{"id":13913,"date":"2022-10-04T15:04:18","date_gmt":"2022-10-04T13:04:18","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=13913"},"modified":"2022-10-04T15:18:38","modified_gmt":"2022-10-04T13:18:38","slug":"jesaja-49-1-6-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-49-1-6-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 49, 1-6"},"content":{"rendered":"<h3>Heilsversprechen in heilloser Zeit | 17. So. n. Trinitatis | 09.10.2022 | Jes. 49, 1\u20136 | Dietz Lange |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Diese Worte wurden vor sehr langer Zeit gesprochen, ungef\u00e4hr in der Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus in Babylon. Dorthin war die Oberschicht Israels ein paar Jahrzehnte zuvor von den Babyloniern verschleppt worden. Die hatten zuvor Israel erobert und den Tempel und vieles andere in Jerusalem zerst\u00f6rt. Die Verschleppten hatten sich inzwischen an ihre Lage gew\u00f6hnt und aufgeh\u00f6rt zu hoffen, dass sie ihre Heimat jemals wiedersehen w\u00fcrden. Es herrschte trostlose Stimmung. Der Prophet, der die eben vorgelesenen S\u00e4tze gesprochen hat, hatte ihnen zwar Mut zugesprochen und baldige Heimkehr vorausgesagt. Der K\u00f6nig des benachbarten persischen Reiches schickte sich ja an, sein Herrschaftsgebiet m\u00e4chtig zu vergr\u00f6\u00dfern und auch Babylon zu erobern. Aber die meisten Menschen trauten ihm das einstweilen nicht zu. So haben die Exilisraeliten denn auch dem Propheten nicht geglaubt.<\/p>\n<p>Das Wirken dieses Propheten war f\u00fcr die Geschichte der j\u00fcdischen Religion von gro\u00dfer Bedeutung. Leider kennen wir seinen Namen nicht. Wir nennen ihn behelfsweise den zweiten Jesaja, weil man in alter Zeit seine Weissagungen dem Buch Jesaja einfach angeh\u00e4ngt hat. Er selbst nennt sich \u201eGottes Knecht\u201c. Dieser Ausdruck bezeichnet sonst im Alten Testament das Volk Israel. Der Prophet repr\u00e4sentiert also das ganze Volk und redet es zugleich aus prophetischer Vollmacht an. Was er zu sagen hat, reicht weit \u00fcber den Augenblick hinaus und weitet sich auf die Zukunft der gesamten Weltgeschichte aus. Es geht auch uns etwas an.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist der Prophet freilich dar\u00fcber entt\u00e4uscht, dass seine bisherige Wirksamkeit kein Echo gefunden hat. Seine Entt\u00e4uschung reicht tiefer als bei uns, wenn uns einmal etwas nicht gelungen ist. Denn er war Gottes Knecht vom Mutterleib an. Er verstand also sein Leben ganz und gar als Dienst f\u00fcr Gott. Er sollte Gottes scharfes Schwert und sein spitzer Pfeil sein, sagt er. Diese kriegerischen Bilder haben nichts mit gewaltsamer Mission zu tun. Sie bedeuten, dass Gott keinen Widerspruch duldet, wenn er durch seinen Boten zu den Menschen spricht. Diese Botschaft hat damals vielen missfallen, weil sie sie unsanft aus ihrer Tr\u00e4gheit und Bequemlichkeit aufweckte. Aber sie hatten ein dickes Fell und lie\u00dfen seine Worte an sich abprallen. Und Gott? Der greift nicht ein. Er l\u00e4sst seinen Boten h\u00e4ngen, so scheint es. Der klagt Gott sein Leid. Doch dann \u00e4u\u00dfert er sogleich sein ungebrochenes Vertrauen zu diesem Gott. Davon k\u00f6nnen auch wir lernen: Echter Glaube hat einen langen Atem.<\/p>\n<p>Doch nun spricht Gott von neuem. Jetzt wird es Ernst. Wir wissen nicht, was hinter diesem pl\u00f6tzlichen Ruck steht. Vielleicht hatte sich die politische und milit\u00e4rische Lage ver\u00e4ndert? Aber der Nachdruck, mit dem der Prophet redet, spricht eher dagegen. Er berechnet nicht die Chancen, ob der Aufbruch gl\u00fccken k\u00f6nnte oder nicht. Erst recht hatte er noch keine Ahnung davon, dass die kommende Besatzungsmacht der Perser in Pal\u00e4stina die Israeliten gro\u00dfz\u00fcgig behandeln, ihnen sogar erlauben w\u00fcrde, den zerst\u00f6rten Tempel wieder aufzubauen. Das lag alles noch ganz im Dunkeln. Jedenfalls ist der Prophet sich ganz sicher, dass die von Gott versprochene R\u00fcckkehr in die alte Heimat jetzt unmittelbar bevorsteht.<\/p>\n<p>An dieser ihm von Gott gegebenen Einsicht gibt es nichts zu r\u00fctteln. Diese feste Haltung des Propheten n\u00f6tigt uns noch heute Respekt ab. Doch mehr als 2500 Jahre sp\u00e4ter fragen wir uns wohl, wie denn dazu die lange Leidensgeschichte des j\u00fcdischen Volkes passt, die ja auch mit der Gr\u00fcndung des modernen Staates Israel nicht aufgeh\u00f6rt hat. Gott lenkt die Geschichte, ja. Seine Vorsehung sorgt daf\u00fcr, dass wir nicht verloren gehen. Das ist die feste \u00dcberzeugung auch des christlichen Glaubens. Aber kann man diese g\u00f6ttliche Lenkung so zweifelsfrei erkennen? Es hat ja auch in Israel manches Mal falsche Propheten gegeben, Propheten, die sich geirrt haben. Solche falschen Propheten kennen wir Heutigen nur zu gut. Das schlimmste Beispiel ist Hitlers Prahlerei, im Namen der g\u00f6ttlichen Vorsehung zu handeln.<\/p>\n<p>Immerhin hat der \u201ezweite Jesaja\u201c damals mit seiner Ank\u00fcndigung der R\u00fcckkehr nach Pal\u00e4stina Recht behalten. Das kann man nur so stehen lassen. Nun ist er aber sogleich noch weit dar\u00fcber hinausgegangen. Die Heimkehr nach Pal\u00e4stina, das ist nur der Anfang, ruft er aus. Gott spricht zu dem Propheten: \u201eIch will dich zum Licht machen, nicht nur f\u00fcr die Israeliten, sondern f\u00fcr alle V\u00f6lker.\u201c Das bedeutet nicht weniger als Frieden und Freiheit auf der ganzen Erde. Auf diese und \u00e4hnliche Verhei\u00dfungen berufen sich manche Christen bis heute, wenn sie f\u00fcr den Weltfrieden demonstrieren. Besonders nach dem Ende der beiden Weltkriege haben auch viele Nichtchristen geglaubt, nach diesem Wahnsinn k\u00f6nne doch niemand mehr auf die Idee kommen, noch einmal einen Krieg vom Zaun zu brechen.<\/p>\n<p>Nun geh\u00f6rt der Einsatz f\u00fcr den Frieden zweifellos zu unserem Glauben. Gleichzeitig aber erinnert uns der russische Angriff auf die Ukraine daran, dass die Machtgier von Gewaltherrschern noch immer bereit ist, alle roten Linien zu ignorieren. So hat denn auch der Prophet damals nicht gemeint, dass es innerhalb der menschlichen Geschichte zum Ende aller Kriege und zu einem ungebrochenen Frieden kommen werde. Er hat mit seiner Prophezeiung vielmehr das Ende der menschlichen Geschichte im Sinn gehabt.<\/p>\n<p>Und doch scheint seine Verhei\u00dfung des Heils f\u00fcr alle V\u00f6lker in gewisser Weise tats\u00e4chlich in Erf\u00fcllung gegangen zu sein, wenn auch nicht in einem politischen Sinn. Die R\u00fcckf\u00fchrung der Exilisraeliten in die alte Heimat und ihre Wiedervereinigung mit ihren dort verbliebenen Freunden kann man n\u00e4mlich als ein weit vorausgreifendes Zeichen daf\u00fcr verstehen, dass Gott seine G\u00fcte, ausgehend von Pal\u00e4stina, allen Menschen zug\u00e4nglich machen will. Das geschah, so glauben wir als Christen, durch das Auftreten Jesu Christi. Der wurde ja in Pal\u00e4stina geboren. Davon konnte der alttestamentliche Prophet zwar noch nichts wissen. Dennoch ist die alte j\u00fcdische Religion faktisch zur Wiege des Christentums geworden, das sich dann von fr\u00fch an eigenst\u00e4ndig entwickelte und \u00fcber die ganze Welt ausbreitete.<\/p>\n<p>Daran haben wir Christen uns gew\u00f6hnt und lange gemeint, das gehe nun immer so weiter. Doch in neuerer Zeit hat die geschichtliche Entwicklung offenbar einen kr\u00e4ftigen Knick bekommen, zumindest in Europa und neuerdings auch in den USA. Immer mehr Menschen kehren den gro\u00dfen christlichen Kirchen den R\u00fccken. Das <em>muss<\/em> zwar nicht hei\u00dfen, dass sie auch vom christlichen Glauben nichts mehr halten. Aber vielfach ist auch das der Fall. Viele von uns beobachten das an den eigenen Kindern oder Enkeln und sind tief beunruhigt. Sie fragen sich: Was haben wir da falsch gemacht? Manchen kommen vielleicht sogar Zweifel an der g\u00f6ttlichen Verhei\u00dfung, so wie wir sie heute aus dem Alten Testament geh\u00f6rt haben. War der Siegeszug des Christentums nur vorl\u00e4ufig? Kehrt sich die Geschichte jetzt etwa um? Immerhin sind wir als Christen heute in Deutschland statistisch bereits eine Minderheit, f\u00fchlen uns also ein bisschen so wie damals die Verbannten in der fremden Welt Babylons.<\/p>\n<p>Was hat Gott da mit uns vor? Wir k\u00f6nnen ihm nicht in die Karten gucken. Die christliche Theologie aller Konfessionen hat zum Teil bis in die neueste Zeit hinein gro\u00dfartige Bilder vom Lauf der Geschichte entworfen, wie sie gem\u00e4\u00df der g\u00f6ttlichen Vorsehung verlaufen m\u00fcsse. Aber so imponierend viele dieser Denkgeb\u00e4ude sind, man muss sie wohl als menschliche Anma\u00dfung beurteilen. So viel aber l\u00e4sst sich sagen: Die moderne Entwicklung warnt uns vor jeder Art von christlicher Siegerpose. Die hat im Lauf der Geschichte unglaublich viel Unheil angerichtet. Christliche Nationen haben sich als Herrenrasse stilisiert und in Nord- und S\u00fcdamerika indigene Bev\u00f6lkerungen weitgehend ausgerottet. In Afrika haben christliche Missionare mit den wei\u00dfen Kolonialherren zusammengearbeitet, die die einheimische Bev\u00f6lkerung ausbeuteten und als Sklaven verkauften. Und hier in Europa haben Christen die Juden, die sich der christlichen Mission nicht f\u00fcgen wollten, \u00fcber Jahrhunderte hinweg in f\u00fcrchterlichen Pogromen verfolgt und ermordet, lange bevor das Hitler-Regime solche Verbrechen auf die Spitze getrieben hat.<\/p>\n<p>Aber \u00fcber einen solchen Ruf zur Besinnung hinaus d\u00fcrfen wir sehr wohl auf Menschen hoffen, die wie einst die Propheten in g\u00f6ttlicher Vollmacht auf neue, eindr\u00fcckliche Weise unseren Glauben verk\u00fcnden. Vielleicht gibt es sie schon irgendwo, ohne dass sie bisher gro\u00dfes Aufsehen erregt h\u00e4tten. Unterdessen wollen wir aber nicht unt\u00e4tig bleiben. Wir haben zwar alle nicht das Niveau des zweiten Jesaja. Aber das entbindet uns nicht von dem Auftrag, anderen Menschen von den Erfahrungen zu erz\u00e4hlen, die in uns den Glauben geweckt und erhalten haben. Das Christentum hat sich ja auch bisher nicht durch Zauberei ausgebreitet, sondern durch die engagierten Gl\u00e4ubigen, die sich daf\u00fcr eingesetzt haben. Lassen Sie uns aktive Zeugen f\u00fcr unseren Glauben bleiben, auch wenn Misserfolge uns frustrieren. Denn das eine ist gewiss: Gott steht uns dabei zur Seite, auch dann, wenn es gar nicht danach aussieht. Darauf fest zu vertrauen, das k\u00f6nnen wir von den alten Propheten lernen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Prof. em. Dr. Dietz Lange<\/p>\n<p>G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:dietzclange@online.de\">dietzclange@online.de<\/a><\/p>\n<p>Dietz Lange, geb. 1933, Professor f\u00fcr Systematische Theologie in G\u00f6ttingen 1977-1998, seit 1988 ehrenamtlicher Prediger an St. Marien ebendort<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heilsversprechen in heilloser Zeit | 17. So. n. Trinitatis | 09.10.2022 | Jes. 49, 1\u20136 | Dietz Lange | Liebe Gemeinde! 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