieht in einer Dreier-Struktur:<\/p>\n<p>Die \u00dcberschrift (Inscriptio, Lemma, Motto) gibt das Thema an (z.B. \u201eLieb gegen seine Kinder&#8220;), darunter folgt die Pictura, das Bild, z.B. ein Vogel auf dem Nest, und zwar eine Ringeltaube; drittens erfolgt eine Aufl\u00f6sung des Bildes, das oft r\u00e4tselhaft scheint und sehr verschl\u00fcsselt ist. Die Aufl\u00f6sung des \u201eR\u00e4tsels&#8220; erfolgt durch das Epigramm bzw. die Subscriptio, z.B. wird dargestellt, wie eine Ringeltaube in winterlicher Zeit br\u00fctet (Kahler Baum). Weil sie sich die Federn ausrupft, um ihre Jungen zu w\u00e4rmen, und dabei selbst friert, ist sie ein Beispiel f\u00fcr wahre Mutterliebe.<\/p>\n<p>Das Sommerlied von Gerhardt hat eine emblematische, dreigeteilte Struktur: Strophe 1 ist die Inscriptio, gibt das Thema an, Strophe 2-7 ist das Bild, die Schilderung der Natur, Strophe 8-11 und 12-15 sind zwei verschiedene Epigramme\/ subscriptiones, Ausdeutungen des Bildes.<\/p>\n<p>&#8222;Geh aus, mein Herz&#8220; zeigt, wie wie kunstvolle Sprache zugleich schlicht, verst\u00e4ndlich und dabei theologisch sehr dicht sein kann. Dieses im besten Sinne erbauliche Lied hat seine Wirkung und Bedeutung nicht verloren. Es spricht Herz und Verstand an, es vermittelt auf anschauliche Weise nebenher Theologie, es versetzt den Mensch in ein freudiges Staunen, umfasst aber gleichzeitig auch das Ende des Lebens und die Hoffnung auf das ewige Leben, es erm\u00f6glicht die pers\u00f6nliche Identifikation mit dem Inhalt. Seine sch\u00f6nen Bilder k\u00f6nnen bis heute &#8222;das Herz erheben&#8220; und machen es zu einem der popul\u00e4rsten Lieder des Gesangbuches. Mit seiner Lyrik hat Paul Gerhardt auch sp\u00e4tere Dichter nachhaltig beeinflusst (Matthias Claudius, Gerhard Tersteegen).<\/p>\n<div id=\"fuss\" style=\"width: 500px;\">\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. phil. Ulrike Voigt<\/strong><br \/>\n<strong>Stuttgart<\/strong><br \/>\n<strong>E-Mail: <a href=\"mailto:dr.u.voigt@web.de\">dr.u.voigt@web.de<\/a><\/strong><\/div>\n<div>\n<hr \/>\n<\/div>\n<div id=\"bemerkung\" style=\"width: 500px;\"><b>Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/b><br \/>\nLothar Schmidt: Hertz- und Garten-Zier. Paul Gerhardts Sommer-Gesang. In: Gedichte und Interpretationen 1. Renaissance und Barock, Hrsg. von Volker Meid. Stuttgart 1982, S. 281-302 (mit weiteren Literaturangaben);<br \/>\nGeistliches Wunderhorn. Gro\u00dfe deutsche Kirchenlieder. Hrsg. von Hansjakob Becker, Ansgar Franz, J\u00fcrgen Henkys u.a., M\u00fcnchen 2001, S. 262-274;<br \/>\nChristian Bunners, Paul Gerhardt. Weg &#8211; Werk &#8211; Wirkung. G\u00f6ttingen 2006, S. 128-134.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigreihe zu Paul Gerhardt \/ 2007 Sommer-Gesang, Predigt verfasst von Ulrike Voigt Liest oder h\u00f6rt man eines der Sonette von dem vielleicht ber\u00fchmtesten Dichter des Barock, Andreas Gryphius, bemerkt man h\u00e4ufig sofort, da\u00df es sich um eine religi\u00f6se Thematik mit biblischen Texten im Hintergrund handelt. 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