{"id":12892,"date":"2022-08-10T08:47:24","date_gmt":"2022-08-10T06:47:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=12892"},"modified":"2022-08-10T08:47:24","modified_gmt":"2022-08-10T06:47:24","slug":"matthaeus-2514-30-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2514-30-4\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25,14-30"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Aus dem Rahmen fallen | Neunter Sonntag nach Trinitatis | 14. August 2022 | Mt 25,14-30 | Rudolf Reengstorf |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Denn es ist wie mit einem Menschen, der au\u00dfer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Verm\u00f6gen an; dem einen gab er f\u00fcnf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner T\u00fcchtigkeit, und ging au\u00dfer Landes. Sogleich ging der hin, der f\u00fcnf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere f\u00fcnf dazu.\u00a0 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.\u00a0 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.\u00a0 Da trat herzu, der f\u00fcnf Zentner empfangen hatte, und legte weitere f\u00fcnf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir f\u00fcnf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe f\u00fcnf Zentner dazugewonnen.\u00a0 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist \u00fcber wenigem treu gewesen, ich will dich \u00fcber viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!\u00a0 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe zwei dazugewonnen.\u00a0 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist \u00fcber wenigem treu gewesen, ich will dich \u00fcber viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!\u00a0 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht ges\u00e4t hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; 25 und ich f\u00fcrchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.\u00a0 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du b\u00f6ser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht ges\u00e4t habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?\u00a0 Dann h\u00e4ttest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen w\u00e4re, h\u00e4tte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.\u00a0 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.\u00a0 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die F\u00fclle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.\u00a0 Und den unn\u00fctzen Knecht werft hinaus in die \u00e4u\u00dferste Finsternis; da wird sein Heulen und Z\u00e4hneklappern. (Matth. 25,14-30<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr manchen Ausleger liegt der Sinn des Gleichnisses von den anvertrauten Zentnern auf der Hand. Man braucht \u2013 so sagen sie \u2013 nur darauf zu achten, wie das mit Zentner \u00fcbersetzte Wort in der griechischen Urfassung lautet: Talente steht da. Na bitte \u2013 ist doch wohl ein Wink mit nem Zaunpfahl. Nicht? Also: Jeder Mensch verf\u00fcgt \u00fcber Talente, F\u00e4higkeiten, die ihm von Gott in die Wiege gelegt sind \u2013 der einen mehr, dem andern weniger. Aber Talent hat jeder. Und es kommt darauf an, dieses Talent auch zu entdecken, es anzunehmen, an ihm zu arbeiten und damit zu wuchern. Denn dazu hat Gott es uns gegeben. Wer dagegen sein Talent schlummern l\u00e4sst, der verfehlt das ihm von Gott zugedachte Leben und so weiter und so weiter.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich halte solche Weisheiten f\u00fcr banal und f\u00fcr viel zu langweilig f\u00fcr eine Predigt. Solche Plattit\u00fcden h\u00e4tte Jesus \u2013 wenn ihm wirklich daran gelegen w\u00e4re \u2013 auch ohne ein Gleichnis unter die Leute gebracht. Denn wenn er ein Gleichnis erz\u00e4hlt, dann geht es ihm immer um das,was aus dem gewohnten Rahmen f\u00e4llt, was sich nicht von selbst versteht. Das, worauf der sogenannte gesunde Menschenverstand erst gesto\u00dfen werden muss.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Naja, k\u00f6nnen Sie nun sagen: mag ja sein. Aber dieses Gleichnis von den anvertrauten gro\u00dfen Geldverm\u00f6gen &#8211; das passt doch nun ganz genau in unsere bekannte Alltagswelt. Schon jedes Kind lernt beim Monopoly-Spielen, dass man mit Geld noch viel mehr Geld machen kann, wenn man es richtig anlegt und f\u00fcr sich arbeiten l\u00e4sst. Wer aber sein Verm\u00f6gen ruhen l\u00e4sst, es in den Sparstrumpf steckt oder gar vergr\u00e4bt, der hat am Ende weniger als am Anfang, weil die Teuerungsrate es sicher auffrisst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Blo\u00df \u2013 und jetzt wird\u2019s interessant \u2013 f\u00fcr die Leute, die diese Geschichte von Jesus zuerst geh\u00f6rt haben, war das \u00fcberhaupt nicht selbstverst\u00e4ndlich. Im Gegenteil, die haben das als emp\u00f6renden Skandal empfunden. Denn unter den Juden galt das Zinsverbot, das in der Heiligen Schrift festgelegt ist (2. Mose 22,24 u.\u00f6.). Die beiden ersten Knechte, die ihr Geld verdoppelt haben, hatten nach j\u00fcdischen Ma\u00dfst\u00e4ben verbrecherischen Wucher betrieben. Statt von ihrem zur\u00fcckgekehrten Herrn gelobt und bef\u00f6rdert zu werden, h\u00e4tten sie ins Loch geworfen werden m\u00fcssen, wo Heulen und Z\u00e4hneklappern herrschen. Nur der dritte Knecht, der in der Geschichte dumm dasteht, alles verliert und ins Loch kommt \u2013 nach j\u00fcdischem Recht hat er allein alles richtiggemacht. Er hat das ihm anvertraute Verm\u00f6gen so verwahrt, dass er es am Ende auf Heller und Pfennig zur\u00fcckgeben konnte. Ja, er hat sogar den Mut aufgebracht, seinem auf verbotenen Gewinn dr\u00e4ngenden Herrn die Leviten zu lesen, wenn er sagt: \u201eHerr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht ges\u00e4t hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast.\u201c Und ausgerechnet er, der alles richtiggemacht hat, wird in Grund und Boden verdammt. <strong>Eine total verr\u00fcckte Welt<\/strong> war das, von der Jesus hier erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und genau darum ging es ihm. Seine H\u00f6rer auf eine Wirklichkeit aufmerksam zu machen, die in spektakul\u00e4rer Weise kontr\u00e4r stand zu ihrer Alltagswelt. Er war ja angetreten, um das Reich Gottes in diese vom Menschen so f\u00fcrchterlich durcheinander gebrachte Welt zu bringen. An sich erwartete man das Reich Gottes erst am Ende der vom Menschen beherrschten Welt und Zeit. Jesus aber machte deutlich: Das Reich Gottes kommt nicht erst in der Zukunft. Es ist uns schon jetzt nahe, ist in Ans\u00e4tzen schon da und am Werk inmitten der ihm widersprechenden Wirklichkeit. Nat\u00fcrlich steht es quer zum gewohnten Leben, quer zu dem, was man f\u00fcr richtig und falsch h\u00e4lt, quer zum gesunden Menschenverstand. Wo Gottes Reich in dieser Welt aufleuchtet, da f\u00e4llt es aus dem Rahmen und erscheint als verr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Genauso wie diese Geschichte den Menschen damals als verr\u00fcckt erschien. Was da mit Geld gemacht wird, dass dem der viel hat, viel gegeben, und dem der wenig hat, auch das noch genommen wird, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer \u00e4rmer werden, das ist und bleibt in der Tat ein Skandal<strong>. <\/strong>Und doch macht diese Skandalgeschichte sehr eindrucksvoll deutlich, wie es sich mit dem Reich Gottes verh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie der Herr in der Geschichte so ist Gott &#8211; und dann ja auch Jesus \u2013 sozusagen au\u00dfer Landes gegangen, und sie sind sehr lange Zeit fort. Da m\u00fcssen die Zur\u00fcckgebliebenen in einer Welt leben, die von anderen Herren bestimmt wird und in der Gott und Jesus nichts zu sagen haben. Aber die Leute Jesu brauchen nicht passiv auf Gottes und Jesu machtvolle R\u00fcckkehr zu warten. Nein, den Leuten Jesu ist schon ein geh\u00f6riger Batzen vom Reich Gottes anvertraut. Ein enorm dynamischer Batzen ist das, Der nur darauf wartet, eingesetzt zu werden, um sich dann auf unglaubliche Weise auszuwirken und zu vermehren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was das f\u00fcr ein Batzen ist? Das, was wir bei Jesus gelernt haben: Die Hinwendung zu den M\u00fchseligen und Beladenen, die sich nicht damit abfindet, dass die einen das Licht des Lebens genie\u00dfen und die anderen im Schatten des Todes sitzen. Die einen im \u00dcberfluss schwimmen und die anderen in Hunger und Elend umkommen. Die einen vor Kraft und Gesundheit strotzen und die anderen durch Behinderungen und Krankheiten vom Leben abgeschnitten sind. Die einen als die Rechtschaffenen, T\u00fcchtigen und Erfolgsmenschen Ansehen genie\u00dfen und die anderen als arme Teufel und hoffnungslose F\u00e4lle abgetan werden. Gegen all das ist Jesus angegangen, weil es dem Willen Gottes, der Bestimmung des Menschen als seines Ebenbildes und der Grundordnung seines Reiches widerspricht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und seht doch, was draus geworden ist. Macht und Geld zerst\u00f6ren die Welt immer noch, aber \u00fcberall wird diese Herrschaft unerm\u00fcdlich und kreativ untergraben. Und die Opfer, die Looser werden nicht allein gelassen von denen, die mit dem Erbe Jesu wuchern in ambulanten und station\u00e4ren Pflegediensten, in Behinderteneinrichtungen und besch\u00fctzenden Werkst\u00e4tten, auf Rettungswagen und bei Feuerwehreins\u00e4tzen, bei den Tafeln \u00fcberall im Land und einem Staatswesen, in dem soziale Wohlfahrt gro\u00dfgeschrieben und das vom Obersten Gericht \u00fcberwacht wird, weil aus der Initiative Jesu Menschenrechte geworden sind. Was f\u00fcr ein Pfund!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Entscheidend f\u00fcr die Zukunft der Kirche ist, dass sie dabeibleibt, um des Reiches Gottes willen aus dem von Macht und Geld gesetzten Rahmen zu fallen, quer zu treiben und die Schlagseite zu den M\u00fchseligen und Beladenen zu halten. Da verschlie\u00dfen sich in Europa viele L\u00e4nder gegen die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen. Da m\u00fcssen die Kirchen doch aus dem Rahmen fallen. Statt sich schweigend wegzuducken, m\u00fcssen sie, wenn sie Kirche Jesu bleiben wollen, Flagge zeigen gegen\u00fcber dem hartherzigen Egoismus ihrer Regierungen und mit den Pfunden Jesu wuchern. Und wir \u2013 wir sind nicht fein raus, weil die Lage sich bei uns entspannt hat. Um ein bekanntes Wort Dietrich Bonhoeffers zu aktualisieren: Nur wer f\u00fcr die an der Festung Europa scheiternden, vor seinen K\u00fcsten ertrinkenden Fl\u00fcchtlinge schreit, darf gregorianisch singen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<div><span lang=\"DE\">Rudolf Reengstorf <\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Rahmen fallen | Neunter Sonntag nach Trinitatis | 14. 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