{"id":11774,"date":"2021-02-07T19:48:52","date_gmt":"2021-02-07T19:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11774"},"modified":"2023-03-10T08:39:30","modified_gmt":"2023-03-10T07:39:30","slug":"eg-84-o-welt-sieh-hier-dein-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/eg-84-o-welt-sieh-hier-dein-leben\/","title":{"rendered":"EG 84: O Welt, sieh hier dein Leben"},"content":{"rendered":"<div id=\"content\">\n<div id=\"predigt\">\n<h3 id=\"kopf\" class=\"blau\"><strong>Predigreihe zu Paul Gerhardt \/ 2007<\/strong><br \/>\n<strong>Predigt \u00fcber Lied EG 84,<\/strong><br \/>\n<strong>verfasst von Ralf W\u00fcstenberg<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<div id=\"predigttext\">Jesus steht allein da. &#8222;Oh Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben,\/ dein Heil sinkt in den Tod.&#8220; Da ist keiner mehr, der zu ihm steht, noch jemand, der sein Schicksal deuten kann, nicht einmal Petrus. Die Bekanntschaft mit Jesus wird verleugnet. Kein: &#8222;Ich will ans Kreuz mich schlagen\/mit dir und dem absagen,\/was meinem Fleisch gel\u00fcst&#8220;. Die nackte Angst des Petrus &#8211; wird sie in der zweiten zitierten Liedzeile Paul Gerhardts \u00fcberwunden? Passion, Leiden, Tod &#8211; das alles bleibt zweideutig. Im Lichte der Osterbotschaft wird alles Leiden, ja der Tod selbst eindeutig &#8211; eindeutig zu etwas Vorletztem, etwas, was seinen Schrecken verliert. Wo aber das Licht von Ostern nicht auf den Karfreitag zur\u00fcckf\u00e4llt, da ist alles Leiden, aller Tod etwas Letztes, etwas, dessen Schrecken ewig anzuhalten scheint. Herrlichkeit dort, Einsamkeit hier.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Die Einsamkeit Jesu wird noch einmal gesteigert, wenn Jesus am Kreuz aussto\u00dfen wird: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Denn nun ist das nicht nur Verlassenheit, Unverst\u00e4ndnis und Einsamkeit gegen\u00fcber Menschen, sondern Gott selbst gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Jesus steht allein da. Tiefere Einsamkeit kann ein Mensch nicht sp\u00fcren &#8211; verlassen von allen Menschen und verlassen von Gott. Diese Einsamkeit ist wohl kaum noch zu \u00fcberbieten. Weder physisch, noch psychisch, noch theologisch. Wie gro\u00df mu\u00df der Schmerz bei einer Kreuzigung sein, wie gro\u00df mu\u00df der Schmerz des Verlassenseins selbst von denen sein, die er doch in sein Vertrauen zog. Wie gro\u00df mu\u00df der Schmerz eines Menschen sein, der sich selbst von Gott verlassen glaubt.<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Verlassen von den J\u00fcngern, verspottet von den Menschen. Und Gott antwortet nicht, Gott handelt nicht. Er greift nicht ein, macht Jesus nicht schnell zu einem Helden, der seine Feinde besiegt, indem er ihnen zeigt, wer er ist. Er l\u00e4\u00dft sich verspotten. Er nimmt ihn nicht in einer gewaltigen Tat vom Kreuz und bestraft die Henker und die Gaffer und alle die, die mit der Menge &#8222;Kreuzige ihn!&#8220; schrien. Nein, nichts passiert, keine schnelle Gerechtigkeit, die das Unrecht bereinigt und aufzeigt, wer im Recht ist. Hier ist nichts, nur Ohnmacht. &#8222;Wer hat dich so geschlagen,\/mein Heil, und dich mit Plagen so \u00fcber zugericht?\/Du bist ja nicht ein S\u00fcnder\/wie wir und unsere Kinder,\/von \u00dcbeltaten wei\u00dft du nicht.&#8220;<\/div>\n<div><\/div>\n<div>Kreuzige, kreuzige ihn! &#8211; Ein Aufschrei, der in drei Worten das Unrecht aller Zeiten auf den Punkt bringt. &#8222;Ich kann keine Schuld an ihm finden&#8220;, sagt der vermeintlich unparteiische Pilatus, um am Ende doch dem Mob nachzugeben. Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Pilatus entspricht dem landl\u00e4ufigen Bild des Politikers. Um seine Macht zu erhalten, l\u00e4sst er auch einen Unschuldigen \u00fcber die Klinge springen. So ist auch nicht Pilatus die Identifikationsfigur, sondern Jesus. Und klar ist, auf welcher Seite Jesus steht.<\/div>\n<div><\/div>\n<div>&#8211; Er steht auf der Seite der Schwachen.<br \/>\n&#8211; Er geh\u00f6rt zu denen, die zu Unrecht verurteilt werden.<br \/>\n&#8211; Er geh\u00f6rt zu denen, die verh\u00f6hnt werden.<br \/>\n&#8211; Er geh\u00f6rt zu denen, die sich nicht wehren k\u00f6nnen.<br \/>\n&#8211; Er geh\u00f6rt zu denen, die alleine stehen gegen eine \u00dcberzahl von Verleumdern.<br \/>\n&#8211; Er geh\u00f6rt zu denen, die ohnm\u00e4chtig sind gegen die Gewalt, die ihnen angetan wird &#8211; sei es k\u00f6rperliche Gewalt; sei es seelische Gewalt; sei es strukturelle Gewalt.<\/p>\n<p>Und es ist diese Seite, die Paul Gerhardt in seinen Liedern immer wieder anklingen l\u00e4sst. Gerhardt, selbst im Alter von 14 Jahren Vollwaise, verliert vier seiner f\u00fcnf Kinder und schlie\u00dflich seine eigene Frau an den Tod &#8211; er und seine Zeit (30-j\u00e4hriger Krieg!) kennen k\u00f6rperliches und seelisches Leid. Hier ist kein Raum f\u00fcr Vertr\u00f6sten, aber f\u00fcr echten Trost. Gerhardt schreibt nicht im Elfenbeinturm, sondern im Angesicht der Herausforderungen des Alltags. Der Poet des Evangeliums spricht den Menschen seiner Zeit aus dem Herzen, er nimmt auf, was den Zeitgenossen seiner Tage buchst\u00e4blich auf der Seele lastet. Wie kaum ein anderer hat er die Hand am Puls der \u00c4ngstlichen, der Bedr\u00e4ngten, der Hoffnungslosen. Und all diese \u00c4ngstlichkeit, Bedr\u00e4ngnis und Hoffnungslosigkeit verwandelt sich wunderbar in Kraft, Hoffnung und Zuversicht, wo sie mit dem Geschick Jesu verbunden wird. &#8222;Ich bin, mein Heil, verbunden \/ all Augenblick und Stunden \/dir \u00fcberhoch und sehr.&#8220;<\/p>\n<p>Seelische, k\u00f6rperliche und strukturelle Gewalt &#8211; sie ist heute so gegenw\u00e4rtig wie damals. Nicht nur in den Kriegsherden und Folterkellern dieser Welt, sondern mitten unter uns, auch in dieser Stadt. Wer nur mit wachem Auge U-Bahn f\u00e4hrt bekommt etwas davon mit. Kinder, die angeschrieen und geg\u00e4ngelt werden, Obdachlose, die mit angefrorener Hand eine Zeitung verkaufen, Menschen, in deren Gesichtern man den Tag ablesen kann.<\/p>\n<p>Das alles macht sehr dem\u00fctig. Es stellt sich ein Gef\u00fchl des Mit-Leidens ein; vielleicht ein heimliches Wissen darum, dass in allem Leiden eine N\u00e4he zu Jesus da ist, eine N\u00e4he, die sich vom Leiden \u00fcber die Sehnsucht nach Erl\u00f6sung aus dem Leiden zieht. Leiden und Erl\u00f6sung aus dem Leiden sind mit dem Schicksal Jesu verkn\u00fcpft ist. &#8222;Ich bin, mein Heil, verbunden \/ all Augenblick und Stunden \/dir \u00fcberhoch und sehr.&#8220; Das Leiden wird nicht das letzte Wort haben; aber es hat das vorletzte Wort &#8211; und alles Vorletzte kann mitunter sehr lange dauern.<\/p>\n<p>Kreuzige, kreuzige ihn! Wo der Mob spricht, wo &#8222;Mobbing&#8220; herrscht, da gilt nicht die Vernietlichung von Leiden. Schlechtes Reden \u00fcber andere, L\u00fcge, Ungerechtigkeit. Das sind alles sehr gro\u00dfe und reale Erfahrungen auch im Leben von Christen. Heute wie damals ist sie gro\u00df, die Sehnsucht nach Erl\u00f6sung! Doch es wird drei Tage dauern, lange DREI Tage, bis etwas passiert<\/p>\n<p>Diese drei Tage sind ein Symbol. Es vergeht im Regelfall eine echte Spanne Zeit, bis Leiden \u00fcberwunden ist, ob im Leben Jesu, im Leben Paul Gerhardts &#8211; oder im Leben aller Christenmenschen in der Nachfolge. F\u00fcr manche Menschen, die Unrecht erleiden, k\u00f6nnen diese drei Tage ein ganzes Leben dauern, f\u00fcr andere Jahre, f\u00fcr wieder andere Monate oder Wochen.<\/p>\n<p>Wichtig ist: Alles Leiden wir ein Ende haben, alles &#8222;Kreuzige ihn!&#8220; wird einmal aufh\u00f6ren &#8211; Gott wird handeln, aber in den seltensten F\u00e4llen sofort. Die drei Tage sind ein Symbol &#8211; f\u00fcr Warten k\u00f6nnen. Jahre, Monate, Wochen &#8211; In manchen F\u00e4llen vielleicht ein Leben lang, in anderen nimmt im heute, hier und jetzt das Leben ein Wendung. Es scheint, als ob das Ereignis des dritten Tages das Leiden in Freude und Herrlichkeit verwandelt und der Mensch auf-ersteht aus dem Leiden. Wunder geschehen, auch heute. Aber sie sind nicht die Regel.<\/p>\n<p>Gewi\u00df: Jesu Leiden ist der geheimnisvolle Ausdruck echter Solidarit\u00e4t Gottes mit uns Menschen. Selbst der Gottessohn verschm\u00e4ht das Leiden nicht. Verleugnet werden ist eine Erfahrung, die zweifellos auch in unserer Lebenswelt vorkommt. Aber auch in uns Erwachsenen steckt der Petrus. Es ist der &#8222;Petrus in uns&#8220;, der uns weglaufen oder verleugnen l\u00e4\u00dft, wenn es brenzlig wird.<\/p>\n<p>Unser Passionslied verstehe ich auch als Trost f\u00fcr alle, zu denen niemand steht, die allein sind, verlassen, einsam. Es ist der Weg Jesu. Es ist der Weg der Nachfolge. Es ist der Weh der Einsamkeit Jesu. &#8222;Oh Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben,\/ dein Heil sinkt in den Tod.&#8220; Der Unterschied zur Nachfolge Jesu besteht darin, da\u00df wir diese Nachfolge nicht alleine gehen m\u00fcssen. Darin unterscheidet sich das Geschick der Christen vom Geschick Jesu. F\u00fcr Christen erw\u00e4chst daher die Verpflichtung, sich in der Nachfolge gegenseitig zu st\u00fctzen. Es w\u00e4re v\u00f6llig mi\u00dfverstanden, wenn aus dem Gesagten gefolgert w\u00fcrde, das ein Christ dem anderen im Leiden, im Einsamsein, im Verlassensein blo\u00df darauf hinzuweisen h\u00e4tte, da\u00df dies besonders christusgem\u00e4\u00df sei. Im Gegenteil, der Auftrag der Christen liegt darin, einander beizustehen, dazusein f\u00fcr die, die allein, verlassen oder einsam sind. Das ist die Aufgabe von Christenmenschen in jeder Gemeinde. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Ralf W\u00fcstenberg<\/strong><br \/>\n<strong>Institut f\u00fcr Evangelische Theologie<\/strong><br \/>\n<strong>Ihnestr.56<\/strong><br \/>\n<strong>14159 Berlin<\/strong><br \/>\n<strong>E-Mail: <a href=\"mailto:wustenbe@zedat.fu-berlin.de\">wustenbe@zedat.fu-berlin.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigreihe zu Paul Gerhardt \/ 2007 Predigt \u00fcber Lied EG 84, verfasst von Ralf W\u00fcstenberg Jesus steht allein da. &#8222;Oh Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben,\/ dein Heil sinkt in den Tod.&#8220; Da ist keiner mehr, der zu ihm steht, noch jemand, der sein Schicksal deuten kann, nicht einmal Petrus. Die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7585,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,727,157,114,1370,1108,1074,109,1116,126,1377,1126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11774","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-deut","category-lieder-paul-gerhardts","category-liedpredigten","category-paul-gerhardt","category-predigten","category-predigtformen","category-predigtreihen","category-ralf-wuestenberg","category-theologische-persoenlichkeiten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11774"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11774\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17402,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11774\/revisions\/17402"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7585"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11774"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11774"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11774"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11774"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}