{"id":12561,"date":"2022-07-26T11:50:16","date_gmt":"2022-07-26T09:50:16","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=12561"},"modified":"2022-07-26T11:13:56","modified_gmt":"2022-07-26T09:13:56","slug":"matthaeus-10-24-31-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-10-24-31-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 10, 24-31"},"content":{"rendered":"<h3>7. Sonntag nach Trinitatis | 31.07.2022 | Matth\u00e4us 10,24-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Mikkel Tode Raahauge |<\/h3>\n<p>Die meisten von uns kennen Leute oder haben von ihnen geh\u00f6rt, die so viel Angst vor irgendetwas haben, dass es sie schlechthin am Leben hindert. Wenn man meiner Generation angeh\u00f6rt, hat man m\u00f6glicherweise kleine Ausschnitte aus dem amerikanischen Fernsehprogramm im Internetz gesehen, wo Menschen mit h\u00f6chst eigenartigen Phobien mit dem Gegenstand dieser Phobien konfrontiert werden, und\u00a0 der kennzeichnendste Ausschnitt ist zweifellos der, wo eine Teilnehmerin so entsetzt ist \u00fcber gr\u00fcne Oliven, dass sie allein beim Anblick dieser Oliven in panische Angst ger\u00e4t. Das macht ihr Leben nat\u00fcrlich unn\u00f6tig schwierig, und w\u00e4hrend man bestimmt klug daran tut, die Echtheit ihrer v\u00f6llig \u00fcbertriebenen Reaktion mit Heulen und Z\u00e4hneklappern zu bezweifeln, so kennen wohl die meisten von uns irrationale Furcht vor verschiedenen Dingen aus unserem eigenen Leben, die Furcht vor Spinnen, Wespen, Schlangen oder was es nun sein mag. Ich denke, auch wenn alle diese Dinge in einem Augenblick heftige Reaktionen ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, es sind kleine Phobien, die wir alle haben, gl\u00fccklicherweise nur selten solche, die uns ernsthaft daran hindern, unser Leben zu leben und uns selbst als freie Menschen zu erfahren.<\/p>\n<p>Ich wage dennoch die Behauptung: F\u00fcr uns alle gibt es Formen von Angst, die uns eben daran hindert, unser Leben zu leben und uns selbst als freie Menschen zu erfahren, entweder k\u00fcrzere oder auch l\u00e4ngere Zeit. Ich erinnere mich z.B. daran, dass ich als relativ kleiner Junge meinem Vater \u00fcber die Schulter sah, als er die Tagesschau im Fernsehen sah, wo die Sprecherin einen Kometen erw\u00e4hnte, den Astrologen k\u00fcrzlich entdeckt hatten, und dann mit Hilfe von Experten im Studio Szenarien vorstellte, die sich eines Tages abspielen k\u00f6nnten, wenn der Komet unserer Erde zu nahe kam oder schlimmstenfalls mit ihr zusammenstie\u00df. Das l\u00e4hmende Gef\u00fchl, das mein siebenj\u00e4hriges Ich damals befiehl, steht mir noch immer deutlich vor Augen in meiner Erinnerung, und ich weinte mich an jenem Abend in den Schlaf. Teils, glaube ich, wegen meines \u00a0ganz verst\u00e4ndlichen fehlenden Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr journalistische Wirkmittel, aber auch weil ich hier mit eigener Ohnmacht konfrontiert wurde und dem l\u00e4hmenden Gef\u00fchl, dass alles, was ich an einem Zuhause liebte und sch\u00e4tzte, meine Familie und mein Leben, in einem Augenblick f\u00fcr ewig verschwinden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Mit der Zeit hat die Angst vor dem Kometen abgenommen, und ich habe von ihr zum Gl\u00fcck nicht mehr geh\u00f6rt seit damals vor etwas mehr als zwanzig Jahren. Aber daf\u00fcr sind es andere Dinge, die sich aufdr\u00e4ngen und mich seitdem beeinflussen, denn wir leben nun einmal in einer Welt, wo es in der Tat viel zu f\u00fcrchten gibt. Es sind zur zwei Jahre her, dass das ganze Land und die ganze Welt mit ganz wenigen Ausnahmen einen Lockdown erlebten wegen eines weltumfassenden Virus, dessen Umfang alle unsere Phantasien und Vorstellungen \u00fcbertrafen und das \u00c4ltere und sogenannte besonders Gef\u00e4hrdete in eine Isolation zwang, die niemand zuvor erlebt hatte. Zurzeit erleben wir zudem einen dramatischen Krieg auf unserem Kontinent, und gerade jetzt haben wir die h\u00f6chste Inflation seit 40 Jahren \u2013 und all das, w\u00e4hrend wir immer wieder an die Klimaprobleme erinnert werden, die in den letzten vielen Jahren vor allem die Jugend mit einer so gro\u00dfen Furcht und Schrecken vor der Zukunft des Planeten erf\u00fcllt haben, dass einige von ihnen direkt der Meinung sind, dass es nicht zu verantworten ist, Kinder in die Welt zu setzen.<\/p>\n<p>Da ist wahrlich genug, vor dem man Angst haben muss, und dazu kommen all die Gefahren, von denen ich im Innersten glaube, dass sie uns weit mehr betreffen als das, was ich hier genannt habe.\u00a0 Worin sie f\u00fcr den Einzelnen bestehen, das ist ganz verschieden, aber was mich betrifft, so f\u00fcrchte ich vor allem meine eigene Unzul\u00e4nglichkeit, die allgegenw\u00e4rtige M\u00f6glichkeit einer totalen Niederlage und nat\u00fcrlich die ultimative pers\u00f6nliche Trag\u00f6die der Trennung von meinen Lieben und ihren wie meinen unausweichlichen Tod. All das kann in gr\u00f6\u00dferem oder kleinerem Umfang in mir dasselbe Gef\u00fchl hervorrufen wie das Gef\u00fchl, das ich hatte, als ich mich als Junge \u00fcber den Kometen im Fernsehen erschreckte, und mir das Gef\u00fchl geben, dass ich ein Sperling bin, der mit schwindelnder Hast zur Erde st\u00fcrzt. Eine bange Ahnung davon, dass ich in Wirklichkeit einem unbarmherzigen Schicksal ausgeliefert und ohne Hoffnung in der Welt bin, so dass es in der Tat schwer wird, zu leben und mich selbst schlie\u00dflich als einen freien Menschen zu erfahren.<\/p>\n<p>Und deshalb sagt unser Herr heute zu mir und zu euch, was er seinen J\u00fcngern damals sagte, als er sie aussandte als Schafe unter W\u00f6lfen und ihnen als die Widrigkeiten vorhersagte, die sie um seines Namens willen in der Welt erwarteten: \u201eF\u00fcrchtet euch nicht!\u201c Das hei\u00dft: F\u00fcrchtet nicht all das \u00c4u\u00dfere, das euch zwar wehtun kann, das euch aber nicht von Gott trennt. F\u00fcrchtet dagegen den Gott, der alles geschaffen und euch gegeben hat, was ihr liebt und f\u00fcr euer Eigentum haltet, mit einem einzigen Wort, und der mit einem einzigen Wort das alles von euch wieder nehmen kann, wenn er will.<\/p>\n<p>Und das klingt ja merkw\u00fcrdig, dass wir nicht f\u00fcrchten sollen, und dann doch f\u00fcrchten sollen. Aber der Herr sagt uns nicht, dass wir Gott f\u00fcrchten sollen, um \u00e4ngstlich zu werden. Er sagt uns das, damit wir leben k\u00f6nnen und uns selbst als Menschen erfahren k\u00f6nnen, um uns Mut einzufl\u00f6\u00dfen, den Gefahren mit erhobener Stirn zu begegnen, die uns gerade begegnen und auf uns warten. Denn die Furcht vor Gott oder die Gottesfurcht gleicht keiner anderen Furcht. Wir k\u00f6nnen das f\u00fcrchten, was uns umgibt, wir k\u00f6nnen die Katastrophe f\u00fcrchten, die Unzul\u00e4nglichkeit, die Niederlage und die pers\u00f6nliche Trag\u00f6die, aber wir k\u00f6nnen uns auf all das nicht verlassen. Anders verh\u00e4lt es sich mit Gott. Denn wo wie man das Messer des Arztes f\u00fcrchtet, aber auch darauf vertraut, dass es der Arzt f\u00fcr unsere Heilung verwendet, so sollen wir Gott f\u00fcrchten, auf den man vertrauen kann wie keinem anderen, im Vertrauen darauf, dass Gott uns nur das Allerbeste will, so dass Gott die Furcht bekommt, und wir die Freimut, dieses unsichere Leben zu leben, das nun einmal unser Leben ist.<\/p>\n<p>Und wir wagen das zu tun, weil sich Gott selbst als Liebe offenbart hat in seinem geliebten Sohn und mit ihm auch die Hoffnung in unsere Wirklichkeit gebracht hat, ganz gleich was diese Wirklichkeit an Widrigkeiten f\u00fcr uns enth\u00e4lt. Von dieser Hoffnung schreibt der d\u00e4nische Theologe K. Olesen Larsen:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn uns die Welt belehren will, dass es keine Hoffnung gibt, und sagt: Es geht ja gar nicht so wie du willst, da antwortet die Hoffnung: Nein, aber es geht so wie ich hoffe, und ich hoffe auf Gott. Wenn die Hoffnungen fehlschlagen und eine nach der anderen zerbrechen und der Mensch dann sagt: Nun habe ich alles verloren, da antwortet die Hoffnung: Nein, ich bleibe bei dir. Wenn die Menschen sagen: Ich habe gehofft, dass dies und das geschieht \u2013 und zumindest das hatte ich mir vom Leben erwartet; das Lesben hat nicht gehalten, was es versprach; die Hoffnung war treulos \u2013 dann antwortet die Hoffnung: Ja, die Hoffnung auf die Welt, die Menschen und auf die selbst, auf die darf man sich nie verlassen, aber die Hoffnung auf Gott entt\u00e4uscht nicht, sie geht nie fehl. Ja aber, sagen die Menschen, noch ist das nicht geschehen. Nein, antwortet die Hoffnung, deshalb nennen wir sie auch eine Hoffnung. Aber das hat keine Aussicht, antworten die Menschen. Doch antwortet die Hoffnung, das hat immer Aussicht auf Gott [\u2026] Vieles k\u00f6nnen die Menschen n\u00e4mlich verlieren, aber verlieren sie die Hoffnung, dann verlieren sie alles; viel k\u00f6nnen die Menschen entbehren, aber die Hoffnung kann\u00a0 kein Mensch entbehren. Menschen sagen; Solange da Leben ist, ist auch Hoffnung. Aber wenn der Tod das Leben nimmt, dann vergeht die Hoffnung der Menschen, weil es eine falsche Hoffnung war. Die Hoffnung auf Gott sagt: Solange da Hoffnung ist, ist da auch Leben \u2013 und so siegt die Hoffnung \u00fcber den Tod\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Also liebe Gemeinde: F\u00fcrchtet euch nicht! Setze vielmehr deine Furcht und deine Hoffnung auf Gott und auf Gott allein. So dass du, wenn dir Ungl\u00fcck widerf\u00e4hrt und du Mutlosigkeit und Ohnmacht erf\u00e4hrst und die wie ein Spatz f\u00fchlst, der zur Erde st\u00fcrzt, im Glauben an Gott auch darauf vertrauen darfst, dass du gehalten <em>bist<\/em>. Denn mit dem Wort vom Sohn Gottes in der Welt, von ihm, der mit seinem Tod und seiner Auferstehung die ultimative Katastrophe besiegt hat, n\u00e4mlich den Tod selbst, in dem Wort haben wir eine lebendige Hoffnung, dass niemand und nichts in der Welt uns letztlich das Leben und die Freiheit rauben kann, zu der wir von Anfang an geschaffen sind. Mit dem Wort von Jesus Christus ist es uns verg\u00f6nnt, das schon hier auszuleben. Denn wo eine Hoffnung auf Gott ist, da ist Leben. Und in dem Leben ist wirklich Freiheit.<\/p>\n<p>Im Namen Jesu. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastor Mikkel Tode Raahauge<\/p>\n<p>Skovshoved, DK 2930 Klampenborg<\/p>\n<p>Email: mitr(at) km.dk<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. 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