{"id":12024,"date":"2022-07-13T17:29:51","date_gmt":"2022-07-13T15:29:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=12024"},"modified":"2022-07-13T17:29:51","modified_gmt":"2022-07-13T15:29:51","slug":"genesis-12-1-4a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-12-1-4a\/","title":{"rendered":"Genesis 12, 1-4a"},"content":{"rendered":"<h3>Vom Aufbruch ins Leben | 5. So. n. Trinitatis | 17.07.2022 | Gen 12, 1-4a | Ralf Reuter |<\/h3>\n<p>Anfangen, aufbrechen, ausziehen, die Bewegung aller aktiven Menschen. Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Am Anfang der Bibel, nach der Urgeschichte, beginnt das echte Leben. Lebenslanges Aufbrechen, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Hermann Hesse). Es ist Gott, der hier Abraham ruft, beruft. Der Ruf Gottes, geht das \u00fcberhaupt? Wer empf\u00e4ngt so ein himmlisches Signal zum Hinausgehen? Wer h\u00f6rt die Stimme Gottes? Und nicht nur die innermenschliche Aktivit\u00e4t des Lebens, eine Entfaltung des Selbst?<\/p>\n<p>Gehen unsere Kinder mit einem Gotteswort in die erste Klasse der Schule? Die Zeit im Kindergartenjahr ist zu Ende, nach den Sommerferien werden sie eingeschult. Oder die Abiturienten, nach dem Abiball der gro\u00dfe Aufbruch ins Studium, ins freiwillige soziale Jahr? Mit dem Auszug aus dem Elternhaus, in eine Stadt, ein anderes Land? Der Einstieg in einen neuen Job, in eine Heirat, eine famili\u00e4re Gemeinschaft, ein Umzug, die Umstrukturierung von Arbeit und Unternehmen, der \u00dcbergang in den aktiven Ruhestand, selbst der Aufbruch ins tats\u00e4chliche Alter, er ist immer auch ein Gehen in ein neues unbekanntes Land.<\/p>\n<p>Menschen kommen auch ohne Gott zurecht. \u00dcbergangsrituale gibt es genug. Und doch, es scheint hier die Sonne des Himmels in einer Weise auf, die es wohl anders nicht gibt. Mit dem Aufbruch ist bei Gott der Segen verbunden, ich will dich segnen. Einen Segen mitgeben, das macht die Mutter an der T\u00fcr, die ihren Kindern beim morgendlichen Aufbruch zur Schule hinterherwinkt: Komm gut wieder. Da sagen Freunde und Freundinnen beim Abschied ein Mach`s gut, bleib beh\u00fctet. Segen hat wohl in allem menschlichen W\u00fcnschen immer auch etwas G\u00f6ttliches, das erbeten wird, \u00fcber das wir nicht verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Geh hinaus, geh hinein ins Leben, ich will dich segnen, du sollst ein Segen sein. Der Kern dieses g\u00f6ttlichen Zuspruchs hat Folgen. Nat\u00fcrlich haben wir uns l\u00e4ngst von den Patriarchen emanzipiert, sehen in Abraham den Aufbruch aller Menschen. Auch erkennen wir in der Zusage &#8222;Ich will dich zum gro\u00dfen Volk machen&#8220;, das Problematische. Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes r\u00fcckt hier vieles zurecht. Landnahme ist meist mit Gewalt und Vertreibung verbunden. Doch mit dem Segen Gottes geht das eigentlich gar nicht. Du sollst ein Segen sein, das ist vielmehr eine Aufforderung zu einem Miteinander, einem friedlichen Zusammenleben. Verhei\u00dfung und Segen sind hier zusammen zu denken. Der Glaube ist nicht ohne die Liebe zu haben.<\/p>\n<p>Ich deute auch die Ausf\u00fchrung des Segens &#8222;Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen&#8220;, in diese Richtung. Wenn Menschen von Gott gesegnet sind, sind sie in ihrer Menschenw\u00fcrde nicht angreifbar. Wer ein Volk mit Gewalt vertreibt oder unterdr\u00fcckt, denken wir an die Ukraine und andere L\u00e4nder, der wird auch von Gott ge\u00e4chtet. Gott widerspricht der gewaltsamen Landnahme. Es ist eine klare Position f\u00fcr Frieden und Zusammenarbeit von Menschen und V\u00f6lkern. Und, in der Verhei\u00dfung an Abraham, auch an die Religionen gerichtet. Haben hier doch Juden, Muslime und Christen ihre gemeinsamen Urspr\u00fcnge, als abrahamitische Religionen.<\/p>\n<p>Aufbruch ins Leben, mache dich auf, gehet hin in alle Welt, &#8222;du sollst ein Segen sein&#8220;, eine gewaltige Kraft geht von diesem Wort an Abraham aus. In ihm erkennen sich Menschen jeglichen Alters und Erbes in ihrem Aktivsein. Nie aufh\u00f6ren, anzufangen, und nie anfangen, aufzuh\u00f6ren (Fredmund Malik), vielleicht muss man nicht voll und ganz bis zu diesem hilfreichen Managerwort gehen. Ist doch in allem Aufbrechen immer auch Kontinuit\u00e4t gegeben, allein durch Gott, der einen begleitet. Ebenso ist man immer auf einem Weg unterwegs. Auch wenn man ihn nicht vor sich sieht und ihn st\u00e4ndig neu finden muss, ist es der Weg ins ewige Leben.<\/p>\n<p>Daher ist f\u00fcr mich in diesem Wort auch die Bewegung der Kirchen in die Zukunft aufzusp\u00fcren. Wer mitten in einer Kirche mit einem umfassenden Verlust an Mitgliedern, vielleicht auch Gl\u00e4ubigen, steht, der erf\u00e4hrt hier den Ruf in eine neue Verk\u00fcndigung, in den Aufbruch in die Zukunft. Da kann man schlecht seine ganze Zeit in Sitzungen von kirchlichen Gremien verbringen, also nur in der eigenen Kernfamilie des Glaubens hocken. Letztendlich vereinen sich in der Berufung von Abraham auch die Hoffnungen der ganzen Menschheit hier auf dem Planeten Erde. Sie reicht bis zum letzten Buch der Bibel, das von einem neuen Himmel und einer neuen Erde erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Berichtet wird das alles konkret. Dieser weite Horizont ist eingebunden und ausgedr\u00fcckt in einer Familiengeschichte. Es ist der Auszug von Abraham und Sara und seinem Neffen Lot. Berichtet wird vom ganz konkreten Leben hier und heute. Wir erfahren von Kriegs- und Hungersn\u00f6ten, von Bedrohungen des Lebens, von g\u00f6ttlichen und anderen Versuchungen, von einem Leben mit Kindern und ihrer Suche nach Partnern. Da sind wir wieder in den eigenen Sommergeschichten unserer Schulkinder, in unseren \u00dcberg\u00e4ngen, dem Krieg in der Ukraine, der D\u00fcrre des Landes bis hin zur sozialen Bedrohung durch teure Preise und Energieknappheit.<\/p>\n<p>Hier hinein geschieht der Ruf in den Aufbruch. In diese unsichere Melange hinein wird Segen verhei\u00dfen und eingefordert. Aktives Leben hat etwas mit Gott zu tun, mit der Eingebundenheit der Menschen in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang. Nicht allen wird es so gehen. Aber diejenigen, die f\u00fcr sich und ihre Zukunft einen Segen w\u00fcnschen, die mit dem Segen Gottes gehen wollen, f\u00fcr die ist dieser Ruf und diese Verhei\u00dfung unverzichtbar. Ob im Gottesdienst zur Einschulung, in der Konfirmation, der Trauung, des Abschiedes, oder auch dem Wunsch nach intensiven seelsorgerlichen Begegnungen, immer m\u00f6chten Menschen nicht allein unterwegs sein. Sie sehnen sich nach der Eingebundenheit in den gro\u00dfen g\u00f6ttlichen Zusammenhang von Zeit und Ewigkeit.<\/p>\n<p>Diese Menschen wollen sp\u00fcren, wie von den Gesegneten eine neue Kraft ausgeht, von Glaubenden eine Liebe zum Leben. Geh aus deinem Vaterhaus, das ist eine sehr schwere Aufgabe, es sind viele Transformationsprozesse, ja Reifepr\u00fcfungen n\u00f6tig, ein Leben lang. Ich jedenfalls m\u00f6chte auf die Begleitung, auf das Herausrufen Gottes, nicht verzichten. Denn ich wei\u00df nicht, ob ich ohne dieses Sp\u00fcren eines solchen g\u00f6ttlichen Impulses dahin gekommen w\u00e4re, wo ich heute bin. Und ganz bestimmt brauche ich das f\u00fcr mein Weitergehen in diese so unklare, bedrohte Zeit. Und mit mir, da bin ich sicher, viele andere Menschen.<\/p>\n<p>Wer auf Abraham und Sara schaut, und die Geschichte weiterliest, wird darin nicht nur Vorfahren im Glauben, sondern wird wie in der eigenen Familie und Sozialisation auch Vorbilder erkennen. Auch wir, nicht nur mit zunehmendem Alter als Gro\u00dfeltern, sondern in allen unseren Rollen, werden anderen auch zu Vorbildern. Alles in einem relativen Sinne, alles hinterfragbar, aber wirksam. Dabei werden wir feststellen, dass es hier auf Erden keine Sicherheit gibt, und dass wir selber wie Abraham Wanderhirten bleiben. Das Land der Erde wird nicht zu unserem Eigentum werden und andere Menschen nicht zu unserem Besitz, wir haben hier keine bleibende Stadt.<\/p>\n<p>Auch dies ist eine f\u00fcr mich eine wichtige Erkenntnis, und ich m\u00f6chte sie gerne mit anderen Menschen teilen. M\u00f6chte unterwegs sein als Gast auf dieser Erde, in den Zeiten des Lebens, die mir geschenkt sind. M\u00f6chte mich immer wieder finden in solchen biblischen Geschichten. Ich m\u00f6chte immer wieder aufbrechen k\u00f6nnen, nicht verharren in Stillstand und Bequemlichkeit. M\u00f6chte den Segen Gottes sp\u00fcren, m\u00f6chte erfahren, wie andere mir zum Segen werden, und auch ich anderen eine Hilfe sein kann.<\/p>\n<p>Wie immer es mit unserer Zukunft in diesem so seltsam unsicheren Sommer weitergeht, wir sind in eine Geschichte eingebunden, in der wir unseren Standort, unsere Identit\u00e4t finden werden. Es ist wie bei Abraham und Sara die eigene Familiengeschichte mit allen Gr\u00fcnden und Abgr\u00fcnden. Es ist ebenso unsere Geschichte als Menschheit mit der Zeit auf dieser Erde. Und, nicht zu vergessen, es ist die Geschichte Gottes mit seinen Religionen und seiner Kirche. Hoffen und beten wir f\u00fcr unsere Familien, f\u00fcr die Menschheit, f\u00fcr unsere Kirchen. In ihren Aufbr\u00fcchen, ihr immer wieder neues Hinausgehen in ein unbekanntes Land, begegnet uns der lebendige Gott. Er spricht zu uns: Komm hinein ins Leben, ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastor Ralf Reuter<\/p>\n<p>G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:Ralf.Reuter@evlka.de\">Ralf.Reuter@evlka.de<\/a><\/p>\n<p>Ralf Reuter, Pastor f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte der Wirtschaft in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und zugleich Pastor an der Friedenskirche G\u00f6ttingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Aufbruch ins Leben | 5. So. n. Trinitatis | 17.07.2022 | Gen 12, 1-4a | Ralf Reuter | Anfangen, aufbrechen, ausziehen, die Bewegung aller aktiven Menschen. Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 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