{"id":14406,"date":"2022-10-27T08:02:30","date_gmt":"2022-10-27T06:02:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=14406"},"modified":"2022-10-27T07:16:58","modified_gmt":"2022-10-27T05:16:58","slug":"psalm-46","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/psalm-46\/","title":{"rendered":"Psalm 46"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eEin feste Burg ist unser Gott\u201c |\u00a0Reformationstag | 31.10.2022 |\u00a0Psalm 46 | Bernd Giehl |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass mir das Lied \u201eEin feste Burg ist unser Gott\u201c einfiel, als ich begann, diese Predigt zu schreiben. Nun werden Sie sagen, nat\u00fcrlich ist das kein Zufall. Das Lied ist doch mit dem Reformationstag verbunden, wie kein anderes. Und Menschen mit ein bisschen Hintergrundwissen und Phantasie werden Luther auf der Wartburg sehen, wo er in den Jahren 1521 und 1522 Schutz vor seinen Feinden gefunden hatte: Hier konnte er in Ruhe das Neue Testament \u00fcbersetzen, weil nur wenige wussten, wer er war und die ihn nicht an den Kaiser verrieten. 1522 kehrte er dann nach Wittenberg zur\u00fcck, weil er die Bildesst\u00fcrmer, die die Kirchen verw\u00fcsteten, Statuen zerschmetterten und Altarbilder verbrannten, zur Ordnung rufen wollte. Er war buchst\u00e4blich in einer festen Burg gewesen, aber er verlie\u00df sie, vermutlich weil er der \u00dcberzeugung war, Gott werde ihn auch an einem weniger sicheren Ort sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber dieses Lied ist vermutlich nicht auf der Wartburg entstanden, auch wenn der Text die Assoziation nahelegt. Wann es gedichtet wurde, wissen wir nicht. 1529 ist es erstmals in einem Gesangbuch abgedruckt. Irgendwann vor diesem Zeitpunkt muss es also geschrieben worden sein, worden sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">*<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber noch eine ganz andere Erinnerung dr\u00e4ngt sich mir auf. Ich bin 1967\/68 zum Konfirmandenunterricht in einem kleinen Ort im Westerwald gegangen. Der Unterricht bestand haupts\u00e4chlich im Lesen und Rezitieren von Katechismus Texten und Gesangbuchliedern und danach mussten wir das Gelesene auswendig lernen. Auch Psalmen geh\u00f6rten zum Repertoire. \u00a0So nat\u00fcrlich auch Psalm 46. \u201eGott ist unsere Zuversicht und St\u00e4rke, eine Hilfe in den gro\u00dfen N\u00f6ten, die uns getroffen haben. Darum f\u00fcrchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer s\u00e4nken, wenngleich das Meer w\u00fctete und wallte und von seinem Ungest\u00fcm die Berge eins\u00e4nken.\u201c Das Ungest\u00fcm konnten wir uns ja noch erkl\u00e4ren, das ging aus dem Zusammenhang hervor, aber was bedeutete, dass das Meer \u201ewallte\u201c? Vermutlich hat keiner gefragt und unser Pfarrer hat es uns auch nicht erkl\u00e4rt. Er war schon alt; vermutlich kurz vor der Pensionierung und so konnte er sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass wir Jugendlichen, die gerade von der Kindheit in die Pubert\u00e4t wechselten, mit diesen Worten wenig anfangen konnten. Wie sollten wir uns auch vorstellen k\u00f6nnen, dass es in der bedrohten Stadt lustig zuginge? W\u00fcrden sie in der Stadt Feste feiern, singen, tanzen und vielleicht auch trinken, w\u00e4hrend drau\u00dfen die Berge in sich zusammenst\u00fcrzten? Das musste man sich doch wohl vorstellen bei den Worten: \u201eDennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben \u2026\u201c Singen, tanzen und feiern, das war wohl den Meisten von uns etwas, was wir kannten, wenn auch nicht in dem Ausma\u00df wie heute Jugendliche feiern, aber angesichts des Weltuntergangs?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ob wir \u00fcberhaupt so tief eingedrungen sind? Ich f\u00fcrchte, das sind wir nicht. Es reichte schon, dass wir diesen Text bis zur n\u00e4chsten Konfirmandenstunde auswendig k\u00f6nnen mussten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">*<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn ich \u00fcber diesen Psalm nachdenke, frage ich mich, wie vielen von uns er wohl in Erinnerung geblieben sein mag. Als ich ihn in der Auswahl der \u201eG\u00f6ttinger Predigten\u201c gesehen habe, habe ich ihn gleich ausgew\u00e4hlt. Er sprach mich sofort an. Einige Verse kann ich immer noch auswendig, obwohl meine Konfirmation mehr als f\u00fcnfzig Jahre her ist. Er geh\u00f6rt zu den Texten, die mir wichtig geworden sind. Unser Pfarrer meinte damals, wir sollten diese Worte auswendig lernen, damit sie uns wie ein Licht in dunklen Zeiten leuchten. So ganz unrecht hatte er ja nicht, zumindest nicht bei mir, weil diese alten Worte immer noch zu mir sprechen. \u00a0Dennoch habe ich das Rezitieren und das stumpfe Auswendiglernen meinen eigenen Konfirmanden nicht mehr zugemutet. Vielleicht erinnern sie sich hin und wieder an die eine oder andere Geschichte aus der Bibel, die wir gelesen und gespielt haben. Doch das wei\u00df ich nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">*<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber wom\u00f6glich sind das alles ja nur Vorreden. Auf das Wichtigste bin ich bisher noch gar nicht eingegangen. Das Wichtigste &#8211; Sie ahnen es \u2013 ist unser eigenes Verh\u00e4ltnis zu diesen Worten. \u201eGott ist unsere Zuversicht und St\u00e4rke, eine Hilfe in den gro\u00dfen N\u00f6ten, die uns getroffen haben. Darum f\u00fcrchten wir uns nicht; wenngleich die Welt unterginge, wenngleich das Meer w\u00fctete und wallte und von seinem Ungest\u00fcm die Berge eins\u00e4nken.\u201c Wenn jemand mich b\u00e4te, unsere Zeit in einem einzigen Begriff zusammenzufassen, w\u00fcrde ich sagen: Wir leben in einem Meer von Sorge. Vielleicht geht uns dieses Meer vorerst nur bis zu den Knien, aber dass wir es ja nicht vergessen, darum k\u00fcmmern sich \u00a0schon die Medien. Wir sehen die Bilder vom Krieg in der Ukraine, wir h\u00f6ren von den Tausenden von Menschen die nach Westen fl\u00fcchten. Wir sehen die Bilder aus dem Atomkraftwerk Saporischja und es ist schon fast egal, wer da auf das Kraftwerk schie\u00dft, denn wenn einer der Blocks getroffen wird, gibt es vermutlich wieder eine GAU, einen \u201egr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen anzunehmenden Unfall\u201c und was dann passiert, m\u00f6chten wir uns wirklich nicht ausmalen. \u00a0Wenn einmal nicht von Saporischja oder der Ukraine die Rede ist, dann bestimmt von den st\u00e4ndig steigenden Gaspreisen, den immer weiter steigenden Lebensmittelpreisen und wenn das nicht gerade Thema ist, dann ist es eben der Klimawandel. \u00a0Und davor war es eben die Covid 19 Pandemie, von der Fernsehen und Zeitungen tagaus, tagein berichteten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Damit will ich nicht sagen, dass uns die Medien Falschnachrichten erz\u00e4hlen. Das tun sie nicht. Aber der Trommelwirbel, den sie seit dem Ausbruch der Corona Pandemie veranstaltet haben, der hat seine Spuren hinterlassen. Vermutlich verst\u00e4rkt das noch den Eindruck, dass alles immer schlimmer wird und man eigentlich gar nichts machen kann. Da hilft auch kein Bundeskanzler mit seinem st\u00e4ndig wiederholten Slogan \u201cYou never walk alone.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht sind das gar nicht die wirklich wichtigen Sorgen, die uns qu\u00e4len. Oder die Dinge, die uns traurig machen. Vielleicht sind das ganz andere Dinge. Dinge, die privat bleiben, die wir nur unseren besten Freunden erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Oder vielleicht auch niemandem. Jemand ist von seiner Frau verlassen worden und er kommt nicht dar\u00fcber hinweg. Jemand anderer ist die Wohnung gek\u00fcndigt worden und sie hat Angst obdachlos zu werden. Noch einmal jemand anders f\u00fchlt sich von ihrer besten Freundin verraten und nach und nach verliert sie das Vertrauen in die Welt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und dann fallen uns die Worte des Psalms ein. \u201eGott ist unsere Zuversicht und St\u00e4rke; eine Hilfe in den gro\u00dfen N\u00f6ten, die uns getroffen haben. Darum f\u00fcrchten wir uns nicht \u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das sind gro\u00dfe Worte. Worte, die wir gern so sprechen w\u00fcrden. Aber es f\u00e4llt uns schwer. Da sind so viele Entt\u00e4uschungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">*<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vielleicht m\u00fcssen wir das erst einmal aushalten. Fr\u00fchere Generationen haben wom\u00f6glich noch intensiver geglaubt. Ihnen sind die Worte des Psalms ein Trost gewesen. Selbst wenn die Welt unterginge, so ist Gott dennoch f\u00fcr uns da. Auf ihn k\u00f6nnen wir uns verlassen. Wom\u00f6glich haben sie noch viel mehr aus dem Glauben gelebt, als wir das tun. Wom\u00f6glich hat der Wohlstand und der Glaube, dass es uns in Zukunft noch besser gehe, den Blick auf Gott und seine Hilfe verstellt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">War\u2019s das also? Nein, ich glaube nicht. An dieser Stelle f\u00e4llt mir Martin Luthers Erkl\u00e4rung zum dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses ein. \u00a0\u201eIch glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten \u2026\u201c Da ist es wieder: Luthers ber\u00fchmtes \u201enicht aus eigener Kraft.\u201c Ich denke. Das gilt auch f\u00fcr den eigenen Glauben. Auch er ist Geschenk. Auch um ihn k\u00f6nnen wir nur bitten. Und wenn wir merken, dass unser Glaube schwach ist, dann k\u00f6nnen wir ja immer noch bitten: \u201eIch glaube, Herr, hilf meinem Unglauben. So wie der Vater Jesus bittet, seinen kranken Sohn zu heilen und als Jesus ihm antwortet: \u201eAlles ist m\u00f6glich, dem der da glaubt\u201c diese Worte ausruft. \u201eIch glaube, Herr, hilf meinem Unglauben.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">*<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute feiern wir Reformationstag. Der Grundgedanke der Reformation war, dass es nicht auf uns ankommt: nicht auf unsere Fr\u00f6mmigkeit, nicht auf unsere guten Werke, wom\u00f6glich nicht einmal auf die St\u00e4rke unseres Glaubens. Sondern dass wir auf Gottes Rechtfertigung angewiesen sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wom\u00f6glich ist unser Glaube ja schw\u00e4cher als der unserer Vorfahren es gewesen ist. Aber dann f\u00e4llt mir das ber\u00fchmte j\u00fcdische Gleichnis ein, das etwas ganz \u00c4hnliches erz\u00e4hlt. Wenn sein Volk in gro\u00dfer Not war, ging der ber\u00fchmte Rabbi an einen ganz bestimmten Ort auf dem Berg, z\u00fcndete ein Feuer an, hob die H\u00e4nde und betete um ein Wunder des Allm\u00e4chtigen, damit sein Volk gerettet w\u00fcrde. Und das Wunder geschah. Ich wei\u00df nicht mehr genau, wie das Gleichnis weiterging, aber ich wei\u00df seine Struktur. Der Nachfolger des Rabbi\u00a0 kannte den Ort nicht mehr, an dem sein Vorg\u00e4nger gebetet hatte, aber er kannte den Berg, also ging er, als die Not gro\u00df war dorthin, z\u00fcndete ein Feuer an und gestand Gott, dass er den genauen Ort nicht mehr wisse, aber dass er ein Wunder tun m\u00f6ge. Der n\u00e4chste Rabbi kannte weder den genauen Ort noch den Berg, also ging er irgendwohin, z\u00fcndete ein Feier an und bat Gott um ein Wunder, das nat\u00fcrlich auch geschah. So geht es immer weiter bis zum letzten Rabbi, der nirgendwohin ging, kein Feuer mehr anz\u00fcnden konnte und auch den genauen Wortlaut nicht mehr wusste, aber als er Gott um ein Wunder bat, dass sein Volk retten w\u00fcrde, geschah es auch diesmal.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bernd Giehl * Hildegardstra\u00dfe 1 * 55131 Mainz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEin feste Burg ist unser Gott\u201c |\u00a0Reformationstag | 31.10.2022 |\u00a0Psalm 46 | Bernd Giehl | Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass mir das Lied \u201eEin feste Burg ist unser Gott\u201c einfiel, als ich begann, diese Predigt zu schreiben. Nun werden Sie sagen, nat\u00fcrlich ist das kein Zufall. 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