{"id":15285,"date":"2022-12-18T00:05:53","date_gmt":"2022-12-17T23:05:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=15285"},"modified":"2022-12-18T21:31:36","modified_gmt":"2022-12-18T20:31:36","slug":"philipper-44-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-44-7\/","title":{"rendered":"Philipper 4,4-7"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Frieden und Freude in Krieg und Leid | 4. Advent | 18.12.2022 | Phil. 4,4\u20137 | Dietz Lange |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eFreut euch im Herrn allezeit\u201c hei\u00dft es in dem biblischen Text. Das passt hervorragend zum heutigen Sonntag. Advent ist eine Zeit der Freude \u2013 genauer: eine Zeit der Vorfreude auf Weihnachten. In den n\u00e4chsten Tagen gutgelaunt die letzten Geschenke kaufen, vielleicht auch noch einmal mit Freunden \u00fcber den Weihnachtsmarkt bummeln. Dann kommt der Gottesdienst am Heiligen Abend und eine stimmungsvolle Feier im vertrauten Kreis. So kennen die Meisten von uns das seit der Kindheit: Weihnachtsfreude als H\u00f6hepunkt des christlichen Festkreises im Kirchenjahr. Christentum erscheint da nicht als etwas Miesepeteriges, sondern als etwas Fr\u00f6hliches und Lebensbejahendes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist durchaus richtig, dass Freude die Grundstimmung des christlichen Glaubens ist. Die Predigt hat nicht die Aufgabe des Spa\u00dfverderbers. Aber Sie haben sich vielleicht schon selbst gefragt: Waren diese ersten S\u00e4tze nicht doch reichlich oberfl\u00e4chlich, vielleicht sogar Ausdruck einer weichgesp\u00fclten Wohlf\u00fchl-Religion? Weihnachten kann ja leicht zu einem Fest des Verdr\u00e4ngens bei Kerzenschein und G\u00e4nsebraten werden. Wenn das so ist, dann h\u00e4tte uns sp\u00e4testens am 27. Dezember der Alltag wieder mit den t\u00e4glichen schlechten Nachrichten \u00fcber den Krieg in der Ukraine, die steigende Inflation, die uns finanziell ins Schleudern bringt, die Bef\u00fcrchtung, im Laufe des Winters in der Wohnung frieren zu m\u00fcssen. Unser Glaube w\u00e4re dann bestenfalls ein Bet\u00e4ubungsmittel. Christentum als Flucht vor der harten Wirklichkeit des Lebens?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um zu verstehen, was Paulus mit dem Trompetensto\u00df \u201eFreut euch in dem Herrn allezeit\u201c gemeint hat, m\u00fcssen wir uns zun\u00e4chst die Situation vor Augen zu f\u00fchren, in der er diese S\u00e4tze geschrieben hat. Er sa\u00df nicht in einem vom Adventskranz mild erleuchteten Wohnzimmer, sondern als H\u00e4ftling in einer kargen Gef\u00e4ngniszelle. Die befand sich wahrscheinlich in Ephesus. Die Gemeinde in Philippi, an die der Brief gerichtet ist, lag zwar nicht in umittelbarer Nachbarschaft, war aber in ein paar Tagereisen erreichbar. Sie k\u00fcmmerte sich sehr um Paulus; mehrere ihrer Mitglieder haben ihn im Gef\u00e4ngnis besucht. Andererseits war aber v\u00f6llig unklar, wie sein Gerichtsurteil ausfallen w\u00fcrde. Andeutungen in dem Brief zeigen, dass er sogar mit der M\u00f6glichkeit der Todesstrafe rechnen musste. Er hoffte zwar, bald herauszukommen und nach Philippi reisen zu k\u00f6nnen. Aber einstweilen befand er sich in qu\u00e4lender Ungewissheit und Wehrlosigkeit. Das bot ihm Anlass zu intensivem Nachdenken \u00fcber sein ganzes bisheriges Leben und \u00fcber die m\u00f6gliche Zukunft. Das bezeugt der Brief. Auch die Gemeinde war nicht frei von Problemen. Ein etwas sp\u00e4terer Brief von Paulus, der in den urspr\u00fcnglichen Philipperbrief eingeschoben wurde und jetzt dessen drittes Kapitel ausmacht, warnt in scharfem Ton vor Irrlehrern. Das waren Leute, die meinten, sie k\u00f6nnten Gottes G\u00fcte als Freibrief nutzen f\u00fcr ein Leben herrlich und in Freuden und frei von jeglicher Verantwortung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Freude, die Paulus uns ans Herz legt, hat nat\u00fcrlich mit solchem Leichtsinn nichts zu tun. Aber sie ist sehr wohl gekennzeichnet durch eine bemerkenswerte Freiheit von Angst vor einem m\u00f6glicherweise kurz bevorstehenden Tod. \u201eIch h\u00e4tte Lust, aus diesem Leben zu scheiden und bei Christus zu sein,\u201c hei\u00dft es an einer Stelle. Solche Sehnsucht nach endg\u00fcltiger Unbeschwertheit bei Gott ist kein Lebens\u00fcberdruss. Sie ist ebenso wenig Ausdruck einer Flucht vor der Verantwortung. Denn Paulus macht sich sofort selbst den Einwand: \u201eAber ihr braucht mich ja noch.\u201c Gerade auf die dabei noch bevorstehenden Aufgaben soll sich ja die Freude an Gott auswirken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Offenbar sind das zwei verschiedene Ebenen: die Freude an Gott und das Leiden an dem Ungl\u00fcck und der Bosheit in der Welt. Aber beides ist nicht voneinander zu trennen! Es kann also nicht sein, dass wir heute Morgen hier in der Kirche uns der Freude an Gott hingeben und dabei die Menschen anderswo in der Welt ausblenden, die schrecklich leiden m\u00fcssen und allem Anschein nach \u00fcberhaupt keinen Anlass zur Freude haben. Dann w\u00fcrde unsere Freude sich an der Gleichg\u00fcltigkeit f\u00fcr das Geschick anderer Menschen n\u00e4hren. Ja, sie w\u00e4re geradezu zynisch. Die Themaformulierung f\u00fcr diese Predigt \u201eFrieden und Freude in Krieg und Leid\u201c ist so gemeint, dass uns Frieden und Freude <em>mitten im<\/em> Leid zuteil wird, in fremdem ebenso wie eigenem Leid. So hat es auch Paulus gedacht. Er verf\u00fcgte nicht \u00fcber eine seelische Teflonschicht. Unter der Unfreiheit im Gef\u00e4ngnis und den unsicheren Zukunftsaussichten hat er nat\u00fcrlich gelitten, auch wenn er in seinem Brief nicht davon redet. Aber wie ist das zu verstehen: wir sollen uns \u00fcberschw\u00e4nglich an Gott freuen mitten im Leiden, und dann auch Frieden haben mitten unter der Drohung von Krieg?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man kann sich das so zurechtlegen: Die Kraft des Glaubens liegt im Trotz. So k\u00f6nnte man schon den alten Psalmdichter verstehen, der aus seinem Ungl\u00fcck heraus zu Gott ruft: \u201eDennoch bleibe ich stets an dir\u201c. So hat man das vielfach in der wilhelminischen Zeit aufgefasst, wenn man Paulus einen Glaubenshelden genannt hat. Nun war Paulus sicherlich ein mutiger Mann. Aber gegen jegliche Heldenverehrung h\u00e4tte er leidenschaftlich protestiert. Nicht aus Bescheidenheit \u2013 so bescheiden war er gar nicht. Nein: um Christi willen zu leiden, das ist f\u00fcr ihn der Weg, dem gekreuzigten Christus nachzufolgen. Als jemand, der diesen Weg geht, ist er kein religi\u00f6ser Kraftprotz, sondern einer, der sich vertrauensvoll von der Liebe Gottes f\u00fchren l\u00e4sst \u2013 auch wenn es so aussieht, als ob dieser Gott vor dem drohenden Unheil kapituliert h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nun haben wir heutigen Christen allerdings in unserem Land nicht zu bef\u00fcrchten, wegen unseres Glaubens verhaftet und mit dem Tode bedroht zu werden. Insofern k\u00f6nnen wir uns mit Paulus und seiner Generation nicht vergleichen. Wenn wir dagegen anf\u00fchren, immerhin w\u00fcrden uns doch manche von unseren Bekannten mitleidig daf\u00fcr bel\u00e4cheln, dass wir uns noch zur Kirche halten, dann ist das ein ziemlich schiefer Vergleich, der grobes Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr das ausdr\u00fcckt, was die alten Christen durchzumachen hatten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Andererseits ist aber auch unser Leben nicht von Leiden frei, auch wenn die Gr\u00fcnde daf\u00fcr andere sind als f\u00fcr Paulus damals im Gef\u00e4ngnis von Ephesus. Sogar das Leiden der Menschen in der Ukraine betrifft uns zumindest indirekt, dann n\u00e4mlich, wenn wir nicht einfach dar\u00fcber hinweggehen, sondern es uns zu Herzen gehen lassen und \u2013 hoffentlich \u2013 praktische Konsequenzen daraus ziehen. Aber auch unmittelbar sind wir immer wieder einmal selbst betroffen, sei es durch Krankheit, durch schmerzliche Trennungen und Verluste oder durch das Scheitern eines Lebensplanes. Dann f\u00e4llt es uns schwer, an Gottes Liebe zu glauben. Sie ist dann auch f\u00fcr unsere Augen verborgen. Insofern ist die Situation des Paulus dann doch nicht so fern, wie es zun\u00e4chst aussieht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was kann da helfen? Lebensmut kann man dann sicher gut gebrauchen, ohne ihn wird es nicht gehen. Aber wo kommt der her? Heroen sind die Meisten von uns vermutlich nicht. Heldentum tr\u00e4gt im \u00dcbrigen nicht selten Z\u00fcge der Verzweiflung am Leben und gerade nicht der Freude, die Paulus uns ans Herz legt. Wie also soll das gehen, im Leiden, wenn Gott so weit weg zu sein scheint, dennoch Freude an ihm zu haben, die uns das Ertragen erm\u00f6glicht?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kehren wir noch ein letztes Mal zu den Worten des Paulus zur\u00fcck. Er sagt uns: \u201eSorgt euch um nichts, sondern bringt in aller Anbetung mit Dank eure Bitten vor Gott\u201c. Offenbar ist das Gebet hier der Schl\u00fcssel. Freilich funktioniert der nicht wie ein Wohnungsschl\u00fcssel, den man nur im Schloss herumzudrehen braucht, und schwups, springt die T\u00fcr auf. Oft genug passiert ja rein \u00e4u\u00dferlich gar nichts von dem, was wir von Gott erbitten. Beten hei\u00dft vielmehr: sich vertrauensvoll der Liebe Gottes ausliefern und alle Sorgen ihm anheimstellen. Nicht umsonst f\u00fcgt Paulus hinzu, das solle \u201emit Dank\u201c geschehen. Das unterscheidet unser Beten von einer Forderung. Unser Dank gilt all dem Guten, das Gott uns bereits gew\u00e4hrt hat \u2013 aber auch den schweren Zeiten, die uns innerlich vorangebracht haben. Darin liegt eine F\u00fclle von Zeichen daf\u00fcr, dass er es gut mit uns meint.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer sich so der Liebe Gottes anvertraut und nicht mit ihm hadert, wird sich von dieser Liebe auch im t\u00e4glichen Leben antreiben und leiten lassen. Der Friede Gottes soll unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren, hei\u00dft es in dem ber\u00fchmten Segenswort am Ende des Textes. Das hei\u00dft: Er hat seinen Ort zwar in unserem Inneren, dr\u00e4ngt aber sogleich dar\u00fcber hinaus auf Frieden mit anderen Menschen. Das gilt durchaus auch f\u00fcr den politischen Frieden. Zwar k\u00f6nnen wir als Einzelne nichts f\u00fcr ein Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine tun. Aber jedenfalls k\u00f6nnen wir Fl\u00fcchtlingen von dort in ihrer Not praktische Hilfe leisten. Frieden mit Gott schafft Lichtblicke und Freude f\u00fcr Menschen in jeder Form von realem Leid, sei es durch einf\u00fchlsame Begleitung eines Trauernden oder durch ein Weihnachtsgeschenk f\u00fcr ein krebskrankes Kind.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Gebet um den Frieden Gottes in unserem Herzen ist also nicht zu trennen von der Arbeit und dem Streit f\u00fcr den Frieden in der Welt. Luther hat das einmal so auf den Punkt gebracht: \u201eBete so, als ob alles Arbeiten nichts n\u00fctzt, und arbeite so, als ob alles Beten nichts n\u00fctzt.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Dietz Lange<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:dietzclange@online.de\">dietzclange@online.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dietz Lange, geb. 1933, Prof. f\u00fcr Systematische Theologie in G\u00f6ttingen 1977\u20131998, Prediger an St. Marien, G\u00f6ttingen, seit 1988<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frieden und Freude in Krieg und Leid | 4. Advent | 18.12.2022 | Phil. 4,4\u20137 | Dietz Lange | Liebe Gemeinde! \u201eFreut euch im Herrn allezeit\u201c hei\u00dft es in dem biblischen Text. Das passt hervorragend zum heutigen Sonntag. Advent ist eine Zeit der Freude \u2013 genauer: eine Zeit der Vorfreude auf Weihnachten. 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