{"id":13655,"date":"2022-09-25T22:00:05","date_gmt":"2022-09-25T20:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=13655"},"modified":"2022-09-27T22:01:05","modified_gmt":"2022-09-27T20:01:05","slug":"johannes-1119-45","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1119-45\/","title":{"rendered":"Johannes 11,19-45"},"content":{"rendered":"<h3>16. Sonntag nach Trinitatis | 02.09.22 | Johannes 11,19-45 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0Von Mikkel Wold |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf seinem Weg nach Jerusalem kommt Jesus in das Haus von Martha und Maria, von den beiden h\u00f6rten wir im Evangelium des letzten Sonntags. Nu war ihr Bruder gestorben, und viele waren gekommen, um die beiden in ihrer Trauer zu tr\u00f6sten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Das erste, was wir in dieser Erz\u00e4hlung h\u00f6ren, ist also der menschliche Trost f\u00fcr die beiden Schwestern. Damals wie heute ist das der Trost, den die meisten vor allem gerne dem Trauernden geben wollen. Das Mitgef\u00fchl ist eine authentische und echte Einstellung, eine Aufforderung, die ganz von selbst den \u00fcberw\u00e4ltigt, der Zeuge einer gro\u00dfen Trauer bei anderen wird. Das geschieht in der Regel ganz ohne Hintergedanken. Sp\u00e4ter, manchmal kurz danach, k\u00f6nnen die Hintergedanken oder Berechnungen oder vielleicht die Zur\u00fcckhaltung eintreffen, aber das unmittelbare Mitgef\u00fchl ist selten etwas anderes als eben die unmittelbare Reaktion.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Den Trauernden zu tr\u00f6sten, das ist nicht immer leicht. Wir reagieren unterschiedlich, und man muss die Unterschiede im Trost beachten. In unserer eigenen Zeit berichten viele davon, dass sie sowohl einen Willen zum Trost erleben, aber auch eine Zur\u00fcckhaltung und eine Distanz zu dem Trauernden, die ich gerade nannte. \u201eSag es mit Blumen\u201c, sagt man ja, aber so viel kann man also auch nicht mit Interflora sagen. Das erfordert eine Gegenwart, die vielen schwerf\u00e4llt. Was soll man dem Trauernden sagen? \u201eHerzliches Beileid\u201c, das ist meist eine Distanz schaffende Wendung. \u201eEs tut mir leid, dass du deinen \u2026 verloren hast\u201c, das w\u00fcrde dem Trauernden viel mehr geben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In den letzten 20 bis 30 Jahren gab es einen recht verbreiteten therapeutisierenden Zugang zur Trauer. Es geht darum, so sagt man, dass man in der rechten Weise reagiert, nicht zu lange, aber auch nicht zu kurz, und zudem sind einige der Meinung, dass eine besondere Art des Weinens zu einer richtigen Reaktion geh\u00f6rt. Dann steht der Trauernde nicht nur mit der Trauer \u00fcber den Verlust da, sondern man muss sich auch daf\u00fcr sch\u00e4men, dass man falsch reagiert, weil man nicht imstande ist, weiterzukommen, wie wir das so oft in unserem hastigen Zugang zu den Dingen sagen, die Zeit brauchen. Viel mehr Zeit als die meisten glauben. Und auch wenn viele Professionelle allm\u00e4hlich diesen auf die Reaktion konzentrierten Zugang verlassen, pr\u00e4gt er noch immer vieles in der modernen Auffassung der Trauer.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr Martha und Maria war die Katastrophe eingetroffen \u2013 ihr Bruder war tot. Deshalb waren viele zu ihnen gekommen, um ihre Anteilnahme zu zeigen. Anteilnahme bedeutet ja eben dies, dass an etwas teilhat, so dass der andere nicht allein dasteht. Anteilnahme bedeutet, dass man mittr\u00e4gt oder dass man den anderen nicht alleinl\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Aber wie wir ja alle gut wissen, da ist ein weiter Weg davon, seine Anteilnahme zeigen zu k\u00f6nnen, hin zu dem, dass man ein ganz erl\u00f6sendes Wort sagen kann. Sie sind da, die Worte, die einen anderen Menschen tr\u00f6sten k\u00f6nnen, und wenn der, der spricht, Erfahrung hat und Liebe, dann kann man viel Gutes und Reiches sagen. Aber dennoch ist der Tod ja f\u00fcr die allermeisten von uns und in den meisten F\u00e4llen eine m\u00e4chtige und ersch\u00fctternde Erfahrung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In dem heutigen Text wird der Tod nicht besch\u00f6nigt. Alles ist tiefe Trag\u00f6die, als Jesus in das Haus der beiden Schwestern kommt. Das ist ein wahrhaft verwunderlicher Bericht, und das Verwunderliche ist nicht nur der Bericht selbst von der Auferweckung des Toten, sondern auch die Beschreibung der Reaktion Jesu. Jesus geriet stark in Bewegung, da steht sogar, dass er in Tr\u00e4nen ausbrach. Es ist nicht selten, dass wir von Reaktionen Jesu h\u00f6ren, aber es ist selten, dass es so ausf\u00fchrlich geschildert wird wie hier.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Aber was ist das dann, was da geschieht? Das Evangelium berichtet, dass Jesus zu ihnen kommt mit dem Reich Gottes. Das ist der Kern in der heutigen Erz\u00e4hlung. Er erkl\u00e4rt ihnen nichts \u00fcber das Mysterium des Todes oder um die Freude daran, der Toten zu gedenken. Er kommt mit dem Reich Gottes, und da, wo dies geschieht, geht es stets um Ver\u00e4nderung. In der Erz\u00e4hlung geschieht dies in einer Weise, die mit unserer modernen Vorstellungswelt in einer denkbar starken Weise zusammenst\u00f6\u00dft. Jesus macht den Toten lebendig. So wird es uns erz\u00e4hlt \u2013 zudem so lebendig, dass es wie der Bericht eines Augenzeugen wirkt, was es sicher auch ist. Wir h\u00f6ren die Worte in dem Bericht, und doch k\u00f6nnen wir das nicht anders als mit kritischen Augen sehen. Damals war es nicht weniger unfassbar als heute, jemanden von den Toten zu erwecken. Das Ganze wird ja ziemlich konkret geschildert, wenn da geradezu gesagt wird, dass der Tote schon anfing zu verwesen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Aber Jesus macht Lazarus lebendig. Durch den Befehl Jesu geschieht Leben, und durch ihn kommt Leben \u2013 auch wo der Tod ias einzige M\u00f6glichkeit zu sein scheint. Manchmal h\u00f6rt man einen spitzfindigen Einwand<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">gegen die Erz\u00e4hlung. Wozu Lazarus lebendig machen, er muss ja dann doch wieder sterben. Da \u00fcbersieht man aber, dass das, was Jesus begegnete, ein ganz ungerechter Tod war, der Tod, der dem jungen Lazarus wiederfuhr. H\u00e4tten die Schwestern \u00fcber den Tod eines alten Menschen getrauert, w\u00e4re eine Auferweckung zweifellos merkw\u00fcrdig gewesen, aber es ist nat\u00fcrlich entscheidend, dass Lazarus kein alter Mann war. Deshalb ist die Auferweckung des Lazarus nicht ein Beweis f\u00fcr irgendetwas oder eine Demonstration der Macht Jesu. Sie ist eine Wohltat. Jesus machte den Toten lebendig. Zugleich sagt er: \u201eWenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen\u201c, und er f\u00fcgt hinzu, dass er das er das um des Volkes willen sagt, \u201edamit sie glauben, dass du mich gesandt hast\u201c, wie da geschrieben steht. Und weiter wird in der Geschichte auf das Wort verwiesen, das Jesus zu Martha sagt: \u201eIch bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich st\u00fcrbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben\u201c. Das ist die Botschaft an uns alle, die verwundert diesen Bericht h\u00f6ren. Ganz gleich, ob wir ihn in einer Situation h\u00f6ren, wo wir verzweifelt sind und trauern, oder ob wir ihn in ruhigeren Perioden unseres Lebens h\u00f6ren, es ist eine bewegende Geschichte, vielleicht einer der bewegendsten Geschichten im Neuen Testament von den Wohltaten Jesu und seiner Macht \u00fcber den Tod. Ganz gleich wo der Tod herrscht, bei Lazarus oder wo auch immer, so gilt, dass mitten in dem, was man das Reich des Todes nennen k\u00f6nnte, kommt Jesus mit der Herrlichkeit Gottes. Mitten in unserer Welt. Das ist so r\u00e4tselhaft, aber es ist so, dass Jesus ein Wort in den Tod hinein spricht, und sogleich ist der Tod vorbei. Die Befreiung f\u00fcr uns heute liegt in diesem einen, dass Jesus befiehlt: Lazarus, komm heraus, sagte er. Heute wird gesagt: Deine S\u00fcnden sind dir vergeben \u2013 und ich mache alles neu. So ist der Weg aus dem Tode in das Leben. Da ist kein anderer Weg. Keine Kunst, keine Wissenschaft, nicht unserer eigenen Trostmittel. Christus erl\u00f6st. Vergebung und Erneuerung bedeuten, dass wir nicht mit uns selbst und unserem Schicksal alleingelassen werden. Wir feiern gleich das Abendmahl. Das ist, hat einmal jemand gesagt, der Rest einer Mahlzeit mit richtigem Essen und Trinken. Und in dieser Mahlzeit ist Christus dabei mit seiner Gegenwart. F\u00fcr den, der das nicht glaubt und der nur seiner Logik folgt, ist das Abendmahl h\u00f6chstens eine symbolische Handlung oder ein Ged\u00e4chtnismahl. Der Glaube aber sagt, dass viel mehr in dieser Mahlzeit liegt als nur eine Erinnerung an etwas, was einmal war. So wie Jesus einst Z\u00f6llner und S\u00fcnder einlud und all das, was in diesen Worten liegt, also alle, die im Dunkeln leben, so l\u00e4dt er uns heute ein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0 Der Bericht von der Auferweckung des Lazarus ist somit sowohl ein bewegender Bericht von einem der Ereignisse, die einmal geschahen, als Jesus auf Erden wandelte, als auch eine Botschaft an uns: Wenn wir teilhaben an ihm, haben wir auch teil an der Auferstehung, die Gott gibt. In seiner Gegenwart liegt die ganze Hoffnung unseres Lebens. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sognepr\u00e6st Mikkel Wold<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">1263 K\u00f8benhavn K<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-mail: mwo(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. 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