{"id":14809,"date":"2022-08-22T08:35:40","date_gmt":"2022-08-22T06:35:40","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=14809"},"modified":"2022-11-09T08:41:11","modified_gmt":"2022-11-09T07:41:11","slug":"lukas-7-36-50-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-7-36-50-6\/","title":{"rendered":"Lukas 7, 36-50"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Vergebung f\u00fcr schweigende S\u00fcnder und S\u00fcnderinnen\u00a0<em>|\u00a0<\/em><em>Lk 7,36\u201350 | Jonas Jochumsen |<\/em><\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0<\/em>Der Erz\u00e4hlstil des Sonntagstextes aus dem Lukasevangelium hat etwas Unerfreuliches an sich. Ein Pharis\u00e4er l\u00e4dt Jesus ein, mit ihm in einer Stadt zu speisen, in der sich eine namenlose Frau aufh\u00e4lt, die in S\u00fcnde lebt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht inmitten des pulsierenden Fl\u00fcgelschlags des Lebens, sondern inmitten des bedr\u00fcckenden Bereichs der S\u00fcnde lebt diese Frau, h\u00f6ren wir. Durch die Perspektive, die der Evangelist dabei \u00fcber seine Erz\u00e4hlung legt, kennen wir die Frau nur als eine S\u00fcnderin. Ihre Person ist verschleiert, verborgen durch eine erz\u00e4hlerische Anonymit\u00e4t; als f\u00e4nde man die Existenz der Frau nur <em>hinter<\/em> der Welt des Bibeltextes und nicht <em>in<\/em> der Welt, von der der Evangelist erz\u00e4hlt. Diese narrative Weise, die Frau zu verstecken, wirkt nicht nur ein wenig, sondern im Gegensatz sehr verfremdend.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr den Evangelisten ist es anscheinend wichtiger, dass wir den Status der Frau als S\u00fcnderin erfahren, als dass wir ihren Namen, wo sie lebt und was ihr einzigartiges Leben kennzeichnet, erfahren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So Warum denn ist der Erz\u00e4hlstil entfremdend? Meine beste Antwort lautet: Weil es ein einzigartiges Leben ist, das die Frau f\u00fchrt, auch wenn der Evangelist ein Schweigen \u00fcber sie bewahrt. Das Leben eines Menschen, der sich f\u00fcr seine Fehler sch\u00e4mt und der in seiner Verzweiflung weit vom Glauben an Christus entfernt ist, ist einzigartig und wird das immer sein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Einzigartigkeit des s\u00fcndigen Lebens erfahren wir in den \u00fcbrigen Texten des Evangeliums. Wenn die J\u00fcnger Jesu zum Glauben und zur Nachfolge aufgerufen werden, h\u00f6ren wir von ihren internen Familienbeziehungen, ihrer Arbeit und ihren menschlichen Beziehungen in einer heidnischen und j\u00fcdischen Welt. Die 12 J\u00fcnger entpuppen sich einer nach dem anderen als einzigartige S\u00fcnder, als Menschen, die an der Autorit\u00e4t Christi zweifeln. So verh\u00e4lt es sich allerdings nicht mit der heutigen S\u00fcnderin im Haus des Pharis\u00e4ers. Der Evangelist hebt ihre dekadente Natur und ihre verwerfliche Tendenz hervor, sich von Gott abzuwenden, anstatt die ganze Person zu betrachten; ihr Gesicht, ihren Verstand und ihren pers\u00f6nlichen Weg auf der Erde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sowohl sprachlich als auch historisch ist Prostitution die g\u00e4ngige Interpretation dessen, was es f\u00fcr eine Frau bedeutet, ein Leben unter der Macht der S\u00fcnde zu leben. Und in der Bibelexegese wird viel dar\u00fcber spekuliert, ob es sich bei der Frau m\u00f6glicherweise um Maria Magdalena handeln k\u00f6nnte. Doch ob die Frau ihr Geld mit dem Verkauf erotischer Dienstleistungen verdient oder ob es sich um Maria Magdalena handelt, sind letztendlich zwei Interpretationen der anonymen Person der Frau, die eher ein Versuch zu sein scheinen, die klaffende L\u00fccke im Text zu f\u00fcllen, als den provokativen Erz\u00e4hlstil des Textes in den Vordergrund stellen zu m\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir fragen uns deshalb nochmals: Woher kommt also die Emp\u00f6rung, wenn wir von der dem\u00fctigen und schweigenden Suche der Frau nach Jesus Christus h\u00f6ren? Es kann ja kaum ein Zweifel daran bestehen, dass sie trotz ihres besch\u00e4menden Status die Protagonistin des Textes ist. Sie wird nicht zum Abendessen des Pharis\u00e4ers eingeladen. Nichtsdestoweniger widersetzt sie sich ganz ungeniert den \u00fcblichen Konventionen des Essens und der Gastfreundschaft im Altertum. Sie nimmt fast gewaltsam den Raum ein, der ihr nicht gegeben wird. Es ist, als ob sie etwas auf dem Herzen hat, von dem sie uns unbedingt erz\u00e4hlen m\u00f6chte; etwas, das sie loswerden will, eine Art Erleichterung. Eine Erleichterung von ihrer S\u00fcndhaftigkeit. Sie wird in der Handlung lebendig, st\u00fcrmt ins Haus herein, wirft ihr Haar heftig nach allen Seiten, legt sich mit ihrem Alabasterkrug auf den Boden, weint Tr\u00e4nen zu F\u00fc\u00dfen des Herrn und wischt sie sodann mit ihrem langen, schweren Haar ab. In Ermangelung verbaler Silben greift sie auf Gesten zur\u00fcck. Sie handelt. Sie gibt sich bedingungslos hin. Und genau das ist der Grund, warum sich die Fragen nach der Emp\u00f6rung stellen. In ihrer Hingabe spricht sie ohne Worte. Ohne verbale Silben spricht sie laut durch ihren Akt der Liebe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Provokative an der Erz\u00e4hlweise des Textes ist also das, was verschwiegen wird, w\u00e4hrend der Fokus auf die Fehler und Unzul\u00e4nglichkeiten der Frau gerichtet wird. Dort, wo der Text stumm ist, klingt die S\u00fcndhaftigkeit der Frau nach. Das Schweigen wird zu einem Zeichen der S\u00fcndhaftigkeit, zu einem Zeichen der Unzul\u00e4nglichkeit des Menschen in einer Welt, die dem Menschen sonst zu F\u00fc\u00dfen liegt. Im Text stillt die Stille der Frau. Im Haus des Pharis\u00e4ers ist die Frau zum Schweigen verurteilt, zum Eingesperrtsein und Verstecken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Statt das Wort zu ergreifen und die Kette des Schweigens durchzubrechen, wird sie zum Gegenstand einer gro\u00dfen Diskussion zwischen Jesus und dem Pharis\u00e4er. Sie wird gezwungen, sich anzuh\u00f6ren, was die beiden M\u00e4nner \u00fcber sie zu sagen haben. Passiv muss sie erleben, wie jeder von ihnen \u00fcber ihren Kopf hinweg redet. Wie entfremdend muss eine solche Diskussion doch sein? Es ist \u2013 im urspr\u00fcnglichen Wortsinn des Wortes \u2013 peinlich zu sehen, wie der Pharis\u00e4er und Jesus ihre Anwesenheit im Haus missachten. Genauso wenn Eltern von ihrem Kind in der dritten Person sprechen, w\u00e4hrend das Kind selbst im Raum anwesend ist. Es wirkt so gequ\u00e4lt, wenn Menschen die Anwesenheit anderen Menschen marginalisieren; wenn Menschen die Gleichheit des anderen nicht anerkennen. Es ist eine Verstellung des Menschlichen, der menschlichen Offenheit in der Welt, wenn Menschen Schweigen auferlegt wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und jedoch liegt in der Stille, die auf der S\u00fcnderin lastet, eine geistige Befreiung. Denn trotz der Umst\u00e4nde kann das Schweigen ihr Tun der Liebe nicht besiegen. Und das ist beruhigend zu wissen. Die harte Mauer des Schweigens kann sie nicht davon abhalten, sich dem Herrn zu widmen. Obwohl sie schweigt, f\u00fchlt sie sich zu Christus hingezogen, zum Glauben an seine G\u00fcte. Es ist, als w\u00fcrde auch Christus in einer stummen Sprache sprechen, als w\u00fcrde er sie leise anrufen, worauf sie mit der Leidenschaft ihres Herzens und nicht mit den m\u00e4chtigen Worten ihres Mundes antwortet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der eine Abgrund ruft den anderen, sagt ein biblischer Spruch. Man k\u00f6nnte auch sagen: Die Stille des einen Abgrunds ruft die Stille des anderen Abgrunds herbei. Das ist jedenfalls der Sinn des Spruchs: Aus dem Schweigen erw\u00e4chst ein neues Schweigen, eine neue Sprache des Glaubens, die zu einer kostbaren Intimit\u00e4t mit einem anderen Menschen werden kann. Der Glaube der S\u00fcnderin entsteht somit aus dem Nichts, aus der stillen Schuld. Und wir sehen bei ihr, wie sich die Bewegung des Glaubens durch den Gegenstand, den sie in der Hand h\u00e4lt, anschaulich entfaltet wird: Mit ihrem Alabasterkrug voller \u00d6l bekennt sie ihren Glauben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein Alabasterkrug ist ein wundersames Ding. Das Material des Gef\u00e4\u00dfes \u00e4hnelt br\u00fcchigem Gips. In seiner einfachen Form ist er farblos, fast durchsichtig, mit einem wei\u00dflich-kalkigen Schimmer. Seine Transparenz l\u00e4sst das Volumen und die F\u00fclle seines Inhalts erahnen; die F\u00fclle des schweren \u00d6ls, mit dem Christus gesalbt ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein solches Gef\u00e4\u00df muss zerst\u00f6rt werden, bevor sein Inhalt entleert werden kann. Es muss zu Grunde gehen, zu tausend Splittern auf dem Boden zerfallen. Es muss ein Beh\u00e4lter ohne Boden werden. Auch die S\u00fcnde ist einem Fass ohne Boden \u00e4hnlich, das den Menschen in tausend St\u00fccke zerrei\u00dft. Sowohl der Alabasterkrug als auch die S\u00fcndhaftigkeit der Frau m\u00fcssen zerbrechen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der Hingabe, die sie zeigt, ist sie so durchsichtig wie der Alabasterkrug. Sie hat nichts zu verbergen, gibt allerdings alles preis. Die F\u00fclle ihrer Person wird entleert. Ihre S\u00fcndhaftigkeit wird wie der Alabasterkrug durch Christus zerbrochen. Ihr Liebesakt mag uns aber sehr \u00fcberw\u00e4ltigend erscheinen, doch es ist, als ob der Alabasterkrug uns die Einfachheit ihres Handelns vor Augen f\u00fchrt. Denn ihre Tr\u00e4nen haben die gleiche Wirkung wie das \u00d6l im Krug: Sie verursachen Befreiung und Ehrfurcht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mit ihrem Alabasterkrug bricht die S\u00fcnderin aus ihrer stummen Anonymit\u00e4t aus und wird zu einer Person. Die Salbung bedeutet die Anerkennung Jesu als Christus. Durch die Salbung tritt sie als eine Person vor. Sie wird zu einer Person durch Christus. Das volle Volumen der Salbung sagt ebenso viel \u00fcber den transparenten Charakter des Glaubens der S\u00fcnderin aus wie dar\u00fcber, wer der Herr Christus ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und ist das nicht eben, was uns das Evangelium zu sagen hat? dass wir, wie der Alabasterkrug und die S\u00fcnderin, vor Gott und voreinander durchsichtig und lebendig werden sollen, damit wir aus der von der S\u00fcnde vorget\u00e4uschten menschlichen Offenheit und Verschlossenheit ausbrechen k\u00f6nnen; damit wir vor dem Gott, der uns gn\u00e4dig von der stummen Macht der S\u00fcnde befreit, Personen und ganze Menschen werden. <em>Amen<\/em>.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Predigt am 25. August 2022 in Vartov, Kopenhagen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00dcbersetzt aus dem D\u00e4nischen ins Deutsche von Jonas Jochumsen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergebung f\u00fcr schweigende S\u00fcnder und S\u00fcnderinnen\u00a0|\u00a0Lk 7,36\u201350 | Jonas Jochumsen | \u00a0Der Erz\u00e4hlstil des Sonntagstextes aus dem Lukasevangelium hat etwas Unerfreuliches an sich. Ein Pharis\u00e4er l\u00e4dt Jesus ein, mit ihm in einer Stadt zu speisen, in der sich eine namenlose Frau aufh\u00e4lt, die in S\u00fcnde lebt. 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