{"id":11841,"date":"2022-07-05T12:48:51","date_gmt":"2022-07-05T10:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11841"},"modified":"2022-07-05T12:47:26","modified_gmt":"2022-07-05T10:47:26","slug":"johannes-8-3-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-8-3-11\/","title":{"rendered":"Johannes 8, 3-11"},"content":{"rendered":"<h3>Umgekehrt | Johannes 8, 3-11 | 10.07.2022 | 4. So. n. Trinitatis | Eberhard Busch |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eWer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein.\u201c\u00a0 Dieser Spruch, den Jesus in der eben verlesenen Geschichte sagt, erinnert an einen \u00e4hnliches Wort, das vor \u00fcber 50 Jahren die Runde machte. Da schimpften Hoch und Niedrig, Politiker und das gemeine Volk der W\u00e4hler und nat\u00fcrlich die Medien \u00fcber ein H\u00e4uflein von jugendlichen Demonstranten wegen ihres L\u00e4rms gegen den Krieg in Vietnam. Heute w\u00fcrden gegen dergleichen wohl kaum viel mehr Protestler marschieren. Damals hatte der einstige Justiz-Minister Gustav Heinemann den Mut, \u00f6ffentlich zu erkl\u00e4ren: &#8222;Wer mit dem Zeigefinger Vorw\u00fcrfe auf den oder die vermeinlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte bedenken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich andere Finger auf ihn selbst zur\u00fcckweisen\u201c. Dieser Hinweis ist gewiss eine Zumutung, aber eine heilsame Zumutung. Er fordert dazu auf, seine bisherige, hei\u00df vertretene \u00dcberzeugung zu \u00fcberdenken und in sich zu gehen, um einmal seine eigene vermeintlich wei\u00dfe Weste zu untersuchen. Reden wir davon n\u00e4her anhand unseres Predigttextes!<\/p>\n<p>Jesus redet hier n\u00e4mlich von \u00c4hnlichem. Hier ist auch eine Menge Menschen beisammen, Hoch und Niedrig, durchaus nicht alle derselben Meinung. Doch in einem sind sie sich einig: dieser bestimmte Mensch muss beseitigt werden. Regen wir uns nicht zu unbedacht \u00fcber diese Leute auf! Wer von uns kennt nicht auch Personen, die er gern weggeschafft sehen wollte. Davon verspricht man sich reine Vorteile: Dann geht es euch gut. Dann ist unsre Welt wieder in Ordnung. Die Frau, von der derart die Rede ist, passt ja nicht in unser Leben. Was sie tut, geh\u00f6rt gewiss nicht ins Buch der guten Sitten. Dass aber bei dem, was sie gemacht hat, auch einige M\u00e4nner mit im Spiel waren \u2013 vielleicht sogar einige von denen, die sie jetzt verurteilen -, das erw\u00e4hnt man lieber nicht. Nein, schuldig ist hier nur eine. <em>Richter<\/em> in dieser Angelegenheit sind <em>wir<\/em>. Die Zeigefinger von uns allen richten sich auf sie. <em>Sie<\/em> ist die S\u00fcnderin. Gut, wenn sie verschwindet. Dann ist die leidige Geschichte vergessen und abgetan.<\/p>\n<p>Und ist es nicht <em>auch<\/em> so? Angeklagt ist hier nicht nur diese Frau. Jene unheimliche Mannschaft \u00e4u\u00dfert einen heimt\u00fcckischen Verdacht, der den Betreffenden an ein Kreuz f\u00fchren kann. Und solche Vermutungen lassen sich nun einmal nicht mehr leicht aus der Welt schaffen, wenn sie einmal in den Raum gestellt worden sind. Sie sind wie eine Schlange, die im Finstern schleicht. Es geht gegen Jesus. Es ist die Unterstellung, dass Jesus einen lebensgef\u00e4hrlichen Irrtum begeht, wenn er nicht auch jene Frau verurteilt, so wie die Schar jener andren M\u00e4nner es ihm vormacht. Hat nicht sogar der Gottesmann Mose geurteilt, dass eine solche Frau beseitigt werden muss? Das stehe doch genau so schwarz auf wei\u00df in der Heiligen Schrift. So wird gemunkelt. Was sollen wir zu dieser Verd\u00e4chtigung sagen? Ach, nichts gegen die Bibel! Aber man kann mit einzelnen Bibelworten Unfug anrichten und Menschen Schaden tun. Man kann Gutes zum B\u00f6sen missbrauchen. Und das geschieht hier.<\/p>\n<p>Achten wir jetzt auch darauf: Der Finger der Anklage richtet sich bei den Leuten immer wieder gegen Andere, so oder so. S\u00fcnder sind hier immer nur <em>Andere<\/em>, und wir sprechen uns <em>selbst<\/em> dabei offen oder heimlich frei. Unser Finger, der auf Andere zeigt und sich \u00fcber sie beschwert oder \u00fcber sie lustig macht, der dreht sich immer wieder <em>nicht<\/em> um, um auf sich selbst zu zeigen. Und je mehr man Andere beschuldigt, desto mehr wird man blind f\u00fcr eigene Fehler. Das ist wohl auch im Stillen die Absicht bei groben Vorw\u00fcrfen gegen unsere Mitmenschen: man lenkt dabei ab von dem, was gegen einen selbst zu bemerken ist. Ihr habt zwar alle \u2013 und jeder in seiner Weise \u2013 allemal Grund, mit dem Finger der Beschwerde zuerst auf euch selbst zu zeigen. Aber genau das habt ihr unterlassen, bevor Jesus in eure Mitte trat.<\/p>\n<p>Braucht es nicht die Begegnung mit dem, der die S\u00fcnde vergibt? \u2013 nicht blo\u00df anklagt; es geht um die Begegnung, mit dem, der sich f\u00fcr uns verausgabt hat, damit wir den Mut bekommen, an die eigene Brust zu schlagen. Und o Wunder, auf einmal sind da Menschen, die verstanden haben, was Jesus sagt: \u201eWer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein.\u201c Tats\u00e4chlich, da sind Menschen, die nicht mehr herfallen \u00fcber ihre N\u00e4chsten mit Worten und mit Taten, mit Steinen und schlimmeren Waffen. Da sind Menschen, die nicht sagen wie die Narren: die und die gewissen Leute, die Fremden, oder die Juden haben Jesus ermordet, oder die R\u00f6mer, oder, wie man heute zur vorschnellen Entlastung aller sagt, ein Missverst\u00e4ndnis oder ein herber Schicksalsschlag hat ihn ums Leben gebracht.<\/p>\n<p>Wahrhaftig, sie dr\u00fccken sich nicht mehr darum herum, so zu singen, wie es uns der Liederdichter Paul Gerhardt gelehrt hat: Im Blick auf die Leiden des Gekreuzigten: \u201eWas ist doch wohl die Ursach\u2019 deiner Plagen? Ach, <em>meine<\/em>S\u00fcnden haben dich geschlagen. \u2013 <em>Ich<\/em>, <em>ich<\/em> und meine S\u00fcnden, die sich wie K\u00f6rnlein finden \/ des Sandes an dem Meer, \/ die haben dir erreget \/ das Elend, das dich schl\u00e4get \/ und deiner schweren Marter Heer.\u201c Und in einem weiteren Lied: \u201eNun, was du Herr erduldet, ist alles <em>meine<\/em> Last. \/ <em>Ich<\/em> hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. \/ Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat, gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.\u201c<\/p>\n<p>Sehen wir genau hin: Jetzt hat sich der Zeigefinger um 180 Grad gedreht und zeigt auf die eigene Brust. Jetzt wei\u00df man auf einmal wie jene Leute in unserer Geschichte: <em>Wir<\/em> sind nicht ohne S\u00fcnden und haben darum kein Recht, um uns zu schlagen. Wer ist ein S\u00fcnder? In der Antwort darauf f\u00e4ngt man am ges\u00fcndesten allemal bei sich selber an. Und da wei\u00df man: <em>Wir<\/em> sind nicht die Richter, weder \u00fcber unsere Mitmenschen, noch auch \u00fcber uns selbst, aber wir haben einen Richter, den, zu dem wir beten: \u201eMit deinem Urteil, o allm\u00e4chtiger Gott, stehen und fallen wir.\u201c (Johannes Calvin) Als Richter geb\u00e4rden wir uns als Gebieter \u00fcber Leben und Tod. <em>Sind<\/em> wir nicht Richter, sondern <em>haben<\/em> wir einen Richter, so haben wir einen Gebieter \u00fcber Leben und Tod, der \u00fcber uns befindet und entscheidet, \u00fcber uns gewiss nicht weniger als \u00fcber die Anderen.<\/p>\n<p>Wie kommt es genau dazu? Dazu, dass ich das begreife. Dazu, dass ich eingestehe: w\u00e4hrend mein einer Finger auf Andere weist, zeigen drei Finger auf meine eigene Brust? Wie kommt es dazu, dass ich meine Schuld erkenne, so wie die M\u00e4nner in unserer Geschichte? Es liegt an dem Einen, der uns gesagt hat: &#8222;Wer unter euch ohne S\u00fcnde ist, der werfe den ersten Stein.\u201c Solche Kehrtwende liegt an dem, der unsere Marschrichtung um 180 Grad \u00e4ndern will und kann und muss. Das liegt an dem, den man vorhin noch beargw\u00f6hnt hat, dem man das Wort abschneiden wollte. Solche Umkehrung liegt hier doch offenbar daran, dass dieser Eine in ihrer Mitte steht, der sich dazu hergegeben hat bis zum letzten, um f\u00fcr sie einzutreten. Gott sei Dank ist der da, der sie und auch uns nicht losgelassen hat und nicht fallen l\u00e4sst, uns, die sich auch nicht \u201eohne S\u00fcnde&#8220; sind!<\/p>\n<p>Er, also nicht irgendein Grobian, kein Dreinschl\u00e4ger, vielmehr gerade er, der selbst Bedrohte, er ist eine Schutzmacht der besonderen Art. Er sch\u00fctzt jene M\u00e4nner, dass sie keinen verh\u00e4ngnisvollen Fehler machen, einen Missgriff, der nicht mehr wieder gut zu machen w\u00e4re. Er sch\u00fctzt sie vor sich selbst. Er sch\u00fctzt sie so, dass still eins ums andere sich davon macht. Er \u00f6ffnet ihnen n\u00e4mlich die Augen, dass sie in Wahrheit mit den von ihnen Angeklagten unter <em>einer<\/em>Decke stecken. Indem er auf dem Platz ist, anerkennen sie seinen Einspruch gegen ihr Tun\u00a0 und zwar widerspruchlos. Und so w\u00e4chst in ihnen die Einsicht, dass sie gerade nicht so handeln m\u00fcssen, wie sie handeln zu m\u00fcssen meinten. Und so wird aus der Konfrontation eine Konf\u00f6deration, aus dem Gegensatz ein Miteinander.<\/p>\n<p>Das kommt auch jener Frau zugute, ihr, die sie in den Abgrund der Vergessenheit schicken wollten. Sie bekommt vielmehr eine Zukunft, in der sie neu aufleben darf. \u201eGeh hin und s\u00fcndige hinfort nicht mehr\u201c, sagt Jesus zu ihr. Er ist auch eine Schutzmacht f\u00fcr sie. Er sch\u00fctzt sie davor, dass sie nicht in ihre altes, verqueres Leben zur\u00fcckf\u00e4llt. Er hei\u00dft nicht gut, was sie getan hat, aber er steht trotzdem zu ihr und steht an ihrer Seite. So wird durch ihn aus der Niedergedr\u00fcckten eine Aufrechte. Er sagt ihr: Nein, ich nagele dich nicht auf deine Herkunft fest, auf deine Vergangenheit, auf deine Fehler, auf deine Verkehrtheit. Tu du das bitte auch nicht. Du <em>musst<\/em> nicht verkehrt handeln. Du kannst Gutes tun. Du kannst etwas Rechtes mit dir anfangen. Du darfst dich als brauchbarer Mensch erweisen. Du darfst dich als ein hilfreicher Mitmensch hervortun, als ein Bruder, als eine Schwester der Bedrohten. Tu das! Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Eberhard Busch<\/p>\n<p>ebusch@gwdg.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umgekehrt | Johannes 8, 3-11 | 10.07.2022 | 4. So. n. 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