{"id":12556,"date":"2022-07-26T12:00:25","date_gmt":"2022-07-26T10:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=12556"},"modified":"2022-07-26T10:53:10","modified_gmt":"2022-07-26T08:53:10","slug":"johannes-61-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-61-15\/","title":{"rendered":"Johannes 6,1-15"},"content":{"rendered":"<h3>Katalytische Augenblicke | 7. Sonntag nach Trinitatis | 31.07.2022 | Joh 6, 1 \u2013 15 | Gert-Axel Reu\u00df |<\/h3>\n<p>I.<\/p>\n<p>Einfach genial! Auf der letzten Seite der Wochenzeitung <em>DIE ZEIT <\/em>gibt es diese Rubrik: \u201eWas mein Leben reicher macht.\u201c Leserinnen und Leser teilen in zwei, drei S\u00e4tzen Alltagsbeobachtungen mit, die sie als Gl\u00fccksmomente empfinden: Ein k\u00fchles Bad im See \u2013 jetzt im Hochsommer; ein wiedergefundener Brief, der alte Freundschaften neu entfacht; Stra\u00dfenszenen, Naturbeobachtungen, Begegnungen, die so oder \u00e4hnlich jede, jeder von uns schon erlebt hat, und daran erinnern: &#8222;Das Leben ist sch\u00f6n!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir brauchen solche Geschichten, die uns die Augen \u00f6ffnen und etwas in uns best\u00e4rken, das ja in jeder, in jedem vorhanden ist, aber im Grau des Alltags zu verblassen scheint: Leichtigkeit und Mut, Phantasie und Lebensfreude.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Die Gleichnisse und Beispielgeschichten, die Jesus erz\u00e4hlt, sind von \u00e4hnlicher Qualit\u00e4t. Manchmal brauchen sie einen etwas l\u00e4ngeren Anlauf, um unsere Einstellungen zu ver\u00e4ndern. Denn es ist nicht nur das Grau des Alltags, sondern es sind echte \u00c4ngste, die den Blick der Menschen tr\u00fcben. Die auch <em>unsere<\/em> Klarsicht behindern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Genau dies ist auch der tiefere Sinn der Wunder, die Jesus tut. Der Evangelist Johannes weist ausdr\u00fccklich darauf hin, dass Jesu zeichenhaftes Handeln nicht auf das \u00dcbernat\u00fcrliche, sondern auf das eigentlich Selbstverst\u00e4ndliche abzielt. Jesus meint das \u201eNat\u00fcrliche\u201c, das uns im Leben oft abhanden kommt: Mitgef\u00fchl, Hilfsbereitschaft, Gottvertrauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Wie kann es sein, dass Menschen hungern, obwohl gen\u00fcgend Lebensmittel vorhanden sind? Dieser Skandal kann doch niemanden gleichg\u00fcltig lassen!<\/p>\n<p>Wie kann es ein, dass Menschen in Armut geboren werden ohne die Chance, jemals f\u00fcr sich selbst sorgen zu k\u00f6nnen? Das ist doch nicht normal. Mit diesem Zustand k\u00f6nnen wir uns doch nicht zufriedengeben!<\/p>\n<p>Warum schlie\u00dfen wir Menschen aus von unserem Lebensgl\u00fcck? Was geht uns durch die fehlende Gemeinschaft mit ihnen verloren?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal braucht es Katalysatoren, damit das Naheliegende offensichtlich wird. Menschen, die mit ehrlichem Interesse an ihrem Gegen\u00fcber Fragen stellen, ohne ins Moralische abzugleiten. \u2013 Leichter und nachhaltiger ver\u00e4ndern sich Lebenshaltungen allerdings durch Erlebnisse. Durch katalytische Erfahrungen, die unser Bewusstsein auf eine andere Stufe heben. Man k\u00f6nnte auch sagen: (Erfahrungen,) die unser Bewusstsein zu seinen Urspr\u00fcngen zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Die Geschichte von der Speisung der 5000 berichtet von solch einer katalytischen Erfahrung \u2013 auch wenn die \u00dcberschrift in die Irre f\u00fchrt. Denn um ein M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm wie in der <em>Geschichte vom s\u00fc\u00dfen Brei<\/em> und dem Topf, der nie versiegt, geht es gerade nicht. Sondern um offene Herzen und offene H\u00e4nde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Wunder dieser Geschichte ist Verwunderung! Ich wundere mich \u00fcber mich selbst, dar\u00fcber, wozu ich in der Lage bin, wenn jemand meine Begabungen weckt, mir die Augen \u00f6ffnet und deutlich macht, dass ich gebraucht werde. Miteinander teilen, abgeben von dem, was ich habe \u2013 das kann ansteckend wirken und Freude machen. Das Leben wird leicht, wenn es nicht von der Sorge um das Morgen zerfressen wird. Diese Sorge nimmt Jesus den Menschen! Eine Kettenreaktion kommt in Gang. Das Leben kommt in Gang!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist Jesu besondere Begabung: Das sich dort, wo er ist, Zuversicht ausbreitet, Hoffnung und Gottvertrauen. \u201eSelig sind, die da hungert und d\u00fcrstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.\u201c (Mt 5,6) Es sind Worte wie diese, die ihm die Menschen glauben. Worte, die das Leben verwandeln in dem Augenblick, wo Jesus sie ausspricht. Nicht wegen der gro\u00dfen Umverteilung, sondern wegen der W\u00fcrde, die Jesus den Menschen zur\u00fcckgibt. Es versteht sich von selbst, dass diese W\u00fcrde eines Menschen nicht ohne materielle Grundlage bleiben kann \u2013 und das geschieht so auch in dieser Geschichte von der Speisung der 5000. Aus einem Nebeneinander, das oft genug ein Gegeneinander ist, wird ein Miteinander. Durch Jesu ordnende Hand \u2013 k\u00f6nnte man sagen \u2013 wenn er die Leute sich lagern l\u00e4sst im Gras und das Dankgebet spricht \u00fcber Brot und Fische.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir das nicht auch? Angesto\u00dfen, in Bewegung gebracht durch das Vorbild Jesu? Nicht g\u00f6nnerhaft, sondern als reich Beschenkte. Selbstverst\u00e4ndlich und ohne Hintergedanken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich glaube: Dazu braucht es immer wieder katalytische Augenblicke. Momente, in denen wir aufgeweckt werden. In denen uns das Gl\u00fcck unseres Lebens bewusst wird und wir zugleich erkennen, wie sehr wir dieses Gl\u00fccks bed\u00fcrfen. Das Erkennen unserer echten Bed\u00fcrfnisse bedeutet ja nicht, dass uns etwas fehlt. Alles ist da. Wir brauchen nur davon zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leider geben wir uns manchmal mit weniger zufrieden. Versuchen wir, unsere Bed\u00fcrfnisse auf die falsche Weise zu stillen. Wie wir im Evangelium des Johannes lesen, ist das kein neuzeitliches Ph\u00e4nomen, sondern ein Irrweg, den Menschen zu allen Zeiten eingeschlagen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Insofern richtet sich Jesu Frage in der Geschichte von der Speisung der 5000 auch an uns: \u201eWo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?\u201c<\/p>\n<p>Ich meine: das ist keine rhetorische, sondern eine echte Frage. Auch wenn der Evangelist schreibt: \u201eDas sagte Jesus aber, um ihn (den Philippus) zu pr\u00fcfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?\u201c<\/p>\n<p>Das ist eine dr\u00e4ngende Frage. Wie dr\u00e4ngend erleben wir gerade, weil die Getreidetransporte aus der Ukraine blockiert werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?\u201c<\/p>\n<p>Diese Frage stellt uns vor die Aufgabe, immer wieder unsere M\u00f6glichkeiten zu pr\u00fcfen. \u2013 Nat\u00fcrlich reichen die 200 Silbergroschen, welche die J\u00fcnger Jesu zur Verf\u00fcgung haben, nicht aus. Aber sie reichen ziemlich weit. Nat\u00fcrlich sind die Armen darauf angewiesen, dass sich auch andere gro\u00dfz\u00fcgig zeigen. \u201eWir alleine werden das Meer des Elends dieser Welt nicht austrocknen,\u201c \u2013 wie es der fr\u00fchere Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker einmal ausgedr\u00fcckt hat, um sogleich hinzuzuf\u00fcgen: \u201ewir k\u00f6nnen D\u00e4mme der Hoffnung bauen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Andere werden das Ihre tun, wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise aber sind wir gerade nicht die, die vorangehen, sondern andere sind uns schon weit voraus, wir brauchen nur zu folgen. \u2013 Ich sage das ohne jeden moralisierenden Unterton, sondern im Vertrauen darauf, dass das miteinander Teilen auch uns gut tut. Unserem Leben Tiefe und Sinn gibt. Uns begl\u00fcckt. Dass wir also wirklich \u201enur zu folgen brauchen.\u201c Ganz einfach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VI.<\/p>\n<p>Es gibt kein Leben ohne diese materielle Grundlage: Brot. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Brot meint alles, was wir zum Leben brauchen: \u201eAlles, was not tut f\u00fcr Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.\u201c (Martin Luther, Kleiner Katechismus, Auslegung zur vierten Bitte des Vater Unsers)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Brot meint ganz irdisch und umfassend: Lebensgl\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>VII.<\/p>\n<p>Wie w\u00e4re es, wenn wir dem Vorbild der Zeit-Leser*innen folgen und die Augen offen halten f\u00fcr das, was unser Leben reicher macht? Ich bin sicher: Wir werden f\u00fcndig!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Wer mag, k\u00f6nnte noch diese kleine Geschichte aus der Rubrik: \u201eWas mein Leben reicher macht\u201c anschlie\u00dfen:<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDas kleine M\u00e4dchen l\u00e4sst sich im Hotel das herrliche Buffet von seinem Gro\u00dfvater ganz genau erkl\u00e4ren. Jedes Detail wird erfragt, der Gedanke, dass sie selbst ausw\u00e4hlen und alles nehmen darf, beeindruckt die Kleine offensichtlich kolossal.<\/p>\n<p>Am Ende dann die Entscheidung: \u201eIch glaube, heute nehme ich mal nur Eis.\u201c<\/p>\n<p>(Rudolf M\u00fcller, DIE ZEIT, Nr. 30, 21. Juli 2022, S. 64)<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Gert-Axel Reu\u00df<\/p>\n<p>Domprobst<\/p>\n<p>Domhof 35<\/p>\n<p>23909 Ratzeburg<\/p>\n<p>Mail: reuss@ratzeburgerdom.de<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Gert-Axel Reu\u00df, geb. 1958, Pastor der Nordkirche, seit 2001 Domprobst zu Ratzeburg<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katalytische Augenblicke | 7. Sonntag nach Trinitatis | 31.07.2022 | Joh 6, 1 \u2013 15 | Gert-Axel Reu\u00df | I. Einfach genial! 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