{"id":14984,"date":"2022-11-16T09:03:38","date_gmt":"2022-11-16T08:03:38","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=14984"},"modified":"2022-11-16T09:31:14","modified_gmt":"2022-11-16T08:31:14","slug":"johannes-6-37-40","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-6-37-40\/","title":{"rendered":"Johannes 6,37-40"},"content":{"rendered":"<h3><span lang=\"DE\">Keiner geht verloren\u00a0<\/span><span lang=\"DE\">|\u00a0<\/span><span lang=\"DE\">Ewigkeits-\/Totensonntag |\u00a0<\/span><span lang=\"DE\">20.11.2022 | Joh 6, 37 &#8211; 40 |\u00a0<\/span>Ulrich Pohl |<\/h3>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Niemand geht verloren. Keiner. Mose nicht, von dem wir eben in der biblischen Lesung geh\u00f6rt haben, Gott selbst habe ihn begraben. Die J\u00fcnger nicht, zu denen Jesus die Worte in unserem Predigtabschnitt spricht: \u201eIch verliere keinen von denen, die mir mein Vater anvertraut hat.\u201c Und Jesus selbst nicht, der am Kreuz gestorben ist, aber dann auferstanden ist und wiedergekommen, um sich den J\u00fcngern zu zeigen. \u00a0<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Niemand geht verloren. <\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Keiner.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Auch wir nicht, die wir uns sorgen: Was kommt nach dem Tod? Was geschieht mit uns, wenn dieses Leben an sein Ende kommt? Was ist ein Mensch dann noch? Woraus besteht er? Was ist das Verbindende zwischen dem, der er hier war und dem, der er dort sein wird? Gibt es \u00fcberhaupt ein Leben nach diesem Leben?<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Wir wissen es nicht. Kein Wissenschaftler konnte es bisher erforschen, kein Reisender ist von dort zur\u00fcckgekehrt. Und kein noch so gro\u00dfer Denker hat entr\u00e4tseln k\u00f6nnen, wie es dort zugeht. Wir wissen nur, wir gehen darauf zu. Das, was kommt, ist dem menschlichen Wissen entzogen. Viele klammern es aus, sich damit \u00fcberhaupt zu besch\u00e4ftigen. Man muss sich eben abfinden, man kann nichts machen. Nicht zu viel dar\u00fcber nachdenken. Man lebt hier, das \u201eDort\u201c ist weit weg.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Aber dann kommt es uns mit einem Mal nah. Aus unserer Mitte stirbt ein Mensch. Ein Mensch, mit dem unser Leben verbunden war, so eng verbunden, dass es schmerzt; er ist nicht mehr da! Wir m\u00f6chten ihn festhalten, m\u00f6chten, er soll weiter da sein, soll weiter um uns sein. Das, was war, soll nicht alles gewesen sein. Der Kontakt soll nicht verloren gehen. Wir dachten immer, wir stehen mit beiden Beinen im Leben, in diesem Leben. Nun beginnen wir, Zwiegespr\u00e4che zu f\u00fchren, in Gedanken oder laut. Bist du da? H\u00f6rst du mich? Du fehlst mir! Ich vermisse dich. Ich vermisse deine N\u00e4he. Ich brauche deinen Rat. Ich h\u00f6re deine Stimme. Ich f\u00fchle dich um mich. Ich wei\u00df, du kannst nicht bleiben. Aber bitte: bleib!<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>In diesen Augenblicken f\u00fchlen wir, da ist etwas. Da ist etwas, das k\u00f6nnen wir nicht sehen. Das k\u00f6nnen wir nicht anfassen, aber es ist da. Es ist die Welt, die \u201eunsichtbar sich um uns breitet\u201c, so haben wir es eben gesungen (EG 652, 6). Gedichtet sind diese Zeilen von einem Mann, der mitten aus dem Leben gerissen wurde. Der von allen getrennt ist, die ihm etwas bedeuten. Der die N\u00e4he seiner Lieben sucht und sie herbeisehnt. Und der seiner Sehnsucht Worte gibt. \u201eDie Welt, die unsichtbar sich um uns breitet \u2026\u201c,\u00a0 wenn wir besonders verletzlich sind, besonders empfindsam, sp\u00fcren auch wir sie, diese Welt. Sie ist da. Wir sind von ihr umgeben. Wir sind Teil von ihr und sie ist ein Teil von uns.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>Eine Zeit lang bleibt dieses Gef\u00fchl bei uns. Dann verfl\u00fcchtigt es sich wieder. Wir merken es daran, die Pausen werden l\u00e4nger, die Pausen zwischen den Zwiegespr\u00e4chen mit denen, die wir vermissen. Immer mehr andere Stimmen dr\u00e4ngen sich dazwischen, und sie werden lauter. Ein Mensch ist nicht mehr da, wir haben an ihm gehangen, wir haben ihn geliebt, er war ein Teil von uns, ja. Aber nun ist er auf einem anderen Weg, und wir sind auch auf einem anderen Weg, und wir k\u00f6nnen einander nicht dauerhaft begleiten. Das Leben greift nach uns, dieses, das diesseitige Leben. Schon m\u00fcssen wir wieder Entscheidungen treffen, obwohl uns das meiste v\u00f6llig belanglos erscheint.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>Aber anderen ist es eben wichtig, wir k\u00f6nnen uns dem nicht verschlie\u00dfen. Das Leben greift nach uns, und wir lassen uns darauf ein, nicken anfangs nur stumm, wenn man uns fragt, sagen dann Ja, sagen Ja mit zunehmend festerer Stimme. Und irgendwann sagen wir auch wieder nein, ziehen Grenzen, lehnen ab oder nehmen an. Es muss ja irgendwie weitergehen. \u00c4u\u00dferlich sind wir wieder \u201edabei\u201c, und doch f\u00fchlt sich vieles noch fremd an, wie eine neue Sprache, die man m\u00fchsam buchstabiert. M\u00fchsam, aber es hilft nichts. Zeit verstreicht, Tr\u00e4nen trocknen, Wunden heilen. Wir finden\u00a0 zur\u00fcck ins Leben.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>Und die, von denen wir haben Abschied nehmen m\u00fcssen?Wollten wir sie nicht f\u00fcr immer im Herzen behalten? Wollten wir nicht jeden Tag, jede Minute weiter mit ihnen teilen? Jede Stunde auf ihr Bild schauen und alle Arbeit ruhen lassen? Wollten wir sie nicht festhalten, damit sie weiter ein Bestandteil unseres Alltags bleiben? Damit sie weiter vorkommen und da sind, in dieser Welt, der Welt, in der man das, was da ist, sehen und anfassen kann?<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>Denn was geschieht mit ihnen, wenn sie sich in unseren Gedanken verfl\u00fcchtigen? Wenn sie weniger werden in unserem Gedenken? H\u00f6ren die Verstorbenen nicht auf, da zu sein, wenn nicht wenigstens wir versuchen, sie festzuhalten? Wenn wir uns an ihr Gesicht nicht mehr richtig erinnern? Wenn wir Foto anschauen m\u00fcssen, um zu sehen, so war er? Wenn die Fotos irgendwann in Alben sortiert werden, und die Alben nur noch selten aufgeschlagen? Wenn die Bilddateien nicht mehr zu \u00f6ffnen sind, weil es l\u00e4ngst ein anderes Format gibt? Wohin gehen die, die gegangen sind, wenn wir sie in unserem Ged\u00e4chtnis langsam verlieren? Gehen sie verloren, vollends verloren? Und wohin gehen wir, wenn es so weit ist?<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>\u201eIch werde nichts verlieren von dem, was mir mein Vater anvertraut hat. Vielmehr will ich es auferwecken am j\u00fcngsten Tage.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>Von der Welt auf der anderen Seite wissen wir nichts. Und d\u00fcrfen doch etwas wissen. Weil wir dem vertrauen, der das gesagt hat. \u201eIch werde nichts verlieren von dem, was mir mein Vater anvertraut hat.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>Niemand geht verloren. Keiner. Mose nicht. Die J\u00fcnger nicht, die diese Worte Jesu sp\u00e4ter weit in alle Welt hinausgetragen haben. Und Jesus selbst, auf den sich unser Glaube gr\u00fcndet, auch nicht. Er ist gestorben. Er ist auferstanden und zu den J\u00fcngern gekommen. Er kommt auch noch heute und spricht zu uns. Niemand geht verloren.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>So gesehen ist es nicht wirklich entscheidend, dass wir es sind, die die Verstorbenen in Gedenken festhalten und im Leben halten. Wir d\u00fcrfen das tun, und wir tun es um unserer selbst willen. Aber um unserer lieben Verstorbenen willen m\u00fcssen wir es nicht. Wir d\u00fcrfen sie loslassen, denn es ist ein anderer da, der sie h\u00e4lt. Ihm geht keiner und er gibt keinen verloren.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span><span lang=\"DE\">Es ist wohl auch nicht entscheidend,\u00a0 dass wir die Menschen, die sich auf den letzten Weg machen, m\u00f6glichst lange hier festhalten. Um jedes Leben k\u00e4mpfen, mitunter tun wir auch dies um unserer selbst willen. Aber wir sollen das mit Ma\u00df tun. Wir sollen das Leben nicht absolut setzen. Wenn der Weg eines Menschen am Ende unumkehrbar ist, sollen wir ihn <\/span><span lang=\"NL\">loslassen<\/span><span lang=\"DE\"> und wir sollen ihn liebevoll begleiten. Leben retten und erhalten um jeden Preis, das passt nicht zu dem, was wir glauben. Dieses Leben ist &#8211; eben dieses Leben. Es gibt noch ein anderes. Es ist das Leben, von dem Jesus spricht. Die, die ihm anvertraut sind, wird er nicht verlieren. Am Ende der Tage wird er sie auferwecken zu einem neuen Leben, einem Leben, das ewig ist.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>Wird er das wirklich tun?<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">Und h\u00f6ren wir seine Stimme, wenn er am j\u00fcngsten Tag die Toten aus den Gr\u00e4bern ruft?\u00a0 Wenn wir sie h\u00f6ren, gilt der Ruf wirklich auch allen von uns? Oder nur den Gl\u00e4ubigen? Nur denen, die sich zu Lebzeiten auf die Seite Gottes gestellt haben. Die ihm gefolgt sind, die vorbehaltlos geglaubt haben, was er geboten hat? <\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>Jesus spricht vom Vertrauen und vom Anvertrauen. So wie der Vater ihm alles anvertraut, so k\u00f6nnen wir die Menschen, um die wir uns sorgen, dem Vater anvertrauen, die, die leben, und die, die schon gegangen sind. Wir beten f\u00fcr sie, wir sollen vor Gott an sie denken und wir legen sie in seine H\u00e4nde: Himmlischer Vater, segne, die leben. Sch\u00fctze, die im Krieg sind. Schenk Frieden denen, die in Aufruhr leben. Tr\u00f6ste, die trauern. Stille den Schmerz derer, die leiden. Vergib uns, die wir Schuld auf uns laden. Nimm die Hand derer, die die letzte Reise antreten. Beh\u00fcte, die gingen und bewahre sie bei dir. Mach heil, was unter unseren H\u00e4nden bricht. Bring zur\u00fcck, was verloren ging. Schenk uns, dass wir uns wiedersehen in deinem himmlischen Reich.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\">Wenn wir so beten, kann Gott nicht nein sagen. Jesus selbst sagt es: \u201eMein Vater wird niemanden hinaussto\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p class=\"Text\">Niemand geht verloren. Keiner. Wir nicht. Die vor uns waren nicht. Die nach uns kommen nicht. Wir werden einander wiedersehen. Und alles wird sich finden.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"Text\"><span lang=\"DE\">\u00a0<\/span>Amen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keiner geht verloren\u00a0|\u00a0Ewigkeits-\/Totensonntag |\u00a020.11.2022 | Joh 6, 37 &#8211; 40 |\u00a0Ulrich Pohl | Niemand geht verloren. Keiner. Mose nicht, von dem wir eben in der biblischen Lesung geh\u00f6rt haben, Gott selbst habe ihn begraben. 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