{"id":12032,"date":"2022-07-13T17:42:52","date_gmt":"2022-07-13T15:42:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=12032"},"modified":"2022-07-20T00:28:12","modified_gmt":"2022-07-19T22:28:12","slug":"genesis-12-1-4-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-12-1-4-2\/","title":{"rendered":"Genesis 12, 1-4"},"content":{"rendered":"<h3>Abraham \u2013 Migrant, Segenstr\u00e4ger, Vater des Glaubens | 5. So. n. Trinitatis | 17.07.22 | Gen 12,1-4 | Johannes L\u00e4hnemann |<\/h3>\n<p>\u2013 in Beziehung zu \u201eVertraut den neuen Wegen\u201c (EG 395) von Klaus Peter Hertzsch (1989)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Unser heutiger Predigttext steht im ersten Mosebuch im 12. Kapitel \u2013 an einer entscheidenden Stelle im ersten Buch der Bibel, das man auch die Genesis, das \u201eBuch von den Anf\u00e4ngen\u201c, nennt.<\/p>\n<p>Bevor Gott Abraham beruft, wird die Urgeschichte erz\u00e4hlt: Da ist zuerst die Darstellung der Sch\u00f6pfung. Es folgen die Geschichten von Kain und Abel, von der Sintflut und vom Turmbau zu Babel. Alle Geschichten zeigen Grunderfahrungen von Gott und den Menschen, von Gott und der Welt. Sie zeigen sie n\u00fcchtern und ohne Besch\u00f6nigungen. Sie zeigen, wie die guten Gaben Gottes genutzt und gebraucht, aber auch verderbt und pervertiert werden: wie Adam und Eva der Versuchung durch die Schlange erliegen und aus dem Paradies vertrieben werden, wie Kain aus Neid seinen Bruder ermordet, wie das Leben zugrunde geht in der Sintflut und wie die Menschen, die den Turm von Babel bis in den Himmel bauen wollen, f\u00fcr ihren Hochmut mit der Verwirrung der Sprachen gestraft werden. Aber jedes Mal gibt es auch eine Bewahrung: Gott kleidet Adam und Eva selbst, er l\u00e4sst Kain leben, er schlie\u00dft nach der Sintflut einen Bund mit Noah und setzt den Regenbogen an den Himmel. Und auf die Zerstreuung der V\u00f6lker nach dem Turmbau von Babel folgen die Geschichten von Abraham und Sara und ihren Nachkommen: von Isaak und Rebekka, von Jakob mit seinen Frauen Lea und Rahel, von Joseph und seinen Br\u00fcdern.<\/p>\n<p>Unser heutiger Predigttext ist der Einstieg dazu. Ich lese aus 1. Mose 12,1-4:<\/p>\n<p><em>1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2\u00a0Und ich will dich zum gro\u00dfen Volk machen und will dich segnen und dir einen gro\u00dfen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3\u00a0Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle V\u00f6lker der Erde. 4\u00a0Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.<\/em><\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Text! Gott spricht mit Abraham einen Einzelnen an. Abraham soll aufbrechen, er soll alles Vertraute und alle Sicherheiten zur\u00fccklassen. In einem Land, das er nicht kennt, soll er zu einem gro\u00dfen Volk werden. Gesegnet soll er sein und zum Segen soll er selbst werden. Alle V\u00f6lker der Erde sollen durch ihn gesegnet werden! Und Abraham zieht los. Sein Neffe Lot begleitet ihn.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dem Text mit Ihnen nachgehen und ihn unter 3 Gesichtspunkten, 3 Perspektiven auslegen:<\/p>\n<ol>\n<li>Abraham, der Migrant<\/li>\n<li>Abraham, der Segenstr\u00e4ger<\/li>\n<li>Abraham, der Vater des Glaubens<\/li>\n<\/ol>\n<p>Und ich m\u00f6chte ihn ins Gespr\u00e4ch bringen mit einem Text aus unserer Zeit, einem Lied, das seit 30 Jahren oft in unseren Gemeinden gesungen wird \u2013 dem Lied \u201eVertraut den neuen Wegen\u201c von Klaus Peter Hertzsch. Es ist das j\u00fcngste Lied, das ins Evangelische Gesangbuch aufgenommen wurde<strong>.<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li><strong>Abraham, der Migrant<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Am Anfang der Geschichte Gottes mit seinem Volk steht eine Migrationsgeschichte. Abraham soll alles Vertraute verlassen: die Heimat, das Haus, die v\u00e4terliche Familie \u2013 mit ungewissem Ziel. Als ein Nomade ist er unterwegs: Tag f\u00fcr Tag, ohne verbriefte Rechte. \u2013 Migration: In den Wanderungsgeschichten unserer Gegenwart ist das zumeist eine bedr\u00fcckende, schwere Realit\u00e4t: Menschen wandern aus aus wirtschaftlicher Not, sie fliehen aus Konflikten, aus Bedr\u00fcckung, sie brechen auf in eine ungewisse Zukunft, in L\u00e4nder und Kulturen, die sie nicht kennen. Werden sie Hilfe finden, Begleitung, Schutz bei den Gefahren unterwegs? Was wir schon bei der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 erfahren haben, ist uns mit dem Ausbruch des Angriffskriegs auf die Ukraine noch einmal ganz neu auf die Haut ger\u00fcckt. Wenn wir uns in unseren Religionsgemeinschaften f\u00fcr die Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, engagieren, k\u00f6nnen wir uns vor Augen stellen, dass f\u00fcr Gott Migration von Anfang an eine Realit\u00e4t ist, dass er Aufbr\u00fcche begleitet.<\/p>\n<p>Kann der Aufbruch aus der vertrauten Umwelt \u00fcber die Nothilfe hinaus denn auch mit Hoffnung, mit positiver Erwartung verbunden werden?<\/p>\n<p>1989 war eine solche Aufbruchssituation. Die bedr\u00fcckende Lage in der DDR dr\u00e4ngte auf eine \u00c4nderung, auf \u00d6ffnung, auf neue Freiheiten zu. Menschen wagten zu protestieren, zu demonstrieren \u2013 immer in der Gefahr, inhaftiert und mundtot gemacht zu werden. Wie real diese Gefahr ist, erleben wir gegenw\u00e4rtig leider in vielen L\u00e4ndern der Erde. Damals hatten die Kirchen den Mut und dank Michael Gorbatschow auch die Chance, sich zu \u00f6ffnen, Neues zu wagen.<\/p>\n<p>In diesem Umfeld hat Klaus Peter Hertzsch den Liedtext gedichtet, der an das Bild von Abrahams Weg in die Fremde ankn\u00fcpft.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>1) Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,<\/em><\/p>\n<p><em>weil Leben hei\u00dft: sich regen, weil Leben wandern hei\u00dft.<\/em><\/p>\n<p><em>Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand,<\/em><\/p>\n<p><em>sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Das Lied von Klaus Peter Hertzsch atmet Aufbruchsstimmung und Hoffnung. Wie passt diese Vision zu der Wirklichkeit, wie wir sie erleben? Was f\u00fchrt den Liederdich\u00adter zu seinem vertrauensvollen Blick in die Zukunft? Welche Erfahrung dr\u00fcckt sich darin aus?<\/p>\n<p>Klaus Peter Hertzsch hatte in Jena schon lange f\u00fcr eine Kirche gearbeitet, die Minderheit geworden war, eine Kirche, die dem Staat mit seinem Atheismus gegen\u00ad\u00fcberstand. In ihren kleinen Ge\u00admeinden, ihrer Chri\u00adstenlehre und besonders den Friedensgruppen mit ihrem Motto \u201eSchwerter zu Pflugscharen\u201c wollte sie Anwalt des Glaubens und der Menschlichkeit sein. Eine Kirche, die sich entgegen der staatlichen Politik \u00fcber Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Sch\u00f6pfung einsetzt. Eine Kirche, die im Aufbruchs\u00adprozess Ende der 80er Jahre auf einmal neu gefragt ist: Sie muss oppositio\u00adnelle Gruppen unter\u00adst\u00fctzen, Men\u00adschen, die aufbegeh\u00adrten, begleiten, intensiv \u00fcber die Zukunft nach\u00adden\u00adken. Es bahnt sich unerwartet ein neuer Aufbruch an.<\/p>\n<p>Dabei hat Klaus Peter Hertzsch dieses Lied gar nicht einmal als Lied zur &#8222;Wende&#8220; verfasst. Es war zun\u00e4chst ein privater Anlass: Ein junges Paar hatte ihn gebeten, ein Lied zu ihrer Trau\u00adung zu dichten: &#8222;Vertraut den neuen Wegen &#8230;; wandert in die Zeit&#8220; &#8211; das passt ja auch wirklich gut zu einer Trauung! Aber dann waren bei der Trauung damals in Jena viele G\u00e4ste aus Ost und West. Die haben das Lied kopiert mit\u00adgenommen, und so wurde es schnell an vielen Stellen bekannt. Und nat\u00fcrlich wurde es in den Aufbruchsmonaten damals als Lied gesungen und verstanden, als Lied, das f\u00fcr ein neues Miteinander, f\u00fcr eine neue \u00d6ffnung bereit macht: nicht stehenbleiben, gehen, sich auf den Weg machen; Gott ist mit euch! &#8211; Das ist keine abgesicherte, gerade Bahn, sondern es m\u00fcssen ganz neue Schritte gewagt werden, es soll St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck die Zukunft neu entdeckt werden.<\/p>\n<p>Aber kann das, was damals f\u00fcr ein Brautpaar gedichtet wurde und was so \u00fcberzeugt in den Wende-Monaten gesungen wurde, auch heute gelten<\/p>\n<p>&#8211; angesichts der m\u00f6rderischen Konflikte und Kriege, die sich seit damals ereignet haben und nicht zuletzt jetzt angesichts des Krieges in der Ukraine,<\/p>\n<p>&#8211; angesichts der absoluten Bedrohung des Lebens auf der Erde durch die Umweltkrise<\/p>\n<p>&#8211; angesichts von Hass und Gewalt, die von unterdr\u00fcckerischer Regimen gepredigt, aber auch im Internet und den sozialen Medien oft ungehemmt gesch\u00fcrt wird?<\/p>\n<p>Gibt es in diesem Lied Leitbilder, die uns bleibend aufrichten und helfen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Nun: Wenn wir genau in das Lied hineinblicken, entdecken wir in ihm Leitbilder, die aus der Bibel stammen, Bilder aus ganz alter Zeit, die aber viel Offenheit und Zukunftszuversicht in sich tragen. Es ist der Regenbogen, mit dem Gott nach der Sintflutkatastrophe der Erde und den Menschen Zukunftshoffnung gibt.<\/p>\n<p>Und es ist zuerst Abraham, der auf Gottes Wort hin ausgezogen ist. Seit Abraham sind Menschen, die Gottes Wort folgen, wandernde Menschen, Menschen, die Neues wagen, die in neue R\u00e4ume vordringen.<\/p>\n<p>Gott spricht Abraham zu, dass er gesegnet sein wird, ja, dass er selbst zum Segen wird.<\/p>\n<p>Das ist das Zweite:<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> Abraham, der Segenstr\u00e4ger<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Abraham erf\u00e4hrt Gottes Segen nicht leichthin. Sein Weg f\u00fchrt ihn in Auseinandersetzungen hinein, in Gef\u00e4hrdungen, und das Versprechen, dass Gott ihn zum gro\u00dfen Volk machen will, scheint unrealistisch. Er und seine Frau Sara sind doch viel zu alt! Aber er ist gesegnet darin, dass er Gott auch da vertraut, wo die Zukunft verschlossen erscheint. Er vertraut Gott, der ihn unter den Sternenhimmel f\u00fchrt als ein Bild f\u00fcr eine gro\u00dfe Nachkommenschaft. Und das Volk, dessen Urvater er ist, erf\u00e4hrt durch alle H\u00e4rten und Katastrophen seiner Geschichte hindurch den Segen, der von ihm ausgeht: als es mit Mose aus der Knechtschaft in \u00c4gypten befreit wird, als es die Gebote Gottes Gebote am Berg Sinai erh\u00e4lt, als Gott Propheten schickt, die es immer wieder auf den rechten Weg rufen. In diesem Segensstrom stehen auch wir durch Jesus Christus, in dem wir Gottes N\u00e4he und F\u00fchrung in einzigartiger Weise erfahren.<\/p>\n<p>Darum geht es in der 2. Strophe des Liedes von Klaus Peter Hertzsch:<\/p>\n<p><em>2) Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!<\/em><\/p>\n<p><em>Gott will, dass ihr ein Segen f\u00fcr seine Erde seid.<\/em><\/p>\n<p><em>Der uns in fr\u00fchen Zeiten das Leben eingehaucht,<\/em><\/p>\n<p><em>der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/p>\n<p>Wenn ich h\u00f6re &#8222;Wandert in die Zeit&#8220; &#8211; da sehe ich mein Leben vor mir, die Tage, die vor mir liegen, die ich zwar planen muss und will, deren konkretes Aussehen ich aber nicht kenne. Ich wandere ja st\u00e4ndig von der Gegenwart in die Zukunft. Beim &#8222;Wandern in die Zeit&#8220; haben wir immer wieder Hoffnungen, aber wir haben auch Unsicherheiten und \u00c4ngste: Wird uns der n\u00e4chste Schritt gelingen, wird er uns nicht \u00fcberfordern? So empfinden es schon Kinder vor dem Schulbeginn, junge Menschen vor dem Schulabschluss, Lehrlinge vor dem Berufsbeginn, Studentinnen und Studenten am Anfang des Studiums, ein junges Paar vor der Trauung, Eltern bei der Erwartung ihres Kindes; so geht es mir, wenn ich nach einem intensiven Berufsleben dem Ruhestand \u2013 oft ist es noch mehr ein Unruhestand \u2013 Konturen geben muss; so geht es uns, wenn wir alt geworden sind und an den Abschied von unserem Leben denken.<\/p>\n<p>Klaus Peter Hertzsch erinnert uns hier daran, dass wir im Glauben davon wissen: Gott hat uns das Leben geschenkt, nicht wir selbst haben es hervor\u00adgebracht. Er will uns begleiten durch gute und durch schwere Zeiten hindurch. Und er will uns die Augen daf\u00fcr \u00f6ffnen zu sehen, wo wir von Segenstr\u00e4gern begleitet sind. \u00dcberall k\u00f6nnen sie uns begegnen: in einem Verwandten, einem Freund\/einer Freundin, in einem Lehrer, einem Sch\u00fcler, in einem Arzt, einer Kran\u00adkenschwester oder auch in jemand, der unsere Hilfe und unseren Beistand braucht.<\/p>\n<p>Wer von dieser Begleitung wei\u00df, der kann zum Segen f\u00fcr diese Erde werden, gerade weil er sich nicht nur auf die eigene Kraft und Vollkommenheit verlassen muss. Der kann sich n\u00fcchtern fragen: Wo liegt meine Begabung, wo liegt meine Aufgabe, die zum Segen f\u00fcr andere werden kann? &#8211; vielleicht in der Kraft meines Denkens, in meiner F\u00e4hig\u00adkeit Zuzuh\u00f6\u00adren, in meinem Humor oder in meiner Ernsthaftigkeit, in meiner Begabung zuzupacken und zu planen \u2013 oder einfach in meiner Gabe, Freundlichkeit auszustrahlen. Wer erlebt, wie das L\u00e4cheln eines Babys Herzen \u00f6ffnen kann, wie es Trauer und Sorge lindern kann, der wei\u00df, dass Segen f\u00fcr diese Erde nicht nur von den gro\u00dfen Leistun\u00adgen ausgehen kann, sondern wie dieser Segen im Kleinen aufbl\u00fcht, wie er es durch einfachste Zuwendung unter uns hell und warm machen kann!<\/p>\n<p>Die Abraham-Gestalt hat nun aber noch eine ganz weitreichende Bedeutung. Da hei\u00dft es: <em>\u201e\u2026in dir sollen gesegnet werden alle V\u00f6lker der Erde\u201c.<\/em> Das sind die abschlie\u00dfenden Worte, mit denen Gott Abraham auf seinen Weg in die Fremde schickt. Und das ist unser dritter Punkt:<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Abraham, der Vater des Glaubens<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Abraham ist das Beispiel des Glaubens, das Beispiel des Gottvertrauens schlechthin. Abraham ist Vater des Glaubens nicht nur f\u00fcr Juden, sondern auch f\u00fcr Christen und Muslime. In allen drei Religionen wird von ihm erz\u00e4hlt, zum Teil auf ganz verschiedene Weise. F\u00fcr Juden ist er in besonderem Ma\u00df der Urvater des Volkes und der, dem das Land Israel versprochen ist. F\u00fcr Christen ist er das Beispiel des Glaubens schlechthin, weil er Gott vertraut gegen allen Augenschein. Er wird von Gott als gerecht anerkannt und ist mit seinem Glauben auch der Vorvater Jesu Christi. F\u00fcr Muslime ist Abraham besonders der, der die Menschen vom G\u00f6tzendienst befreit. Aber f\u00fcr alle gilt: Wer sich an Abrahams Beispiel h\u00e4lt, der geht neue Wege. Der blickt voraus, wie es Klaus Peter Hertzsch in der dritten Strophe seines Liedes beschreibt und wozu er ermutigt:<\/p>\n<p><em>3) Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!<\/em><\/p>\n<p><em>Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.<\/em><\/p>\n<p><em>Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr Juden, Christen, Muslime hei\u00dft das: Wir gehen Wege aufeinander zu! Wir wagen es, Grenzen zu \u00fcberwinden, uns neu zu begegnen und kennenzu\u00adlernen. Jesus selbst gibt uns das Beispiel dazu, indem er Grenzen ge\u00f6ffnet hat hin zu Menschen, die man als fremd, unrein und ungl\u00e4ubig aus der Gemeinschaft ausschloss. Auch heute gibt es noch viele \u00c4ngste, viel Fremdheit, da gibt es in jeder Religion Menschen, die starr fest halten an Vorurteilen, Abwehr und Abgrenzungen. Dagegen steht der Regenbo\u00adgen, Gottes Zeichen f\u00fcr alle Men\u00adschen. Wenn Sonne und Regen das Spiel der Farben leuchtend an den Himmel malen, dann erinnert uns das an Gottes Treue \u00fcber alle Grenzen der V\u00f6lker und der Religionen hinweg, die uns Christen in einzigartiger Weise in Jesus begegnet. \u00c4hnlich ist das mit dem Bild vom gelobten Land: das Land, in dem Schwer\u00adter zu Pflug\u00adscharen umge\u00adschmolzen werden, in dem Feindschaft und Hass \u00fcber\u00adwunden sind, in dem wir uns nicht mehr vor einem Zu\u00adsammenprall der Kulturen f\u00fcrchten m\u00fcssen, sondern in ver\u00ads\u00f6hnter Verschiedenheit mitein\u00adander leben k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich gibt es f\u00fcr uns dieses gelobte Land nicht als Paradies auf Erden, es gibt immer noch Starrsinn, gerade auch religi\u00f6sen Starrsinn, der uns Angst machen kann. Aber der Blick dorthin weist uns die Richtung, l\u00e4sst uns die ersten Schritte gehen; und wer sie gegangen ist, kann in der Begegnung viele ermutigende und bereichernde Erfahrun\u00adgen machen!<\/p>\n<p>In Deutschland gibt es seit einigen Jahren eine besondere Initiative, die J\u00fcrgen Micksch, der langj\u00e4hrige Vorsitzende des Interkulturellen Rates in Deutschland, gestartet hat: die abrahamischen Teams. Drei Personen mit j\u00fcdischem, christlichem und muslimischen Hintergrund besuchen Schulklassen und erz\u00e4hlen von ihrem Leben in ihren Religionsgemeinschaften: mit ihren Glaubens\u00fcberzeugungen und Lebenserfahrungen, mit den wichtigsten Geboten, nach denen sie leben, mit den Festen, die sie feiern, was f\u00fcr sie das Gebet bedeutet \u2013 und wie sie sich bem\u00fchen, die N\u00e4chstenliebe zu verwirklichen, die in allen drei Religionen das gro\u00dfe Gebot f\u00fcr das Leben nach Gottes Willen ist. Wir brauchen viele solche Beispiele, die zeigen, wie der Segen f\u00fcr Abraham allen V\u00f6lkern gilt.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes@laehnemann.de\">johannes@laehnemann.de<\/a><\/p>\n<p>Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Vorsitzender der N\u00fcrnberger Regionalgruppe der <em>Religionen f\u00fcr den Frieden<\/em>, Mitglied am Runden Tisch der Religionen in Deutschland und Mitglied der internationalen Kommission <em>Strenghtening Interreligious Education <\/em>der internationalen Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP).<\/p>\n<p>Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p>Die Predigt wird im deutschsprachigen Gottesdienst in der Chiesa Evangelica in Luino\/Lago Maggiore gehalten.<\/p>\n<p>Liedempfehlungen: 395 (Vertraut den neuen Wegen), 171 (Bewahre uns, Gott, beh\u00fcte uns, Gott),<\/p>\n<p>436 (Kanon: Herr, gib uns deinen Frieden)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abraham \u2013 Migrant, Segenstr\u00e4ger, Vater des Glaubens | 5. So. n. 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