{"id":14179,"date":"2022-10-08T14:02:24","date_gmt":"2022-10-08T12:02:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=14179"},"modified":"2022-10-25T15:43:11","modified_gmt":"2022-10-25T13:43:11","slug":"johannes-125-51-1-mose-2810-18-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-125-51-1-mose-2810-18-2\/","title":{"rendered":"Jo 1,25-511; Gen 28,10-18"},"content":{"rendered":"<h3>19. So. n. Trinitatis | 16.10.2022 | Joh 1,25-51; 1. Mose 28,10-18 (d\u00e4nische PO) | Anne-Marie Nybo Mehlsen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kommt und seht! Seht Gott!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das wollen wir gerne \u2013 und das k\u00f6nnen wir nicht. Glauben ist nicht Sehen, Messen, Wiegen, Wissen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Glaube ist meistens ein Weg; etwas, zu dem man unterwegs ist, dass man es ist, dass man es wird. Etwas, nach dem wir uns bewegen, zu dem wir uns hinbewegen. Etwas, das uns ver\u00e4ndert, so wie man sich ver\u00e4ndert auf einer langen Wanderung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist f\u00fcr einen Menschen nicht leicht, sich damit zu \u201ebegn\u00fcgen\u201c zu glauben und unterwegs zu sein. Und gar nicht leicht, wenn das Leben Krieg und K\u00e4lte \u00fcber uns bringt in dem Gef\u00fchl, dass alles wackelt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wo wohnst du? Wo bist du, Gott? Wo k\u00f6nnen wir hingehen und dich finden, dich sehen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am Anfang war Gott. Denn alle Dinge waren Gott, Jakob sah Gott in einem Traum, aber Tr\u00e4ume sind nicht sicher, auch wenn er sich durchaus sicher war zu wissen, dass der Ort ein heiliger Ort war, der Eingang in das Haus Gottes. Aber Jakob blieb nicht an diesem Ort, er brach auf und begab sich weiter auf die Wanderung mit dem Wort Gottes: \u201eIch will mit dir sein\u201c. Das brannte in seinem Herzen. Jakob vor langer, langer Zeit \u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was wissen du und ich davon, wo Gott zu finden ist? Wir haben geh\u00f6rt, dass das hier im Haus Gottes ist, im Gottesdienst, im Kirchenraum. Wir sind hierhin gegangen, um ihm zu begegnen, ihn zu sp\u00fcren, ihn wenigstens zu h\u00f6ren? Dass er uns ruft, Menschen bei ihrem Namen ruft. Wir haben ja nur eben einen Augenblick die Bibel weggelegt, wir erinnern uns also an das Buch Jesaja, wo Gott sagte: F\u00fcrchte dich nicht, ich rufe dich bei deinem Namen, du bist mein!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Taufstein erz\u00e4hlt uns, dass wir dazu getauft sind, Gott zu geh\u00f6ren. Aber wir sind keine Taufkinder mehr\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In einem seiner Gedichte aus dem \u201eStundenbuch\u201c schreibt Rilke:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDer Name ist uns wie ein Licht<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">hart an die Stirn gestellt\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Bild, dass Rilke der Offenbarung des Johannes entnommen hat, wo die Erl\u00f6sten den Namen Gottes als Mal an ihrer Stirn tragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir k\u00f6nnten uns Licht w\u00fcnschen \u2013 ein innerliches Gebet um Licht, eine Stirnlampe in den finsteren Zeiten, die sich \u00fcber uns gesenkt haben, ein Licht, das Strahlen von Hoffnung ausstrahlt, so dass wir einen Weg finden aus diesem Morast.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Rilke wurde kein Licht-Seher durch seinen Glauben, auch er sucht nach Gott im Dunkel. Er erf\u00e4hrt Gott als Finsternis, einen Schatten, mehr in der Tiefe als im Licht des Himmels\u2026<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Ende des Gedichts von Rilke ist nicht besonders fromm:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDu h\u00e4ltst mich seltsam zart<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">und horchst, wie meine H\u00e4nde gehn<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">durch deinen alten Bart\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie ein Kind auf dem Scho\u00df von Gro\u00dfvater mit dem Bart. Das ist die Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Finsternis: Gott nimmt den Dichter in die Arme, die Finsternis ist der eigene Schatten Gottes. Eine zarte N\u00e4he in der suchenden Erfahrung von Abwesenheit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie ein Kind \u2013 mit dem Namen auf der Stirn geschrieben \u2013 und das, was man fest an die Stirn dr\u00fcckt, ist: ein Kuss!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Kuss Gottes sitzt uns auf der Stirn \u2013 haben wir den Mut, das zu glauben? Darauf zuzugehen in der Finsternis? Danach reichen und uns sp\u00fcren mitten in einer Umarmung?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun gibt es reichlich Namen wie in den lieben Kosenamen der Kindheit oder lieben gefl\u00fcsterten Namen der Liebenden &#8211; tausend Namen f\u00fcr das Gesehene, f\u00fcr den Gesehenen. F\u00fcr das, was wir im anderen sehen,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Namen f\u00fcr Gott: Siehe, das ist das Lamm Gottes!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Messias, Christus, der Gesalbte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mystische dunkle Namen, die auf Licht und Finsternis verweisen, auf das Kreuz.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">H\u00f6rt, was Jesus seine Freunde nennt: Kefas, Petrus, das bedeutet \u201eFels\u201c, Nathanael \u2013 ohne Falschheit! Der Treue?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf Hebr\u00e4isch bedeuten Namen, die auf \u201eel\u201c enden, \u201evon Gott\u201c \u2013 also Engel! Gabriel, Michael, Nathanael, Rafael, Daniel \u2013 das sind alles Engelnamen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und h\u00f6rt, was die Freunde in Jesus sehen: Lamm Gottes, Meister, Messias, Christus, Jesus, der Sohn Josefs aus Nazareth, Sohn Gottes, Israels K\u00f6nig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist wie ein Hymnus, ein Lied \u2013 ein dunkles Gedicht, das sich auf der Leiter emporschwingt durch den Himmel der Engel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus nennt sich selbst den Menschensohn, und er besteht damit darauf, dass er mit uns ist, mit uns lebt, mit uns leidet und mit uns stirbt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und auch darauf besteht, die Himmelleiter zu sein, auf der die Engel Gottes und die Kinder Gottes wandeln k\u00f6nnen \u2013 hinauf- und hinabsteigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Name kann eine Welt von Vorstellungen bedeuten \u2013 und so sehen wir in der Liebe einander mit einer Unzahl von Namen, die niemals ausreichen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Du bist das, was du genannt wirst. Gott zeigt sich dir als der, den du nennst! Nennst du ihn Finsternis und irrst in der Ferne, dann bist du vielleicht schon in seinem Schatten, in seinen Armen \u2013 so nah, so z\u00e4rtlich. H\u00f6re, er ruft dich mit Namen! Namen, die tief in dich blicken. Liebe Namen, die an das Gute in dir appellieren, das Licht wie einen Kuss auf deine Stirn dr\u00fccken. Namen, die das schaffen, was sie besagen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eKomm und sehe!\u201c Fl\u00fcstert er an deine Stirn \u2013 \u201ekomm und sehe gr\u00f6\u00dfere Dinge als die Finsternis: Sehe den Himmel offen og die Engel auf und nieder steigen\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir erkennen Gott nicht durch Worte, intellektuelle \u00dcbungen, Gr\u00fcbeleien oder auswendig gelernte Texte. Gott ereignet sich in seinem Wort, wenn er uns ruft, wenn wir ihn anrufen und nach seiner N\u00e4he suchen \u2026 Wenn wir ihn suchen. Er nennt uns Poeten, Phantasten. Wir sind in den Augen der Welt vielleicht Tr\u00e4umer, die Gespenster sehen. Aber das Herz wei\u00df, was es bedeutet, nach dem Licht zu greifen in der finsteren Nacht und die Z\u00e4rtlichkeit Gottes zu finden, die uns ruft. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">Das Gedicht Rilkes:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">Der Name ist uns wie ein Licht<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">hart an die Stirn gestellt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">Da senkte sich mein Angesicht<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">vor diesem zeitigen Gericht<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">und sah (von dem es seither spricht)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">dich, gro\u00dfes dunkelndes Gewicht<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">an mir und an der Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">Du bogst mich langsam aus der Zeit,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">in die ich schwankend stieg;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">ich neigte mich nach leisem Streit:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">jetzt dauert deine Dunkelheit<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">um deinen sanften Sieg.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">Jetzt hast du mich und wei\u00dft nicht wen,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">denn deine breiten Sinne sehn<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">mir, da\u00df ich dunkel ward.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">Du h\u00e4ltst mich seltsam zart<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">und horchst, wie meine H\u00e4nde gehn<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\">durch deinen alten Bart.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400; text-align: center;\"><em>Rainer Maria Rilke Das Stundenbuch (1899)<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastorin Anne-Marie Nybo Mehlsen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK-4100 Ringsted<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: amnm(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19. 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