{"id":13032,"date":"2022-08-23T21:10:00","date_gmt":"2022-08-23T19:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=13032"},"modified":"2022-08-23T21:24:37","modified_gmt":"2022-08-23T19:24:37","slug":"2-samuel-121-10-13-15a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-samuel-121-10-13-15a\/","title":{"rendered":"2. Samuel 12,1-10.13-15a"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Ein Brief an Batseba | 11. Sonntag nach Trinitatis | 28.08.2022 | Predigt zu 2. Samuel 12,1-10.13-15a | Luise Stribrny de Estrada |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gnade sei mit euch und Friede<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">von dem, der da ist,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">der da war und der da kommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Schwestern und liebe Br\u00fcder!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Predigt tauchen wir heute ein in die Zeit des K\u00f6nigs Davids vor fast 3.000 Jahren. David spielte Harfe und dichtete Psalmen, wie den 51. Psalm, den wir vorhin gebetet haben (Anmerkung: Ich lese anstelle von Psalm 145 den 51. Psalm, der direkt auf die Geschichte mit Batseba eingeht), gleichzeitig war er ein erfolgreicher Krieger und Feldherr und m\u00e4chtiger K\u00f6nig \u00fcber Israel und Juda.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">David hatte von der Terrasse seines Palastes eine sch\u00f6ne Frau beim Baden gesehen, Batseba, die Frau des Uria, seines Feldherrn. Er bestellte sie zu sich und wohnte ihr bei. Bald danach schickte sie ihm einen Boten mit der Nachricht: \u201aIch bin schwanger geworden.\u2018 Wie geht es weiter? Wie wird David jetzt reagieren?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die biblische Geschichte konzentriert sich auf die Sicht der M\u00e4nner. Sie kreist um David, um Uria, den Ehemann Batsebas, und den Propheten Nathan. Ich m\u00f6chte heute bewusst eine andere Perspektive einnehmen und mich an Batseba wenden, von deren Gef\u00fchlen und Gedanken wir nichts erfahren. Ich verfasse einen Brief an sie und m\u00f6chte mich ihr so ann\u00e4hern, indem ich sie in den Mittelpunkt stelle und mich auf ihre Sicht der Dinge einlasse, wie ich sie mir vorstelle. Ich m\u00f6chte in dem Brief auch meine Fragen an sie formulieren und das zu Sprache bringen, was ich nicht verstehe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eLiebe Batseba,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ich schreibe dir, weil mich Vieles an deiner Geschichte bewegt und mir keine Ruhe l\u00e4sst. Wir haben geh\u00f6rt, dass du schwanger von K\u00f6nig David warst. Jetzt hattest du etwas in der Hand und warst nicht wie vorher, als er dich zu sich hatte rufen lassen, gezwungenerma\u00dfen passiv. Du konntest in einem gewissen Rahmen agieren und David musste sich zu deiner Botschaft \u201aIch bin schwanger geworden\u2018 verhalten. Ich vermute, dass du hin- und hergerissen warst: Du fragtest dich sicherlich, wie David sich jetzt zu dir stellen w\u00fcrde. W\u00fcrde er das Kind als seines akzeptieren? Oder w\u00fcrde er versuchen, es Uria, deinem Ehemann, unterzuschieben? Tats\u00e4chlich h\u00f6ren wir in der Bibel, dass sein erster Plan war, Uria als Vater deines Kindes erscheinen zu lassen: David holte Uria aus der Feldschlacht zur\u00fcck und n\u00f6tigte ihn, zu dir nach Hause zu gehen, um mit dir zu schlafen. Aber Uria widerstand der Versuchung und \u00fcbernachtete bei den Soldaten vor dem Tor. Damit fiel das Urteil \u00fcber ihn. David setzte einen Alternativplan in Gang und sorgte daf\u00fcr, dass Uria in der Schlacht fiel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als du das h\u00f6rtest, hieltest du die Totenklage f\u00fcr Uria. Ich w\u00fcrde gerne von dir wissen, ob du wirklich traurig warst oder ob du erleichtert warst, weil jetzt einer Ehe mit David nichts mehr im Weg stand. Hast du Uria geliebt? Kinder hattet ihr jedenfalls keine, das war sicherlich ein Stachel. Und von David warst du sofort schwanger geworden\u2026 Vielleicht reizte dich auch das Leben am Hof, die N\u00e4he zu K\u00f6nig David, einer faszinierenden und m\u00e4chtigen Pers\u00f6nlichkeit. Vielleicht hattest du dich in den K\u00f6nig verliebt\u2026Sicherlich band das Kind, das du erwartetest, euch fester aneinander. Jedenfalls holte David dich in seinen Palast, wo euer Sohn geboren wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie es dann weiterging, hat dir sicherlich David erz\u00e4hlt, du warst nur indirekt beteiligt. Eines Tages kam der Prophet Nathan zu David, um ihm eine Geschichte, eine Parabel zu erz\u00e4hlen. Im Mittelpunkt stand ein armer Mann, der ein Sch\u00e4flein hatte, das er liebte wie seine Tochter. Sein Nachbar war reich und hatte viele Schafe und Rinder. Als der Reiche einen Gast bekam, wollte er von seinen eigenen Schafen keines schlachten und nahm stattdessen das geliebte Schaf des armen Mannes, schlachtete es und setzte es seinem Gast vor. &#8211; Als David diese Parabel h\u00f6rte, reagierte er sehr emotional: \u201aDer Mann ist ein Kind des Todes\u2018, rief er voller Zorn aus.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da konterte der Prophet Nathan: \u201eDu bist der Mann!\u201c Und er hielt David vor, dass er Uria hatte umbringen lassen, um dich zu seiner Frau zu machen. Da erkannte David seine Verfehlungen und bekannte: \u201aIch habe ges\u00fcndigt gegen Gott, den Herrn.\u2018 Nathan antwortete: \u201aSo hat auch der Herr deine S\u00fcnde weggenommen du wirst nicht sterben. Aber dein Sohn wird des Todes sterben.\u2018<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zuerst einmal stelle ich mir vor, dass du dich \u00fcber den Vergleich mit dem Sch\u00e4flein, das wie eine Tochter war, ge\u00e4rgert haben musst. Als ob du nur ein dummes, v\u00f6llig passives Tier, gewesen w\u00e4rst. Und dann wurde das Lamm in der Geschichte auch noch geschlachtet \u2013 als ob du get\u00f6tet worden w\u00e4rst, als du mit David eine neue Ehe eingingst. Um in der Parabel zu sprechen, h\u00e4tte ja der arme Mann, der Besitzer des Sch\u00e4fleins, der mit Uria gleichzusetzen ist, get\u00f6tet werden m\u00fcssen. Die Vergleiche hinken also gewaltig. &#8211; Viel mehr aber wiegt euer Kind, das sterben sollte, damit Davids S\u00fcnde vergeben werden k\u00f6nnte, zur Bu\u00dfe f\u00fcr ihn. Als ob diese Strafe dich nicht mindestens genauso, wahrscheinlich noch viel mehr, getroffen h\u00e4tte als ihn. Es war dein kleiner Sohn, den du stilltest, der fast noch ein Teil von dir war, und er sollte sterben f\u00fcr die Schuld seines Vaters! Was f\u00fcr ein Gott war das, der den Vater am Sohn r\u00e4chte?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">David versuchte, Gott umzustimmen, weinte, betete, fastete und schlief nicht. Aber euer Sohn starb trotzdem. Nichts konnte seinen Verlust wieder gut machen. Der biblische Bericht f\u00e4hrt fort: David tr\u00f6stet dich, dann geht er wieder zu dir und du wirst ein zweites Mal schwanger. Wieder gebierst du einen Sohn, den ihr Salomo nennt, er ist der Geliebte des Herrn. Jahre sp\u00e4ter wird Salomo K\u00f6nig und folgt seinem Vater auf dem Thron. Du, Batseba, hast eine neue Rolle als K\u00f6niginmutter und ziehst souver\u00e4n die F\u00e4den im Machtgeflecht des K\u00f6nigshofes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deine Geschichte hat mich fasziniert und viele Fragen aufgeworfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gr\u00fc\u00dft dich herzlich,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Luise Stribrny de Estrada.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bewusst habe ich den Blickpunkt des biblischen Berichts verr\u00fcckt. Ich wollte Batseba aus dem Schatten herausholen und ihr eine eigene Pers\u00f6nlichkeit geben. Wir wissen nur wenig, wer sie war und was sie besch\u00e4ftigt hat, weil die Bibel sich auf die M\u00e4nner in der Geschichte konzentriert. Dahinter kommen wir nicht zur\u00fcck. Ich vermute aber, dass wir ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen an die Geschichte Batsebas, indem wir uns folgende Fragen stellen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lassen wir uns von anderen vorschreiben, was wir tun sollen? Wie entscheiden wir uns in Situationen, in denen ein Lebensentwurf gegen einen anderen steht? Wie sehr orientieren wir uns an unseren Kindern und lassen unser Leben durch sie bestimmen? Lassen wir uns faszinieren durch die Chance, sozial aufzusteigen und ein auch finanziell besseres Leben zu f\u00fchren? Gelingt es uns, uns in einem neuen Kontext einzubringen und das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Welche Rolle spielt Gott in der Geschichte Batsebas? F\u00fcr mich ist Gott ein Gott der Schwachen, derer, die im Leben zu kurz kommen, die weder Gesicht noch Stimme haben. Ihrer nimmt er sich an und gibt ihnen einen Namen und W\u00fcrde. \u201eSelig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich\u201c sagt Jesus (Mt. 5,3). In dieser Geschichte m\u00fcsste Gott Batseba sehen und f\u00fcr sie eintreten, damit sie nicht zum Objekt des Handelns Davids wird, als er sie das erste Mal in seinen Palast holt. Vergeblich suche ich diesen Gott in der Geschichte. Hier schickt Gott seinen Propheten Nathan zu David, um ihn anzuklagen. Aber ihm geht es nicht um Batseba, er tritt nicht f\u00fcr ihr Recht ein, sondern es geht um Uria, dem sein Besitz weggenommen wurde. Daf\u00fcr wird David bestraft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So wenig wie Gott sich Batsebas annimmt, so wenig nimmt er sich ihres erstgeborenen Sohns an. Um David zu strafen, wird er erst todkrank und stirbt dann nach sieben Tagen. Gott sucht die Schuld des Vaters an seinem Sohn heim, aber er trifft auch in das Herz der Mutter. Anstelle des Vaters stirbt der neugeborene Sohn. Ich kann nicht sehen, dass David dadurch ents\u00fcndigt wird. Was ist das f\u00fcr ein Gott, der das Opfer eines Kindes braucht, um vergeben zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Den Gott, den wir kennen, der sich auf die Seite der Machtlosen stellt, finden wir in dieser Geschichte nicht. Und trotzdem halte ich daran fest, dass es der Gott ist, der uns liebt und an den wir uns wenden k\u00f6nnen. Er w\u00e4chst erst langsam heraus aus den Geschichten der Fr\u00fchzeit und offenbart sich sp\u00e4ter in prophetischen Worten wie \u201eF\u00fcrchte dich nicht, denn ich habe dich erl\u00f6st; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!&#8230;Weil du teuer bist in meinen Augen und herrlich und weil ich dich lieb habe. (Jesaja 43,1.4).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und der Friede Gottes,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">der h\u00f6her ist als all unsere Vernunft,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Luise Stribrny de Estrada<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">L\u00fcbeck<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:pastorin.stribrny@gmx.de\">pastorin.stribrny@gmx.de<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Biographisches: Luise Stribrny de Estrada, geb. 1965, Pastorin der evangelischen Nordkirche. Schwerpunkte im Studium: Feministische Theologie und Befreiungstheologie. 2001-2009 Pastorin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Mexiko. Seit 2009 Pastorin in L\u00fcbeck in der Gemeinde St.Philippus, die seit dem 01.01.2022 mit zwei Nachbargemeinden zur Kirchengemeinde Marli-Brandenbaum fusioniert ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Brief an Batseba | 11. Sonntag nach Trinitatis | 28.08.2022 | Predigt zu 2. Samuel 12,1-10.13-15a | Luise Stribrny de Estrada | Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen. Liebe Schwestern und liebe Br\u00fcder! 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