{"id":13497,"date":"2022-09-21T08:39:23","date_gmt":"2022-09-21T06:39:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=13497"},"modified":"2022-09-21T08:39:23","modified_gmt":"2022-09-21T06:39:23","slug":"galater-525-610-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/galater-525-610-2\/","title":{"rendered":"Galater 5,25 \u2013 6,10"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Frei von und zu | 15. Sonntag nach Trinitatis | Gal 5,25 \u2013 6,10 | Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich hingegeben hat um unserer S\u00fcnden willen, um uns herauszureissen aus der gegenw\u00e4rtigen b\u00f6sen Weltzeit nach dem Willen Gottes, unseres Vaters. (Gal 1, 3f)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anders. Ja, mehr als anders. Regelrecht fremd kommt mir vor, was Paulus hier in diesem Abschnitt im Galaterbrief schreibt, der als Predigttext vorgesehen ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Christinnen und Christen, die anders sind, als alles, was ich kenne.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So sind wir, schreibt er allerdings. So seid ihr, liebe Br\u00fcder und Schwestern:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Wenn wir im Geist leben, wollen wir uns auch nach dem Geist ausrichten.\u00a0<\/em><em>Lasst uns nicht eitlem Ruhm nachjagen, einander nicht reizen, einander nicht beneiden!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Liebe Br\u00fcder und Schwestern: auch wenn jemand bei einem Fehltritt ertappt wird, so sollt ihr, die ihr vom Geist bestimmt seid, den Betreffenden im Geist der Sanftmut zurechtbringen \u2013 doch gib acht, dass nicht auch du in Versuchung ger\u00e4tst!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Tragt einer des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erf\u00fcllen.\u00a0<\/em><em>Denn wer meint, etwas zu sein, obwohl er nichts ist, der betr\u00fcgt sich.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Jeder aber pr\u00fcfe sein eigenes Werk! Dann wird er nur im Blick auf sich selbst Grund haben, sich zu r\u00fchmen \u2013 und nicht im Blick auf den anderen, denn jeder wird seine eigene B\u00fcrde zu tragen haben. Wer aber im Wort unterrichtet wird, lasse den, der ihn unterrichtet, an allen G\u00fctern teilhaben. T\u00e4uscht euch nicht: Gott l\u00e4sst sich nicht verh\u00f6hnen! Denn was der Mensch s\u00e4t, das wird er auch ernten. Wer auf sein Fleisch s\u00e4t, wird vom Fleisch Verderben ernten, wer aber auf den Geist s\u00e4t, wird vom Geist ewiges Leben ernten. Im Tun des Guten wollen wir nicht m\u00fcde werden, denn zu gegebener Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht ermatten.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Darum lasst uns, solange wir noch Gelegenheit haben, allen Menschen Gutes tun, am meisten aber denen, die mit uns im Glauben verbunden sind.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Fremd ist das. Ja, weltfremd.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber ich muss zugeben, es hat auch was. In dieser Fremdheit weht ein Geist der Freiheit. Freiheit, die wir vielleicht nicht kennen als Realit\u00e4t, aber als Gegenstand unserer Sehnsucht wohl schon.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie w\u00e4re das, befreit zu sein von der Jagd nach Ruhm? Befreit vom Zwang, im Minutentakt nachschauen zu m\u00fcssen wie viel Beachtung ein Instagram-Post gefunden hat. Befreit vom Ringen um Beachtung und Publikum.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie w\u00e4re das, wenn wir es nicht n\u00f6tig h\u00e4tten, einander zu reizen und zu \u00e4rgern? Wieviel Leiden bliebe uns erspart, wenn wir nicht eifers\u00fcchtig abchecken m\u00fcssten, wie gut es der Nachbar hat im Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4re das nicht sch\u00f6n, wenn die Fehltritte eines Menschen nicht an die \u00d6ffentlichkeit gezerrt w\u00fcrden? Nein, nicht unter den Teppich gekehrt, aber gekl\u00e4rt, entschuldigt und beigelegt unter den Betroffenen! Dies w\u00fcrde uns zugleich von unserer Angst befreien, selber ins Visier der richtenden \u00d6ffentlichkeit zur geraten. Oder in einen medialen Shitstorm. Wer ist schon davor gefeit?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie w\u00e4re das, wenn wir noch w\u00fcssten oder gar erleben d\u00fcrften, was Sanftmut ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie w\u00e4re das, wenn der Kollege, die Kollegin zu mir sagen w\u00fcrde: Lass mal, ich \u00fcbernehme das? Wenn im Team nicht akribisch gez\u00e4hlt und verrechnet w\u00fcrde, wer wieviel gearbeitet hat?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und w\u00e4re es nicht sch\u00f6n, wenn ich die Gr\u00f6sse h\u00e4tte, vor meiner T\u00fcre zu kehren?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4re es nicht sch\u00f6n, wenn wir nicht ermattet und ersch\u00f6pft w\u00e4ren, sondern uns immer neu Lebenskraft zuw\u00fcchse.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn wir voll Liebe auf die Kirche und die dazugeh\u00f6ren schauten, auf die Grauen, die wenigen, die im Glauben noch verbundenen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">W\u00e4re das nicht sch\u00f6n? W\u00e4re das nicht attraktiv? Frei zu sein von so vielem, was unser Leben, gerade als Christinnen und Christen, pr\u00e4gt, was uns knechtet und ermattet, ersch\u00f6pft und deprimiert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Freilich, man k\u00f6nnte die Worte des Paulus so lesen: Als Befehl, als Gesetz, oder mindestens als dringende Empfehlung: Wenn es euch ernst ist mit dem Christentum, dann hat das moralische und ethische Folgen. Jagt nicht dem eitlen Ruhm nach. Reizt einander nicht! Seid nicht neidisch!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seid sanftm\u00fctig, auch gegen\u00fcber denjenigen, die einen Fehler gemacht haben. Nehmt die Lasten des anderen auf euch. Bildet euch nichts ein auf euch, auf das, was ihr macht, oder auf eure Person. Tut Gutes! Und denkt immer daran: Die Folgen von Gutem wie Schlechtem sind manchmal erst sp\u00e4ter erkennbar.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So kann man das lesen, was Paulus schreibt. Wenn man Christin oder Christ sein will, gibt es einen gewissen moralischen Druck. Und schon w\u00e4ren wir wieder gefangen, geknechtet vom Kampf, ein guter Christ oder eine gute Christin zu sein. Vielleicht auch unterdr\u00fcckt durch das, was andere denken, was wir sind oder sein sollten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ihr seid doch gut gelaufen! Wer hat euch bloss daran gehindert, euch weiterhin von der Wahrheit bestimmen zu lassen?, <\/em>schreibt der Apostel an einer anderen Stelle in seinem Brief.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir f\u00e4llt dazu ein kleines Beispiel ein: Es gibt Gesellschaftsspiele, die davon leben, dass man den Mitspieler:innen eine Falle stellt oder sie an den Start zur\u00fcckbef\u00f6rdert. \u00abDu als Pfarrerin! Du darfst nicht so gemein sein!\u00bb, so jeweils der einhellige Vorwurf der Spielrunde an mich, wenn ich im Spiel ohne falsche R\u00fccksicht t\u00e4usche und nach Hause schicke und morde, wo es nur geht. Aber der Vorwurf ist nicht berechtigt: Im Spiel muss ich mich nur an die Regeln halten. Sonst nichts. Es gibt keinen moralischen Zwang. Die Regeln machen frei.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und darum pl\u00e4diere ich auch daf\u00fcr, dass wir Paulus anders lesen. Er ist n\u00e4mlich kein Moralapostel. Ganz unaufgeregt stellt er fest: <em>Wenn wir im Geist leben, wollen wir uns auch am Geist festhalten.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Regeln bestimmt der Geist. Und der macht frei. Vor allem frei von sich selbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ach, w\u00e4re das nicht sch\u00f6n? Eine Kirche, die nicht ist wie alle andern, sondern fremd, ja vielleicht sogar weltfremd. Eine Gemeinschaft von freien Menschen. Befreit vom Zwang nach Erfolg. Befreit vom Zwang, etwas darzustellen. Frei von Eifersucht und Neid. Frei, Gutes zu tun. F\u00fcreinander zu schauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Meistens sieht es allerdings anders aus. Kirchen buhlen mit vielen anderen um Aufmerksamkeit. Sie wollen modern sein. Erfolgreich. Gelikt werden. Jedenfalls nicht kleiner werden oder unbedeutend. Trotz grossem Druck und immensem Aufwand will dies nicht so richtig gelingen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und darum sehne ich mich danach, dass wir uns befreien lassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Denn w\u00e4re das nicht sch\u00f6n? Eine Kirche, die nicht ist wie alle andern, sondern fremd, ja vielleicht sogar weltfremd. Eine Gemeinschaft von freien Menschen. Befreit vom Zwang nach Erfolg. Befreit vom Zwang, etwas darzustellen. Frei von Eifersucht und Neid. Frei, Gutes zu tun. F\u00fcreinander zu schauen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass dies nicht attraktiv w\u00e4re. Und mit der Zeit blieben diese Gemeinschaften wohl auch nicht unbeachtet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht so \u00e4hnlich wie damals in der Sp\u00e4tantike, als j\u00fcdische Gemeinden offensichtlich das Interesse nichtj\u00fcdischer Zeitgenossen weckten, der so genannten \u03b5\u1f50\u03c3\u03b5\u03b2\u03ae\u03c2, Gottesf\u00fcrchtigen. Sie waren vom Lebenswandel der J\u00fcdinnen und Juden beeindruckt oder fanden ihr Glaubensleben attraktiv. Waren es deren Ausstrahlung, die Exotik oder die Ethik, die bei den Mitb\u00fcrgern auf Resonanz stiess? Nicht wenige der Gottesf\u00fcrchtigen traten zum Judentum \u00fcber. Und das ohne, dass man sich aktiv um sie bem\u00fchte. Anziehend war wohl, dass diese glaubende Gemeinschaft einfach sich selbst war, frei von Anbiederung und Anpassung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Ort, wo diese Freiheit erinnert und einge\u00fcbt werden wird, ist die christliche Kirche.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihre Ausdauer, ihre Best\u00e4ndigkeit und Gelassenheit sprechen f\u00fcr sich. Und dass sie sich immer wieder befreien l\u00e4sst von sich selbst und zueinander.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Eine solche Kirche spr\u00e4che mich an. Und Sie?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Verena Salvisberg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Merligen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Regionalpfarrerin seit 1. August 2022, vorher Gemeindepfarrerin in Laufenburg und Frick und Roggwil<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frei von und zu | 15. Sonntag nach Trinitatis | Gal 5,25 \u2013 6,10 | Verena Salvisberg | Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich hingegeben hat um unserer S\u00fcnden willen, um uns herauszureissen aus der gegenw\u00e4rtigen b\u00f6sen Weltzeit nach dem Willen Gottes, unseres Vaters. 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