{"id":14601,"date":"2022-11-01T23:23:08","date_gmt":"2022-11-01T22:23:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=14601"},"modified":"2022-11-01T23:34:31","modified_gmt":"2022-11-01T22:34:31","slug":"lukas-172021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-172021\/","title":{"rendered":"Lukas 17,20+21"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<h3>Mitten unter uns |\u00a021. So. n. Trinitatis | 6.11.2022 | Lk 17,20+21 | Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p><em>Als Jesus von den Pharisa\u0308ern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit a\u0308u\u00dferen Zeichen; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.<\/em> (Lukas 17,20+21).<\/p>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p>Wann kommt das Reich Gottes? So haben die Frommen Jesus damals gefragt, und so fragen<br \/>\nsie bis heute. Die Ma\u0308nner und Frauen ebenso wie die Jungen und die Alten, die gelernt haben, sich an Gott zu halten, nach seinem Willen zu fragen und auch, ja, fu\u0308r ihn einzustehen. Fu\u0308r Gott einzustehen, sich an seinem Willen zu orientieren, das war auch zu Jesu Zeiten alles andere als selbstversta\u0308ndlich. Schon damals wurden die Frommen von vielen mitleidig bela\u0308chelt als Leute von gestern.<br \/>\nFru\u0308her &#8211; so hie\u00df es &#8211; da ging nichts ohne Gott. Da stand man mit ihm auf und ging mit ihm zu Bett. Alles brachte man mit ihn in Verbindung, und alles nahm man ohne Murren demu\u0308tig aus seiner Hand. Doch inzwischen haben wir gelernt, wer die Welt in Wahrheit regiert. Wer die Macht hat, die sta\u0308rkeren Bataillone &#8211; der hat das Sagen. Was hat &#8211; so fragte man in Israel &#8211; unseren Vorfahren denn ihr Glaube geholfen? Sie mussten ohnma\u0308chtig mit ansehen, wie die Assyrer ins Land gefallen sind und ihre Go\u0308tter mitgebracht haben. Dann kamen die Babylonier und zersto\u0308rten sogar unseren Tempel, dann die Perser. Den Tempel durften wir wiederaufbauen, aber politisch mussten wir das Maul halten. Und dabei ist es geblieben unter den Griechen und nun gar unter den Ro\u0308mern, die ihren Kaiser wie einen Gott verehren. Und haben sie nicht Recht? Sein Reich umfasst so gut wie die ganze Welt, und u\u0308berall haben die Menschen sich an die Gesetze zu halten, die er erla\u0308sst. Selbst ihrem Geld dru\u0308ckt er seinen Stempel auf und nimmt den Leuten davon ab, so viel er will.<br \/>\nUnd dann kommt Ihr und wollt uns was von Gott erza\u0308hlen. Wo wa\u0308re denn etwas zu spu\u0308ren davon, dass der Scho\u0308pfer Himmels und der Erden, wenn es ihn denn gibt, sich um das auch ku\u0308mmert, was hier auf Erden gespielt wird? Da herrschen Macht und Geld. Und jeder muss zusehen, wie er zu seinem bisschen Leben kommt. Und wer ho\u0308here Anspru\u0308che hat, der tut sich mit Gleichgesinnten zusammen und pflegt mit ihnen in gebildeten Zirkeln, was dem seelischen Wohlbefinden und der geistigen Erhebung dient.<br \/>\nWas wollt Ihr da noch mit Eurem Glauben an einen Gott, von dem man ja doch nichts<br \/>\nmitkriegt. Ho\u0308chstens, dass die A\u0308ngste der Kindheit mobilisiert werden vor einem drohenden U\u0308bervater, der alles sieht, vor dem du sta\u0308ndig Angst haben musst und mit dem du dir ein schlechtes Gewissen einhandelst. Bleibt uns damit vom Leibe, und kommt mit eurem Gott<br \/>\nerst, wenn ihr beweisen ko\u0308nnt, dass fu\u0308r den Menschen dabei auch was Ansta\u0308ndiges herauskommt.<\/p>\n<p>So oder so a\u0308hnlich haben Sie das sicher auch schon geho\u0308rt und zu spu\u0308ren bekommen, wie das ist, als jemand angesehen zu werden, der von gestern ist. Weit hinter dem zuru\u0308ckgeblieben, was die aufgekla\u0308rten Zeitgenossen bewegt. Nur, so geistreich und modern, wie die Kritiker des Glaubens sich gerne sehen, sind sie nicht. So wie sie haben die Menschen eben auch schon zu Zeiten Jesu und auch schon lange davor geredet. Heute wird das noch etwas drapiert mit Spru\u0308chen aus der Naturwissenschaft, in der die wenigsten sich wirklich auskennen. Und die, die sich wirklich auskennen, sind mit ihrer Religionskritik eher behutsam.<\/p>\n<p>Der eigentliche Ansto\u00df ist gar nicht die Wissenschaft. Der eigentliche Ansto\u00df ist genau wie schon zur Zeitenwende und davor, dass Gott seine Macht nicht zeigt, dass nicht er das Sagen hat, sondern die Menschen, die damit ganz offenkundig u\u0308berfordert sind. Wenn sie schreiendes Unrecht nicht verhindern, sondern sogar dazu beitragen. Ein Teil der Menschheit lebt im U\u0308berfluss, und der andere versinkt in Hunger, Krankheit und Armut. Wehrlose Menschen fallen dem Teufelskreis von Terror und Vergeltung zum Opfer, oder sie werden in Konzentrationslagern und Folterkellern fertiggemacht. Nicht der Zweifel an Gott ist da das Bewundernswerte, sondern die Tatsache, dass da immer noch Menschen sind, die sich an ihn halten.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"page\" title=\"Page 2\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Desto versta\u0308ndlicher, dass die wissen wollen: Wann kommt das Reich Gottes? Wann u\u0308bernimmt er die Herrschaft in der Welt? Und dann die verblu\u0308ffende Antwort Jesu: Darauf braucht ihr nicht zu warten. Das ku\u0308ndigt sich auch nicht an darin, dass die Menschen vielleicht einsichtig und immer besser werden. Nein, das Reich Gottes ist schon da. Es ist mitten unter euch. &#8211; Lange hat man gera\u0308tselt, was damit wohl gemeint sein kann: Ob das Reich Gottes vielleicht in uns ist, in unseren inneren Werten, unserem guten Willen, gar einem go\u0308ttlichen Seelenfunken. Haut natu\u0308rlich nicht hin, weil das ja nur ein Seelengott wa\u0308re und nicht der, der uns mit Seele und Leib unter dem Himmel auf der Erde geschaffen hat. Mitten unter euch \u2013 das war Er, der das Reich Gottes mit seinen Worten und Taten verko\u0308rperte. Die einpra\u0308gsamen Geschichten, die er erza\u0308hlte, standen alle unter dem Vorzeichen des Reiches Gottes, mit dem er sie verglich. Deshalb nennen wir sie Gleichnisse. Und gelebt und gewirkt hat er, als sei er in diesen Gleichnissen zu Hause.<\/p>\n<p>Das alles ist nicht in der Vergangenheit verschwunden. Es setzt sich fort und lebt versta\u0308rkt bis heute. Ich denke an die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Jenen Mann, der einen unter die Ra\u0308uber Gefallenen und halbtot Geschlagenen rettete und ihn ru\u0308hrend versorgte. Ihn ku\u0308mmerte nicht, dass der arme Kerl zum Volk der Juden geho\u0308rte, das die Bewohner Samariens verachtete und als unrein betrachtete. Er sah den Menschen, der Hilfe brauchte. Der wurde ihm damit zum Na\u0308chsten. Ohne zu zo\u0308gern, intervenierte er.<\/p>\n<p>Und heute? Da hei\u00dft es weithin, jeder denke nur an sich selbst und vielleicht noch an seinen Clan, und Gott habe ohnehin nichts mehr zu sagen. Und doch sind sie unterwegs, die Samariter, auf ihren Rettungswagen u\u0308berall in unserm Land. Wo sie mit Blaulicht und Martisnhorn zu sehen und zu ho\u0308ren sind, haben sie Vorfahrt auch bei roten Ampeln. In rasender Fahrt geht es zu Menschen, die Unfa\u0308llen, Krankheitsattacken oder auch Gewalttaten zum Opfer zu fallen drohen. Und wenn sie ankommen, fragen sie nicht nach Herkunft und Papieren. Sie retten, bergen und helfen. Und wenn in der Ukraine ein ganzes Volk unter die Ra\u0308uber und Totschla\u0308ger gera\u0308t, sind sie auch da, die Samariter. Unter den anderen Vo\u0308lkern des Kontinents mobilisieren sie Schutz- und Wiederaufbauma\u00dfnahmen. Und dabei spielt es keine Rolle, wie nah oder fern einem die Ukraine und die in ihr praktizierte Orthodoxie ist. Da und in vielen anderen Notlagen in der Welt setzt sich fort und bleibt lebendig, was Jesus verko\u0308rperte: Reich Gottes mitten unter uns.<\/p>\n<p>Oder ich denke an die Geschichte von dem Weinbergbesitzer, der Arbeiter fu\u0308r seine Ernte suchte. Bis kurz vor Feierabend stellte er noch Leute ein, die keine Arbeit gefunden hatten. Und als es an die Bezahlung ging, bekamen alle den gleichen Tageslohn, unabha\u0308ngig davon, wann sie mit der Arbeit angefangen hatten. Denn hier ging es nicht nach der Devise: Jeder bekommt, was er verdient und leistet. Nein, hier bekommt jeder das, was er zum U\u0308berleben braucht.<\/p>\n<p>Und heute? Angeblich leben wir in einer Leistungsgesellschaft oder auch in einer Ellenbogengesellschaft. Doch alle Steuerzahler tragen dazu bei, dass Menschen bekommen, was sie zum U\u0308berleben brauchen. Wer ko\u0308rperlich, geistig oder psychisch behindert ist und sich nur wenig oder gar nicht an der Erwerbsarbeit beteiligen kann, hat ein Recht darauf, nach Kra\u0308ften gefo\u0308rdert und in die Gesellschaft der Leistungssta\u0308rkeren inkludiert, eingeschlossen zu werden. Und die Menschen, die die Behinertenhilfe zu ihrem Beruf gemacht haben, sind an Geduld und kreativer Aufmerksamkeit kaum zu u\u0308bertreffen. Hier setzt sich fort und bleibt lebendig, was Jesus verko\u0308rpert hat: Reich Gottes mitten unter uns.<\/p>\n<p>Und wo bleibt Gott selbst dabei? Ja, es ist still um ihn geworden. Und auch da, wo Menschen sich in anderen Teilen der Welt laut und ka\u0308mpferisch auf ihn berufen, wird er nicht glaubwu\u0308rdiger. Weil er dazu herhalten muss, menschliche Machtstrukturen zu festigen. Doch der stille Gott sorgt dafu\u0308r, dass die Sehnsucht nach seinem Reich nicht zur Ruhe kommt und dass Hunger und Durst nach Gerechtigkeit nicht aufho\u0308ren. Ihm ist es zu verdanken, dass wir ein so lebendiges Bild von Jesus in unseren Herzen haben. Und er sorgt dafu\u0308r, dass wir immer von neuem aus der Ruhe gebracht werden von denen, die gegen den Strom schwimmen und den Herrschenden das Feld nicht u\u0308berlassen. Da wird etwas sichtbar von einem Reich, einer Herrschaft, die u\u0308ber diese Welt hinausgeht. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Rudolf Rengstorf war Gemeindepastor, Rundfunkbeauftragter und Superintendent in Stade.<\/p>\n<p>Seit seiner Pensionierung lebt er in Hildesheim<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitten unter uns |\u00a021. So. n. 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