{"id":13030,"date":"2022-08-23T21:13:44","date_gmt":"2022-08-23T19:13:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=13030"},"modified":"2022-08-23T21:13:44","modified_gmt":"2022-08-23T19:13:44","slug":"2-samuel-12-1-10-13-15a-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-samuel-12-1-10-13-15a-4\/","title":{"rendered":"2 Samuel 12, 1-10.13-15a"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Du bist der Mann | 11. Sonntag nach Trinitatis | 28. August 2022 | Predigt zu 2 Samuel 12, 1-10.13-15a | Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott schickt Natan zu K\u00f6nig David und der erz\u00e4hlt ihm eine Geschichte: Es war einmal.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Es waren zwei M\u00e4nner in einer Stadt, der eine war reich, und der andere war arm. Der Reiche besass Schafe und Rinder in grosser Zahl, der Arme aber besass nichts ausser einem einzigen kleinen Lamm, das er gekauft hatte, und er zog es auf, und zusammen mit seinen Kindern wurde es bei ihm gross. Es ass von seinem Bissen, trank aus seinem Becher und schlief an seiner Brust, und es war f\u00fcr ihn wie eine Tochter. Da kam ein Besucher zu dem reichen Mann, und diesen reute es, eines von seinen eigenen Schafen oder Rindern zu nehmen, um es f\u00fcr den Reisenden zuzubereiten, der zu ihm gekommen war. Und so nahm er das Lamm des armen Mannes und bereitete es f\u00fcr den Mann zu, der zu ihm gekommen war.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine Geschichte, k\u00f6nnte der Zuh\u00f6rer sagen. Interessant. Spannend.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nur eine Geschichte, k\u00f6nnte der Zuh\u00f6rer auch sagen. Du wieder mit deinen Geschichten!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber nein, der Zuh\u00f6rer David ist bewegt, wie wir wohl auch. Ber\u00fchrt von der Liebe des armen Mannes zu seinem kleinen Lamm, seinem einzigen, das er verh\u00e4tschelt, zusammen mit seinen Kindern aufzieht, ein Schoss-Lamm. Es isst von seinem Teller und trinkt aus seinem Becher, ja es ist f\u00fcr ihn wie ein Kind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Geschichte l\u00e4sst David nicht kalt. Er ist emp\u00f6rt \u00fcber das Verhalten des reichen Mannes, der das Lamm nimmt, schlachtet und zubereitet f\u00fcr seinen Gast. Einfach weil ihn seine eigenen Tiere reuen. Einfach weil er es kann. Der Zuh\u00f6rer David ist zornig \u00fcber den reichen Mann. Was f\u00fcr eine schreiende Ungerechtigkeit!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sein Urteil kommt von Herzen und ist schnell gef\u00e4llt: <em>So wahr der Herr lebt: Der Mann, der das getan hat, ist ein Kind des Todes! Und das Lamm soll er vierfach ersetzen, weil er das getan hat und weil er kein Mitleid hatte.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da sagt Natan zu David: <em>Du bist der Mann!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und das soll ich dir von Gott ausrichten: Ich habe dich zum K\u00f6nig gesalbt. Ich habe dich vor Saul gerettet. Ich habe dich zum Nachfolger gemacht, dir Israel und Juda gegeben. Ich w\u00fcrde dir noch viel mehr geben, wenn das noch nicht reicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist es denn nie genug? Was willst du noch? Warum nur?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Warum hast du das Wort des Herrn verachtet und getan, was ihm missf\u00e4llt? Urija, den Hetiter, hast du mit dem Schwert erschlagen, und seine Frau hast du dir zur Frau genommen, und ihn selbst hast du durch das Schwert der Ammoniter umgebracht.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>So soll nun das Schwert nie von deinem Haus weichen, weil du mich verachtet und die Frau Urijas, des Hetiters, genommen hast, damit sie deine Frau werde.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Worauf spielt Natan an? Was ist passiert? Die Geschichte wird im vorangehenden Kapitel erz\u00e4hlt: David ist auf dem H\u00f6hepunkt seiner Karriere. Er schickt seinen Feldherrn Joab und die Soldaten in den Kampf. Er selber bleibt in Jerusalem.<br \/>\nEines Abends steht David auf seiner Dachterrasse und l\u00e4sst den Blick \u00fcber die D\u00e4cher von Jerusalem schweifen. Er schliesst die Augen und geniesst die W\u00e4rme der letzten Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Dann sieht er sie. Wundersch\u00f6n ist sie! Gebannt beobachtet er jede ihrer Bewegungen, w\u00e4hrend sie ein Bad nimmt und schliesslich wieder verschwindet. Sehns\u00fcchtig schaut er ihr hinterher. Und dann entscheidet er sich kurzerhand, sie sich zu nehmen. Sie ist verheiratet \u2013 egal! Er will sie und er kann sie haben. Er ist der K\u00f6nig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ist das nicht Batseba, die Frau Urias, des Hetiters?, fragt er.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er l\u00e4sst sie holen, schl\u00e4ft mit ihr. Sie wird schwanger.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um dies zu vertuschen, unter den Teppich zu kehren, was er getan hat, verstrickt sich David immer mehr in L\u00fcgen und weiteren Untaten, die schliesslich mit dem Mord an Batsebas Ehemann enden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zuerst l\u00e4sst er den Ehemann Uria holen, damit er zu seiner Frau geht und es so aussieht, als sei sie von ihm schwanger. David beschenkt ihn, bewirtet ihn, macht ihn betrunken. Uria will jedoch keine Sonderbehandlung gegen\u00fcber seiner Mitsoldaten und geht nicht nach Hause zu seiner Frau. Dieser Plan hat also nicht funktioniert. Deshalb l\u00e4sst David seinem Feldherrn Joab durch Uria einen Brief \u00fcberbringen, darin schreibt er: <em>Stellt Uria vornehin, wo der Kampf am h\u00e4rtesten ist, und zieht euch hinter ihm zur\u00fcck, dass er erschlagen werde und sterbe.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Uria stirbt an vorderster Front. Und nach Batsebas Trauerzeit um ihren Mann l\u00e4sst David sie zu sich holen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schweigen, l\u00fcgen, vertuschen, intrigieren, Mord.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Aber dem Herrn missfiel die Tat, die David getan hatte<\/em>, heisst es am Ende dieser Geschichte. Und er schickt Natan zu ihm. Und der erz\u00e4hlt ihm eine Geschichte: <em>Es waren zwei M\u00e4nner in einer Stadt\u2026 <\/em>Und David ist ber\u00fchrt und emp\u00f6rt und er f\u00e4llt sein Urteil.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Du bist der Mann<\/em>, sagt Natan.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und jetzt \u2013 und das ist eindr\u00fccklich \u2013 ist Schluss mit Ausreden. Kein \u00abWas?\u00bb, \u00abWer, ich?\u00bb, \u00abWas habe ich denn getan?\u00bb, \u00abIch bin doch unschuldig!\u00bb.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">David sagt: <em>Ich habe gegen den Herrn ges\u00fcndigt.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man k\u00f6nnte sagen, Natan hat David reingelegt mit seiner raffinierten Strategie, den \u00dcbelt\u00e4ter sich selbst das Urteil sprechen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich sehe das eher als eine Einladung zum ehrlichen Blick auf sich selbst. Die Geschichte macht m\u00f6glich, was jede noch so wahre Moralpredigt nicht geschafft h\u00e4tte, n\u00e4mlich dass David ehrlich mit sich selbst und den andern eingestehen kann: Ich war\u2019s. Ich habe das getan. Grosses Unrecht. Ges\u00fcndigt gegen den Herrn.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier geht es ja nicht um Kleinigkeiten. Aber selbst bei den kleinen Verfehlungen, Ungerechtigkeiten und Fehltritten kennen wir das, wie schwierig es ist zu sagen: Ja, ich war\u2019s.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M\u00f6glich macht ein solches Eingest\u00e4ndnis die Einsicht, dass meine Existenz nicht abh\u00e4ngt von meiner weissen Weste. Ja, Leben hat seinen Preis. Ja, ich mache mich schuldig. Aber das Vertrauen in Gnade und Vergebung macht m\u00f6glich, dass ich dies nicht verbergen und vertuschen muss.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und so f\u00e4llt die Antwort Natans auf Davids Eingest\u00e4ndnis ziemlich evangelisch aus: <em>So sieht der Herr \u00fcber deine S\u00fcnde hinweg: Du musst nicht sterben!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Geschichte kann uns anregen \u00fcber unsere Rolle als Verk\u00fcndiger:innen dieser frohen Botschaft nachzudenken. Ja, das ist wahr: Unrecht muss aufgedeckt werden. Machtmissbrauch angeprangert und einged\u00e4mmt. Aber auf welche Weise kann das gelingen? Mit dem Finger zu zeigen oder eine Moralpredigt zu halten scheint mir weder im Grossen noch im Kleinen das Mittel der Wahl zu sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Stellen Sie sich vor: Der Patriarch Kirill, anstelle den Krieg christlich zu rechtfertigen, ginge zu Wladimir Putin und spr\u00e4che zu ihm: <em>Es waren zwei M\u00e4nner in einer Stadt, der eine war reich, und der andere war arm\u2026<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie t\u00f6nt das in Ihren Ohren?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Naiv? Unm\u00f6glich?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht ist es das. Und dennoch ist es das, was wir k\u00f6nnen mit unserer Botschaft: Nicht rechnen, nicht aufz\u00e4hlen, nicht anklagen, sondern die Geschichte erz\u00e4hlen, die einl\u00e4dt zur Wahrheit, die frei macht. Zu Einsicht, Reue und Vergebung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auch wenn Gott die Schuld vergibt, ist damit das Geschehene nicht ungeschehen gemacht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Erz\u00e4hlung von David und Natan endet mit dem lapidaren Satz: <em>Und Natan ging nach Hause.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was l\u00e4sst er zur\u00fcck? Einen frommen K\u00f6nig. Stark und schwach. Was er getan hat, nimmt er mit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn das macht einen frommen Menschen aus: nicht ein Leben ohne Fehl und Tadel, sondern ein Leben im Vertrauen auf die Gnade Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Verena Salvisberg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Merligen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Regionalpfarrerin seit 1. August 2022, vorher Gemeindepfarrerin in Roggwil BE, Laufenburg und Frick.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Du bist der Mann | 11. Sonntag nach Trinitatis | 28. August 2022 | Predigt zu 2 Samuel 12, 1-10.13-15a | Verena Salvisberg | Liebe Gemeinde Gott schickt Natan zu K\u00f6nig David und der erz\u00e4hlt ihm eine Geschichte: Es war einmal. 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