{"id":13488,"date":"2022-09-21T07:59:31","date_gmt":"2022-09-21T05:59:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=13488"},"modified":"2022-11-12T11:37:19","modified_gmt":"2022-11-12T10:37:19","slug":"galater-525-610","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/galater-525-610\/","title":{"rendered":"Galater 5,25-6,10"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Frei | 15. Sonntag nach Trinitatis | 25.09.2022 | Gal 5,25-6,10 | Silja Keller |<\/h3>\n<h4 style=\"font-weight: 400;\"><u>Paulus, oder Gef\u00e4ngnismauern st\u00fcrzen ein<\/u><\/h4>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus und Silas singen, die Erde bebt, Gefangene werden befreit, ein Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter findet statt des Todes neuen Glauben. Was ihr heute von der Cevi-<a href=\"applewebdata:\/\/3F4658AC-88AB-4FE1-ACC8-C68144FABB8D#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>Gruppe gesehen habt, ist eine Szene aus Paulus&#8216; Leben. Es ist ein bewegtes Leben, das von Paulus. Vom j\u00fcdischen religi\u00f6sen Fanatiker, der Menschen wegen ihres Glaubens umgebracht hat, wird er zum Christusgl\u00e4ubigen, der Demut predigt. Paulus wird befreit. Nicht nur aus dem Gef\u00e4ngnis, sondern auch aus seinen starren Glaubenss\u00e4tzen, seinen Gedankengebilden, die ihn gefangen nehmen. Und weil er diese Freiheit in sich sp\u00fcrt, erz\u00e4hlt er allen von Jesus und seiner Botschaft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Engagement f\u00fcr seinen Glauben bringt Paulus immer wieder in Bedr\u00e4ngnis. Er wird verfolgt, verhaftet, angespuckt, eingekerkert. Er wird seiner Freiheit beraubt und erz\u00e4hlt trotzdem allen von der grossen Freiheit, die er in Christus gefunden hat. Im Brief an die Galater, aus dem ich sp\u00e4ter einen Ausschnitt vorlesen werde, schreibt er: \u00abZur Freiheit seid ihr berufen!\u00bb Oder anders gesagt: Die Freiheit soll euer Leben durchdringen. Die Fesseln der Vergangenheit k\u00f6nnen euch nicht mehr halten. Ihr seid frei!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was er erz\u00e4hlt, bewegt die Menschen zutiefst. Viele stellen ihr Leben auf den Kopf, gr\u00fcnden Gemeinden und feiern ihren neuen Glauben mit Menschen, mit denen sie sonst wohl nie etwas zu tun gehabt h\u00e4tten.<\/p>\n<h4 style=\"font-weight: 400;\"><u>Problem Kaiserkult und Beschneidung<\/u><\/h4>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine dieser Gemeinden befindet sich in Galatien. Galatien lag in Kleinasien, dem heutigen Gebiet der T\u00fcrkei. Paulus war w\u00e4hrend seiner Missionsreise dort und hat von Jesus und der Freiheit, die er schenkt, erz\u00e4hlt. Daraus ist eine neue Gemeinde entstanden, die diese Freiheit f\u00fcr sich annahm. Gerade ist Paulus aber nicht gut auf sie zu sprechen. Er schreibt ihnen einen scharfen Brief. Den Brief an die Galater. Genau die von Paulus gepredigte Freiheit steht n\u00e4mlich auf dem Spiel. Judenchristliche Lehrer, also Christen mit einem j\u00fcdischen Hintergrund, behaupten, dass man nur richtig zu Christus geh\u00f6ren kann, wenn man sich nach j\u00fcdischer Manier beschneiden l\u00e4sst. Diese Auffassung wurde von der Gemeinde in Galatien aufgenommen und heftig diskutiert. Ausgangslage dazu war, dass es zu jener Zeit f\u00fcr alle, ausser f\u00fcr j\u00fcdische Menschen, verpflichtend war, den Kaiser zu verehren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Christinnen und Christen standen dem sehr kritisch gegen\u00fcber. F\u00fcr sie war klar: Ihr einziger Herr ist Christus und nicht der Kaiser. Doch es war gef\u00e4hrlich, sich gegen diese Regelung des Kaiserkults aufzulehnen. Die Beschneidung bot hier eine kreative L\u00f6sung: Mit der Beschneidung w\u00e4re man in den Augen der Obrigkeit j\u00fcdisch und m\u00fcsste so dem Kaiser nicht mehr huldigen.<\/p>\n<h4 style=\"font-weight: 400;\"><u>Zur Freiheit seid ihr berufen<\/u><\/h4>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus stellt sich explizit gegen diese L\u00f6sung. Mit der Beschneidung m\u00fcsse man sich an alle j\u00fcdischen Gesetze halten. Dies sei aber f\u00fcr Heidenchristinnen und -christen nicht n\u00f6tig. Sie seien frei in Christus und diese Gesetze g\u00e4lten f\u00fcr sie sie nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zwischen den Zeilen des Briefes liest man, wie Paulus die Galater und Galaterinnen zum zivilen Ungehorsam aufruft. Er sagt: W\u00e4hlt den richtigen Weg, nicht den einfacheren. Seid Christinnen und Christen und huldigt dem Kaiser nicht. Orientiert euch an Christus, denn nichts soll euch mehr einsperren. Ihr seid frei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber was heisst das frei sein? wie sieht ein Leben in Freiheit aus? Was denkt ihr? Ist frei, wenn ihr die eigene Zeit frei einteilen k\u00f6nnt? Ist es, dass ihr euren Glauben ohne Probleme aus\u00fcben d\u00fcrft? Ist es die M\u00f6glichkeit in praktisch alle L\u00e4nder reisen zu k\u00f6nnen? Oder ist Freiheit unter freiem Himmel, am Lagerfeuer mit Wind in den Haaren zu zelten?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie lebt es sich, wenn man frei ist? \u2013 F\u00fcr Paulus ist klar: Man lebt durch den Geist Gottes. Im Einklang mit ihm. Ich lese euch aus Galater 5,25-6, 10:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00abWenn wir im Geist leben, wollen wir uns auch am Geist ausrichten. 26 Lasst uns nicht eitlem Ruhm nachjagen, einander nicht reizen, einander nicht beneiden!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Liebe Br\u00fcder und Schwestern: Auch wenn jemand bei einem Fehltritt ertappt wird, so sollt ihr, die ihr vom Geist bestimmt seid, den Betreffenden im Geist der Sanftmut zurechtbringen &#8211; doch gib acht, dass nicht auch du in Versuchung ger\u00e4tst! Tragt einer des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erf\u00fcllen. Denn wer meint, etwas zu sein, obwohl er nichts ist, der betr\u00fcgt sich. Jeder aber pr\u00fcfe sein eigenes Werk! Dann wird er nur im Blick auf sich selbst Grund haben, sich zu r\u00fchmen &#8211; und nicht im Blick auf den anderen, denn jeder wird seine eigene B\u00fcrde zu tragen haben. Wer aber im Wort unterrichtet wird, lasse den, der ihn unterrichtet, an allen G\u00fctern teilhaben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>T\u00e4uscht euch nicht: Gott l\u00e4sst sich nicht verh\u00f6hnen! Denn was ein Mensch s\u00e4t, das wird er auch ernten. Wer auf sein Fleisch s\u00e4t, wird vom Fleisch Verderben ernten, wer aber auf den Geist s\u00e4t, wird vom Geist ewiges Leben ernten. Im Tun des Guten wollen wir nicht m\u00fcde werden, denn zu gegebener Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht ermatten. Darum lasst uns, solange wir noch Gelegenheit haben, allen Menschen Gutes tun, am meisten aber denen, die mit uns im Glauben verbunden sind.\u00bb<\/em><\/p>\n<p><u>Sarx &#8211; Was man s\u00e4t, wird man ernten<\/u><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus beschreibt das Leben in Freiheit als ein Leben in der Gemeinschaft. Es ist ein Leben in Auseinandersetzung mit meinem N\u00e4chsten, meiner N\u00e4chsten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieses Zusammenleben soll vom Geist und nicht vom Fleisch bestimmt sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fleisch. Welche Bilder tauchen vor euren Augen auf, wenn ihr Fleisch h\u00f6rt? \u2013 Ich sehe ein blutiges Steak vor mir. Oder es kommen mir mittelalterliche Bilder in den Sinn von sexuell aktiven Menschen, die in der H\u00f6lle schmoren. F\u00fcr mich als Vegetarierin ist das erste Bild eher abstossend. Das zweite Bild befremdet mich als modernen Menschen. Ich bin \u00fcberzeugt, dass verantwortungsbewusste Sexualit\u00e4t zum Menschen dazugeh\u00f6rt und nicht verteufelt werden sollte. Aber spricht Paulus von diesen Bildern hier?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich glaube, Paulus meint weder das eine noch das andere. Mit Fleisch sind vielmehr die unerl\u00f6sten Kr\u00e4fte der Welt gemeint: Egoismus. Sich nur um sich selbst k\u00fcmmern. Die anderen nicht im Blick haben. Neidisch und missg\u00fcnstig sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zum Ausdruck Fleisch geh\u00f6ren die S\u00e4tze: \u00abEs ist so \u00fcblich.\u00bb; \u00abDas haben wir schon immer so gemacht.\u00bb; \u00abJeder muss f\u00fcr sich selbst schauen.\u00bb. Es sind S\u00e4tze, die Leben und Handeln ohne Nachdenken f\u00f6rdern. S\u00e4tze, die bequem sind f\u00fcr die, die schon immer privilegiert waren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer aus dem Fleisch handelt, meint etwas zu sein, obwohl er nichts ist. Er vergleicht sich mit den anderen und f\u00fchlt sich besser als sie. Vielleicht gerade so, wie wenn ein Judenchrist den Heidenchristen die Beschneidung vorschreibt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn eine aus dem Fleisch lebt, schliesst sie die Augen vor Missst\u00e4nden, die sie selbst nicht pers\u00f6nlich treffen. Und in dem giftigen Klima, das so entsteht, muss der Mensch, der aus dem Fleisch lebt, \u00fcberleben. Er erntet, was er s\u00e4t.<\/p>\n<h4 style=\"font-weight: 400;\"><u>Ein neuer geistlicher Lebensstil<\/u><\/h4>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Geist. Auch wer aus dem Geist s\u00e4t, wird ernten. Doch was heisst den eigentlichen Geist? Ist damit ein Gespenst gemeint? Oder meine Vernunft, mein Verstand?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paulus spricht vom g\u00f6ttlichen Geist. Vom Geist, der ewiges Leben gibt, der Kraft, durch die Gott in unserer Welt wirkt. Wer durch den Geist Gottes lebt, weiss: Vor Gott sind wir alle gleich. Niemand ist wichtiger. Weder der B\u00e4cker noch die Bundesr\u00e4tin, weder ihr noch ich. Vor Gott sind wir alle gleich, alle gleich wertvoll, alle gewollt, alle geliebt. Das heisst, dass wir uns nicht mit anderen vergleichen m\u00fcssen. Wer auf Gottes Seite steht, f\u00fcr den, f\u00fcr die, wird gesorgt. Diese Gewissheit gibt uns einen festen Grund. Wir k\u00f6nnen realistisch auf uns selbst schauen und uns fragen: Was kann ich eigentlich gut? Worauf darf ich stolz sein? \u2013 ohne mich mit anderen zu vergleichen. Und wo sind meine Fehler? Welche Lasten muss ich selbst tragen, da ich sie verursacht habe? Kann ich dort Verantwortung f\u00fcr mich selbst \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wo, darf ich mich in den Dienst von meinen Mitmenschen stellen? Wo ist mein Rat gefragt? Mein Mittragen? Mein geduldiges Aushalten von Schw\u00e4chen der anderen? Wie kann ich da sein f\u00fcr meine N\u00e4chsten?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich realistisch auf mich blicke, sehe ich meine St\u00e4rken und meine Schw\u00e4chen. Und wenn ich mir meiner Schw\u00e4chen und Fehler bewusst bin, f\u00e4llt es mir leichter, auch das Versagen meiner Mitmenschen zu ertragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Geht es euch auch so, dass ihr versucht, den christlichen Glauben zu leben und doch immer wieder daran scheitert? Wie heilsam ist es, wenn wir unsere Lasten gegenseitig tragen. Das Versagen des anderen anteilnehmend, liebevoll ertragen und selbst in unserem Scheitern getragen werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie sch\u00f6n w\u00fcrde eine Welt aussehen, die nicht von Konkurrenzdenken geleitet wird? Was f\u00fcr eine wunderbare Atmosph\u00e4re muss in einer Gemeinde sein, die versucht, sich das Leben gegenseitig leichter zu machen?<\/p>\n<h4 style=\"font-weight: 400;\"><u>Rosch-Ha-Schanah<\/u><\/h4>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Inspiration, wie dies gehen k\u00f6nnte, finde ich im Judentum. W\u00e4hrend einer bestimmten Zeit im Jahr stehen bei ihnen Vergebung und Vers\u00f6hnung ganz besonders im Zentrum. Diese Zeit beginnt morgen mit Rosch-Ha-Schanah, dem j\u00fcdischen Neujahrstag. Zehn Tage sp\u00e4ter, an Jom Kippur dem grossen Vers\u00f6hnungstag, endet sie. In dieser Zeit glauben Juden und J\u00fcdinnen, dass Gott f\u00fcr sie das Geschick des n\u00e4chsten Jahres festschreibt. Der Klang des Widderhorns, des Schofars, den man \u00fcberall um j\u00fcdische Gemeinden und auf den Strassen h\u00f6rt, erinnert sie daran. Sie nehmen sich Zeit, \u00fcberdenken das vergangene Jahr und ihre Taten. Viele stehen in diesen Tagen ein f\u00fcr ihre Fehler, vergeben und vers\u00f6hnen sich. Damit tragen sie bei zu einer liebevolleren Gemeinschaft unter den Menschen und gleichzeitig vertiefen sie ihre Beziehung zu Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer f\u00fcr die eigenen Fehler einsteht, sich entschuldigt und vergibt, der wird f\u00fcrs n\u00e4chste Jahr ins Buch des Lebens eingeschrieben. Es ist ein Streben danach, sich gegenseitig die Lasten zu tragen, einander das Leben leichter zu machen und in seiner F\u00fclle zu geniessen. Diese Haltung zwischen Rosch-Ha-Schanah und Jom Kippur, diese Haltung, die Paulus der Gemeinde in Galatien w\u00fcnscht, die m\u00f6chte ich ein\u00fcben. Immer mehr. Macht ihr mit? \u2013 denn wir sind zur Freiheit berufen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Silja Keller, geb. 1990, Pfarrerin der reformierten Kantonalkirche Z\u00fcrich. Seit 2021 t\u00e4tig als Pfarrerin in der reformierten Kirche Fehraltorf. Die Predigt wurde gehalten in einem Gottesdienst, in dem der Cevi mit einem Theater zu <em>Paulus und Silas im Gef\u00e4ngnis<\/em> mitwirkte. Darauf beziehen sich die einleitenden S\u00e4tze der Predigt.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Silja Keller<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fehraltorf<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:silja.keller@kirche-fehraltorf.ch\">silja.keller@kirche-fehraltorf.ch<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/3F4658AC-88AB-4FE1-ACC8-C68144FABB8D#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Cevi Schweiz ist Teil der europ\u00e4ischen und weltweiten Cevi-Verb\u00e4nde YMCA und YWCA.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frei | 15. Sonntag nach Trinitatis | 25.09.2022 | Gal 5,25-6,10 | Silja Keller | Paulus, oder Gef\u00e4ngnismauern st\u00fcrzen ein Paulus und Silas singen, die Erde bebt, Gefangene werden befreit, ein Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter findet statt des Todes neuen Glauben. Was ihr heute von der Cevi-[1]Gruppe gesehen habt, ist eine Szene aus Paulus&#8216; Leben. 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