{"id":14103,"date":"2022-10-02T15:29:15","date_gmt":"2022-10-02T13:29:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=14103"},"modified":"2022-10-07T15:39:40","modified_gmt":"2022-10-07T13:39:40","slug":"johannes-151-11-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-151-11-2\/","title":{"rendered":"Johannes 15,1-11"},"content":{"rendered":"<h3>18. Sonntag nach Trinitatis | 07.10.22 | Johannes 15,1-11 (d.P.) | Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In den fruchtbaren Bergen s\u00fcdlich von Florenz liegen die Weinberge dicht nebeneinander. Jeder Hang, ob er nun wenige Hektar oder nur einen Hektar Land umfasst, ist mit Weinst\u00f6cken bepflanzt. In der milden Sommersonne stehen sie hellgr\u00fcn in den Reihen und werden gepflegt und beschnitten, so dass die Bl\u00e4tter keine Schatten werfen und die Trauben genug Sonnenschein bekommen. Weinst\u00f6cke sind ja eigentlich keine B\u00e4ume. Weinst\u00f6cke k\u00f6nnen zwar genauso dick und knorrig sein wie Baumst\u00e4mme, aber sie werden nicht so hoch und gewaltig wie Buchen. Im Gegenteil: Weinst\u00f6cke sind niedrig, knorrige Pflanzen, die nicht nach viel aussehen, und wenn sie nicht hochgebunden werden wie in Chianti, w\u00fcrden sie auf der Erde liegen. Weinst\u00f6cke ragen nicht in den Himmel, sie bleiben an der Erde, ganz im buchst\u00e4blichen Sinne. Nichtsdestoweniger sind es verbl\u00fcffend \u00fcppige und widerstandsf\u00e4hige Pflanzen. Auch wenn sie uralt sind, stehen sie da mit vielen frischen hellgr\u00fcnen Bl\u00e4ttern in der brennenden Sonne \u2013 dank der Wurzeln, die weit und tief in die Erde reichen und die Zweige und Trauben mit Saft und Kraft versorgen. Und welch ein Saft und was f\u00fcr eine Kraft! Es ist das Geheimnis des Weinstocks, dass diese knorrige, krumme Pflanze mit \u00fcberraschender St\u00e4rke Fr\u00fcchte tr\u00e4gt, Geschmack und Potential. Dass aus den Fr\u00fcchten der unansehnlichen Pflanze lieblicher Wein entsteht, der den Menschen Freude bereitet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich bin der Weinstock, sagt Jesus im heutigen Evangelium, und ich denke, das ist ein wunderbares und g ut gew\u00e4hltes Bild. Er ist ganz genau so unansehnlich und erdverbunden wie ein Weinstock, denn er wird ja nur von einer gew\u00f6hnlichen Mutter geboren und schl\u00e4ft in ihren Armen ganz wie unsere gew\u00f6hnlichen kleinen Kinder und wie das kleine Kind, das heute getauft wird. Und sp\u00e4ter wandert er auf den Wegen in Galil\u00e4a und den Stra\u00dfen Jerusalems wie ein gew\u00f6hnlicher Mann, der nicht viel hermacht, ein verletzlicher Mann, den man entt\u00e4uschen und verletzen kann. Im Verborgenen aber wohnt in dem verletzlichen, unansehnlichen Menschen, der hier auf unserer Erde wandelt, eine verbl\u00fcffende Kraft und eine gro\u00dfe St\u00e4rke, die sich nicht umwerfen l\u00e4sst. Widerstand, Verlassen, Verrat, Gewalt und \u00dcbergriffe k\u00f6nnen ihm wohl wehtun, aber sie lassen ihn nicht b\u00f6se werden. Er zieht sich nicht zur\u00fcck, wird nicht k\u00fchl. Er gibt weiter alles, was er in sich hat, f\u00fcr jeden, der es annimmt. Am Ostermorgen zeigt sich, dass nicht einmal der Tod ihn kalt werden l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb glauben wir, dass der Mann, der in Galil\u00e4a und Jerusalem vor zweitausend Jahren umherging, noch immer lebt, auch wenn das merkw\u00fcrdig vorkommt. Sonst w\u00fcrden wir ja nicht hier in die Kirche kommen, wenn es nicht deshalb w\u00e4re, um zu h\u00f6ren, was er noch immer zu sagen hat, und um zu empfangen, was er noch immer zu geben hat. Weder der Lauf der Zeit noch der Widerstand oder die Gleichg\u00fcltigkeit von Menschen kann ihm das Leben rauben. So unansehnlich und erdverbunden ist er wie ein Weinstock, aber genauso voller Kraft, z\u00e4h und unverw\u00fcstlich.\u00a0 Und genauso herrliche Fr\u00fcchte bringt er. Worte, die unserem Dasein Kraft und Saft geben. Und Wein, der den Menschen Freude bereitet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit den Worten, die er spricht, und dem Wein, den er uns reicht, verbindet er sich mit uns so eng wie der Weinstock mit den Zweigen verbunden ist, die seine Fr\u00fcchte tragen. Und so gibt er uns nicht allein ein unvergessliches Bild daf\u00fcr, wer er selbst ist, sondern auch daf\u00fcr, wer wir sind. In seinen Augen sind wir nicht irgendjemand oder irgendetwas. Wenn er der Weinstock ist, sind wir die Zweige. Dann ist dies das erste, was \u00fcber uns zu sagen ist, und auch das letzte. Das wir keine isolierten Individuen sind, der jeweils ihr eigenes Leben in einem \u00f6den Universum leben, wo es an uns liegt, selbst einen Sinn zu schaffen. In seinen Augen sind wir Zweige am Weinstock, mit ihm verbunden in jedem einzelnen Pulsschlag, tief abh\u00e4ngig vom Stamm, der uns n\u00e4hrt, und in eine Welt gestellt mit dem ganz bestimmten Ziel, seine Fr\u00fcchte zu tragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bleibt in mir, sagt er, bleibt in meiner Liebe. Denn es ist klar, wenn wir Zweige sind, k\u00f6nnen wir nicht ohne ihn leben, ohne die Kraft und den Saft, die er uns gibt. Getrennt von ihm verdorren wir und werden in unserem Tun gel\u00e4hmt und fruchtlos, wenn der Herbst kommt. Bleibt in mir. Daf\u00fcr beten wir das Vaterunser oder singen ein Abendlied oder gehen in die Kirche, sowohl wenn es Fr\u00fchling ist, als auch wenn der Sommer vorbei ist. Dann kommen wir, um in ihm und seiner Liebe zu bleiben, Kraft und Saft zu saugen, um zu leben und die Fr\u00fcchte zu bringen, um die er uns bittet, in einem weiteren Herbst. Freundliche Worte, helfende H\u00e4nde, Aufmerksamkeit, Zeit, Trost, St\u00fctze, F\u00fcrsorge, alles was den anderen bildlich gesprochen tr\u00e4gt, was er h\u00e4tte tun wollen. Kraft und Saft, um Frucht zu tragen, erhalten wir durch seine Worte, solange sie in uns bleiben, die Worte, die wir hier h\u00f6ren und singen, die wir aber auch zudem f\u00fchlen und schmecken, wenn er uns sich selbst im Brot und Wein gibt. Wenn uns im buchst\u00e4blichen Sinne seine Worte unter die Haut gehen. Deutlicher kann die Zugeh\u00f6rigkeit zwischen ihm, der der Weinstock ist, und uns, die wir die Zweige sind, nicht zum Ausdruck kommen. Das Brot und der Wein, die wir im Mund empfangen, sind Zeichen daf\u00fcr, was die Worte sagen, dass er in uns bleibt und wir in ihm bleiben. In seiner Liebe bleiben. Auch wenn es Oktober ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ihr seid schon rein, sagt er, und das sagt er wohlgemerkt den J\u00fcngern, die ihn in derselben Nacht verraten, verleugnen und verlassen, und uns, die ihn zuweilen auch verraten, verleugnen und verlassen., ihn, den wir lieben sollten. Wir sind ja nicht rein. Nicht, wenn wir uns selbst mit einem nur einigerma\u00dfen n\u00fcchternem Blick sehen. Aber es ist gut, dass wir uns hier mit anderen Augen sehen d\u00fcrfen. Mit seinen Augen. Und das bedeutet, im Lichte der Liebe in seinem Blickwind wir etwas anderes und viel mehr als wir waren, als wir kamen: Reine Menschen, die er liebt, Zweige, die wirklich in noch einem Herbst Frucht tragen <em>k\u00f6nnen<\/em>. Dank des Weinstocks, in den wir eingepflanzt sind. Fruchtbare Zweige. Solange wir in ihm bleiben und sein Wort in uns bleibt, sind wir eben das. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:mfl@km.dk\">mfl@km.dk<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18. Sonntag nach Trinitatis | 07.10.22 | Johannes 15,1-11 (d.P.) | Marianne Frank Larsen | In den fruchtbaren Bergen s\u00fcdlich von Florenz liegen die Weinberge dicht nebeneinander. Jeder Hang, ob er nun wenige Hektar oder nur einen Hektar Land umfasst, ist mit Weinst\u00f6cken bepflanzt. 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