{"id":12971,"date":"2022-08-16T22:50:56","date_gmt":"2022-08-16T20:50:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=12971"},"modified":"2022-08-16T23:59:10","modified_gmt":"2022-08-16T21:59:10","slug":"matthaeus-11-16-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-11-16-24\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 11, 16-24"},"content":{"rendered":"<h3>10. Sonntag nach Trinitatis | 21.08.22 | Matth\u00e4us 11, 16-24 | Jens Torkild Bak |<\/h3>\n<p>Ich beginne mit einem Zugest\u00e4ndnis. Diese Verk\u00fcndigung des Gerichts liegt mir nicht. Ich bin mir ganz dar\u00fcber im Klaren, dass ein bedeutender Teil der theologischen Tradition bis in das Jahr 2022 Gefallen daran findet, dass Jesus so heftig kein Blatt vor den Mund nimmt. Ist es doch gerade das, wozu die Kirche verpflichtet ist: Gericht verk\u00fcnden f\u00fcr eine Welt, die von Gott nichts wissen will?<\/p>\n<p>\u201eWehe dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Weh dir, Kapernaum!\u201c<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt uns der gerechte Zorn Jesu nicht die Wahrheit \u00fcber diese Welt, ganz gleich wie unbequem sie ist?<\/p>\n<p>Ich meine nein! Und man muss sich \u00fcberhaupt davor h\u00fcten, in jeder Aussage des Neuen Testaments nach der Wahrheit zu suchen. Davor warnte schon Martin Luther. Das Neue Testament ist vielmehr ein historischer Text, der gepr\u00e4gt ist von der historischen Situation mit starken Spannungen und einer entsprechend heftigen Rhetorik, eine Situation, wo ein radikal neues Denken herausfordert und die Institutionen einer ganzen Gesellschaft ersch\u00fcttert und zu einem Konflikt f\u00fchrt, den dann die etablierte Gesellschaft zu l\u00f6sen versucht, indem sie erst Johannes den T\u00e4ufer enthauptet und dann Jesus kreuzigt.<\/p>\n<p>Als religi\u00f6se Botschaft aber funktioniert die Gerichtsverk\u00fcndigung vom J\u00fcngsten Tage ganz schlecht. Ganz gleich wie notwendig es sein kann, dass dann man angerufen und gescholten wird, so klingt die Botschaft zum <em>Glauben<\/em> ganz anders. So wie es zum Beispiel in der \u201ekleinen Bibel\u201c im Johannesevangelium hei\u00dft: <em>Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab \u2026<\/em>, und wie wir es aus dem Vaterunser kennen, und dem Glaubensbekenntnis, und in der Einleitung zu einer Taufe und der Grablegung, die das Leben eines Christen einrahmen: <em>Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns nach seiner gro\u00dfen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten<\/em>! Hoffnung statt Gericht! Darum geht es letztlich im Christentum, die lebendige Hoffnung! Die lebendige Hoffnung, wie sie in der heutigen Lesung aus dem Hebr\u00e4erbrief (Hebr. 3,12-14) zum Ausdruck kommt: Das Vertrauen zu Gott.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man sich daf\u00fcr entscheiden, seine religi\u00f6se Wahrheit in der Gerichtsverk\u00fcndigung und der Rhetorik der Gewalt zu finden. Man kann das Alte Testament vor das Evangelium spannen und damals wie heute eine Best\u00e4tigung f\u00fcr das finden, was uns die Geschichte vom S\u00fcndenfall berichtet, dass die Welt im Argen liegt und dass dies nicht anders wird, ehe die Sonne ausgebrannt hat. Der Nahe Osten, in dem Jesus gelebt hat, scheint in dieser Hinsicht immer neue Beispiele f\u00fcr deprimierende Unver\u00e4nderlichkeit zu liefern. Und die Ukraine, die scheinbar nichts anderes und keine andere Antwort m\u00f6glich macht als noch einmal: Mehr Waffen und mehr Zerst\u00f6rung!<\/p>\n<p>Also gibt es reichlich Best\u00e4tigung daf\u00fcr, dass Bosheit und Unvers\u00f6hnlichkeit in der Welt eine konstante Gr\u00f6\u00dfe sind, die nur naive Toren meinen, beseitigen zu k\u00f6nnen. Und daraus kann man durchaus eine religi\u00f6se Grundhaltung machen und sie mit zahlreichen Worten aus der Bibel belegen. Die Frage, zu der man sich verhalten muss, ist dann nur: Es geht hier um die Hoffnung als Fundament des christlichen Glaubens. Gilt diese Hoffnung nur meinem Seelenfrieden, oder gibt es auch eine Hoffnung f\u00fcr die Welt?<\/p>\n<p><em>Siehe wie angenehm scheint der Strahlt der Gnade! Aber dich zu bessern, das duldet keinen Aufschub, vielleicht klingt dein Gl\u00f6cklein noch heute zum letzten Mal, nun heilen die Seelenwunden. Nun hei\u00dft es heute! <\/em>\u00a0So hei\u00dft es in einem Lied des d\u00e4nischen Liederdichters Brorson.<a href=\"applewebdata:\/\/857F3FD8-1134-4288-B074-1C3BFCA1437C#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Aber so wie es unwiderrufliche pers\u00f6nliche Schicksalsstunden gibt, kann es angeblich auch der Erde widerfahren.<\/p>\n<p>In der vergangenen Woche, genauer am 28. Juli, haben wie infolge des Global Footprint Network die Grenzen f\u00fcr die Ressourcen \u00fcberschritten, die im Laufe des Jahres 2022 wiederhergestellt werden k\u00f6nnen. Der Rest des Jahres ist infolge derselben Analyse darauf angewiesen, die Ressourcen zu verbrauchen, die eigentlich unseren Nachkommen vorbehalten sind. Wenn die gesamte Bev\u00f6lkerung der Welt so leben w\u00fcrde wie wir in D\u00e4nemark, verbrauchten wir im Jahren 2022 4,2 Erden, 2017 nur 3,6. Es geht also voran -. aber in die falsche Richtung.<\/p>\n<p>Nach Professor Katherine Richardson, Leiterin des sogenannten Zentrums f\u00fcr Nachhaltigkeit an der Universit\u00e4t Kopenhagen, ist der einzige Grund daf\u00fcr, dass wir unser Verhalten nicht \u00e4ndern, der, dass wir nicht sehen k\u00f6nnen, was das f\u00fcr uns bedeutet. Genau das f\u00fchrt der Prophet Hesekiel in der heutigen alttestamentlichen Lesung (Hes. 33,23.30-33) an als Ursache daf\u00fcr, dass das Volk nicht dem Wort Gottes folgt: Sie k\u00f6nnen nicht sehen, was das f\u00fcr sie selbst bedeutet im Vergleich zu so vielem anderen, was sich anbietet.<\/p>\n<p>Sollte ich jemals Umwelttheologe oder gr\u00fcner Pastor werden, dann bete ich daf\u00fcr, dass beherzte Menschen mich zur Hand nehmen und schonsam aus meinem Amt entfernen. Das darf man gern als Versprechen verstehen. Die Klimakrise ist in sich deutlich genug, und ihre Herausforderungen an uns alle bed\u00fcrfen keiner theologischen Begr\u00fcndung. Nichtsdestoweniger geht es mir um den Zusammenhang zwischen einerseits der pers\u00f6nlichen Lebensf\u00fchrung, hierunter der Lebensanschauung in der christlichen Tradition, und andererseits der Art und Weise, in der wir die Erde und die Gesellschaft betrachten und auf diese Herausforderung reagieren oder nicht reagieren.<\/p>\n<p>Wenn es da einen Zusammenhang gibt!<\/p>\n<p>Denn wenn kein Zusammenhang besteht, braucht man sich nat\u00fcrlich keine Sorgen um den Gang der Welt zu machen. Es ist sogar so, dass Menschen, die einmal eingesehen haben, dass die Welt ihrem Gericht entgegengeht und dass es mit unn\u00f6tigem Verlust von Freiheit und Bequemlichkeit verbunden ist, dagegen etwas zu tun, gr\u00f6\u00dferes geistliches Format zu haben scheinen als, die, die sich Sorgen machen. Ganz gleich aber wie man es dreht und wendet und wie man sich stellt, so bezieht sich die anfechtende Frage auf die Art der christlichen Hoffnung. Ist die Hoffnung nur f\u00fcr mich selbst und das Heil meiner Seele im innerlichen pietistischen Sinn, oder ist sie auch eine Hoffnung f\u00fcr die Welt?<\/p>\n<p>Der d\u00e4nische Geologe Minik Rosing lieferte anl\u00e4sslich des Reformationsjubil\u00e4ums vor einigen Jahren zusammen mit anderen Forschern einen f\u00fcr jeden Theologen bedenkenswerten Beitrag zu einem Buch mit dem Titel \u201eNeue Thesen\u201c. Ein Beitrag, der mit diesen Worten schloss:<\/p>\n<p><em>Die Konsequenzen daraus, uns als Gottes Kinder ohne Verantwortung und Schuld zu betrachten, haben mit der Zeit zugenommen und nun ein katastrophales Ma\u00df angenommen. Wir haben so viele Bissen vom Apfel des Baums der Erkenntnis eingenommen, dass wir uns nicht mehr auf Unwissenheit als Entschuldigung f\u00fcr unser Tun berufen k\u00f6nnen. Paradoxerweise bewirkt die Erkenntnis, dass wir die Erwachsenen in der Welt sind und selbst f\u00fcr die Zukunft der Erde verantwortlich sind, bei manchen ein Gef\u00fchl der Ohnmacht. Statt die Verantwortung zu erkennen und danach zu handeln sind ganze politischen Bewegungen entstanden, deren wesentliches Ziel darin besteht, die Rolle des Menschen in der Welt zu leugnen. Es ist an der Zeit, dass wir einsehen, dass die Erde ein kleiner Klo\u00df in einem gro\u00dfen Raum ist und dass unsere Zukunft auf dieser Erde nicht ein unabwendbares Schicksal sein wird, sondern das Ergebnis von Entscheidungen, die wir heute treffen.<\/em><\/p>\n<p>Hier haben wir sowohl Hoffnung als auch Gericht, aber in einer guten Weise! In einer ironischen Distanzierung von denen, die offenbar meinen, wir k\u00f6nnten einfach einen anderen Planeten einnehmen, wenn wir die Ressourcen dieses Planeten verbraucht haben, tritt Minik Rosing daf\u00fcr ein, dass man diese These zum Gesetz macht: \u201eEs gibt nur eine und diese eine Erde\u201c.<\/p>\n<p>Ich las neulich in einem anderen Zusammenhang ein wunderbares Essay von Karen Blixen. Es ist das Essay mit der \u00dcberschrift: \u201eDie Mottos meines Lebens\u201c, wo Karen Blixen u.a. von einem Motto erz\u00e4hlt, das sie zu einem Zeitpunkt von ihrem engen Freund Denys Finch-Hatton \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p>Das ist ein Motto, das lautet: \u201eJe responderay\u201c: Ich will antworten!<\/p>\n<p>F\u00fcr uns alle gilt, dass unser Leben im Prinzip eine Antwort auf etwas ist, eine Antwort auf F\u00e4higkeiten, M\u00f6glichkeiten, Zeit, Umst\u00e4nde , Bed\u00fcrfnisse, Forderungen. In der Welt der Wirklichkeit gelingt es uns nicht immer in unserem Leben, eine Antwort zu geben. Wir k\u00f6nnen auch mitten in einer Antwort stecken bleiben, oder auch wir wissen nicht, was wir antworten sollen., oder wir k\u00f6nnen einer Antwort ausweichen.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass man sich selbst oder einander verpflichten kann, \u201edie Welt zu retten\u201c \u2013 allein deswegen, weil es mit solchen Ambitionen in unserem Kopf leicht nicht gut geht. Das zeigt alle Erfahrung. Aber man kann sich selbst dazu verpflichten, unter allen Umst\u00e4nden mit Hoffnung zu antworten. Nicht allein mit einer Hoffnung f\u00fcr einen selbst und die N\u00e4chsten in innerlichen Sinne, sondern auch als g\u00e4be es noch eine Hoffnung f\u00fcr Betsaida, Chorazin, Kapernaum und den Rest der Welt \u2013 ganz gleich ob sich die Hoffnung in jeder Situation auf objektive Daten st\u00fctzen kann.<\/p>\n<p>Einen frohen Sonntag. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Dompropst Jens Torkild Bak<\/p>\n<p>DK-6760 Ribe<\/p>\n<p>Email: jtb(at)km.dk<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/857F3FD8-1134-4288-B074-1C3BFCA1437C#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> D\u00e4nisches Gesangbuch Nr. 592, V. 2.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis | 21.08.22 | Matth\u00e4us 11, 16-24 | Jens Torkild Bak | Ich beginne mit einem Zugest\u00e4ndnis. Diese Verk\u00fcndigung des Gerichts liegt mir nicht. 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