{"id":15211,"date":"2022-11-28T14:01:42","date_gmt":"2022-11-28T13:01:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=15211"},"modified":"2022-11-28T14:30:02","modified_gmt":"2022-11-28T13:30:02","slug":"predigt-zu-dem-lied-von-friedrich-spee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-dem-lied-von-friedrich-spee\/","title":{"rendered":"Predigt zu dem Lied von Friedrich Spee"},"content":{"rendered":"<h3>\u201eO Heiland, rei\u00df die Himmel auf\u201c| Zweiter Advent | 04.12.2022 | Predigt zu dem Lied von Friedrich Spee |\u00a0Johannes L\u00e4hnemann |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eO Heiland, rei\u00df die Himmel auf\u201c: Was ist das f\u00fcr ein Ruf, was ist das f\u00fcr ein Schrei, mit dem das Lied einsetzt, dessen erste Strophen wir gerade gesungen haben! Ein Schrei aus gr\u00f6\u00dfter Not, aus gr\u00f6\u00dfter Ausweglosigkeit heraus! Er k\u00f6nnte auf die Notlagen gem\u00fcnzt sein, die wir gerade weltweit erleben: die Klima- und Umweltkrise, die D\u00fcrren und \u00dcberflutungen hervorruft, Millionen Menschen leiden l\u00e4sst und der die internationale Politik nur halbherzig begegnet. Der unselige Krieg in der Ukraine, aus dem gegenw\u00e4rtig kein Ausweg in Sicht ist, mit Toten und Fl\u00fcchtlingen, und der N\u00f6te in vielen L\u00e4ndern und auch bei uns versch\u00e4rft. Und nicht zuletzt ist die Corona-Pandemie\u00a0 noch immer nicht wirklich gebrochen. Sie bringt weiterhin Leid \u00fcber viele Menschen und in viele L\u00e4nder. Was muss geschehen, um die Erde zu retten? Was muss geschehen, um leidenden Menschen weltweit zu helfen? Was muss geschehen gegen Unterdr\u00fcckung Andersdenkender in autorit\u00e4ren Staaten, gegen die Kriege und Konflikte, mit denen skrupellose Machthaber ihre Machtbasis verteidigen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eO Heiland, rei\u00df die Himmel auf\u201c \u2013 so ruft es Friedrich Spee, der Dichter unseres Liedes. Er ruft es in einer Zeit, die noch dr\u00fcckender, noch chaotischer ist als das, was uns bedr\u00e4ngt: in den Jahren des 30-j\u00e4hrigen Krieges, der ganze Gegenden Deutschlands zu Ein\u00f6den gemacht hat, wo Mord, Raub, Brandschatzung wie eine Pest um sich griffen, wo \u00be der gesamten Bev\u00f6lkerung des Landes den Gemetzeln zum Opfer fiel. Friedrich Spee war Jesuit, ein katholischer Theologe. Sein Lied geh\u00f6rt aber seit langem auch zum evangelischen Liedschatz \u2013 und das mit Recht. \u2013 Friedrich Spee war ein Rufer der Menschlichkeit, mit einer tief menschlichen christlichen Fr\u00f6mmigkeit \u2013 nicht nur gegen die Kriegsgr\u00e4uel, sondern auch gegen den schlimmsten Wahn seiner Zeit \u2013 gegen die Hexenverfolgungen, die ungez\u00e4hlte unschuldige Frauen auf den Scheiterhaufen brachten. Sein Buch gegen die Praxis der Hexenprozesse r\u00fcttelte viele Leser auf und brachte erstmals F\u00fcrsten dazu, die Hexenverfolgung einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei Friedrich Spee finden wir also beides: den Ruf, ja den Schrei nach der Hilfe Gottes \u2013 und gleichzeitig die mutigen eigenen Schritte gegen eine \u00dcbermacht an Wahn und Verblendung. Und das macht sein Lied f\u00fcr uns so echt und glaubw\u00fcrdig, weil wir uns hier auch mit den N\u00f6ten unserer Zeit, mit unseren Anfechtungen verstanden sehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sein Lied ist ein Lied brennender Sehnsucht, der Sehnsucht nach Hilfe und nach Erl\u00f6sung. In eindrucksvollen Bildern fleht er die Rettung vom Himmel herbei, immer wieder eingeleitet mit dem \u201eO\u201c: <em>O Heiland. O Gott, o komm,<\/em> ja selbst Erde und Sonne bezieht er in seine Rufe mit ein.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Bilder, die er verwendet, nimmt er aus der Bibel, vor allem aus dem Jesaja-Buch. In Jesaja 64 bittet der Prophet f\u00fcr sein gedem\u00fctigtes, bedr\u00fccktes Volk: \u201eAch, dass du die Himmel zerrissest und f\u00fchrest herab \u2026\u201c Friedrich Spee bezieht dieses Bild auf das Kommen Jesu, das Kommen des Heilandes, auf den, der direkt aus dem Himmel, von Gott geschickt wird:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">1: <em>O Heiland, rei\u00df die Himmel auf,<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>herab, herab vom Himmel lauf;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>rei\u00df ab vom Himmel Tor und T\u00fcr,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>rei\u00df ab, wo Schloss und Riegel f\u00fcr.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hier wird die Sehnsucht herausgesungen, dass der Himmel sich auftut, dass er aufgerissen wird. \u2013 Wir erleben es ja manchmal, dass auch der Himmel, den wir \u00fcber uns sehen, verdeckt ist von grauen, dr\u00fcckenden Wolken, dass keine Helligkeit durchdringt. Welches Erlebnis ist es da, wenn die Wolken auf einmal aufrei\u00dfen, wenn ein Lichtstrahl, ein Sonnenstrahl durchdringt, direkt in unser Herz hinein! \u2013 Und wir erleben es auch, dass unser Gem\u00fct manchmal verdunkelt ist von den Wolken der Sorge, der Angst, des Kummers. Welches Erlebnis ist es da, wenn die Wolken zerrissen werden von einer guten Nachricht, einem frohmachenden Wort, einer zu Herzen gehenden Freundlichkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Dichter unseres Liedes breitet hier alle Not der Welt vor Gott aus, die pers\u00f6nliche Not wie die Not der V\u00f6lker, aber auch die Not der geplagten Sch\u00f6pfung. Er ruft den Heiland, dass er den Himmel aufrei\u00dft, dass er uns Gottes Welt auftut, dass er selbst herabl\u00e4uft zu uns, dass er uns die Wirklichkeit des Himmels schenkt, die Wirklichkeit, die unseren Augen oft verschlossen ist, die aber unsere Wirklichkeit verwandeln kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine innige Bitte hat dabei etwas Dynamisches, Dr\u00e4ngendes. Zweimal ruft er: <em>herab, herab vom Himmel lauf, <\/em>dreimal <em>rei\u00df auf, rei\u00df ab.<\/em> Und auch die Melodie ist ganz dynamisch angelegt, auf die Stelle hin, wo es hei\u00dft: <em>Rei\u00df ab vom Himmel Tor und T\u00fcr<\/em>! Das ist die Stelle, wo in jeder Strophe der Text und der Melodiebogen ihren H\u00f6hepunkt erreichen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und eigentlich muss man dann gleich ohne Pause zur zweiten Strophe weitersingen:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">2: <em>O Gott, ein Tau vom Himmel gie\u00df,<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>im Tau herab, o Heiland flie\u00df.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ihr Wolken, brecht und regnet aus<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>den K\u00f6nig \u00fcber Jakobs Haus. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr diese Strophe m\u00fcssen wir uns eine trockene W\u00fcste vorstellen: gl\u00fchende Hitze \u00fcber einer endlosen Fl\u00e4che, nur unterbrochen von einigen H\u00fcgeln und Felsen, die kaum Schatten geben, mit nur vereinzelten vertrockneten Pflanzen, eine Ein\u00f6de, die danach lechzt, dass Wolken kommen, dass sie aufbrechen und den Himmelstau herabgie\u00dfen. \u2013 Ist nicht manchmal unser Leben wie eine solche W\u00fcste: ausged\u00f6rrt, ausgebrannt \u2013 wenn uns die Anforderungen \u00fcber den Kopf wachsen \u2013 oder auch, wenn uns Ungewissheiten und \u00c4ngste besetzen, wie es gerade gegenw\u00e4rtig so leicht sein kann \u2013 und wenn uns dann die Kr\u00e4fte ausgehen? Dann sind wir durstig nach einer Erleichterung, einer Entlastung, nach einer Erquickung, die uns hilft, nicht mehr nur ausgebrannt zu sein. Friedrich Spee greift auch hier ein prophetisches Bildwort auf. Es wird dem Volk Israel in der Fremde, in der Verbannung in Babylon gesagt, dort, wo die Menschen aus Jerusalem und Juda hin deportiert waren, wo sie unter Unterdr\u00fcckung, unter Vereinsamung, unter Ungerechtigkeit litten: \u201eTr\u00e4ufelt, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf!\u201c (Jes 45,8)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie w\u00fcnschte man sich das f\u00fcr all die Menschen, die im eigenen Land Knechtung, Ungerechtigkeit, Unfreiheit erleben m\u00fcssen \u2013 und das sind oft ja gerade auch religi\u00f6se Menschen: muslimische Rohinja in Myanmar, Buddhistinnen und Buddhisten in Tibet, Baha\u2018i- im Iran, christliche Gruppen gleich in einer Reihe von L\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unser Liederdichter macht das Heil, das er erhofft, wieder am Heiland fest, an dem, den uns Gott schickt, der aus Gottes Welt zu uns kommt: Er, der K\u00f6nig \u00fcber Jakobs Haus, ist es, der die Sehnsucht stillen, den Durst l\u00f6schen, die Not lindern soll.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der dritten Strophe f\u00fchrt er dann das Bild von der W\u00fcste weiter:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">3: <em>O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>dass Berg und Tal gr\u00fcn alles wird.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>O Erd, herf\u00fcr dies Bl\u00fcmlein bring,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>o Heiland, aus der Erden spring.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer die W\u00fcste gut kennt, der wei\u00df, dass ein einziger kr\u00e4ftiger Regen sie verwandeln kann: Es gie\u00dft vom Himmel, und \u00fcber Nacht werden die schlafenden Kr\u00e4fte in der Erde wach. Das Gr\u00fcn und die Knospen springen heraus, und Berg und Tal sind auf einmal eine bl\u00fchende Landschaft. So beschreibt es auch Friedrich Spee. In der Mitte seiner Betrachtung aber stellt er eine kleine Blume. <em>O Erd, herf\u00fcr dies Bl\u00fcmlein bring, o Heiland, aus der Erden spring.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass hier ein Bl\u00fcmlein besungen wird, erscheint wie ein Kontrastbild zur vorigen Strophe: Dort war es der K\u00f6nig, der Herrscher \u00fcber Israel, der ersehnt wurde; hier ist es die kleine Blume, auf die der S\u00e4nger seine Hoffnung setzt: eine wundersch\u00f6ne, aber doch verletzliche kleine Pflanze, die aus der Erde hervorspringt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und doch geh\u00f6rt f\u00fcr den Liederdichter beides zusammen. Er stellt uns den K\u00f6nig vor, der nicht m\u00e4chtig, kriegerisch herrscht, sondern dessen Macht sich wie in einer kleinen, verletzlichen Blume zeigt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist ein sch\u00f6nes Bild daf\u00fcr, wie die Evangelien von der Geburt Jesu erz\u00e4hlen: Wenn die Weisen, die Sterndeuter aus dem Osten kommen, dann suchen sie zun\u00e4chst den K\u00f6nig in Jerusalem, am Hof des Herodes; aber sie m\u00fcssen weiterziehen in das kleine St\u00e4dtchen\u00a0 Bethlehem, wo sie dem Kind ihre Gaben bringen. Als Augustus, der Kaiser in Rom, die Steuererhebung anordnet, ahnt er nicht, dass am Rande seines Weltreiches, in Pal\u00e4stina, ein junges Paar sich auf den Weg machen muss, damit der wirkliche Retter der Welt in der Stadt Davids geboren wird. Und Jesus, das Kind, ist verletzlich: mit seinen Eltern muss es fliehen vor Herodes, und es kann nicht verhindern, dass seine Altersgenossen in Bethlehem von dem machtbesessenen K\u00f6nig Herodes umgebracht werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Aber das Kind ist doch auch ein K\u00f6nig, ein K\u00f6nig, der im Verborgenen die Liebe Gottes aufbl\u00fchen l\u00e4sst \u2013 mitten in dieser Welt voll Gewalt und Brutalit\u00e4t: Kummervolle Menschen atmen auf, wenn sie ihm begegnen, Blinde werden sehend, Gel\u00e4hmte k\u00f6nnen wieder gehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In meiner aktiven Zeit in L\u00fcneburg und N\u00fcrnberg habe ich zusammen mit meiner verstorbenen Frau Susanne und Schulklassen, in denen ich Religion unterrichtete, einmal auch mit einer Konfirmandengruppe, ein Singspiel zum Advent aufgef\u00fchrt. Es steht unter dem Motto \u201eWas ver\u00e4ndert sich, wenn Jesus kommt\u201c und stellt die Heilung der 10 Auss\u00e4tzigen dar. Auss\u00e4tzige wurden ausgesto\u00dfen, wenn sich ihre Krankheit zeigte. In H\u00f6hlen mussten sie sich verbergen mit ihrer absto\u00dfenden Krankheit. \u201eUnrein, unrein\u201c mussten sie rufen, wenn ihnen gesunde Menschen nahekamen. \u2013 Da h\u00f6ren sie, dass Jesus kommt. Sie verlassen ihre H\u00f6hlen, sie gehen ihm entgegen. Sie rufen ihn an: \u201eJesu, lieber Meister, erbarme dich unter!\u201c Im Singspiel wird dieser Ruf laut, fast gellend vorgetragen. Aber dann werden in den Ruf hinein die vierte und f\u00fcnfte Strophe unseres Liedes gesungen, so dass der Hilferuf zu einem Hoffnungsruf wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese beiden Strophen m\u00f6chte ich jetzt mit Ihnen singen. \u2013 Und vielleicht m\u00f6gen Sie bei dem Ruf an den Hilferuf denken, der Ihnen heute, in dieser Stunde am st\u00e4rksten auf der Seele liegt: sei es eine Not, die Sie pers\u00f6nlich, in Ihrem eigenen Leben dr\u00fcckt, sei es eine der N\u00f6te, die uns heute allen vor Augen stehen,\u2013 in unserer Stadt,\u00a0 in unserem Land und besonders in den von Armut heimgesuchten L\u00e4ndern.<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">4: <em>Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>darauf sie all ihr Hoffnung stellt?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>O komm, ach komm vom h\u00f6chsten Saal,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>komm, tr\u00f6st uns hier im Jammertal.<\/em><\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">5: <em>O klare Sonn, du sch\u00f6ner Stern,<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>dich wollten wie anschauen gern;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>in Finsternis wir alle sein.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>O klare Sonn, du sch\u00f6ner Stern\u2026: <\/em>Wir k\u00f6nnen dabei an all die Menschen denken, denen Jesus (wie den 10 Auss\u00e4tzigen) auf seinem Weg damals durch Israel Licht und Helligkeit geschenkt hat. \u2013 Wir k\u00f6nnen uns aber auch das Licht vor Augen stellen, das auf dem Bild zu sehen ist, das Sie auf dem Gottesdienstblatt finden. Es ist ein sogenannter \u201emonoriss\u201c (aus gerissenem Papier) der M\u00fcnsteraner K\u00fcnstlerin Rika Unger, mit der wir sehr befreundet waren. Sie hat ihn \u201eGro\u00dfes Licht und kleine Sonnen\u201c genannt: Das gro\u00dfe Licht von Ostern zerrei\u00dft den Stein, der vor dem Grab gelegen hat, und \u00fcberstrahlt das Kreuz, das noch im Hintergrund zu sehen ist. Von ihm gehen kleine Sonnen hinein in die menschliche Existenz, die immer wieder von Kreuzen begleitet ist. Sie geben Hoffnung und Ermutigung f\u00fcr die schweren Seiten des Lebens. Es ist das Licht, das aus der Nacht des Kreuzestodes, den Jesus selbst in gr\u00f6\u00dfter Ausweglosigkeit auf sich genommen hat, leuchtet und aus dem er am Ostermorgen als Sieger hervorgegangen ist. Dass der Dichter unseres Liedes Jesus als den anruft, der den Sieg \u00fcber den Tod gebracht hat, zeigt er dann in der sechsten Strophe:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">6: <em>Hier leiden wir die gr\u00f6\u00dfte Not.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Vor Augen steht der ewig Tod.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Ach komm, f\u00fchr uns mit starker Hand<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Vom Elend zu dem Vaterland.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Dichter kennt die Todeswelt, die uns umgibt. Aber er blickt hinauf in die andere, die himmlische Wirklichkeit, die nicht den Todesgesetzen unterliegt und die Jesus jenseits aller irdischen Not f\u00fcr uns bereith\u00e4lt. <em>Ach komm, f\u00fchr uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland. Elend, <\/em>das ist hier das Wort f\u00fcr die Fremde, den Ort, wo man nicht zu Hause ist; Jesu Reich aber ist das Vaterland, das er offen h\u00e4lt f\u00fcr jeden, der zu ihm kommt. Es ist das Reich, in dem Gott die Tr\u00e4nen abwischen wird von allen Augen, wie es im Offenbarungsbuch des Johannes hei\u00dft \u2013 auch die Tr\u00e4nen dessen, der in Einsamkeit unter uns stirbt, auch die Tr\u00e4nen der Mutter in Afrika, die um ihr verhungertes Kind weint, auch die Tr\u00e4nen derer, die Opfer von Krieg, Gewalt und Fanatismus sind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dort k\u00f6nnen wir Gott danken und loben, auch wenn es uns hier auf Erden oft schwer f\u00e4llt im Angesicht von Leid und Geschrei, von Not und Elend; da k\u00f6nnen wir mit dem Dichter \u2013 es ist f\u00fcr die 7. Strophe David Gregor Corner, der sie dem Lied hinzugef\u00fcgt hat \u2013 singen:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"font-weight: 400;\">7: <em>Da wollen wir all danken dir,<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>unserm Erl\u00f6ser f\u00fcr und f\u00fcr;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>da wollen wir all loben dich<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>zu aller Zeit und ewiglich.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Friedrich Spee blickt hier auf zum Himmel, zum Vaterland, zum Reich Gottes \u2013 eine Blickrichtung, die unserer diesseitsbezogenen Welt fern zu sein scheint. Und doch ist es dieses Bild, diese Hoffnung auf das Leben bei Gott, das uns einen unverlierbaren Trost geben kann. Dabei bedeutet diese Hoffnung keine Vertr\u00f6stung, sondern sie soll uns Halt und Mut geben f\u00fcr unser Leben hier.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Von dem gro\u00dfen Licht, das Jesus Christus ist, sollen wir unser Herz so erf\u00fcllen lassen, dass wir immer wieder zu kleinen Sonnen f\u00fcr andere werden k\u00f6nnen, dass wir nach unseren Kr\u00e4ften anderen Licht geben, dass wir der Not, dem Elend, der Gewalt und dem Fanatismus bewusst entgegentreten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mir ist dazu vor Kurzem ein Wort begegnet, aufgeschrieben von einem jungen M\u00e4dchen, das mich in seiner Direktheit unmittelbar ergriffen hat. Das M\u00e4dchen hat geschrieben:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eWie wunderbar ist es, dass niemand einen Moment warten muss, bevor er anf\u00e4ngt, die Welt zu verbessern\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist eine Botschaft, die vordergr\u00fcndig absolut unrealistisch zu sein scheint. Aber diese Vision stammt von niemand anderem als von Anne Frank. Ein Wort, ausgesprochen in der ausweglosesten Situation, die man sich vorstellen kann. Es ist ein Gegenwort gegen allen Pessimismus, gegen ein Versinken im Negativen. Nehmen wir es ernst f\u00fcr ein Umlenken unserer Blicke auf die M\u00f6glichkeiten, F\u00e4higkeiten und die Fantasie, die jedem und jeder von uns gegeben sind, getragen von der Hoffnung, die unserem Glauben \u00fcber die Grenzen dessen hinaus, was m\u00f6glich scheint, innewohnt!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes@laehnemann.de\">johannes@laehnemann.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Vorsitzender der N\u00fcrnberger Regionalgruppe der <em>Religionen f\u00fcr den Frieden<\/em>, Mitglied am Runden Tisch der Religionen in Deutschland und Mitglied der internationalen <em>Standing Commission Interreligious Education <\/em>der internationalen Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedempfehlungen (EG): 14 (Die Nacht ist vorgedrungen), 7 (O Heiland, rei\u00df die Himmel auf \u2013 das Lied zur Predigt) 13 (Tochter Zion), 436 (Kanon: Herr, gib uns deinen Frieden)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Predigt wird im Gottesdienst der St. Laurentiuskirche in Astfeld bei Goslar gehalten. Vor der Predigt werden die Strophen 1-3 von \u201eO Heiland, rei\u00df die Himmel auf\u201c gesungen, w\u00e4hrend der Predigt die Strophen 4-5, nach der Predigt die Strophen 6-7.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zur Strophe 5 wird der \u201emonoriss\u201c \u201eGro\u00dfes Licht und kleine Sonnen\u201c der M\u00fcnsteraner K\u00fcnstlerin Rika Unger<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(1917-2002) herangezogen und erkl\u00e4rt. Ich habe ihn als Geschenk von der K\u00fcnstlerin erhalten. Er darf gerne \u2013 bei Herkunftsangabe \u2013 verwendet werden<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-15220\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt-16x12.jpg 16w, https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Unbenannt-scaled.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eO Heiland, rei\u00df die Himmel auf\u201c| Zweiter Advent | 04.12.2022 | Predigt zu dem Lied von Friedrich Spee |\u00a0Johannes L\u00e4hnemann | Liebe Gemeinde! \u201eO Heiland, rei\u00df die Himmel auf\u201c: Was ist das f\u00fcr ein Ruf, was ist das f\u00fcr ein Schrei, mit dem das Lied einsetzt, dessen erste Strophen wir gerade gesungen haben! Ein Schrei [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15207,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[612,1,157,114,225,349,1108,109,1116],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-15211","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-advent","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-johannes-laehnemann","category-kasus","category-liedpredigten","category-predigten","category-predigtformen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15211","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15211"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15211\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15221,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15211\/revisions\/15221"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15207"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15211"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15211"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15211"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=15211"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=15211"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=15211"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=15211"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}