{"id":13264,"date":"2022-09-14T15:00:44","date_gmt":"2022-09-14T13:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=13264"},"modified":"2022-09-14T14:58:14","modified_gmt":"2022-09-14T12:58:14","slug":"johannes-51-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-51-15\/","title":{"rendered":"Johannes 5,1-15"},"content":{"rendered":"<h3>14. Sonntag nach Trinitatis | 18.09.2022 | Joh 5,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Christiansen |<\/h3>\n<p>Da kommt ein Weg, wo kein Weg ist.<\/p>\n<p>Wenn sich unsere Augen m\u00fcde gestarrt haben auf den Weg in die Zukunft, an die wir geglaubt haben und die sich einfach nur f\u00fcr uns verschlie\u00dft in Trauer oder Verlust oder weil das Leben pl\u00f6tzlich ganz anders wurde als wir gedacht hatten \u2013 wenn unsere eigene Hoffnung vergeblich ist, dann schafft Gott unerwartet einen neuen Weg. Einen Weg durch das hindurch, von dem wir niemals glaubten, dass wir das \u00fcberstehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Davon erz\u00e4hlt die Geschichte aus dem Alten Testament von den Israeliten, die gefangen waren zwischen Pharao und seinen Kriegern und dem Roten Meer und die keinen anderen Ausweg sahen als den zur\u00fcck in die Knechtschaft in \u00c4gypten. Pl\u00f6tzlich \u00f6ffnete sich das Meer. Der unm\u00f6gliche Weg wurde der Weg in die Zukunft.<\/p>\n<p>Und so ist die Geschichte vom lahmen Mann am Teich Betesda, der 38 Jahre lang auf den einzigen Weg gestarrt hatte, von dem er tr\u00e4umen konnte. Dass er sich eines Tages selbst zum Mirakel der Heilung hinscheppen konnte. Aber das kann er nicht. Das geschieht nicht. Stattdessen geschieht etwas anderes. Der Weg kommt selbst zu ihm. Ein Mensch, der zu ihm spricht und ihn dazu bringt, sich zu erheben.\u00a0 \u201eSteh auf, nimm dein Bett und geh!\u201c<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung von dem lahmen Mann k\u00f6nnen wir sowohl als Spiegel h\u00f6ren als auch als ein Licht. Als einen Spiegel in dem Sinne, dass es von uns selbst handelt, von unserem Leben \u2013 und als ein Licht in der Weise, dass es von Jesus handelt und was er bedeutet, nicht nur f\u00fcr jeden einzelnen von uns, sondern f\u00fcr die Welt und f\u00fcr die ganze Geschichte.<\/p>\n<p>Wenn wir es als einen Spiegel h\u00f6ren, dann f\u00e4llt es nicht schwer, sich in die Lage des lahmen Mannes zu versetzen. Ein Mann, der sich verzweifelt danach sehnt, wie andere Menschen zu werden und ein Leben zu bekommen. Deshalb liegt er da am Teich Betesda und richtet seine Augen mit starrem Blick auf das Wasser, das er nicht erreichen kann. D er Teich Betesda war eine Art Heilungszentrum mit besonders heilendem Wasser. F\u00fcr einige.<\/p>\n<p>Da hat der lahme Mann 38 Jahre lang am Rade des Lebens gelegen, mit der Aussicht auf Gl\u00fcck und Heilung, die stets anderen zuteilwurde. Unten am Teich schnurrt das Gl\u00fccksrad lustig, das Wasser kommt in Bewegung, und der Gl\u00fcckliche, der zuerst hinabkommt zu dem Wirbel, dessen Lottozahl gezogen wird, der ist der Gewinner \u2013 <em>the winner takes it all. <\/em>Und da sind stets unendlich viele Verlierer. Der Lahme verliert jedes Mal, und er wei\u00df es. Er kann das Wasser nicht mit eigener Hilfe erreichen, und andere Hilfe hat er nicht, aber er kann auch nicht mit eigener Hilfe diesen grausamen Ort verlassen, das sogenannte Haus der Barmherzigkeit. Er ist gefangen, wie die Israeliten, zwischen der versklavenden Vergangenheit und einer Zukunft, die sich nicht \u00f6ffnen will.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich steht da ein Mann an seiner Seite \u2013 nach 38 Jahren \u2013 und fragt ihn, ob er gesund werden will.<\/p>\n<p>Diese eine Frage kann verschieden ausgelegt werden, wenn wir die Geschichte erz\u00e4hlen. Oft legt man das Gewicht auf das erste Wort, und dann ist es pl\u00f6tzlich eine Geschichte davon, dass der Lahme in Wirklichkeit nicht gesund werden will. Er will sich nur vom Leben fernhalten und die Verantwortung nicht auf sich nehmen, aber Jesus ruft ihn auf, das Leben zu wollen. Diese Gewichtung passt gut zu unserer verbreiteten liberalistischen Moral, die besagt, dass jeder seines eigenen Gl\u00fcckes Schmied ist und dass es in irgendeinem Sinne die eigene Schuld des Mannes ist, dass er da 38 Jahre lang liegt, weil er offenbar nicht genug Willen hat. Er hat nicht genug Willen gezeigt. \u201eWenn du nur willst, hast du Erfolg\u201c, und: \u201eGott hilft dem, der sich selbst hilft\u201c und \u00e4hnliche Weisheiten.<\/p>\n<p>Das Problem mit dieser Betonung des Willens ist, dass dabei leicht der Verdacht entsteht, dass man sich auf andere bezieht als sich selbst: Die anderen sind es, die nicht richtig wollen, die nicht vom Leben ergriffen sind und die Sache nicht selbst in die Hand nehmen. Aber nicht alles kann der Wille \u00fcberwinden. Es gibt Krankheit, Trauer und Schuld, Dinge, die man getan und gesagt hat, oder Verletzungen, die man erlitten hat, die ich nicht ohne weiteres abwischen kann, indem ich sage: \u201eIch will\u201c. Ich <em>will<\/em>, dass ich nicht krank bin, ich <em>will,<\/em> dass ich den, den ich liebe, nie verletzt und sein Leben zerst\u00f6rt habe, ich <em>will<\/em>, dass ich meine Kinder nie vers\u00e4umt habe, ich <em>will<\/em> eine andere Geschichte haben, ich <em>will<\/em>, dass er mich lieben soll &#8211; ich <em>will<\/em> \u2013 nicht sterben.<\/p>\n<p>Da sind Zust\u00e4nde, und das sind die grundlegendsten im Leben, wo es nicht gen\u00fcgt zu wollen, wo es direkt gleichg\u00fcltig ist, was ich will oder nicht will: Geburt und Tod, Krankheit und Heilung, die Liebe und die Vergebung eines anderen.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass Jesus den Ton auf das <em>Wollen<\/em> gelegt hat (wenn das \u00fcberhaupt im Aram\u00e4ischen, der Sprache Jesu, betont werden kann). Eher liegt der Ton auf <em>gesund<\/em>&#8211; als ein Angebot, das was der Mann nicht aus eigener Kraft oder eigenem Willen erlangen kann.<\/p>\n<p>Der lahme Mann aber kann nur die Frage als eine Frage nach seinem eigenen Willen oder seinen M\u00f6glichkeiten h\u00f6ren. Er hat auf das gestarrt, was er nicht kann, und er wei\u00df, dass es gleichg\u00fcltig ist, was er will oder nicht will. Deshalb gibt er Jesus die Antwort: \u201eHerr, ich habe keinen Menschen, der mich an den Teich bringt\u201c. Und vielleicht ist das auch sein innerster Schmerz. Nicht die L\u00e4hmung, nicht die 38 Jahre mit dem festen Blick auf die Bewegung des Wassers, sondern dass er keinen Menschen hat. Keiner will ihm helfen.<\/p>\n<p>Wenn Jesus nun die Spielregeln befolgt h\u00e4tte, h\u00e4tte er ihn unter den Arm genommen und daf\u00fcr gesorgt, dass er das n\u00e4chste Mal der erste sein wird. Aber Jesus bricht die Spielregeln und schafft einen anderen Weg. Und deshalb ist die Heilung, die geschieht, nicht ein Mirakel \u2013 die Mirakel geschehen unten am Teich in voller medialer \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Jesus kommt ganz sanft von einer unerwarteten Seite und beginnt ein Gespr\u00e4ch, das zu neuem Leben f\u00fchrt. Die Heilung des Lahmen ist eine neue Sch\u00f6pfung \u2013 ein Wort aus einer anderen Welt, ein Wort, das schafft, was es sagt: \u201eSteh auf, nimm dein Bett und geh\u201c. Das ist ein Sch\u00f6pferwort.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von dem, was der Lahme glaubt oder will oder kann oder hat.<\/p>\n<p>Auf dieses Wort hin steht er auf und nimmt sein Bett.<\/p>\n<p>Hier ist die Geschichte nicht mehr Spiegel f\u00fcr uns, sondern Licht.\u00a0 Denn Johannes, der Erz\u00e4hler der Geschichte, sorgt daf\u00fcr, dass wir die Worte: \u201eNimm dein Bett und geh\u201c h\u00f6ren, denn sie erscheinen drei Mal in der Erz\u00e4hlung. Das ist weil wir h\u00f6ren sollen, dass diese Worte nicht nur einem bestimmten Mann gelten, dem in einem anderen Sinn Gl\u00fcck widerfuhr \u2013 sondern Worte, die uns gelten. Steh auf, nimm dein Bett und geh.<\/p>\n<p>Das sind Worte wie \u201eSteh auf\u201c, \u201eWerde Licht\u201c, \u201eSei guten Muts\u201c, \u201eF\u00fcrchte dich nicht\u201c, \u201eFriede sei mit dir\u201c. Worte, die wir uns nicht selbst sagen k\u00f6nnen, sondern die wir h\u00f6ren m\u00fcssen, von anderen gesagt, und in allen Dingen von Gott. Wir sind darauf getauft, dass diese Worte uns gelten, denn die Taufe bedeutet, dass wir in die Geschichte Jesu und das Gespr\u00e4ch mit ihm unser ganzes Leben lang einbezogen sind \u2013 sowohl in den Zeiten, wo wir gesund sind und viele Lasten tragen k\u00f6nnen, als auch in den Zeiten, wo wir wie der lahme Mann daliegen, gel\u00e4hmt vom Leben, von Trauer, von Schuld.<\/p>\n<p>Immer klingt es still und stetig: \u201eSteh auf, nimmt dein Bett und geh\u201c. Nicht weil du kannst, sondern weil Gott will. Da ist immer ein Bett, dass getragen werden soll. F\u00fcr den lahmen Mann waren das seiner Erinnerungen an 38 Jahre L\u00e4hmung \u2013 aber es war auch Leben. F\u00fcr uns andere kann das die Vergangenheit sein, Erinnerung an das, was war, wonach wir uns zur\u00fccksehnen, und das, was wehtut. Das schlechte Gewissen \u00fcber das, was wir vers\u00e4umt haben, und das war wir falsch gemacht haben, und die Furcht davor, das alles zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Das geh\u00f6rt dazu, aber wir sind nicht mehr daran gebunden darin zu bleiben. Wir k\u00f6nnen unsere Vergangenheit mit in eine neue Zukunft tragen. Wir k\u00f6nnen erhobenen Hauptes gehen und am Leben als freie Menschen teilhaben.<\/p>\n<p>F\u00fcr jeden Menschen, der getauft worden ist, beten wir: Der Herr bewahre deinen Eingang und Ausgang von nun an bis in Ewigkeit\u201c. Der Herr wird mit dir sein auf deinen Wegen, wo sie\u00a0 auch hinf\u00fchren -ein und aus hinauf und hinab \u2013 und wenn sie einmal an das Rote Meer kommen, das Tod hei\u00dft, und wie keinen Ausweg mehr sehen, gerade dann steht Jesus an unserer Seite und sagt: \u201eF\u00fcrchtet euch nicht, ich bin mit dir alle Tage bis an das Ende der Welt. Deshalb: Erhebe dich, steh auf und werde Licht\u201c. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Bisch\u00f6fin Marianne Christiansen<\/p>\n<p>Ribe Landevej 37<br \/>\n6100 Haderslev<\/p>\n<p>Email: mch(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis | 18.09.2022 | Joh 5,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Marianne Christiansen | Da kommt ein Weg, wo kein Weg ist. 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