{"id":12896,"date":"2022-08-10T09:52:40","date_gmt":"2022-08-10T07:52:40","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=12896"},"modified":"2022-08-10T09:52:40","modified_gmt":"2022-08-10T07:52:40","slug":"matthaeus-2514-30-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2514-30-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25,14\u201330"},"content":{"rendered":"<h3>9. So. n. Trinitatis| 14. 8. 2022 | Mt 25,14\u201330 | Hansj\u00f6rg Biener |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>N\u00f6tige Vorrede<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der heutige Predigttext hat deutliche Spuren in der deutschen Sprache hinterlassen. Wir reden von \u201eTalenten\u201c, die einem anvertraut sind und die man nutzen muss. Wir kennen die Redewendung \u201eHeulen und Z\u00e4hneklappern\u201c. Und die Feststellung \u201eWer hat, dem wird gegeben.\u201c stammt auch nicht aus Wirtschaft und Politik, sondern aus dem heutigen Predigttext. Ein Reicher, der auf Reisen war, verlangt von drei Knechten Rechenschaft \u00fcber das ihnen anvertraute Kapital.\u00a0 Der Evangelist Matth\u00e4us versteht das als Gleichnis f\u00fcr die Rechenschaft, die Gott eines Tages von uns verlangt. Das wird an kleinen Details im Text erkennbar. Vor allem aber hat der Evangelist dieses Gleichnis mit anderen Vorstellungen vom Gericht zusammengestellt. Rechenschaftsablagen, wie Abfragen im Schulrecht hei\u00dfen, sind schon in der Schule nichts, wozu man sich dr\u00e4ngt. Rechenschaft \u00fcber sein Leben abgeben zu sollen, das ist eine noch bedrohlichere Vorstellung. Damit Sie jetzt nicht \u201eschreiend aus der Kirche rennen\u201c, noch eine letzte Vorbemerkung: Das heute auszulegende Gleichnis geht wohl im Kern auf Jesus zur\u00fcck (Schweizer, 1973, S. 309, Luz, 1997, S. 497), liegt aber im Neuen Testament in drei Varianten vor. In einer Bibelstunde k\u00f6nnten wir die nun vergleichen und herausfinden, was zum Beispiel gerade Matth\u00e4us an dem Gleichnis wichtig ist. Aber das hier ist eine Predigt, und ich k\u00fcrze ab: Die Bibel bietet keine einheitliche Vorstellung von einem Endgericht. [Das kann man auch an den in Matth\u00e4us 25 zusammengestellten Gleichnissen von den klugen und t\u00f6richten Jungfrauen (1-13), von den anvertrauten Talenten (14-30) und vom Weltgericht (31-46) sehen.] Angesichts der Vielfalt biblischer Endzeit- und Gerichtsvorstellungen sind Theologie und theologische Urteilsbildung gefragt. Man soll den biblischen Texten nichts von ihrem Ernst nehmen. Aber: Es ist eine Entscheidung der Verk\u00fcndiger, ob sie Furcht predigen oder \u201edie gute Nachricht\u201c. \u201eSo bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch\u201c nicht \u00e4ngstigen, sondern \u201evers\u00f6hnen mit Gott!\u201c (2. Korinther 5,20).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Predigttext <\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>14 Es ist wie mit einem Menschen, der au\u00dfer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Verm\u00f6gen an; 15 dem einen gab er f\u00fcnf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner T\u00fcchtigkeit, und ging au\u00dfer Landes. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Sogleich 16 ging der hin, der f\u00fcnf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere f\u00fcnf dazu. 17 Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. 18 Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. 20 Da trat herzu, der f\u00fcnf Zentner empfangen hatte, und legte weitere f\u00fcnf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir f\u00fcnf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe f\u00fcnf Zentner dazugewonnen. 21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist \u00fcber wenigem treu gewesen, ich will dich \u00fcber viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! 22 Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe zwei dazugewonnen. 23 Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist \u00fcber wenigem treu gewesen, ich will dich \u00fcber viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>24 Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht ges\u00e4t hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; 25 und ich f\u00fcrchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. 26 Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du b\u00f6ser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht ges\u00e4t habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? 27 Dann h\u00e4ttest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen w\u00e4re, h\u00e4tte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>28 Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. 29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die F\u00fclle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. 30 Und den unn\u00fctzen Knecht werft hinaus in die \u00e4u\u00dferste Finsternis; da wird sein Heulen und Z\u00e4hneklappern.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Erkl\u00e4ren<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht haben Sie sich beim H\u00f6ren gefragt: \u201eWo sind denn da die Talente?\u201c Die stehen im griechischen Bibeltext und vielen \u00dcbersetzungen. Martin Luther hat wohl gemeint, das Zentner anschaulicher ist. Ein Talent, so eine g\u00e4ngige Gleichsetzung (Luz, 1997, S. 496, M\u00fcnch, 2007, S. 244), entsprach rund 6000 Denaren oder Tagesl\u00f6hnen eines Arbeiters. Um es mit den Worten meines Vaters zu sagen: \u201eDa muss Dein Vater lange f\u00fcr arbeiten.\u201c Je nach Vermutung, wie viele Tage im Jahr ein Arbeiter in der Jesus-Zeit Arbeit hatte, mindestens 20 Jahre, wenn man mal mit 300 Tagen Arbeit gro\u00dfz\u00fcgig sch\u00e4tzt. Bei 5 Talenten explodiert das auf 100 Jahre. Damit wird auch klar, dass jemand schon bei einem Talent Angst haben kann, etwas zu verlieren. Er k\u00f6nnte nie wieder ausgleichen, was f\u00fcr Superreiche und Superreichste peanuts w\u00e4ren. So hat K\u00f6nig Herodes einmal dem Kaiser Augustus 300 Talente geschenkt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie merken: Wir m\u00fcssen das Erz\u00e4hlte noch einmal durchgehen, um die Hintergr\u00fcnde besser zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Mann geht f\u00fcr eine Zeit ins Ausland und vertraut drei Knechten ein Verm\u00f6gen an. Die ersten H\u00f6rer und H\u00f6rerinnen werden hier an die Superreichen gedacht haben. Die lebten in Jerusalem oder einer Gro\u00dfstadt des Mittelmeerraums. Nur gelegentlich erschienen sie auf ihren Besitzungen, um sich mit neuen Mitteln f\u00fcr das Stadtleben auszustatten. Sie mussten darauf setzen, dass in ihrer Abwesenheit alles funktionierte. Es wird eine spannende Situation gewesen sein, wenn ein solcher \u201eHerr\u201c mal wieder \u201enach dem Rechten\u201c sah. Beiderseits! Auf der Seite des Reichen, der Ertr\u00e4ge braucht, um seinen Lebensstil zu pflegen, und auf der Seite seiner Knechte, die Rechenschaft ablegen m\u00fcssen. Ein bisschen von der Spannung in der Luft kann man in dem Gleichnis sp\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Stunde der Abrechnung ist da. Dabei stellt sich heraus: Zwei Treuh\u00e4nder haben das Startkapital verdoppelt. Zehn Zentner Silber statt f\u00fcnf und vier Zentner Silber statt zwei. Wie das geschehen sein k\u00f6nnte, wird nicht erz\u00e4hlt. Den ersten H\u00f6rern und H\u00f6rerinnen ist klar: Ein so hoher Gewinn verlangt entschlossenes Handeln, Risikobereitschaft &#8211; und Gl\u00fcck. Die erfolgreichen Knechte w\u00fcrden auf riskante Handelsexpeditionen gesetzt haben, vielleicht auch auf Bodenspekulation oder ein ganzes Netzwerk von Zollstationen! Mit Bankgesch\u00e4ften w\u00e4re so viel Gewinn nicht zu machen gewesen. Wie auch immer: Die erfolgreichen Wirtschafter werden gelobt, und der Gutsherr sichert sich ihre T\u00fcchtigkeit und Treue. Zweimal hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eRecht so, du t\u00fcchtiger und treuer Knecht, du bist \u00fcber wenigem treu gewesen, ich will dich \u00fcber viel setzen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Frage, die das Gleichnis mit den ersten beiden Knechten stellt: W\u00fcrdest nicht auch du ein Treuh\u00e4nder sein wollen, der, in diesem Fall von Gott, gelobt wird?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Beim dritten Knecht ist es anders. Der bringt seinen Zentner &#8211; und nur diesen Zentner.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eHerr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht ges\u00e4t hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich f\u00fcrchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das h\u00f6rt sich an, als w\u00fcrde er seinem Herrn das Silber vor die F\u00fc\u00dfe knallen. Es ist eine Flucht nach vorn, in einer Mischung von Vorwurf, Trotz und Angst. \u00dcber den Wahrheitsgehalt seiner Worte k\u00f6nnte man streiten. Ist es wirklich so gewesen, dass der \u201eHerr\u201c nichts ges\u00e4t hat? Hat er nicht auch diesem Knecht etwas zugetraut und ihm einem Zentner Silber anvertraut? Aber der \u201eHerr\u201c nimmt den Fehdehandschuh anders auf. Er wiederholt einfach die Vorw\u00fcrfe:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eWu\u00dftest du, da\u00df ich ernte, wo ich nicht ges\u00e4t habe, und einsammele, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann h\u00e4ttest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen w\u00e4re, h\u00e4tte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man k\u00f6nnte das auch so \u00fcbersetzen: \u201eSo, so. Ich bin also so sehr auf Gewinn aus, dass man Angst haben muss, etwas zu verlieren. Wenn das stimmt: Warum hast du das Startkapital, das ich Dir anvertraut habe, dann nicht auf die Bank gebracht? Da h\u00e4tte ich wenigstens ein paar Zinsen gehabt.\u201c Danach kassiert er seinen Zentner Silber wieder ein, und schmei\u00dft den Knecht raus. Man k\u00f6nnte das in die Bibelsprache so zur\u00fcck\u00fcbersetzen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eSiehe, da hast du das Deine.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">N\u00e4mlich gar nichts. Kein Wunder, dass nun das Heulen gro\u00df ist und das Z\u00e4hneknirschen vor Wut, denn eigentlich steht im griechischen Bibeltext Z\u00e4hneknirschen und nicht Luthers Z\u00e4hneklappern. Vielleicht hatte er da Menschen vor Augen, die alles verloren haben und sich nun im Wald durchschlagen. Die d\u00fcrften viel gefroren haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist eine sehr kapitalistische Welt, in die wir mit dem Gleichnis gef\u00fchrt werden. Da gibt es Reiche und ganz Reiche, die ernten, wo sie nichts ges\u00e4t haben. Da gibt es Nachgeordnete, die mit aller gesch\u00e4ftlichen H\u00e4rte wirtschaften. Und es gibt solche, die vor Angst um Arbeitsplatz und Unterkunft kaum handlungsf\u00e4hig sind. Ganz zu schweigen von denen, die Opfer in einer solch gnadenlosen Welt sind und im Gleichnis gar nicht erw\u00e4hnt werden. Naheliegenderweise haben manche Ausleger gefragt: \u201eWie kann so eine Welt zum Gleichnis werden, um etwas \u00fcber Gott und seinen Umgang mit den Menschen zu lernen?\u201c Der Evangelist Matth\u00e4us jedenfalls war dieser Meinung, Jesus, auf den die Grundidee zur\u00fcckgeht, offenbar auch. Man kann das Gleichnis unpassend finden, aber Jesus war definitiv nicht weltfremd.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Bedenken<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich fasse das Bisherige mal so zusammen: Wir haben jetzt in einen Abgrund gesehen und m\u00fcssen nun das ganze Bild von Gott und den Menschen wieder in den Blick bekommen. Wenn wir einen Gewinn aus dem Gleichnis ziehen wollen, m\u00fcssen wir uns \u00fcber zwei Dinge klarer werden. Erstens: Wenn das Gleichnis religi\u00f6s transparent sein soll, was ist dann der verlangte Umgang mit dem anvertrauten Talent? Und zweitens: Wie steht es um unseren Gott? Wie weit kann man ihn mit dem Kapitalisten des Gleichnisses vergleichen? Diesen beiden Fragen will ich im Folgenden nachgehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zun\u00e4chst zu den Zentnern Silber, oder zu den sprichw\u00f6rtlich gewordenen Talenten. F\u00fcnf, zwei und einen Zentner hat \u201eder Herr\u201c ausgeteilt und den Auftrag gegeben, sie gut zu verwalten. Unterschiedliche Mengen, &#8211; so wie ganz offensichtlich auch die Talente unter den Menschen verschieden verteilt sind. Wir denken bei \u201eTalent\u201c an besondere Begabungen, F\u00e4higkeiten oder Eigenschaften, die jemanden herausheben und von anderen unterscheiden. Und so kommen wir schnell auf die besonders Leistungsf\u00e4higen: Sportler und Sportlerinnen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, Aktivisten und Influencerinnen. Und in der Tat rechnen dann manche auch umgekehrt: Das habe ich nicht, das kann ich nicht, und gut aussehen tue ich auch nicht. Das kann bitter machen. Das ruft jene Mischung von Zorn, Trotz und Angst hervor, mit der der dritte Knecht seinem Herrn die Stirn bot. Und doch wird man wenigstens das eine feststellen: Dass auch er nicht nichts hatte. Er hatte seinen Zentner Silber, mit dem er etwas anfangen sollte. Das ist der Mainstream der Auslegungen. Trotzdem glaube ich nicht, dass man f\u00fcr eine religi\u00f6se Deutung der anvertrauten Talente von allgemeinmenschlichen Eigenschaften ausgehen sollte. Ich w\u00fcrde eher sagen, dass Gott uns das Saatgut Glauben anvertraut hat und Fr\u00fcchte des Glaubens sucht. \u201eLiebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, G\u00fcte, Treue, Sanftmut, Keuschheit\u201c (Galater 5,22) kann man \u00fcben. \u201eGlaube, Liebe, Hoffnung\u201c (1. Korinther 3,8) kann man hegen und pflegen, indem man sich darum bem\u00fcht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun zum Gottesbild. Zun\u00e4chst kann man das ganz gut vergleichen: Der Herr ist au\u00dfer Landes, und die Knechte sollen mit dem wirtschaften, was sie haben. So kann man die Welt ja auch erleben: Wir finden uns ungefragt in der Welt vor und m\u00fcssen unser Leben mit dem meistern, das wir haben. Ob es einen Gott gibt, kann man schnell fragen. Unbestreitbar bleibt aber die Herausforderung, aktiv etwas aus unserem Leben zu machen. Bei Strafe des Heulens und Z\u00e4hneklapperns, wenn wir beispielsweise mangels Ausbildung und Arbeit auf der Stra\u00dfe landen. Das ist ganz so wie bei den Knechten, die aus ihren Zentnern etwas machen sollten. Da spielt es f\u00fcr den Alltag keine Rolle, wie lange der Herr schon weg ist, wie oft man sich an ihn erinnert oder ob man ger\u00fcchteweise h\u00f6rt, er sei gestorben. Wie ja manche auch deklamieren, \u201eGott ist tot.\u201c. Sich auf Ger\u00fcchte verlassen zu haben, hilft nichts, wenn der Herr trotzdem wiederkommt und Rechenschaft verlangt. So weit kann man das Gleichnis problemlos auf die Beziehung der Menschen zu Gott \u00fcbertragen. Doch gilt das andere auch? Kann man Gott vorwerfen, was der dritte Knecht seinem Herrn vorwirft? \u201eDu forderst nur und setzt nichts ein.\u201c Wie wir auf diese Frage antworten, bestimmt auch die Art und Weise, wie wir mit Gott und unserem Leben umgehen. Wer meint, er habe nichts zum Leben mitbekommen, der wird sich selbst der N\u00e4chste bleiben, denn so wird er sagen: \u201eMir wurde ja auch nichts geschenkt.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anders der Mensch, der an den Gott der Christenheit glaubt: Er oder sie wei\u00df sich mit seinem Leben beschenkt. Um es mit Luthers Kleinem Katechismus zu sagen: \u201eIch glaube, da\u00df mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erh\u00e4lt; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle G\u00fcter.\u201c Er, sie wei\u00df um die in Jesus gegebene Zusage, dass nichts zwischen Gott und uns stehen soll. Luther benutzt daf\u00fcr noch die alte Opfersprache, die in vielen Kulturen und lange auch im Christentum einleuchtend war: \u201eIch glaube, da\u00df Jesus Christus [&#8230;] sei mein Herr, der mich [&#8230;] erl\u00f6set hat [&#8230;]; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut [&#8230;]; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit.\u201c Ein Mensch, dessen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bei Gott aufgehoben ist, wird auch in der Lage sein, aus Lebensmut und Gottvertrauen heraus von seinem Leben zu geben und zu teilen. Er wird die Erfahrung machen, wie sich sein Leben vervielfacht. W\u00e4hrend der, der mit seinem Leben knausert, erlebt, wie auch das Leben mit ihm knausert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Konsequenzen ziehen<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bedenken wir zum Abschluss ein paar Konsequenzen: Wir haben in einen Abgrund geschaut, denn wer k\u00f6nnte am Ende seines Lebens erfolgreich Rechenschaft ablegen. Vielleicht haben wir etwas aus unseren Talenten, unserer Lebenszeit und unserem Glauben gemacht. Aber wie s\u00e4he die Gegenrechnung aus? Kennen wir nicht auch Gedanken, dass wir zu wenig aus unseren M\u00f6glichkeiten gemacht haben? Jeder, der schon einmal Lebensbilanzen gezogen hat, wird wissen, womit er Lebenszeit vertan hat und wie wenig Zeit bleibt, um wirklich etwas nachzuholen oder Neues zu machen. Und nicht zuletzt kann man fragen, wie sehr bei uns \u201eGlaube, Liebe, Hoffnung\u201c gen\u00e4hrt wurden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eLiebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, G\u00fcte, Treue, Sanftmut, Keuschheit\u201c kann man an vielen Stellen des Alltags \u00fcben. \u201eGlaube, Liebe, Hoffnung\u201c aber sind besonders gut in einer christlichen Gemeinde zu pflegen. Nehmen wir jemanden, der gerne mit Menschen zusammen ist. Warum sollte er oder sie dieses Kapital nicht auch zum Aufbau des Reiches Gottes nutzen und in einer Gruppe mitarbeiten. Oder jemand, der Sympathie und W\u00e4rme verbreitet. Warum sollte der sich nicht vornehmen, Menschen im Gottesdienst zu begr\u00fc\u00dfen, die er noch nicht kennt. Auch in der Kirche ist es wie bei vielen ehrenamtlichen Organisationen. Man kann immer noch Leute brauchen, die es halten wie die beiden ersten Knechte und sagen: Ja, diese oder jene Verantwortung will ich und kann ich \u00fcbernehmen. Und die dann im Fall der Kirche etwas f\u00fcr das Himmelreich anpacken. Jedes ehrliche ehrenamtliche Tun hat seinen Preis, aber wom\u00f6glich auch seinen Segen. Es ist, als w\u00fcrde sich die Gabe in der Anwendung vermehren, so wie jene Zentner Silber im Gleichnis durch den Einsatz verdoppelt wurden. Ist es nicht so, dass manches Tun schon seine Belohnung in sich tr\u00e4gt: Die Leitung einer Kindergruppe oder eines Jugendkreises, die eine Berufswahl wachsen l\u00e4sst oder auch den eigenen Kindern den Glauben nahe bringt. Am Nachmittag oder Abend in einem Kreis Gemeinschaft erleben statt einsam zu Hause sitzen. Mit anderen etwas erleben und den Pulsschlag des Lebens sp\u00fcren anstatt Reality TV am Fernseher zu verfolgen oder fake stunts auf YouTube. Wenn ich eines aus dem dritten Knecht im Gleichnis herausholen kann, ist es das. Keiner sollte sagen: Ich verstecke, was ich habe, weil ich nichts verlieren will. Denn andernfalls k\u00f6nnte man die R\u00fcge aus dem Gleichnis so \u00fcbersetzen: Wenn Du schon keine Eigeninitiative gehabt hast, so h\u00e4ttest du dich wenigstens einspannen lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und als Religionslehrer an zwei N\u00fcrnberger Gymnasien t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zitierte Literatur:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Luz, Ulrich: Das Evangelium nach Matth\u00e4us (Mt. 18-25) (EKK I\/3), Z\u00fcrich\/Neukirchen-Vluyn 1997.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M\u00fcnch, Christian: Gewinnen oder Verlieren (Von den anvertrauten Geldern) Q 19,12f.15-24.26, in: Zimmermann, Reuben, u. a. (Hg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu, G\u00fctersloh 2007, S. 240-254.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schweizer, Eduard: Das Evangelium nach Matth\u00e4us (NTD 2), G\u00f6ttingen 13. Auflage (1. Auflage einer Neufassung) 1973.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>9. So. n. 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