{"id":15143,"date":"2022-11-22T20:40:28","date_gmt":"2022-11-22T19:40:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=15143"},"modified":"2022-11-30T12:00:03","modified_gmt":"2022-11-30T11:00:03","slug":"offenbarung-314-22-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/offenbarung-314-22-4\/","title":{"rendered":"Offenbarung 3,14-22"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Auf leisen Sohlen | Predigt zu Offenbarung 3,14-22 | 1. Advent, 27.11.22 | Eberhard Busch |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Haben wir\u00b4s geh\u00f6rt? \u201eSiehe, ich stehe vor der T\u00fcr und klopfe an\u201c, so spricht eine Stimme nach dem biblischen Buch Offenbarung. Es hat geklopft. Und das hei\u00dft Advent, der mit dem heutigen Sonntag beginnt. Er, der Verborgene, der Un\u00fcberh\u00f6rbare, der Messias, er ist es, er ist unterwegs. auf dem Weg zu uns, und er sagt uns heute: \u201e<em>ich<\/em> stehe vor der T\u00fcr und klopfe an\u201c. Er ist h\u00f6flich. Er f\u00e4llt nicht mit der T\u00fcre ins Haus. Aber er ist auch nicht \u201ein dem Himmel ferne, wo die Englein sind&#8220;. M\u00f6gen die dort sein, wo sie sind! Doch von ihm wird uns angezeigt: \u201eder Herr ist nahe\u201c (Phil 4,5; Ps. 145,8). Wir leben im Advent. Noch sehen wir ihn nicht. Noch <em>scheint<\/em> er in dem Himmel ferne zu sein. Noch ist er geheimnisvoll verh\u00fcllt. Doch l\u00e4sst er schon von sich h\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und er meldet sich bei uns an nicht mit hackigen Stiefeln. Er kommt auf leisen Sohlen. Er l\u00e4rmt nicht. So dringlich es ist, dass er zu uns kommt, er ist nicht <em>auf<\/em>dringlich. Er kommt nicht mit dem Holzhammer, geschweige mit Motorengeheul. Nicht nach dem Motto: \u201ebist du nicht willig, so brauch\u00b4 ich Gewalt!\u201c (wie es im Gedicht Erlk\u00f6nig von Goethe hei\u00dft). Nein, es geht zu, wie uns vom vormaligen Propheten Elia berichtet wird. \u201eUnd der HERR war nicht im Sturm und nicht im Erdbeben und nicht im Feuer.\u201c Darin findet ihr ihn nicht, und wer ihn darin erwartet, der t\u00e4uscht sich. \u201eGott ist anders.\u201c \u201eUnd nach dem Feuer kam <em>ein stilles sanftes S\u00e4useln<\/em>\u201c (1K\u00f6n 19,11f), eine \u201eStimme leisen Schweigens\u201c, wie der Rabbiner Leo Baeck den Ausdruck \u00fcbersetzt. So kommt Gott. Er kommt mit zartem Hauch. Er will uns nicht unterdr\u00fccken, er will uns \u00fcberzeugen. Er will uns nicht erschrecken, er will sich uns nahelegen. Er kommt derart, dass wir aufatmen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So kommt Gott. Und so zeigt er, wer er ist. So enth\u00fcllt er uns seine Art. Barmherzigkeit ist sein Wesen. Er ist von Haus aus \u201ekein Kaputtmacher\u201c (Christoph Blumhardt). Er sch\u00e4tzt\u00a0 keine Zwangschristianisierung. Sein Geist weht nicht auf Massenveranstaltungen. \u201eSanfm\u00fctigkeit ist sein Gef\u00e4hrt.\u201c Derart stellt er sich bei uns.ein. Das ist ja das Gute, dass er in dieser Weise vorgeht. Darin ist er m\u00e4chtig, dass er zur\u00fcckhaltend sein kann, stark darin, z\u00e4rtlich zu sein. Er ist gewaltig darin, dass er behutsam bei uns anklopft. Advent hei\u00dft nicht blo\u00df: <em>wir<\/em> warten auf Weihnachten. Advent hei\u00dft auch: <em>Gott<\/em> wartet. Er wartet darauf, dass wir ihn bei uns hereinlassen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn es geklopft hat, pflegt man zu sagen: Ich schau mal nach, wer jetzt Einlass begehrt. <em>Darauf<\/em> wartet er. Bereits k\u00f6nnen wir ihn h\u00f6ren. Wenn wir ihn nur nicht \u00fcberh\u00f6ren! Bei all dem L\u00e4rm, den wir machen! \u201eMacht hoch die T\u00fcr, die Tor macht weit\u201c \u2013 Fragezeichen. Muss er nicht mitunter lange darauf warten, bis wir reagieren? Denn so manche haben lange Leitung, sind schwer von Begriff. Unser Bibeltext gebraucht daf\u00fcr ein auffallendes Wort: &#8222;lau&#8220;. Ein deutscher Politiker spottete einst \u00fcber den damaligen Bundeskanzler, obwohl der aus der gleichen Partei kam: \u201eDer Herr badet gern <em>lau.<\/em>\u201c Lau hei\u00dft Flatterhaftigkeit. Jetzt rufst du Hurra einem Falschen zu, nachher behauptest du, du seist nicht dabei gewesen. \u201eLau\u201c, damit ist so etwas gemeint, wie die Redensart lautet: nichts Halbes und nichts Ganzes. \u201eLau&#8220; hei\u00dft: was du\u00a0 lieferst, ist St\u00fcmperei, Pfusch, Flickschusterei. Es ist zu unzureichend, als dass man damit etwas anfangen k\u00f6nnte. Das ist ja so, wie wenn man bei einer Hochzeit auf die entscheidende Frage, statt sein Jawort zu geben, sagen w\u00fcrde: &#8222;Vielleicht, vielleicht auch nicht, ich will mich nicht festlegen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lau \u2013 das ist arg. Und das \u00c4rgste ist, dass die, auf die dies zutrifft, nicht einmal merken, wie sie dran sind. Du meinst: was ich brauche, dazu brauche ich dich nicht \u2013 du bildest dir ein: ich bin mir selbst genug, und du merkst es gar nicht, wie du tats\u00e4chlich dran bist: gehst deinen Weg und siehst nicht, wie absch\u00fcssig er ist, bist j\u00e4mmerlich blind f\u00fcr dein Dransein. Von \u201eAugensalbe\u201c redet unser Text.\u00a0 Der einstige Apothoker in Halle Christian Friedrich Richter hat den Vers gedichtet: &#8222;Jesus gib gesunde Augen, \/ die was taugen &#8230; Denn das ist gr\u00f6\u00dfte Plage, \/ wenn am Tage \/ man das Licht nicht sehen kann.&#8220; Manche Blinde sehen es deutlicher, was die Sehenden \u00fcbersehen: das Lau-sein, die Halbherzigkeit, die Teilnahmslosigkeit, die Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber der Not der anderen, der Fremden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber Gott hat Geduld. Hat er sie wirklich? Er lst ja nicht blind, er braucht keine Augensalbe. Er sieht uns genauer, als wir uns selbst sehen. Liegt es da nicht nahe, dass er in Wut \u00fcber all die K\u00fcmmerlichkeit sagt: &#8222;Ich will dich ausspucken aus meinem Munde&#8220;? Wie etwas Unangenehmes, Unertr\u00e4gliches, das auf die Zunge geraten ist. Fort mit dir!? Will er denn gar nichts mehr zu tun haben mit seinem schwer ertr\u00e4glichen Gesch\u00f6pf? Bei dem biblischen Propheten Hosea (11.8f.) lesen wir die aufr\u00fcttelnden Worte, in denen Gott bei sich denkt: \u201eWas soll ich aus dir machen? Soll ich dich sch\u00fctzen? Soll ich dich nicht vielmehr zerst\u00f6ren?\u201c Aber dann f\u00e4llt sich Gott selbst in den Arm \u2013 gottlob ist er nicht prinzipientreu: Nein nein, \u201emein Herz ist anderen Sinnes. Heftig entbrannt ist meine Barmherzigkeit.\u201c Dazu die nachdenkliche Begr\u00fcndung: \u201eDenn ich bin Gott und nicht ein Mensch.\u201c Gott ist anders. Ihm platzt nicht der Kragen. Er hat Geduld.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er wartet darauf, dass uns das zu Herzen geht. Darauf ist er gespannt, ob wir es lernen, umzudenken. Er kehrt dabei jene Dichterzeile um: \u201eUnd bist du nicht willig, so brauch\u2019 ich &#8211; <em>Liebe<\/em>.\u201c Viel Liebe. Gottes Liebe m\u00f6chte uns gesundlieben &#8211; so, dass auch wir anderen Sinnes werden. Darauf wartet er. Gott gibt nicht auf. Gott hat Zeit. \u201eSteter Tropfen h\u00f6hlt den Stein.\u201c (Ovid) Gott ist langatmig, nicht kurzatmig. Er wirbt um uns. Dabei geht es ihm nicht darum, uns blo\u00dfzustellen. Unser Bibelwort sagt: Vielmehr \u201ewill er dich Nackten kleiden\u201c. Er will uns nicht blamieren, er will uns ermutigen \u2013 ermutigen, ungeduldig zu hoffen und zu warten. Denn Advent hei\u00dft nicht nur: Gott wartet. Auch wir haben zu warten. Wir leben im Advent. Nicht wahr, wir warten auf Weihnachten, darauf, dass die Lichter leuchten in der Nacht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und wenn wir es genau nehmen, warten wir dabei nicht blo\u00df auf das kleine Weihnachten, das wir uns selbst bereiten k\u00f6nnen. Wir hoffen auf das gro\u00dfe Weihnachten, das Gott uns bereitet. Dem gehen wir entgegen, und dem gehen wir weiter entgegen, auch wenn in f\u00fcnf, sechs Wochen unser Weihnachten abger\u00e4umt ist. Unser Predigttext redet in wunderlichen Worten davon, er redet davon als von etwas, was uns wie von einem anderen Ufer zugerufen wird: \u201eWenn jemand meine Stimme h\u00f6ren wird und die T\u00fcr auftut, zu dem werde ich hereingehen und das Festmahl mit ihm halten und er mir mir.\u201c Gott kommt zum Ziel, indem er zu uns kommt. Und wir kommen da mit ihm ins Reine. Er l\u00e4sst uns nicht fallen. Er hebt uns auf. Er kommt zu uns und wir kommen zu ihm. Und er erscheint nicht mit leeren H\u00e4nden. Er tafelt mit uns. Er l\u00e4sst uns nicht hungrig. Maria singt in der Erwartung Jesu: \u201eDie Hungrigen f\u00fcllt er mit G\u00fctern\u201c (Lukas 1,53). Das ist zuerst dem Armen versprochen, der nach Bertold Brecht dem Reichen sagt: \u201eW\u00e4r ich nicht arm, w\u00e4rst du nicht reich.&#8220;\u00a0 Wird auch jener Obdachlose Kost und Logis finden, der neulich in ein Mikrofon heulte: \u201eDie Menschen wollen uns nicht haben\u201c?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jedenfalls <em>Gott<\/em> verspricht ihm: Komm her, Ich will dir unter die Arme greifen. Ich will dich unter meinen Schutz stellen, dich und mit ihm auch Andere, uns Andere: \u201eWer \u00fcberwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen.\u201c Oder dasselbe in andrer \u00dcbersetzung: Dem, der aus der Bedr\u00e4ngnis kommt, \u201edem werde ich das Recht geben, neben mir zu sitzen.\u201c Davon singt Paul Gerhardt im Adventslied: \u201eDu kommst und macht mich gro\u00df \/ und hebst mich hoch zu Ehren \/ und schenkst mir gro\u00dfes Gut, \/ das sich nicht l\u00e4sst verzehren, \/ wie irdisch Reichtum tut.\u201c So geht es schlussendlich dem bedr\u00e4ngten Armen, so geht es jenem Obdachlosen, so geht es auch uns, so geht es unsren Feinden, weil ihnen allen zugesagt ist, bei ihm und neben ihm zu leben, ohne Abstandnahme der Einen von den Anderen. So erf\u00fcllt sich, was ebenso im Buch Offenbarung verhei\u00dfen ist: \u201eGott wird bei ihnen wohnen und sie werden seine V\u00f6lker sein&#8220; (21,3). B\u00f6ser Hass und m\u00f6rderischer Krieg sind jetzt verschwunden, Hunger und Durst sind vergangen, die Angst ist abgetan. Die L\u00fcge ist nicht mehr aufrecht zu halten. Die Gedankenlosigkeit h\u00f6rt auf. Es wird Friede sein. Bitte, lass ihn kommen. Lass <em>ihn <\/em>herrschen. Berge uns darin. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E:mail: <a href=\"mailto:ebusch@gwdg.de\">ebusch@gwdg.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf leisen Sohlen | Predigt zu Offenbarung 3,14-22 | 1. Advent, 27.11.22 | Eberhard Busch | Haben wir\u00b4s geh\u00f6rt? \u201eSiehe, ich stehe vor der T\u00fcr und klopfe an\u201c, so spricht eine Stimme nach dem biblischen Buch Offenbarung. Es hat geklopft. Und das hei\u00dft Advent, der mit dem heutigen Sonntag beginnt. 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