{"id":13095,"date":"2022-09-05T09:54:22","date_gmt":"2022-09-05T07:54:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=13095"},"modified":"2022-09-06T09:57:05","modified_gmt":"2022-09-06T07:57:05","slug":"lukas-1025-37-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1025-37-2\/","title":{"rendered":"Lukas 10,25-37"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Der Feind als N\u00e4chster | 13. Sonntag nach Trinitatis | 11.09.2022 | Lk 10,25-37 |\u00a0Johannes L\u00e4hnemann |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>25 Und siehe, ein Schriftgelehrter stand auf, stellte ihn auf die Probe und sprach: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete und sprach: Du sollst deinen Herrn lieben von ganzen Herzen und von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen N\u00e4chsten wie dich selbst. 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet. Tu das, so wirst du leben. 29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein N\u00e4chster?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>30 Da antwortete Jesus und sprach: Ein Mensch ging hinab von Jerusalem nach Jericho, und er fiel unter die R\u00e4uber. Die zogen ihn aus und schlugen ihn und lie\u00dfen ihn halbtot liegen. 31 Zuf\u00e4llig aber kam ein Priester dieselbe Stra\u00dfe hinab, und als er ihn sah, lie\u00df er ihn liegen. 32 Ebenso auch ein Levit: Er kam an den Ort, und als er ihn sah, lie\u00df er ihn liegen. 33 Ein Samariter aber, der unterwegs war, kam dahin, und als er ihn sah, ergriff ihn Mitleid. 34 Er ging zu ihm, goss \u00d6l und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm. Er hob ihn auf sein Reittier, brachte ihn in eine Herberge und sorgte f\u00fcr ihn. 35 Am anderen Morgen zog er zwei Denare hervor und gab sie dem Wirt und sagte: Sorge f\u00fcr ihn, und was du dar\u00fcber hinaus tust, werde ich dir erstatten, wenn ich wiederkomme. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>36 Wer von diesen Dreien, meinst du, ist der N\u00e4chste f\u00fcr den geworden, der unter die R\u00e4uber gefallen ist? 37 Er sprach: Der, der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat. Da sagte Jesus zu ihm: Geh auch du und handle ebenso. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">was f\u00fcr eine bekannte und doch immer wieder aufregende Geschichte! Nur acht knappe Verse umfasst das Gleichnis, aber es wird ein ganzes Drama in ihnen entfaltet, das uns zum Mitdenken, ja, zum Miterleben herausfordert, so wie es damals den Schriftgelehrten herausgefordert hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcberlegen wir jeder und jede einmal: An welcher Stelle k\u00f6nnte ich in der Geschichte stehen? Bei dem Menschen, der von Jerusalem hinab nach Jericho geht und unter die R\u00e4uber f\u00e4llt? K\u00f6nnte ich der Priester sein, der den halbtot liegenden Mann sieht und vor\u00fcbergeht, oder der Levit, der das gleiche tut? Oder w\u00e4re ich der Samariter, der von Mitleid ergriffen wird und sich sofort liebevoll um den halbtoten Mann k\u00fcmmert?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sind wir in unserem Leben nicht einmal in jeder dieser Rollen gewesen? Ausgeliefert wie der Mann aus Jerusalem, verletzt, allein gelassen? Auf dem Weg wie der Priester und der Levit, und da sehen wir einen, der da auf der Stra\u00dfe liegt oder in einer Mauernische, und wir haben jetzt wirklich keine Zeit, uns ihm zuzuwenden? Oder auch umgekehrt, dass wir einmal zugegriffen oder geholfen haben, wenn wir auf einen hilflosen Menschen gesto\u00dfen sind? Und nicht zuletzt: K\u00f6nnten wir in der Rolle des Schriftgelehrten sein, der Jesus fragt: Wer ist denn mein N\u00e4chster?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Religionsunterricht habe ich einmal die Geschichte erz\u00e4hlt und die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gefragt: K\u00f6nnte es heute passieren, dass ein Verletzter so unbeachtet liegen bleibt? Einige meinten: eigentlich nicht. Andere erinnerten sich an Nachrichten, wo genau \u00fcber unterlassene Hilfeleistungen berichtet wurde. \u2013 Dann zeigte ich einen Film, der den Titel hat \u201eEs lag einer\u201c. Es ist eine gestellte Szene: Neben einem U-Bahn-Eingang in einer deutschen Gro\u00dfstadt liegt ein Mann auf dem Boden. Viele Menschen eilen vorbei, den B\u00fcrgersteig entlang oder die Treppen zum U-Bahn-Schacht herunter und herauf. Eine Frau mit Kinderwagen stockt einen Moment, dann zieht sie weiter. Ein Mann mit Aktentasche ist eilig unterwegs; er sieht kaum nach rechts oder links. Ein Hund an der Leine stupst den Mann mit seiner Schnauze an, dann wird er weiter gezogen. Ein Paar schlendert den B\u00fcrgersteig entlang, schaut einmal runter, sch\u00fcttelt den Kopf und schlendert weiter. Die Minuten ziehen sich hin. Das kann doch nicht sein! Nach einer guten Viertelstunde h\u00e4lt ein junger Mann mit Fahrrad an, nimmt sein Handy und ruft die Polizei an. Sie ist schnell da. Der Mann, der da liegt, erhebt sich. Er ist offenkundig gesund und hat sich nur f\u00fcr diese Szene zur Verf\u00fcgung gestellt. Trotzdem: Wir sind betroffen. Und wir denken \u00fcber unser Verhalten nach, wenn wir in eine solche Situation kommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kehren wir zur\u00fcck zu dem Text aus dem Lukasevangelium! Wie war das damals, als Jesus diese Geschichte erz\u00e4hlt hat. Dieses Gleichnis enth\u00e4lt eine noch viel gr\u00f6\u00dfere Provokation als das, wor\u00fcber wir uns in unserem Alltag aufregen k\u00f6nnen. Es ist eine doppelte Provokation, denn die Geschichte enth\u00e4lt zwei Zielaussagen. Und die erste Zielaussage ist vielleicht noch gr\u00f6\u00dfer als die zweite.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dazu m\u00fcssen wir uns in die Situation damals hineinversetzen:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus wird von einem Schriftgelehrten in ein Gespr\u00e4ch verwickelt. Es gibt immer wieder Gespr\u00e4che zwischen Jesus, der ja auch als Schriftgelehrter gesehen werden konnte, und anderen Schriftgelehrten. Es sind ernsthafte Gespr\u00e4che, wie sie unter Rabbinen, unter Gesetzesgelehrten, stattfanden; und sie enden durchaus nicht immer mit un\u00fcberbr\u00fcckbaren Gegens\u00e4tzen. Die Frage: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen, war nat\u00fcrlich eine zentrale Frage, da Jesus ja verk\u00fcndet hatte, dass das Reich Gottes, das Himmelreich nahe gekommen ist. Das Gespr\u00e4ch entwickelt sich spannend. Jesus antwortet nicht direkt: Das und das musst du tun. Er stellt die Gegenfrage: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Der Schriftgelehrte antwortet vollkommen korrekt mit dem Doppelgebot, das gewisserma\u00dfen die 10 Gebote zusammenfasst: Du sollst deinen Herrn lieben von ganzen Herzen und von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen N\u00e4chsten wie dich selbst. Jesus stimmt ihm zu und sagt knapp und klar: Du hast recht geantwortet. Tu das, so wirst du leben. Doch mit dieser Antwort ist der Schriftgelehrte nicht zufrieden. Er will wissen, was das Gebot der N\u00e4chstenliebe genau bedeutet und fragt zur\u00fcck: Wer ist denn mein N\u00e4chster? Das war eine hei\u00df diskutierte Frage: Wie weit muss meine Liebe reichen? Das Alte Testament enth\u00e4lt sehr konkrete Beispiele daf\u00fcr: Du sollst den Fremden lieben und aufnehmen wie deinen Volksgenossen! Du sollst deinem pers\u00f6nlichen Feind helfen, wenn er in Not geraten ist. Aber Jesus gibt dieser Frage noch eine weiter reichende, provozierende Antwort mit der Geschichte, die er nun erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus nimmt den Schriftgelehrten mit auf den Weg von Jerusalem, hoch im Gebirge gelegen, nach Jericho, tief in der Jordan-Ebene \u2013 ein zerkl\u00fcfteter, nicht sehr einladender Weg, w\u00fcstenhaft, durch Geb\u00fcsch und Gestr\u00fcpp, in dem sich Wegelagerer gut verstecken konnten. In nur einem Vers beschreibt Jesus ein ganzes Drama: \u201eEin Mensch ging hinab von Jerusalem nach Jericho, und der fiel unter die R\u00e4uber. Die zogen ihn aus und schlugen ihn und lie\u00dfen ihn halbtot liegen\u201c. Eine elende Situation in dem w\u00fcstenhaften Gel\u00e4nde unter sengender Sonne. Oft gingen Menschen diesen Weg. Sie wussten um seine Gef\u00e4hrlichkeit. Der Schriftgelehrte wie auch die anderen, die sicher dabei zuh\u00f6ren, kann sich unmittelbar in die Lage des \u00dcberfallenen hinein versetzen. Kommt keiner vorbei, um ihm zu helfen? Ist er verloren? Doch, zwei sind es, die danach auf diesem Weg unterwegs sind: ein Priester, der wohl vom Tempeldienst in Jerusalem kommt, und ein Mann aus dem Stamm Levi, ein Tempeldiener, beide von klein auf mit den Geboten Gottes vertraut. Lapidar wird festgestellt: Sie sehen den Verwundeten \u2013 und lassen ihn liegen. \u00dcber ihre Motive, ihre Beweggr\u00fcnde wird nichts gesagt. Die Zuh\u00f6rer k\u00f6nnen sich selbst dar\u00fcber Gedanken machen. Es ist wie in dem Film \u201eEs lag einer\u201c, wo so viele an dem Mann vorbei gehen, der auf der Stra\u00dfe liegt, nur dass die Situation auf dem Weg nach Jericho gef\u00e4hrlicher ist als der Platz an der U-Bahn-Station. In der Reihenfolge w\u00fcrden die H\u00f6rer der Geschichte jetzt erwarten, dass als Dritter ein j\u00fcdischer Laie, also ein Mensch ohne religi\u00f6se Funktion, kommen w\u00fcrde. Aber es geht anders weiter: Ein Samariter, ein Mann aus Samarien, kommt an den Ort. Samariter, da stellen sich bei j\u00fcdischen Zuh\u00f6rern feindliche Gef\u00fchle ein: Die Samariter, die ihre eigene Gottesverehrung auf dem Berg Garizim pflegten, unabh\u00e4ngig vom Tempel in Jerusalem, galten als die Abtr\u00fcnnigen schlechthin: Sie hatten die j\u00fcdische Tradition gleichsam verunreinigt, hatten sich mit Nichtjuden vermischt. Ein frommer Jude vermied es nach aller M\u00f6glichkeit, durch Samarien zu ziehen, wenn er von Galil\u00e4a im Norden nach Jerusalem reiste und der direkteste Weg durch Samarien f\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber nun wird die Erz\u00e4hlung erstmals ausf\u00fchrlicher: Der Samariter sieht den \u00dcberfallenen, ihn ergreift Mitleid. Zum ersten Mal kommt in der Erz\u00e4hlung eine Emotion vor. Und nun wird aufgez\u00e4hlt, was der Samariter alles tut: Er geht hin, gie\u00dft \u00d6l und Wein auf die Wunden des Verletzten. Er verbindet sie ihm. Er hebt ihn auf sein Reittier, bringt ihn in eine Herberge k\u00fcmmert sich um viel mehr als das Notwendige. Er pflegt den Kranken. Er bleibt \u00fcber Nacht. Am n\u00e4chsten Morgen gibt er dem Wirt 2 Silberdenare \u2013 immerhin etwa 2 Tagesverdienste eines Tagel\u00f6hners &#8211; und sagt: \u201eSorge du f\u00fcr ihn, und was du dar\u00fcber hinaus tust, werde ich dir erstatten, wenn ich wiederkomme\u201c. Alles Schritte, die den Halbtoten zur\u00fcck ins Leben bringen, ohne gro\u00dfe Worte, ohne gro\u00df nach Dank zu fragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Damit ist die Beispielerz\u00e4hlung zu Ende. Aber nun kommt das Fazit, die Anwendung. Sie hat zwei unterschiedliche Blickrichtungen. Dabei wird die erste Blickrichtung meistens \u00fcbersehen, obwohl sie besonders herausfordernd ist:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus fragt den Schriftgelehrten: \u201eWer von diesen dreien, meinst du, ist der N\u00e4chste gewesen dem, der unter die R\u00e4uber gefallen war?\u201c Der Schriftgelehrte antwortet korrekt: \u201eDer die Barmherzigkeit an ihm tat.\u201c Aber das Wort Samariter kommt ihm dabei nicht \u00fcber die Lippen. Dabei steckt hier die eigentliche Provokation: Der Mann aus Jerusalem, der Jude, der beraubt und halbtot in der W\u00fcste liegt, muss akzeptieren, dass einer, der nicht seiner Volks\u2013 und Glaubensgemeinschaft angeh\u00f6rt, ja, von ihr feindlich angesehen und verachtet wird, sein Leben rettet. Jesus macht damit klar: Du kannst in eine Situation kommen, in der du dir den nicht aussuchen kannst, der dir hilft, in der es ohne die Feindesliebe, die der Samariter praktiziert, keine Lebensrettung g\u00e4be. Du musst dann deinen Feind als N\u00e4chsten akzeptieren! Die Erfahrung, dass wirkliche N\u00e4chstenliebe auch Feindesliebe einschlie\u00dft, rei\u00dft die Grenzen ein, die um den Begriff des N\u00e4chsten gezogen werden. Damit ist das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter die praktische Anwendung des Gebotes der Feindesliebe, das Jesus in der Bergpredigt verk\u00fcndigt, wo es hei\u00dft: \u201eIhr habt geh\u00f6rt, dass gesagt ist: Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und bitte f\u00fcr die, die euch verfolgen. So werdet ihr Kinder eures Vaters in den Himmeln sein!\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich gefragt w\u00fcrde: K\u00f6nnen Sie sich ein Beispiel aus der Neuzeit vorstellen, dass dem entspricht, dass jemand, der als Feind oder als Fremder gegolten hat, sich unerwartet als N\u00e4chster erweist, so w\u00fcrde ich auf die Situation in Deutschland nach dem Zusammenbruch 1945 hinweisen: Unser Land lag nach dem Krieg, der von ihm ausgegangen war, vollkommen am Boden. Die Feindbilder gegen\u00fcber den Franzosen, den Engl\u00e4ndern, den Amerikanern, den Russen, mit denen die vermeintliche Notwendigkeit des Totalkrieges gerechtfertigt wurde, besetzten noch immer das Bewusstsein vieler Deutscher. Und dann gab es Menschen und besonders auch kirchliche Gruppen besonders in Amerika, die mit Care Paketen und Hilfsma\u00dfnahmen halfen, schlimmste N\u00f6te zu lindern \u2013 trotz der selbst erfahrenen Verluste und Verletzungen. Das wurde der Anfang der Vers\u00f6hnung nach all dem Leid.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein uns zeitlich noch n\u00e4her liegendes Beispiel ist f\u00fcr mich der von Ausl\u00e4nderhass getriebene Brandanschlag auf das Haus der t\u00fcrkischen Familie Genc in Solingen im Jahr 1993, bei dem 5 Mitglieder der Familie ums Leben kamen. Trotzdem bem\u00fchte sich Mevl\u00fcde Genc, die Mutter, Gro\u00dfmutter und Tante der Ermordeten in den Jahren nach den Morden immer wieder um die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vers%C3%B6hnung\">Vers\u00f6hnung<\/a> zwischen der Bev\u00f6lkerung Solingens und ihrer Familie beziehungsweise der t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Bev\u00f6lkerung in der Stadt, und zwar so \u00fcberzeugend und nachhaltig, dass ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zu lernen und zu erfahren, dass Feinde Freunde werden k\u00f6nnen, dass sie als \u201eN\u00e4chste\u201c erkannt werden, ist ein Prozess, der sich als notwendig, lebensnotwendig erweisen kann, wenn unsere Gesellschaft und unsere V\u00f6lker nicht noch mehr in Lager und Feindlichkeiten auseinanderdriften sollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie wird es sein, wenn die Waffen in der Ukraine, wie wir alle sehnlich hoffen, endlich schweigen? Wird es da zu Auss\u00f6hnungen kommen? Und werden die Religionsgemeinschaften sich uneigenn\u00fctzig daran beteiligen? Dass das m\u00f6glich wird, kann ich nur als Hoffnung aussprechen. Gegenw\u00e4rtig k\u00f6nnen wir nur sagen, dass das sehr schwer sein wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und nun kommt noch die zweite, die uns vertrautere Perspektive des Gleichnisses. Nachdem der Schriftgelehrte erkannt hat, dass es der Samariter ist, der sich hier als der N\u00e4chste erwiesen hat, sagt Jesus nun zum zweiten Mal: \u201eTu das!\u201c Er ermuntert den Schriftgelehrten: \u201eSo geh hin und tu desgleichen!\u201c Er k\u00f6nnte auch sagen: \u201eWerde so wie dieser Samariter!\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist die zweite, un\u00fcberholte Botschaft des Gleichnisses \u2013 und sie gilt uns heute ebenso wie damals dem Schriftgelehrten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn wie viele Hilfsbed\u00fcrftige, Kranke, Heimatlose und unter die R\u00e4uber Gefallene gibt es gegenw\u00e4rtig in der N\u00e4he und noch mehr in der Ferne: 80 Millionen Menschen gegenw\u00e4rtig auf der Flucht, Millionen unter den Folgen von Naturkatastrophen Leidende.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist ein gro\u00dfes Potential unseres Landes, dass wir viele Organisationen, Gruppen und Einzelne haben, die sich f\u00fcr das Wohl derer, die in besonderer Not sind, einsetzen. Oft erreichen uns von vielen Seiten her Bitten, bei denen wir nicht allen folgen k\u00f6nnen. Aber wenn wir uns wenigstens an einer Stelle gut informieren und unsere Kr\u00e4fte einsetzen, ist das ein Zeichen, das Hoffnung setzt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In unserer Stadt Goslar gibt es den Verein \u201eLeben in der Fremde\u201c, der an den Schicksalen von Einzelnen und Familien teilnimmt, die aus der Fremde zu uns gekommen sind. Da gibt es notwendige G\u00e4nge zu den Beh\u00f6rden, zu den \u00c4rzten, die Frage nach der Wohnunterbringung (Welcher Vermieter nimmt gerne gleich eine schwarze Familie?).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer den Wegen derer nachgeht, die aus schlimmster Not und \u00fcber schwierigste Wege zu uns gekommen sind, den kann ihr Schicksal nicht beruhigt lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nat\u00fcrlich ist es eine notwendige und ganz schwierige Aufgabe, an den Wurzeln von Not und Vertreibung zu arbeiten. Das geht nicht ohne politischen und wirtschaftlichen Einsatz auf ganz verschiedenen Ebenen \u2013 und gegen\u00fcber dem Terror wohl auch nicht ohne milit\u00e4rischen Einsatz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber die Priorit\u00e4t des menschenw\u00fcrdigen Umgangs und das Ziel, dass aus Feinden Freunde werden k\u00f6nnen, muss immer gewahrt bleiben. Jesus selbst hat es uns vorgelebt und es f\u00fcr uns gelebt, und er sagt uns auch heute: \u201eWas ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Br\u00fcdern und Schwestern, das habt ihr mir getan.\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p>Liedempfehlungen (EG): 295 (Wohl denen, die da wandeln), 604 (Wo ein Mensch Vertrauen gibt) 612 (Herr, gib mir Mut zum Br\u00fccken bauen), 613 (Liebe ist nicht nur ein Wort)<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes@laehnemann.de\">johannes@laehnemann.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Vorsitzender der N\u00fcrnberger Regionalgruppe der <em>Religionen f\u00fcr den Frieden<\/em>, Mitglied am Runden Tisch der Religionen in Deutschland und Mitglied der internationalen Kommission <em>Strengthening Interreligious Education <\/em>der internationalen Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Predigt wird im Gottesdienst der St. Stephani-Kirche in Goslar gehalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Feind als N\u00e4chster | 13. Sonntag nach Trinitatis | 11.09.2022 | Lk 10,25-37 |\u00a0Johannes L\u00e4hnemann | 25 Und siehe, ein Schriftgelehrter stand auf, stellte ihn auf die Probe und sprach: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? 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